Langsam schob er die Glastüren auseinander und nahm ihn vorsichtig aus dem Schrank. „Jetzt, wo ich weiß, wozu du gut bist, find ich dich gar nicht mehr so hässlich.“
Er sprach zu dem Schlüssel, als wäre er einer seiner besten Freunde. Er drehte ihn immer wieder in alle Richtungen und bestaunte ihn von allen Seiten. Im Holzgriff, der mit Kleeblättern verziert war, war ein Eisenstab eingelassen. Von dem Stab standen Metallplättchen ab, die ebenfalls mit Kleeblättern verziert waren. Wenn man dieses Gebilde von vorne betrachtete, ergab es genau die gleiche Form, zu der das Gegenstück in der Steintür passte. Er wusste es einfach sofort – das musste der Schlüssel sein.
*
„Weißt du, was mit Mark los ist?“, fragte Melissa ihren Bruder Greg. Sie waren inzwischen wieder zu Hause angekommen und hatten es sich bei ihren Eltern im Wohnzimmer gemütlich gemacht.
„Keine Ahnung“, sagte er nachdenklich, „aber am Telefon klang er wie ein Physiopat oder wie das heißt. Ich hab nur verstanden, dass wir sofort zu ihm kommen sollen. Er sagte immer wieder: Er ist es! Er ist es!. Und: Ich hab ihn! Ich hab ihn!. Dann hat er auch schon wieder aufgelegt.“
Unterwegs trafen wir uns und jeder blickte den anderen fragend an, was wohl mit Mark los war. „Vielleicht gibt’s morgen schlechtes Wetter und er will uns vorwarnen“, scherzte ich.
„Nee, glaub ich nicht. Am Telefon hörte er sich nicht an, als würde er uns einen Witz erzählen wollen“, meinte Patsy nachdenklich.
Als wir am Haus der Wetterfests ankamen, öffnete Peggy uns mit einem Lächeln im Gesicht die Tür. „Hallo ihr Lieben! Schön, dass ihr wieder hier seid. Ich glaube, dass Mark langsam durchdreht, aber geht lieber schnell zu ihm. Er ist in seinem Zimmer.“
„Danke, Frau Wetterfest“, sagten wir einstimmig und rannten schon los in den Keller, um mit Mark zu reden. Wir machten uns jetzt wirklich Sorgen.
Er saß einfach nur da und bewegte sich nicht.
„Was ist los, Mann?“ Greg sah in verstört an.
„Was um alles in der Welt ist passiert? Du hast doch nicht etwas Schlimmes mit dem Schleimbolzen angestellt?“ Martha sah sehr besorgt aus. Melissa kaute nervös auf mehreren Fingern.
„Alles klar, Mark? Äh, wir stören doch nicht etwa bei einer wichtigen Sitzung, oder so was?“, fragte ich vorsichtig.
„Blödsinn! Ich hab euch doch selbst hergerufen. Es ist etwas Wunderbares passiert!“, flüsterte er geheimnisvoll. Wir sahen uns an und schüttelten gleichzeitig mit den Köpfen. Doch nachdem er uns alles erzählt und den Schlüssel auf den Tisch gelegt hatte, saßen wir alle einfach nur da und bewegten uns nicht.
*
W. C. Schwarz war inzwischen im Büro seines Bosses angekommen und bestaunte die Inneneinrichtung. An den Wänden hingen große Gemälde von namhaften Künstlern. Die dunklen wuchtigen Holzschränke und Tische machten den Raum noch erdrückender für Schwarz. Er kam sich irgendwie klein vor in dem riesigen Ledersessel vor dem mächtigen Eichenschreibtisch, hinter dem der sechzigjährige Eduardo Tollini thronte und ihn nun zur Rede stellte. Die polierte Glatze und der dichte Oberlippenbart passten zu dem übergewichtigen Mann, der einen schwarzen italienischen Nadelstreifenanzug trug und eine dicke kubanische Zigarre paffte. Den Qualm blies er seinem Gegenüber direkt ins Gesicht und sah ihn aus wachen Augen eindringlich an.
„Sie will nicht und sie wird nicht, Boss“, sagte W. C. Schwarz kleinlaut zu seinem Chef.
„Sie muss oder sie wird müssen, Schwanz!“
„Schwarz“, entgegnete der mit gesenktem Kopf. Es fühlte sich an, als ob der Sessel immer größer würde ... oder er kleiner.
„Was? Ach, unterbrechen Sie mich nicht ständig! Nicht nur die Wetterfest, sondern auch Sie, Schwatz. Auch Sie müssen!
