Ich erzählte ihr, wie ich die Briefe gefunden hatte, dass ich nichts von Paiges Briefen an die Kinder und Joe gewusst hatte, und auch nicht, dass sie zurückkommen wollte.
»Auf dem Weg hierher war ich sehr nervös«, sagte ich, »weil ich befürchtete, Sie würden mir auch die Tür vor der Nase zuschlagen.«
Bernie nickte. Sie drehte die Armbanduhr immer wieder um ihr schlankes Handgelenk. »Ehrlich gesagt, bin ich froh, dass Sie gekommen sind, um mit mir zu reden. Und ja, ich bin Paiges Tante und liebe sie wirklich sehr. Aber Sie und ich« – sie hob den Blick – »wir haben etwas Wichtiges gemeinsam.« Sie atmete tief durch und richtete sich auf dem Barhocker auf. »Ich habe mich um Paige gekümmert, seit sie ein Baby war. Ihre Mutter hatte ernste Probleme, aber darüber will ich nicht reden – das ist Paiges Privatsache. Aber ich habe sie zu mir genommen und für sie gesorgt, als wäre sie mein eigenes Kind. Und obwohl sie Tante zu mir sagt, fühle ich mich ganz und gar wie ihre Mutter, so wie Sie sich offensichtlich als Mutter von Annie und Zach fühlen. Sie ist meine Tochter, in meinen Gedanken und in meinem Herzen.
Deshalb verstehe ich Ihre Gefühle, Ella. Meine Schwester konnte nicht zurückkommen und mir Paige wieder wegnehmen. Aber wenn es anders gewesen wäre – ich hätte ihr das niemals verziehen. Aber das habe ich Paige nie erzählt.«
Sie wandte den Kopf ab, und ich folgte ihrem Blick zu dem Sonnenfleck, der wie ein Pflaster auf dem Riss in der Wand klebte. Sie fuhr fort, und unsere Blicke trafen sich wieder. »Paige ist die Mutter von Annie und Zach, und sie verdient es, ihre Mutter zu sein. Doch ich sehe mich in Ihnen, und ich verstehe Ihren Schmerz – und Ihre Liebe.« Sie fischte ihren Teebeutel mit einem Löffel aus der Tasse. »Ich werde versuchen, mit ihr zu reden. Ich werde ihr das sagen, was ich bis heute runtergeschluckt habe, wenn sie meinte: ›Ich bin ihre Mutter, niemand kann sie so lieben und für sie sorgen wie ich‹. Dann habe ich nämlich immer den Mund gehalten und nie meine Hände um ihr Gesicht gelegt und geantwortet: ›Aber Paige, habe nicht ich dich so geliebt, wie eine Mutter ihr Kind liebt?‹ Ich habe das nie zu ihr gesagt, weil meine Schwester ihr nie eine Mutter gewesen war. Im Gegenteil.«
»Was …« Ich nahm meine Teetasse, stellte sie wieder ab. »Was genau hat Paiges Mutter eigentlich getan?«
»Das, Ella Beene, müssen Sie Paige selbst fragen.«
Beim Weg aus der Küche kam ich am Kühlschrank vorbei, der voller Fotos von Paige in jedem Alter hing. Als Kind sah sie haargenau wie Annie aus. Und dann fiel mein Blick auf ein ausgeschnittenes Herz aus lila Papier mit der Aufschrift: Hapy Valenites Tak Mama, von Annie, 3 Jahre . Bernie sah, dass ich es betrachtete. »Das war das Einzige, was Paige mitgebracht hatte, als sie Joe und die Kinder verließ und hierher kam. Es sei ihr ›Purple Heart‹, der Orden, den ein verwundeter Soldat verliehen bekommt, hab ich zu ihr gesagt. Lange Zeit war das Herz ihr Talisman und half ihr zu leben. Als sie auszog, sagte sie, ich könnte es behalten – denn sie wüsste, dass Annie ihr eines Tages wieder eine Valentinskarte basteln würde.« Sie lächelte. »Paige weiß, wie schwer es mir fällt, mich von Dingen zu trennen.«
Ich bog auf die Schnellstraße und hätte zurück in meine Wohnung fahren sollen. Ich hätte nicht so ungeduldig sein sollen, nicht so wild entschlossen, bei Paige endlich etwas zu erreichen. Aber ich konnte nicht warten. Mein Gott! Tante Bernie! Warum hatte ich nicht schon viel früher daran gedacht, mir ihr zu reden. Oder wenigstens in dem Moment, als ich Paiges Briefe mit ihrem Absender darauf fand. Als wären dem ganzen Schlamassel, in dem ich steckte, auch gleich die simplen, leicht zu folgenden Anweisungen beigelegt gewesen, wie ich wieder herauskommen konnte.
