»Zachosaurus, komm, es wird schon wieder«, sagte sie.
Paige kam mit weit ausgebreiteten Armen aus dem Haus. Ich wollte ihr Zach nicht übergeben. Was haltet ihr zwei davon, wenn wir einfach wieder ins Auto steigen und wegfahren und nie wiederkommen?
Sie versuchte nicht, ihn mir aus dem Arm zu nehmen. Sie streichelte seinen Rücken und ließ ihn weinen. »Ich weiß, ihr hattet es schön miteinander«, sagte sie schließlich, »und es dauert nicht mehr lange, dann werdet ihr eure Mommy wiedersehen.«
Viel zu lange.
Er legte den Kopf an meine Schulter, sie streichelte weiter seinen Rücken, und langsam beruhigte er sich wieder. Sein Schluchzen ging in ein ruckartiges Atmen über, und als er dann fast eingeschlafen war, ließ er zu, dass sie ihn auf den Arm nahm. Die Augen schon vor Müdigkeit geschlossen, zeigte er auf den Jeep und sagte: »Fahrrad.«
»Sie wollten die Räder mitnehmen, wenn das okay ist.«
»Na ja, hier auf dem Hügel kann man kaum fahren, es gibt nur ein Stück Terrasse hinterm Haus, aber natürlich geht das. Danke, das ist wirklich nett von Ihnen. Wir können im Park fahren. Ich mache die Garage auf.«
Ich hob die Fahrräder aus dem Jeep und sah zu, wie sich die Tür langsam hob. In der pikobello aufgeräumten Garage stand ein Chevrolet Suburban – wie bei einer echten Vorstadtmutti. Ich schob die Räder hinein und stellte sie an die hintere Wand. Die Tür zum Haus war geschlossen. Ich wollte sie aufmachen und hineingehen, ihnen das Badewasser einlassen und ihre Haare waschen, und sie sollten mir von ihrem Tag erzählen, von unserem Tag.
Ich fuhr nach Westen auf den Sonnenuntergang zu, der aussah, als würden sich die Götter mit Honigmelonen bewerfen, die überall am Himmel aufbrachen. Ich holte mein Mobiltelefon hervor und rief Paige an.
»Haben Sie das ernst gemeint, dass ich sie bald wiedersehen kann? Das haben Sie zumindest Zach gesagt.«
»Sie werden sie nach Weihnachten haben, also schon in ein paar Wochen. Und dann drei Monate später. Ich bin zufrieden mit der Entscheidung des Richters.«
»Drei Monate ist eine lange Zeit.«
»Und wie finden Sie drei Jahre?« Sie legte auf.
Es musste einen Weg geben, mit Paige zu kommunizieren. Jedes unserer Gespräche war von Feindseligkeit geprägt – von beiden Seiten. Ich parkte auf dem Einstellplatz meines Apartments und öffnete das Handschuhfach mit den Briefen und Karten, die Paige damals an die Kinder geschickt hatte.
Wie konnte ich erreichen, dass sie mir gegenüber offener war? Ich hatte die Karten noch, aber sie würde sich bestimmt fragen, warum ich die Briefe an die Kinder nicht zusammen mit den anderen dem Gericht übergeben hatte. Und den Grund dafür – dass Annie und Zach sie eines Tages selbst öffnen und lesen sollten – würde sie mir niemals abnehmen. Paige wusste auch, dass ich verzweifelt war und alles tun würde, um die Kinder zu sehen. Und sie glaubte noch immer, dass ich von Anfang an von den Briefen gewusst hatte.
Dieses Bündel ungeöffneter Briefe war meine einzige Chance, unser Verhältnis zu verbessern. Und die durfte ich nicht vermasseln. Ich musste einen Weg finden, sie zugunsten der Kinder zu verwenden.
Die ganze Zeit schon winkten sie mir zu, sagten: Hallo! Paiges Absender stand darauf, der vom Krankenhaus, aber dann auch eine andere Adresse, vermutlich die ihrer Tante Bernie, bei der sie vorübergehend gewohnt hatte. An diesem Abend schrieb ich in mein Notizbuch: Vielleicht, nur vielleicht, kann Tante Bernie helfen?
Es war unhöflich, einfach so bei Tante Bernie aufzutauchen. Doch um ihre Telefonnummer herauszufinden, hätte ich Paige anrufen müssen, und das wäre kontraproduktiv gewesen. Ich folgte der Straßenkarte zum Stadtrand – oder besser gesagt, zum derzeitigen Stadtrand. Denn Las Vegas dehnte sich immer weiter aus und kam mir vor wie ein sandfarbener, runder Flechtteppich, der einfach nicht fertig wurde, sondern immer nur größer. In Paiges Kindheit hatte dieses Gebiet sicher ein ganzes Stück außerhalb gelegen, doch inzwischen gab es hier einen Supermarkt, eine Drogerie, einige Restaurants und eine Neubausiedlung. Im Trailer Park standen ausgewachsene Bäume, und die Wohnwagen hatten kaum noch etwas mit Wohnwagen gemein – es waren gepflegte, kastenförmige Fertighäuser mit einer winzigen Veranda und einem kleinen bunten Steingarten. Viel schöner, als ich mir das vorgestellt hatte.
