Und wie, sagte Gauß. Ein Mathematiker, der eine Dif-ferentialgleichung erst erkenne, wenn sie ihn in den Fuß beiße. Daß ein Studium allein nichts zähle, wisse jeder: Jahrzehntelang habe er in die blöden Gesichter junger Leute starren müssen. Von seinem eigenen Sohn habe er Besseres erwartet. Warum ausgerechnet Mathematik?
Er habe es ja nicht gewollt, sagte Eugen. Er sei ge-zwungen worden!
Ach, und von wem?
Der Wechsel von Wetter und Jahreszeiten, sagte Humboldt, mache die eigentliche Schönheit dieser Breiten aus. Der Vielfältigkeit der tropischen Flora stehe in Europa das jährliche Schauspiel einer wiedererwachenden Schöpfung gegenüber.
Von wem wohl, rief Eugen. Wer habe denn einen Ge-hilfen für die Vermessung gebraucht?
Ein grandioser Gehilfe. Meilen um Meilen habe er zweimal messen müssen wegen all der Fehler.
Fehler in der fünften Nachkommastelle! Die hätten keinerlei Auswirkungen, die seien völlig gleichgültig.
Einen Moment, sagte Humboldt. Meßfehler seien nie gleichgültig.
Und der zerbrochene Heliotrop, fragte Gauß. Der sei dann auch egal?
Messen sei eine hohe Kunst, sagte Humboldt. Eine Verantwortung, die man nicht leichtnehmen dürfe.
Eigentlich sogar zwei Heliotropen, sagte Gauß. Den anderen habe zwar er fallen gelassen, aber nur weil ein Tölpel ihn auf den falschen Waldweg geführt habe.
Eugen sprang auf, griff nach seinem Knotenstock und der roten Mütze und lief hinaus. Die Wohnungstür knallte hinter ihm ins Schloß.
Das habe man davon, sagte Gauß. Dankbarkeit sei zu einem Fremdwort geworden.
Natürlich sei es nicht einfach mit jungen Menschen, sagte Humboldt. Aber man dürfe auch nicht zu streng sein, manchmal helfe etwas Ermutigung mehr als jeder Vorwurf.
Wo nichts sei, könne nichts werden. Und was den Magnetismus betreffe, so sei die Frage falsch gestellt: Es gehe nicht darum, wie viele Magneten es im Erdinneren gebe.
So oder so erhalte man zwei Pole und ein Feld, das man durch die Stärke der Magnetkraft und den Inklinations-winkel der Nadel beschreiben könne.
Er habe immer eine Inklinationsnadel mitgeführt, sagte Humboldt. So habe er mehr als zehntausend Ergebnisse gesammelt.
Herr im Himmel, sagte Gauß. Schleppen reiche nicht, man müsse auch denken. Die horizontale Komponente der Magnetkraft lasse sich als Funktion der geographi-schen Breite und Länge darstellen. Die vertikale Komponente entwickle man am besten in einer Potenzreihe nach dem reziproken Erdradius. Einfache Kugelfunktionen. Er lachte leise.
Kugelfunktionen. Humboldt lächelte. Er hatte kein Wort verstanden.
Er sei aus der Übung, sagte Gauß. Mit zwanzig habe er keinen Tag für solche Kindereien gebraucht, heute müsse er sich eine Woche ausbitten. Er tippte sich an die Stirn.
Das hier spiele nicht mehr mit wie früher. Er wünschte, er hätte damals Curare getrunken. Das Menschenhirn sterbe jeden Tag ein wenig ab.
Man könne soviel Curare trinken, wie man wolle, sagte Humboldt. Man müsse es in den Blutstrom träufeln, damit es töte.
Gauß starrte ihn an. Sicher?
Natürlich sei er sicher, sagte Humboldt indigniert. Er habe das Zeug praktisch entdeckt.
Gauß schwieg einen Moment. Was, fragte er dann, sei denn nun wirklich mit diesem Bonpland passiert?
Es werde Zeit! Humboldt stand auf. Die Versammlung warte nicht. Nach seiner Eröffnungsansprache gebe es einen kleinen Empfang für den Ehrengast. Hausarrest!
Wie bitte?
Bonpland stehe in Paraguay unter Hausarrest. Nach der Rückkehr habe er sich in Paris nicht mehr zurechtge-funden. Ruhm, Alkohol, Frauen. Sein Leben habe Klarheit und Richtung verloren, die einzige Sache, die einem nie passieren dürfe. Eine Zeitlang sei er Vorstand der kai-serlichen Ziergärten gewesen und ein wunderbarer Or-chideenzüchter. Nach Napoleons Sturz sei er wieder über den Ozean. Drüben habe er einen Gutshof und Familie, aber in einem der Bürgerkriege habe er sich den falschen Leuten angeschlossen, oder eben den richtigen, auf jeden Fall den Verlierern. Ein verrückter Diktator namens Francia, ein Doktor auch noch, habe ihn auf seinem Hof festgesetzt und halte ihn unter ständiger Todesdrohung.
