Es gibt drei Grundregeln für gutes Sprechen einer Klappmaulpuppe:
Pro Silbe einmal aufmachen
Hierfür muss man jedes Wort in seine Silben aufteilen und dann den Mund der Puppe pro Silbe einmal öffnen. Das Wort „Haus“ hat nur eine Silbe, also gibt es nur eine Öffnung des Mundes. „Tür-öff-ner“ hingegen hat drei Silben, also wird der Mund dreimal dazu geöffnet. Wer diesen ersten Tipp umsetzt, hat schon viel gewonnen!
Übung:Sprich mit deiner Puppe mehrsilbige Wörter. Fange mit einem einsilbigen Wort an: „Ohr“. Setze die Übung mit Wörtern fort, die jeweils eine Silbe mehr haben als das vorherige Wort: „Ohr-ring“, „schwer-hö-rig“, „Son-nen-bril-le“, „Füh-rer-schein-prü-fung“, „Hals-na-sen-oh-ren-arzt“ usw. Schaue dabei auf den Mund der Puppe und kontrolliere jede Silbe.
Wer diese erste Regel zum Sprechen verfeinern möchte, kann zusätzlich Folgendes beachten: Bei allen Silben, die den Buchstaben „A“ beinhalten, öffnet sich der Mund der Puppe etwas weiter als bei allen anderen Vokalen.
Übung:Um die größere „A-Öffnung“ zu üben, sprich mit deiner Puppe diese Wörter und öffne bei den Silben unterschiedlich weit: „ A-bend- MAHL“, „ A-bend-brot“, „ MA-ler-werk- STATT“, „ KRAN-ken- WA-gen“, „Ge-burts- TAGS-ein- LA-dung“, „Gut-ten TAG“.
Bei den Übungen sollte der Puppenmund bewusst geöffnet und geschlossen werden, um die Silben mitzählen zu können. Bei längeren Wörtern klingt dies künstlich, weil es eine unnatürliche Sprechweise ist. Schneller sprechen allein hilft allerdings nicht: Die Puppe kann dabei zu „klappern“ anfangen und unschön mit dem Kopf wackeln. Es hilft, ihren Mund nach jeder Silbe nur halb zu schließen und bei der nächsten Silbe einen neuen Impuls zur Öffnung zu geben. Erst wenn das Wort oder der Satz beendet ist, schließt sich der Mund wieder komplett.
Durch das Bewusstmachen der einzelnen Silben verbindet die Spielerin / der Spieler in der Übung die Sprache mit der Handbewegung. Doch darf die Puppe sich später im Spiel nicht wie ein Roboter anhören, der jede Silbe einzeln spricht (es sei denn, sie ist ein Roboter). Ein Satz sollte immer eine flüssige, natürliche Sprachmelodie haben, der man gern zuhört. Je natürlicher die Puppe spricht, desto besser. Natürlich ist, wie wir uns jeden Tag miteinander unterhalten – unnatürlich dagegen ist, wie man in der Grundschule oder vor dem Weihnachtsbaum auswendig gelernte Gedichte herunterleiert.
Das richtige Öffnen und Schließen
Der Impuls der Silbe ist ein Öffnen des Puppenmundes, kein Schließen! Am Anfang ist der Mund immer geschlossen. Mit der Silbe öffnet er sich und schließt sich weich zum Ende der Silbe. Mit ihrem Verklingen ist der Mund also wieder komplett geschlossen – oder nur halb geschlossen, wenn sofort weitere Silben folgen sollen. Ober- und Unterkiefer sind wie mit einem unsichtbaren Gummiband miteinander verbunden. So wird der Mund nach jeder Öffnung immer wieder automatisch geschlossen. Man kann sich auch vorstellen, dass die Silbe wie eine Seifenblase ist, die mit der Öffnung der Hand ausgehaucht und auf die Reise geschickt wird. Liegt hingegen der Impuls der Silbe auf dem Schließen, hat die „Silben-Seifenblase“ keine Zeit, ausgehaucht zu werden und platzt noch, bevor sie fliegen kann. Wie sie platzt auch die Illusion, dass die Puppe spricht.
Übung:Nimm deine Hand aus der Puppe und simuliere, wie sie in ihr steckt, indem du die Hand entsprechend formst. Stell dir vor, dass um Finger und Daumen ein unsichtbares Gummiband locker gewickelt ist. Beobachte deine Hand beim pantomimischen „Tennisball-Wegschmeißen“, „Matsch-gegen-die-Wand-Klatschen“, „Superpowerstrahlen-aus-der-Handfläche-Herumschießen“ – im Gegensatz zum „Pflaumenpflücken“, „Moos-von-der-Wand-Zupfen“ oder „Meerschweinchen-wilde-Frisuren-Stylen“. Die Hand geht nach vorne und öffnet sich, anstatt geschlossen nach hinten zu gehen.
