Die Fußnoten sollen die Lektüre erleichtern. Was dem einen oder der anderen überflüssig erscheinen mag, werden gerade jüngere Leser dankbar zur Kenntnis nehmen. Ich habe mich eines Kommentars enthalten, wenn sich der Sachverhalt aus späteren Passagen erschließen lässt.
Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgehen, dass der Briefschreiber Türmer ein und denselben Vorgang je nach Adressat in höchst unterschiedlichen Versionen schildert. Dies zu bewerten ist nicht Sache des Herausgebers.
Mein Erstaunen über Türmers geradezu manischen Bekenntnisfuror beantwortete Vera Barakat-Türmer mit der Bemerkung:»Ich habe mich bei Enrico immer gewundert, warum er so ein großes Bedürfnis hatte, sich jemandem anzuschließen und mitzuteilen. Es gab in jeder Phase seines Lebens einen Menschen, den er rückhaltlos bewunderte und dem er sich beinah hündisch ergeben zeigte.«
Ingo Schulze
Berlin, im Juli 2005
Die meisten Briefe wurden mit der Hand geschrieben, ein kleinerer Teil auf der Schreibmaschine, die letzten mit Computer.
Mit wenigen Ausnahmen behielt T. immer einen Durchschlag bzw. Computerausdruck. Sofern Original und Kopie vorlagen, wurden nur wesentliche Veränderungen vermerkt, wie beispielsweise Streichungen. Die von T. hervorgehobenen Wörter sind hier kursiv gesetzt.
Etwas unübersichtlicher verhält es sich mit dem kleinen Corpus von 13 Briefen an Vera Türmer. Von den Briefen nach Beirut haben sich lediglich drei erhalten, und zwar als Kopien. Die beiden Faxbriefe liegen nicht als empfangene Schreiben vor. Der letzte Brief wurde nicht mehr abgeschickt.
Fehler in Rechtschreibung und Grammatik wurden stillschweigend korrigiert, wobei auf die Eigenheiten Türmers sowie regionale Besonderheiten Rücksicht genommen wurde.
I. S.
[An Vera] 1
… so?«Statt wie sonst hinter uns herzutrotten und für jeden Schritt eine Belohnung zu fordern, sprang Robert wie ein junger Hund davon. Wir mußten durch eine Senke, der Schnee schimmerte bläulich und reichte uns bis zu den Waden. Plötzlich schrie Robert auf und rannte den gegenüberliegenden Hang hinauf. Der Modder unterm Schnee war nicht gefroren. Auch Michaela und ich rannten. Als wir stehenblieben, hatten wir nur das weiße Feld vor und den graurosa Himmel über uns. Wir stiegen höher, überquerten einen Feldweg und gingen direkt auf den Wald zu. Der Wind fegte den Schnee von der Wintersaat. Ich gab mir Mühe, nicht hinter den beiden zurückzubleiben. Sie kehrten aber nicht wie verabredet am Rand des Waldes um, sondern liefen hinein. Und so folgte auch ich dem Wegweiser» Zum Silbersee«.
Der Teich war zugefroren. Bevor ich etwas sagen konnte, schlitterte Robert bereits übers Eis und Michaela hinterher. Robert, der stolz ist, im Stimmbruch zu sein, krähte etwas, das ich nicht verstand. Michaela rief, ich sei ein Angsthase. Aber ich wollte nichts riskieren und blieb am Ufer. Der Schnee bedeckte den herumliegenden Müll, aus dem ein Spielzeugpferd ragte. Ich bückte mich schon, da hörte ich meinen Namen, wandte mich um — etwas traf mich ins Auge. Es brannte höllisch.
Ich sah nichts mehr. Michaela glaubte, ich spiele Theater. Es sei doch Schnee gewesen, rief sie, nur Schnee, ein Schneeball!
Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu mir zu kommen. Als mich Robert an der Hand nahm, als er mich führte, war ich glücklich. Erst in diesem Moment schien ich zu begreifen, daß ich nicht mehr nur von diesem Deinem Brief träumte, sondern daß ich ihn tatsächlich erhalten hatte und in der Brusttasche trug. Ja es war, als hätte ich erst jetzt wieder angefangen zu atmen.
Michaela, die hinter uns herstiefelte, fand, ich solle mich nicht so haben. Sie meinte wohl, ich würde weinen. Sie hält mich für einen Hypochonder, für einen Simulanten gar, und fürchtete, ich suchte nur einen neuen Vorwand, um mich weiter krank schreiben zu lassen.