Ich erreichte Paiges Straße. Wahrscheinlich hatten sie und ihre Tante schon telefoniert und legten gerade auf. Aber mit Bernies Unterstützung und den noch ungeöffneten Briefen an die Kinder würde sie mir vertrauen müssen. Sie musste einfach sehen, dass ich ein guter Mensch war und wir einen Weg finden sollten, um beide an Annies und Zachs Leben teilzuhaben. »Ich will euch beide«, hatten die Kinder gesagt. Und verdammt, wenn wir unbedingt in dieser furchtbaren Stadt wohnen mussten, dann auch gut. Es war sicher nicht das, was ich wollte, was Annie und Zach wollten, doch ich war bereit, alles zu tun, um sie öfter zu sehen und an ihrem Leben teilzuhaben.
Ich fuhr den Hügel zu Paiges Haus hinauf und parkte den Wagen. Die Sonne hatte sich wie ein großes weißes Bettlaken auf das Viertel gelegt, das bis auf die Reihe junger Birken – eine pro Vorgarten – baumlos war. Ich holte das Bündel Briefe aus dem Handschuhfach, steckte es in die Umhängetasche und ging zum Haus. Der Rasen war gerade gesprengt worden. Bubby lag achtlos in einer schmuddeligen Pfütze. Ich hob ihn auf, atmete tief durch und klopfte an die Tür, schob eine Hand in die Umhängetasche, nahm sie wieder raus und die Tasche in die Hand. Paige öffnete die Tür in einem weißen Frotteebademantel, unter dem ein rosa BH-Träger hervorsah. Ihre Haare waren nass, als wäre sie gerade aus der Dusche gekommen. Sie war gebräunt und sah gesund und stark aus. Ich verschränkte meine dünnen, sonnenverbrannten Arme vor dem Bauch. Sie trat vor die Tür und schloss sie hinter sich.
»Was machen Sie hier?«
»Ich möchte nur mit Ihnen reden.« Bleib ruhig. Das darfst du nicht vermasseln . »Haben Sie vielleicht gerade mit Ihrer Tante Bernie gesprochen?«
»Was? Wie meinen Sie das? Haben Sie mit ihr gesprochen? Das ist ja unglaublich!«
»Paige«, sagte ich. »Bitte. Ich möchte einfach nur reden.« Unsere Blicke trafen sich, ließen nicht voneinander ab. »Wissen Sie nicht mehr, wie das war, als Sie einfach nur mit Joe reden wollten?«
»Das hier ist anders.«
»Ja und nein.«
Sie blickte nach unten. »Es ist so schwer«, sagte sie.
»Ich weiß. Aber wir machen es schwerer als nötig.«
»Ich möchte, dass Sie uns in Ruhe lassen. Die Kinder werden lernen, mich zu lieben, aber nicht, wenn Sie ständig hier auftauchen.« Ihr Blick fiel auf Bubby. »Wo haben Sie den her?« Sie griff danach, doch ich hielt ihn fest. Sie zog ein ganz kleines bisschen.
»Sie können uns beide lieben.«
»Aber ich frage mich, Ella, ob Sie das auch sagen würden, wenn der Richter zu Ihren Gunsten entschieden hätte. Ich muss mich jetzt um die Kinder kümmern.« Sie zog fester, doch ich ließ nicht locker, und Bubby fing an zu reißen. Entsetzt ließ ich los, sie taumelte leicht zurück, peinlich berührt.
Beide standen wir schweigend da und starrten auf den Boden. Doch solange sie sich nicht umdrehte und zurück ins Haus ging, war es noch nicht vorbei. Ich wollte mein Gespräch mit Bernie erwähnen, aber konnte nicht riskieren, dass sie wieder wütend wurde. So musste ich ihr die Briefe geben.
»Ich habe etwas für Sie.«
Sie sah auf. »Was?«
»Die Karten und Briefe, die Sie Annie und Zach geschrieben hatten. Die sie nie gelesen haben.«
»Sie meinen, die sie nie lesen durften.«
»Er hätte das nicht tun dürfen.«
Ihre Schultern sackten leicht nach unten, sie verlagerte das Gewicht auf den anderen Fuß und sah mich an. »Ella, dass ich die Kinder verlassen habe, kann ich niemals ungeschehen machen. Die Zeit kann ich nie zurückholen.« In dem Moment wurde hinter ihr die Tür aufgerissen, und Annie stand mit rot verzerrtem Gesicht da und schrie etwas Unverständliches. Sie packte uns beide am Arm und zog uns noch immer schreiend ins Haus, und da begriffen wir. »Zach! Zach! Er hat sich im Pool weh getan!«
»Nein!« Paige rannte los, und ich hinterher. »Nein!« Sie rannte durchs Haus die offene Verandatür hinaus und sprang ins Wasser, auf dem Zach trieb. Das rote Dreirad lag umgekippt am Poolboden.
Читать дальше