„Schwarz! Mein Name ist Schwarz, Boss.“ Nun verschluckte der Sessel ihn fast.
„Mir doch egal, Mann! Wenn Sie es nicht schaffen, das Haus für uns zu besorgen, werden die Konsequenzen für Sie nicht gerade schön sein, Schwanz. Sie wissen, was das bedeutet?“
Natürlich wusste er das. Er war ja nicht ganz so blöd, wie viele seiner ehemaligen Freunde annahmen.
Der leicht untersetzte Mann im schwarzen Maßanzug und der dicken Zigarre im Mundwinkel scherzte nicht gerne. Hier in seinem Büro, in einem schäbigen Eckhaus, saß er im großen Ledersessel hinter seinem bulligen Schreibtisch aus Eichenholz und regelte die übelsten Geschäfte.
Ja, W. C. Schwarz wusste genau, was ihm blühen würde.
„Und zack“, sagte der Mann im Sessel und deutete mit seiner Hand einen Schnitt über den Hals an. Durch sein Lachen bewegte sich sein ganzer Körper wie ein Wackelpudding auf und ab und hin und her. Die Andeutung des Schnittes und die Reaktion seines Gegenübers fand er wohl sehr lustig. Er lachte so aufgeregt, dass ihm die Zigarre fast aus dem Mund fiel.
„Ich werde alles versuchen, Boss“, stammelte Schwarz leise vor sich hin. Er musste jetzt irgendwie dem menschenfressenden Sessel entkommen und rutschte nervös hin und her.
Tollini wurde von einer Sekunde auf die andere todernst, sah ihn mit blitzenden Augen an und wurde laut. „Hoffentlich reicht alles versuchen, SCHWARZ! Ich hoffe es für Sie. Sie wissen, wie wichtig dieses Haus für meine Pläne ist. Das Einkaufszentrum mit großem Casino und Parkhaus wird hier gebaut. Punkt! Ich will es! Ich bekomme es! Vergessen Sie meinen Ruf nicht! Ein Eduardo Tollini bekommt alles, was er will! Und jetzt RAUS!“
Schwarz fühlte sich wie von einem Erdbeben überrollt. Die Luft vibrierte förmlich durch den brüllenden Boss.
Geknickt verließ W. C. Schwarz das Büro von Tollini und ging, über seine neue Strategie nachdenkend, in den frühen Abend hinein.
Er war froh, lebend aus dem Büro und dem Sessel rausgekommen zu sein. Er hatte wirklich kurz gedacht, dass der Sessel ein Eigenleben führte, und musste nun vor Erleichterung laut lachen.
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„Und nun?“, fragte ich in die schweigende Menge. Wir saßen immer noch in Marks Zimmer und bestaunten den mysteriösen Gegenstand vor uns.
„Tja, wie der Kaiser sagen würde: Schaun mer mal!“, witzelte Mark.
„Dann sag es doch“, entgegnete Patsy lächelnd.
„Schaun mer mal“, machte Mark Franz Kaiser Beckenbauer nach und lächelte zurück. Dann stand er auf. „Ich halt es nicht mehr aus, ich will jetzt wissen, was hinter der Tür ist.“
„Nicht nur du“, war die einstimmige Antwort.
Wir gingen wieder in den Raum des Kellers, in dem wir die Tür entdeckt hatten. Mark hatte mir eine Taschenlampe in die Hand gedrückt, um ihm den Weg zu leuchten. Vorsichtig legte er den Schlüssel in die Öffnungen der Steintür.
Als er es beim dritten Versuch endlich schaffte, sagte er geheimnisvoll: „Meine Damen und Herren, die wohl größte Entdeckung seit dem alten Tut Senf Am Rum.“
„Der hieß Tutanchamun, der gute Mann“, berichtigte ich ihn, „und nu mach hin!“
„Tut mir leid, großer Meister-Archäologe!“, maulte Mark gespielt beleidigt zurück.
„Jetzt mach doch endlich. Der Tach is kurz“, schimpfte Greg ungeduldig los.
„Okay, dann wollen wir mal sehen ...“ Langsam drückte Mark den Schlüssel in die Öffnung der Tür, bis er auf einen Widerstand traf. Dann drehte er ihn vorsichtig gegen den Uhrzeigersinn. Unter lautem Knacken und Knirschen rieb ein Eisenriegel in der Tür gegen die Steinwände. Wir stemmten uns mit aller Kraft dagegen, bis sie endlich langsam nachgab. Ein kühler muffiger Luftzug streifte unsere zitternden Körper.
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