Mitten auf dem Feld geriet sie in Panik, weil vom Dorf her ein Köter auf uns zuraste. Er kläffte und machte wilde Sprünge, ließ sich aber schnell von mir beruhigen. Ich wurde ihn dann gar nicht mehr los. Das verwahrloste Tier begleitete uns bis zu der Straße, die den Hügel hinab zur Stadt führt. Robert winkte, und prompt hielt ein Wagen. Die Frau, die kerzengerade hinterm Lenkrad saß, nickte mir im Rückspiegel zu. Als schlüge mein Herz im Kopf, pochte der Schmerz im Auge. Aber dieser Schmerz, so kam es mir vor, war etwas Äußerliches, nichts, was mir wirklich etwas anhaben konnte, nichts, was mich beunruhigen mußte, ganz egal, was mit dem Auge werden würde, denn ich habe ja Dich!
Am Eingang der Poliklinik lief ich Dr. Weiß, meinem Krankschreibearzt, in die Arme.»So schnell verliert man kein Auge«, sagte er und faßte mich an der Schulter. Freitags würde ich hier um diese Zeit niemanden mehr finden, ich solle also stillhalten, Arzt sei Arzt.»Zeigen Sie her«, befahl er und drehte mich ins Licht. Die Leute schoben sich an uns vorbei hinein und hinaus, ich blinzelte in die Neonröhre.»Nur ein Äderchen«, murmelte er,»nur ein geplatztes Äderchen. Sonst ist da nichts!«Weiß ließ mich auf der Schwelle stehen, als bedauere er, sich überhaupt um mich gekümmert zu haben. Ich solle jetzt nicht zimperlich werden, rief er noch und verschaffte Michaela ihren Triumph. Mittlerweile tut es nicht mal mehr weh.
Der Schnee ist schon wieder getaut. Das Gras unter den Wäschestangen sieht aus wie Matsch mit Spinat. Ich muß Michaela zur Vorstellung fahren. Wie leicht alles wird, wenn ich an Dich denken kann.
In Liebe
Dein Heinrich 2
Liebste Verotschka!
Ich war jeden Tag draußen, nie weniger als eine Stunde. Zudem bin ich fürs Einkaufen und Kochen zuständig und habe Roberts Schulspeisung den Rang abgelaufen, was kein Kunststück ist. Robert darf sich jeden Abend wünschen, was es mittags geben soll. Heute habe ich mich in Eierkuchen versucht. Und siehe da, Michaela hat sogar aufgegessen, was wir übrigließen. Ihre Kochbücher sind zur Zeit meine einzige Lektüre.
Diese Woche habe ich gleich zweimal an Mamus 3schreiben müssen. Der zweite Brief war notwendig geworden, weil Michaela sie angerufen 4und gefragt hatte, ob sie denn schon von meiner Entscheidung 5gehört habe.
Wir geben uns hier nicht mit Kleinigkeiten ab, es geht um den Verrat an der Kunst, Verrat an ihr, also an Michaela, an unseren Freunden, überhaupt am Leben, worauf ich ihr immer entgegenhalte, nicht ich sei desertiert, sondern die Kunst. Das akzeptiert sie natürlich nicht. 6
Gestern nachmittag war ich nun zum ersten Mal in der» Redaktion«. Das Haus, das Georg, einem der beiden Zeitungsgründer gehört, liegt etwa dreihundert Meter hinter der Post in der Frauengasse. Man glaubt, am Ende der Welt zu sein. Hat man aber das Nadelöhr aus einstöckigen Ruinen und einer schiefen Mauer passiert, wird die Welt wieder freundlicher. Georgs Haus steht in einem Garten, ein Landhaus en miniature. Die Gartenpforte wird von einer maroden Holzkonstruktion, einem Rosengitter, überwölbt. Die Klingel erweckt Tote.
«Du kommst ja wirklich«, sagte er. Im Hausflur standen alle möglichen Gartengeräte und viele Fahrräder.
Links, der Treppe gegenüber, gelangt man durch einen fensterlosen Vorraum in eine kleine Stube mit breiten Dielen und Balkendecke, an die ich mit ausgestreckten Armen heranreiche. Tisch und Stühle nehmen fast den ganzen Raum ein. Es roch nach Möbelpolitur und Kaffee. Im Sitzen bin ich größer als Georg, dessen Oberkörper kurz und krumm auf seinen endlosen Beinen hockt. Solange er über die Pläne für die Zeitung sprach, sah er auf seine gefalteten Hände. Machte er eine Pause, verschwand sein Mund inmitten des Bartes. Dann blickte er mich von unten her an, als wolle er die Wirkung seiner Worte prüfen. Ich war unsicher, wie ich ihn anreden sollte — wir hatten uns bei unserer ersten Begegnung gesiezt.
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