Die Lebenden hatten somit ihr Urteil gefällt. Jetzt konnte Sethos’ Seele dem Fährmann entgegengehen, sich übersetzen lassen über den Fluß zur anderen Welt und sich dem Gefilde der Sterne nähern. Doch zuvor mußte sein sterblicher Leib noch in Osiris verwandelt und den Königsriten gemäß mumifiziert werden.
Sobald die Mumifizierer die Eingeweide entnommen und den Körper mit Natron und durch Sonnenbestrahlung getrocknet hätten, würden die Zeremonienmeister den verstorbenen König in Stoffstreifen wickeln und Sethos zum Tal der Könige begleiten, wo sein Haus für die Ewigkeit bereitstand.
Ameni, Setaou und Moses machten sich Sorgen. Ramses war in Schweigen versunken. Nachdem er seinen Freunden für ihre Anwesenheit gedankt hatte, zog er sich in die Einsamkeit seiner Gemächer zurück. Nur Nefertari gelang es, ab und zu ein paar Worte mit ihm zu wechseln, die ihn aber auch nicht aus seiner Verzweiflung zu reißen vermochten.
Ameni spürte ein Unheil nahen, denn Chenar entfaltete nach gebührlicher Zurschaustellung seines Kummers einen beunruhigenden Tätigkeitsdrang. Er nahm zu den verschiedensten Ämtern Verbindung auf und riß die Verwaltung des Landes an sich. Gegenüber dem Wesir hatte er mehrmals betont, er handele völlig uneigennützig, nur auf den Erhalt des Wohlstands im Lande bedacht, dabei trug doch das ganze Land Trauer.
Tuja hätte ihrem Ältesten ins Gewissen reden müssen, aber die Königin wich nicht von der Seite ihres Gemahls. Als Verkörperung der Göttin Isis hatte sie die Beschwörungspflicht zu erfüllen, ohne die keine Wiedergeburt möglich war. Bis zu dem Augenblick, da Osiris-Sethos in seinen Sarkophag, den »Herrn des Lebens«, gelegt werden würde, kam es für die große königliche Gemahlin nicht in Frage, sich um weltliche Angelegenheiten zu kümmern.
Chenar hatte also freie Hand.
Löwe und Hund schmiegten sich an ihren Herrn, als wollten sie seinen Schmerz lindern.
Mit Sethos schien die Zukunft verheißungsvoll. Ramses brauchte nur auf seinen Rat zu hören, ihm zu gehorchen und seinem Beispiel zu folgen. Wie einfach und wie erfreulich wäre es gewesen, unter seinem Befehl zu regieren! Keinen Augenblick lang hatte Ramses sich vorgestellt, daß er so allein sein würde, dieses Vaters beraubt, dessen Blick sich in den Schatten verlor.
Wie kurz diese fünfzehn Regierungsjahre gewesen waren, viel zu kurz! Abydos, Karnak, Memphis, Heliopolis, Kurna – all diese Tempel, die auf ewig vom Ruhm ihres Erbauers künden würden, der sich den Pharaonen des Alten Reiches als ebenbürtig erwiesen hatte. Aber jetzt war er nicht mehr da, und seine dreiundzwanzig Jahre erschienen Ramses als ein zu leichtes Rüstzeug, um zu regieren. Verdiente er ihn wirklich, seinen Namen – Ramses, »Sohn des Lichts«?