«Na also!«rief Jörg.»Nur ein bißchen guten Willen. «Vulkanos brauche sich überhaupt nicht zu sorgen, Sorgen gehörten nicht zu seinen Aufgaben. Jörg machte eine Pause, trat einen Schritt zurück, faßte mich am Arm und präsentierte in mir einen Artisten, der das Maschineschreiben blind und mit zehn Fingern beherrsche:»Enrico Türmer!«
Ich setzte mich an die Maschine, spannte drei Bögen des Rates des Kreises ein und tippte Ort und Datum. Nicht nur das a und das o, alle Buchstaben waren bis zur Unkenntlichkeit verdreckt. Außerdem fehlte der linken Hochstelltaste der Kopf. Nur frisches Blaupapier gab es reichlich.
Nach einigen Zügen aus seiner Zigarre maulte Vulkanos bereits wieder, seine Mittagspause habe längst begonnen. Georg warf mir sein Taschenmesser zu, damit ich die Lettern notdürftig säubern konnte.
«Und?«fragte Vulkanos zehn Minuten später. Als begutachte er die Qualität eines Kunstdruckes, sah er auf das Blatt und legte es vor sich ab.»Und? Was soll ich jetzt damit?«
«Nummer, Stempel, Rechnung!«erwiderte Jörg.
«Wie Sie wollen, wie Sie wollen«, sagte er,»aber es wird Ihnen nichts nützen. «Jörg erbat Stempel und Unterschrift auch für die Durchschläge und ließ einen davon auf der Schreibunterlage zurück.
Grußlos verließen wir Vulkanos. Auf der Straße klopften wir uns gegenseitig die Vulkanasche von den Kleidern. Jörg fuhr gleich nach Leipzig.
Bei meinen Landtouren verteile ich Zettel mit roter Schrift. Die Ankündigung der Zeitung samt Abo-Formular sieht aus wie eine Tollwutwarnung.
Ich soll auch von Michaela grüßen.
Enrico
Verotschka!
Ich denke unaufhörlich an Dich und zähle die Tage, die Du noch in Berlin bist, als lebten wir zusammen und müßten uns bald trennen.
Die Telephonnummer der Zeitung ist 6999. Vielleicht kannst Du von Beirut aus anrufen? Vormittags bin ich fast immer allein, aber das wird sich bald ändern. Hat Dein Adliger wieder von sich hören lassen?
Manchmal fürchte ich mich vor mir, nein, nicht vor mir, vor dem Gang der Dinge! Alles geschieht so zwangsläufig und folgerichtig, und plötzlich erblicke ich mich mittendrin wie in einem Traum. Ich habe Angst, eines Morgens aufzuwachen und nicht zu wissen, was ich als nächstes, was ich überhaupt tun soll.
Gestern und heute habe ich an Johann geschrieben und ihm ein paar Geschichten erzählt. Geschichten beeindrucken ihn immer. Er wird mich noch um meine Stellung beneiden.
Mamus will uns unbedingt eine Busreise nach Paris schenken. Ich hoffe, ihr das noch ausreden zu können. Sie behauptet, es sei wegen der Wette, ich hätte die Wette gewonnen und sie wolle ihr Wort halten. 20Michaela und Robert sind begeistert. Wahrscheinlich wird uns Michaelas Spielplan davor bewahren, das hoffe ich zumindest.
Michaela wirft mir neuerdings Kälte vor. Meine Anwesenheit und meine Abwesenheit bringen sie gleichermaßen aus der Fassung. Ich versuche sogar, abrupte Bewegungen und Gesten in ihrer Gegenwart zu vermeiden, um sie nicht noch mehr zu reizen.
In den letzten Tagen hat sich zwischen uns ein morgendliches Ritual herausgebildet, das in der ersten Stunde trügerisch dem früheren Alltag gleicht. (Wir essen nur keine Eier mehr, das soll ungesund sein, sagt sie.) Wenn Michaela das Badezimmer verläßt, schenke ich den Kaffee ein, damit sie ihn dann gleich trinken kann. Jede Minute, die ruhig verstreicht, ist ein Geschenk. Auf dem Weg zum Auto sprechen wir meist über Robert und seine Schule, ein unerschöpfliches Thema. Solange wir reden, droht keine Gefahr.
Sobald wir losgefahren sind, verliert sich der ruhige Tonfall. Auf Höhe des Bahnhofs verstummen wir, das heißt, Michaela verfällt in Schweigen, und auch ich bringe kein Wort mehr über die Lippen. Wenn wir am Museum vorbeifahren, wird unser Schweigen eisig. Spätestens auf dem Parkplatz des Theaters erfolgt Michaelas Ausbruch. Am unheimlichsten ist die Vorhersehbarkeit, mit der sich das Ganze wiederholt, als würde Michaela jeden Morgen zum ersten Mal klar, daß ich nicht mit ihr zusammen aussteigen werde, daß sie allein ins Theater muß, und sie scheint um so mehr davon überrascht, weil doch bis dahin alles so gewesen ist wie früher.
