Die Puppe erscheint nicht einfach auf der Bühne, indem sie nach oben geschoben wird. Auf- und Abgänge sollten vielmehr gestaltet werden und eine gewisse Zeit andauern. Für das Publikum ist es spannend, die Puppe „ankommen“ zu sehen. Während diese langsam sichtbar wird, kann das Publikum die Puppe entdecken und auf die Szene hinfiebern. Durch gezielte Auf- und Abgänge wird die Puppenwelt auf der Bühne etabliert und das Geschehen für das Publikum nachvollziehbarer.
Dafür können verschiedene Gänge benutzt werden. Die wohl gebräuchlichste Variante ist das „Aus-der-Entfernung-Kommen“. Hierbei startet die Puppe weit vom Vorhang entfernt, kurz unterhalb der Spielleiste, und wird mit jedem Schritt nach vorne zum Vorhang etwas höher gesetzt – bis sie vollständig sichtbar ist. Auch beim „In-die Entfernung-Gehen“ sollte man die Puppe lange beim Weggehen beobachten können. Derartig geführte Auf- und Abgänge wirken auch entschiedener, als wenn man die Puppe einfach nur am Vorhang „aufpoppen“ lässt.
Bei Auf- und Abgängen sind den Ideen keine Grenzen gesetzt: Die Puppe kann zum Beispiel über eine imaginäre Treppe oder einen imaginären Fahrstuhl erscheinen und abgehen. Spielt eine Szene zum Beispiel im Kaufhaus, kann die Puppe eine Rolltreppe benutzen. Dazu braucht es keine zusätzlichen Requisiten – es reicht aus, die entsprechenden Bewegungen zu imitieren. Kommt die Puppe etwa mit einem Fahrstuhl auf die Bühne, kann das durch ein kleines Ruckeln am Ende der Fahrt simuliert werden. Verlässt sie die Bühne wieder damit, drückt sie auf einen imaginären Knopf, steigt nach einem „Bing“ in den Fahrstuhl und bewegt sich „fahrstuhlmäßig“ nach unten. (Um diese Bewegungen glaubhaft darstellen zu können, sollten die echten Bewegungen zuvor analysiert werden.)
Damit die Puppe bei Auf- und Abgängen immer am selben Ort Fahrstuhl oder Treppe benutzt, ist es übrigens hilfreich, sich mit Klebeband eine Markierung zu machen.
Wenn sich zwei gleich große Puppen auf der Bühne anblicken, schauen sie sich stets horizontal an. Ihre Blicklinien sind parallel zum Fußboden, auf dem sie stehen. Wendet sich die Puppe mit horizontaler Blickhöhe jedoch ans Publikum, kann es sein, dass sie zu weit nach oben schaut, weil das Publikum niedriger sitzt. Sie schaut also über die Leute hinweg und kann keinen direkten Blickkontakt aufnehmen. Das hat zur Folge, dass sich das Publikum nicht angesprochen fühlt. Die Spielerin / der Spieler muss entsprechend den Blick der Puppe senken, um damit das Publikum zu erfassen.
Neben der gestreckten Haltung, die dafür sorgt, dass viel von der Puppe zu sehen ist, ist auch wichtig, noch etwas zusätzliches Spiel im Handgelenk zu haben. Innerhalb des Puppenkopfes liegen die Finger parallel zum Boden und tragen den Oberkopf, der Handrücken steht aber senkrecht. Der höchste Punkt mit ausgestrecktem Arm sollte also nicht wie üblich die letzte Fingerspitze sein, sondern die Fingerrücken und Knöchel der Hand. Mit dem Handgelenk variiert man die Blicke der Puppe.
Übung:Übe an der Bühne, die Blickhöhe deiner Puppe zu kontrollieren und richtig einzustellen. Schaue mit ihr an die Decke; nach rechts und links; unten vor die Bühne; auf einen Punkt, der sich auf der Bühne befindet usw. Dabei sollte jemand vor der Bühne sitzen, der die Blicke verfolgt und Rückmeldung gibt.
Kombination von Text und Spiel
Zur besseren Orientierung können Spieltexte und Abfolge des Stückes an den Vorhang hinter der Bühne geklebt werden. Das gibt der Spielerin / dem Spieler Sicherheit. Sinnvoll ist, jede Rolle andersfarbig zu markieren, um schnell die entsprechenden Textstellen finden zu können. Am besten ist aber, wenn Textblätter lediglich eine Erinnerungsstütze darstellen oder man jeweils nur den Anfangstext eines Einsatzes braucht. Generell sollte man mit dem Ablauf einer Szene vertraut sein und sich eher auf die Puppe konzentrieren. Denn diese sollte in Bewegung bleiben! Es ist nicht leicht, sie stets beweglich und „im Spiel“ zu halten. Doch sobald diese stillsteht, weil die Spielerin / der Spieler auf seinen Text bedacht ist, kann es schnell langweilig werden. Um nicht am Text zu kleben, muss man seinen Blick daher immer wieder vom Text lösen und auf die Puppe schauen. Auf diese Weise nimmt man auch die anderen Puppen auf der Bühne wahr und kann entsprechend auf sie reagieren.