Mit dem Unterkiefer sprechen
Beobachtet man andere beim Sprechen, stellt man fest: Wir sprechen hauptsächlich mit dem Unterkiefer und nur wenig mit dem Oberkiefer bzw. dem ganzen Kopf. Das ist bei der Puppe genauso: Um den Unterkiefer der Puppe zu öffnen, muss der Daumen der Spielerin / des Spielers in der Puppe nach unten gehen. Dies geht aber nur bis zu einem gewissen Grad. Kippt die Spielerin / der Spieler das Handgelenk leicht nach vorne, geht der ganze Puppenkopf dabei nach unten. Das wiederum erlaubt dem Daumen mehr Spielraum nach unten, der Mund kann weiter geöffnet werden. Der Oberkopf darf aber nicht stillstehen, er sollte bei jeder Öffnung mitschwingen und sich leicht nach oben bewegen. Die größere Bewegung sollte allerdings der Unterkiefer machen. Wenn stattdessen die Finger nach oben geklappt werden, wird der Oberkopf zu weit nach hinten geschmissen. Das Publikum hat es schwer, das Gesicht der Puppe zu erfassen, da es immerzu nach oben wegklappt. Außerdem verwuscheln dabei die Haare der Puppe. Besonders für langhaarige Puppen und solche, die einen großen Oberkopf haben, ist es wichtig, dass der Unterkiefer aktiver ist als der Oberkopf. Puppen mit kleineren Köpfen dürfen ihren Oberkopf durchaus mehr bewegen, das sieht glaubhafter aus.
Bewegung ist Leben. Deshalb braucht es Bewegung in den Puppen! Wenn eine Puppe nur steht und spricht, stört einen die Textlastigkeit des Auftritts irgendwann, selbst wenn es sich um einen guten Text handelt. Daher gilt es, so oft und so viel Bewegung ins Spiel einzubauen wie möglich. Ebenso wie beim Thema „Sprechen“ sollte man sich dabei am Menschen orientieren. Je natürlicher die Bewegungen der Puppe sind, desto besser kann das Publikum sie „lesen“.
Werden verschiedene Bewegungen gleichzeitig gemacht, kann es schnell undeutlich werden und das Publikum kann diese nicht mehr „lesen“. Es sollte immer jeweils nur eine Bewegung gespielt werden. So kann jede für sich angeschaut und gedeutet werden, bevor die nächste wahrgenommen wird. Auch für die Spielerin / den Spieler ist es eine Erleichterung, die Bewegungen nacheinander zu spielen. Es gibt unterschiedliche Bewegungen:
•Sprechbewegung: äußert sich im Unterkiefer und Oberkopf der Puppe
•Laufbewegung: äußert sich im Körper der Puppe
•Blickbewegung: äußert sich im Kopf und Körper der Puppe
•Handbewegung: äußert sich in konkreten Gesten der Puppenhand
Sprechbewegung
Sprache braucht einen Adressaten. Das Gesagte wird nicht in die leere Luft hineingesprochen, sondern zu jemandem „geschickt“, der das hören soll: zu einem Gegenüber, zum Publikum, zu sich selbst. An wen ein Inhalt gerichtet ist, kann auch durch Bewegung sichtbar gemacht werden. Und zwar indem sich die Puppe dem Adressaten zuwendet, etwa mit dem Kopf oder sogar mit dem ganzen Körper, was eine stärkere Zuwendung bedeutet. Innerhalb eines Textes kann es mehrere Adressaten geben, die durch diese Körpersprache angesprochen werden. Körperbewegung beim Sprechen ist nicht zu unterschätzen: Sie sorgt für Dynamik im Puppenspiel.
Laufbewegung
Damit eine Puppe richtig läuft, muss sie klare Schritte setzen. Dabei sollte das Schrittmaß in erster Linie zur Puppe passen – nicht zur Spielerin / zum Spieler! Wenn es an der Bühne möglich ist, empfiehlt es sich, selbst echte Schritte zu machen, die sich am Schrittmaß der Puppe orientieren. Der Schrittimpuls kann auf diese Weise durch den Körper der Spielerin / des Spielers bis in den Puppenkörper ausstrahlen – der Gang wirkt dadurch natürlicher. Außerdem wird dabei ein echtes Schrittgeräusch für die Schritte der Puppe erzeugt.
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