Ich stelle den Motor ab, damit sie sich nicht gedrängt fühlt, und lasse mich erneut darüber belehren, daß es auch im Westen Theater gebe, daß es immer Theater gegeben habe und geben werde und im Theater der Mensch und die Gesellschaft zu sich selbst kämen. Nachdem sie ihre Worte gegen die Frontscheibe geschleudert hat, versinkt sie in Schweigen. Dabei wirkt sie hochkonzentriert, wie vor einem Auftritt. Das schlimmste wäre, sie jetzt an die Uhrzeit zu erinnern. Ich sitze neben ihr, als wartete ich auf das Ende des Regens, und achte darauf, das Lenkrad nicht zu berühren und überhaupt jede Geste zu vermeiden, die mir als Ungeduld ausgelegt werden könnte.
Plötzlich stößt sie dann die Tür auf und rennt los, ohne Abschied, den Kopf hochgeworfen, die Handtasche vor der Brust, ihr Mantel flattert ihr nach.
Über das Lenkrad gebeugt, verfolge ich ihren Lauf, bereit zu winken, falls sie sich umdrehen sollte. Ist Michaela verschwunden, lasse ich den Motor an und sehe mich im Rückspiegel lächeln.
Drei Minuten später bin ich schon in der Redaktion, lege Kohlen nach, setze Wasser auf und warte mit dem Rücken am Ofen, bis der Kaffee fertig ist. Georg kommt bald darauf herunter, klopft ans Barometer, zieht die Standuhr auf und inspiziert die Thermometer vor dem Fenster und neben der Garderobe. Kapitän Nemo könnte nicht aufmerksamer über seine Apparaturen wachen.
Nachmittags fahre ich meist übers Land und besuche die Amtsstuben. Zuerst erschrecken sie, wenn sie Zeitung hören. Die Sekretärinnen begreifen in aller Regel schneller als ihre Chefs, daß ihnen von mir keine Gefahr droht, und sind äußerst freundlich. Robert kommt manchmal mit. Während der Fahrt reden wir über alles mögliche. Er hat klare Vorstellungen von meinen Aufgaben. Die Zeitung deckt alles auf und sorgt überall für Gerechtigkeit. Die Stunden mit ihm genieße ich sehr.
Am Freitag, dem 16. Februar soll die erste Ausgabe erscheinen. Das klingt wie ein Märchen. Man denkt sich was aus, man macht es und lebt davon. Als kehrten wir zu einem vergessenen Brauch zurück, zu einer Lebensweise, wie sie eigentlich allen Menschen vertraut ist, nur uns nicht.
Am Dienstag werden wir für drei Tage nach Offenburg reisen, unabhängig von der offiziellen Altenburger Delegation. Ein Gönner 21spendiert uns die Übernachtungen. Hoffentlich hält unser Jimmy 22durch.
Verotschka, Liebste! Ich umarme Dich!
Dein Heinrich
Verotschka,
stell Dir vor, wir würden das Geld umtauschen! Vielleicht hundertvierzig-, hundertsechzigtausend? Ein Irrwitz! Aber das schönste waren trotzdem die Telephonzellen. 23Ist es denn zuviel verlangt, Dich einmal am Tag hören zu dürfen?
Manchmal dachte ich, es gibt ihn noch, den Westen. Immer wieder diese Träumereien und alten Reflexe. Leute wie Gläsle — der Mann im Rathaus, der nicht verstand, warum die Altenburger haufenweise diese Skatspiele schicken 24— müssen uns für Barbaren gehalten haben.
Georg, der mit Gläsle telephoniert hatte, war der Meinung, wir seien eingeladen, uns aus ihrem Fundus an Büroutensilien nach Herzenslust zu bedienen. Gläsle führte uns unweit des Rathauses auf einen Dachboden, der als Lager diente. Wir fielen sofort über die Herrlichkeiten her. Kaum aber hatten wir die Taschen voller Filzstifte, Tesafilm, Radiergummis und bunter Büroklammern, leerten wir sie wieder, um statt dessen Ablagefächer und durchsichtige Folien, Ordner und Prittstifte einzustecken. Sogar auf eine weiße Magnettafel erhoben wir Anspruch. Wir plünderten wie im Rausch. Ein paar Minuten später verstand ich mich selbst nicht mehr. Wie hatten wir das tun können, ohne ein einziges Mal nachzufragen!? Wir mußten wieder alles auspacken, es wurde gezählt und aufgelistet und gerechnet, mehr und mehr Sachen legten wir zurück. Gläsle war noch bleicher als wir. Gott sei Dank hatte Georg das Kuvert mit dem Geld parat. Das Ganze stellte sich als Gläsles Versuch heraus, uns etwas Gutes zu tun, indem er das Bürozeugs mit dem Rabatt der Stadtverwaltung an uns weitergab. Damit verstieß er gegen die Vorschriften. Er ermahnte uns, keinesfalls darüber zu reden. Gläsle zauberte dann doch noch, indem er die Abdeckung von einer riesigen elektrischen Schreibmaschine zog. Das sei das» grüne Ungeheuer«, sagte er, ob wir die nicht haben wollten, einen Sack voll Farbbänder gebe es dazu. Die, ja, die könne er uns schenken! Gläsle war regelrecht erlöst und überlegte laut, was er uns außerdem mitgeben könnte, aber schon die Maschine war ein Problem. Schließlich kam sie zwischen Georg und Jörg auf den Rücksitz, breit und grün wie eine riesige Kröte.
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