Nicht einmal Simon Bolivar habe etwas für Bonpland ausrichten können.
Schrecklich, sagte Gauß. Aber wer sei der Kerl eigentlich? Er habe nie von ihm gehört.
Der
Vater
Eugen Gauß irrte durch Berlin. Ein Bettler hielt ihm seine offene Hand entgegen, ein Hund winselte an seinem Bein empor, ein Droschkenpferd hustete in sein Gesicht, ein Schutzmann herrschte ihn an, nicht herumzugam-meln. An einer Ecke kam er mit einem jungen Priester ins Gespräch, aus der Provinz wie er, ebenfalls sehr eingeschüchtert.
Mathematik, sagte der Priester, interessant!
Ach, sagte Eugen.
Er heiße Julian, sagte der Priester.
Sie wünschten einander Glück und nahmen Abschied.
Ein paar Schritte weiter sprach ihn eine Frau an. Die Knie wurden ihm weich vor Schreck, denn von solchen Dingen hatte er gehört. Eilig ging er weiter, drehte sich auch nicht um, als sie ihm nachlief, und erfuhr nie, daß sie ihm bloß hatte sagen wollen, daß er seine Mütze verloren hatte. In einem Wirtshaus trank er zwei Gläser Bier. Die Arme verschränkt, betrachtete er die nasse Tischplatte. Er war noch nie so traurig gewesen. Nicht seines Vaters wegen, denn der war fast immer so, auch nicht wegen seiner Einsamkeit. Es lag an der Stadt selbst.
Der Menge der Menschen, der Höhe der Häuser, dem schmutzigen Himmel. Er schrieb ein paar Gedichtzeilen.
Sie gefielen ihm nicht. Er starrte vor sich hin, bis zwei Studenten in Schlapphosen und mit modisch langem Haar sich zu ihm setzten.
Göttingen, fragte der eine Student. Ein berüchtigter Platz. Da gehe es hoch her!
Eugen nickte verschwörerisch, obwohl er davon nichts wußte.
Aber sie werde kommen, sagte der andere Student, die Freiheit, trotz allem.
Sie werde sicherlich kommen, sagte Eugen.
Ungesäumt und wie ein Dieb in der Nacht, sagte der erste.
Nun wußten sie, daß sie etwas gemeinsam hatten.
Eine Stunde später waren sie auf dem Weg. Wie es unter Studenten Sitte war, ging Eugen mit dem einen von ihnen eingehängt, der andere folgte in dreißig Schritten Abstand, damit kein Gendarm sie aufhielt. Eugen verstand nicht, daß man so lange unterwegs sein konnte: Immer neue Straßen, immer noch eine Kreuzung, und auch der Vorrat an umhergehenden Leuten schien uner-schöpflich. Wohin wollten die alle, und wie konnte man so leben?
Humboldts neue Universität, erzählte der Student neben Eugen, sei die beste der Welt, organisiert wie keine andere, mit den namhaftesten Lehrern des Landes. Der Staat fürchte sie wie die Hölle.
Humboldt habe eine Universität gegründet?
Der ältere, erklärte der Student. Der anständige. Nicht der Franzosenknecht, der den Krieg über in Paris gehockt habe. Sein Bruder habe ihn öffentlich zu den Waffen gerufen, aber er habe getan, als wäre das Vaterland nichts.
Während der Besatzung habe er am Eingang seines Berliner Schlosses ein Schild anbringen lassen, man solle nicht plündern, der Eigentümer sei Mitglied der Pariser Akademie. Widerlich!
Die Straße führte steil aufwärts, dann schräg hinab. Vor einer Haustür standen zwei junge Männer und fragten nach der Losung.
Frei im Kampf.
Das sei die vom letzten Mal.
Der zweite Student trat zu ihnen. Die beiden flüsterten miteinander. Germania?
Schon lange nicht mehr.
Deutsch und frei?
Ach je. Die Wächter tauschten einen Blick. Dann sollten sie eben so hinein.
Über eine Treppe gelangten sie in einen nach Schimmel riechenden Kellerraum. Kisten standen auf dem Boden, in den Ecken stapelten sich Weinfässer. Die zwei Studenten schlugen ihre Rockaufschläge um und entblößten schwarzrote Kokarden, durchwirkt mit Goldfä-
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