Ich klopfte an die Tür, doch es rührte sich nichts. Nur gut, dass ich Callie im Apartment gelassen hatte, denn trotz der frühen Morgenstunde brannte die Sonne schon unbarmherzig auf den trockenen, staubigen Asphalt. Ich wartete und klopfte noch einmal. Ich hatte gehofft, Paiges Tante vor der Arbeit zu erwischen, doch vielleicht arbeitete sie ja gar nicht mehr. Vielleicht schlief sie ja noch. »Tante Bernie?«, rief ich, was wirklich ungehörig war. Paige nannte sie so, aber ich durfte das nicht.
Fast umgehend ertönte ein Paige? , und dann ging die Tür auf. Ich hatte sie mir anders vorgestellt, ganz anders. Vor mir stand eine Frau Mitte fünfzig, groß, schlank, mit dunklem, modischem Pagenschnitt. Sie trug einen eleganten taubengrauen Hosenanzug.
»Oh! Ich dachte, es wäre meine Nichte.«
»Ich weiß. Es tut mir leid, ich hätte Sie nicht ›Tante‹ nennen dürfen.« Ich hielt ihr die Hand hin. »Ich bin Ella Beene.«
Sie starrte mich an.
Ich steckte die Hand in die Jackentasche. »Ich hatte gehofft, wir könnten uns unterhalten …«
»So?«
»Darf ich hereinkommen?«
Sie starrte mich weiter an, sagte dann aber: »Ach, warum nicht«, und trat zurück, um mich ins Haus zu lassen. Das Wohnzimmer stand voller Kisten, elektrischer Kleingeräte, Zeitschriften und Krimskrams. »Die Küche ist dort.« Sie zeigte nach hinten. »Ich miste gerade die Schränke aus, falls Sie sich über das Chaos wundern.«
Ihre Küche war sauber, aber auch hier türmten sich Illustrierte und Zeitungen und Haushaltsgegenstände. Tante Bernie war offensichtlich eine große Sammlerin und konnte nichts wegwerfen, so dass ich plötzlich auch Paiges Leidenschaft für Fengshui und Innendekoration in einem anderen Licht sah.
»Hier, setzen Sie sich.« Sie zeigte auf den Stuhl am Tisch und ließ sich selbst auf einem Barhocker nieder. Der Tisch lag voller Redbooks , National Geographics und Rechnungen. »Entschuldigen Sie die Unordnung, ich habe nicht oft Besuch.« Sie errötete, fasste sich aber sofort wieder. »Kaffee? Tee?«
»Tee, wenn Sie welchen haben.«
»Nun ja, wie Sie sehen, habe ich alles.« Sie füllte Wasser in einen Kocher.
»Es tut mir leid, dass ich nicht vorher angerufen habe«, sagte ich, »aber ich habe Ihre Nummer nicht. Paige weiß nicht, dass ich hier bin.«
»Das dachte ich mir schon. Ich habe nicht viel Zeit, ich muss zur Arbeit.«
»Was machen Sie denn beruflich?« Ich war neugierig. Sie sah höchst professionell aus und wirkte so ganz und gar fehl am Platz in ihrer eigenen Wohnung.
»Ich arbeite im Finanzamt, falls Sie das wirklich interessiert.« Sie hob lächelnd die Augenbraue. »Ich bin Steuerprüferin.«
»Gut zu wissen«, sagte ich, bemüht, mir die Überraschung nicht anmerken zu lassen.
Sie brachte mir den Tee in einer hauchdünnen Porzellantasse mit Untertasse. »Vermutlich können Sie sich vorstellen« – sie lächelte und stellte die Tasse vor mir auf den Tisch – »dass ich es nicht gewöhnt bin, aufgesucht zu werden. Normalerweise ist es umgekehrt. Also, worüber möchten Sie reden?«
»Über Paige.« Ich wählte meine Worte mit Bedacht. »Sie hat viel durchgemacht, und das tut mir leid. Ich kann verstehen, dass sie wütend ist, aber ich liebe Annie und Zach auch. Ich weiß, ich bin nicht ihre, na ja, leibliche Mutter, aber ich liebe sie, als wäre ich es. Und ich möchte eine Beziehung zu ihnen haben. Ich möchte, dass alles offener ist.«
Читать дальше