Abfolge bei mehreren Puppen
Eine Puppe auf der Bühne ist schon mal gut – doch mehrere Puppen sind noch besser! Das macht es interessanter für das Publikum: Es gibt mehr anzuschauen – und jeder beobachtet gern, wie die Puppen miteinander agieren. Wenn nun mehrere Puppen gleichzeitig auf der Bühne spielen, gilt es, aufeinander zu achten. Das Publikum schaut immer dorthin, wo am meisten Bewegung ist. Wenn sich nun alle Puppen gleichzeitig und ähnlich viel bewegen, fällt es dem Publikum schwer, auszumachen, wer gerade „dran“ ist. Die Puppe, die im Fokus stehen soll, sollte sich daher etwas mehr und etwas „größer“ bewegen als die anderen Puppen. Im besten Fall beschauen diese die gerade aktive Puppe und vermeiden größere Bewegungen, bis sie selbst wieder an der Reihe sind. Auf diese Weise springt die Aufmerksamkeit des Publikums zwischen den Puppen und ist immer dort, wo sie sein soll. Die gerade weniger im Fokus stehenden Puppen dürfen aber keinesfalls komplett einfrieren oder gar auf der Spielleiste abgelegt werden. Sie sollten weiterhin durch kleine Bewegungen lebendig erscheinen, zum Beispiel durch Atembewegungen.
Es ist ratsam, beim Erarbeiten eines Stückes eine Person vor der Bühne zu haben, die die Abfolge und die jeweiligen Bewegungen genau beobachtet: Wird die Aufmerksamkeit des Publikums von Puppe zu Puppe gelenkt? Wirken alle Puppen lebendig genug? An welchen Stellen gibt es zu viel Bewegung und Ablenkung? Sie kann ebenso darauf achten, dass sich alle Puppen auf der richtigen Höhe befinden, ihre Blicke richtig gesetzt und ihre Gesten stimmig sind. Es bringt auch enorm viel, eine Probe zu filmen, sodass man das eigene Puppenspiel selbst einmal auf Video sieht. Das eignet sich wunderbar, um sich selbst zu korrigieren und sein Puppenspiel zu verbessern.
Die Puppen und ihre Aktionen müssen gut sichtbar sein. Daher empfiehlt sich ein schlichter Bühnenhintergrund. Eine detaillierte Ausmalung des Hintergrundes ist aus der Distanz schwer zu erkennen und tritt in Konkurrenz mit den im Vordergrund agierenden Puppen. Daher sollte man lieber ins lebhafte Spiel investieren, als sich in Bühnentechnik und dem Gestalten von Kulissen zu verlieren. Wenn der Hintergrund neutral und dunkel ist, sind die bunten Puppen im Vordergrund gut erkennbar.
Dieser neutrale Raum lässt genügend Möglichkeiten offen, ihn durch einzelne und gezielt eingesetzte Requisiten und Kulissenteile in einen konkreten Ort zu verwandeln: Ein aufgestelltes Verkehrsschild macht den Ort zur Bushaltestelle, eine Schreibtischlampe macht ihn zum Büro, ein Blumentopf zum Balkon, ein Kassenschild zum Supermarkt. Schnell lassen sich auf diese Weise Umbauten realisieren und verschiedene Orte darstellen. Zusätzlich können die Puppen indirekt sagen, wo sie sind: „Geh du schon mal die Milch holen, ich schaue mal, was zum Grillen im Angebot ist!“ Oder: „Hier noch schnell einen Stempel drauf gemacht, dann kann ich Feierabend machen!“
Kommen Requisiten zum Einsatz, sollten es möglichst nur solche sein, die für das Stück relevant sind und die Geschichte vorantreiben. Bei aller Einfachheit muss es jedoch nicht karg sein! Neben Dingen, die einen Ort im Wesentlichen charakterisieren, kann es auch etwas kleines „Nettes“ geben, das Spaß macht: neben dem Kassenschild eine piepende Kasse oder neben der Schreibtischlampe ein Familienfoto. Wenn ein Spiel mit einem bestimmten Requisit interessant ist und dem Publikum gefällt, wird es sich immer freuen, es wiederzusehen. Besonders, wenn eine Szene damit meisterhaft vorgeführt wird, zum Beispiel, wenn die Puppe Skateboard fährt und Tricks macht, wenn sie gefühlvoll Mundharmonika spielt usw.
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