„Tja, ich hab nichts mehr zu bieten, Leute“, gab Mark von sich. „Lasst uns für heute Schluss machen.“
„Okay, ich bin sowieso völlig fertig“, sagte Melissa mit vollem Mund.
„Nimm den Daumen aus dem Mund und halt den Selbigen, Baby“, fuhr Mark sie an.
„Arschloch!“, gab sie zurück.
Wir machten uns alle auf den Heimweg. Trotzdem ging uns der Gedanke, was hinter der Tür sein könnte, nicht aus dem Kopf.
Und außerdem: Wer hatte diese Tür damals bauen lassen und benutzt? Und zu welchem Zweck?
*
Peggy und der Schleimbolzen saßen noch im Wohnzimmer der Wetterfests. Die alten Möbel, teilweise noch aus den frühen 1920er Jahren, hatten zwar schon etwas gelitten, waren aber für Peggy mehr als nur von materiellem Wert. Sie konnte sich einfach nicht davon trennen. Es passte aber auch alles wunderbar zusammen mit den alten, direkt auf die Wände gemalten Verzierungen, die früher anstelle von Tapeten mit Walzen auf die Wände gedruckt wurden. Dazu die alten Schränke aus dunklem massiven Holz und die Sessel, in denen sie praktisch versanken, während sie ihren Kaffee tranken.
Der große runde Vogelkäfig von Purple stand hinter Peggy am Fenster. Der Vogel beäugte den Gast misstrauisch, sagte aber keinen Ton. Er dachte sich wohl seinen Teil ...
„Nett, die Kinder, nicht wahr?“, fragte sie Herrn W. C. Schwarz – so hieß der Schleimbolzen tatsächlich.
„Jaja, sehr nett“, entgegnete er nervös. „Ihr Sohn hat sein Zimmer im Keller, ja? Das soll ja sehr in sein, hab ich gehört.“
„Ach, ihm gefällt es da unten.“
„Ja, das glaube ich gerne ... Äh, was wollte ich sagen? Ach ja, hätten Sie nicht Lust, mal eine günstige, warme, trockene und gemütliche Wohnung zu beziehen? Ich habe gestern zufällig ein Angebot bekommen, meine Liebste, da habe ich sofort an Sie gedacht. Wo Sie doch hier in diesem alten, nassen Haus leben müssen.“
„Ach, wissen Sie, hier haben seit Generationen die Wetterfests gewohnt und diese Tradition werden ich und mein Sohn weiterführen. Ich denke, wir sollten unser Elternhaus in Ehren halten, wobei eine trockene Wohnung natürlich auch etwas Schönes wäre ...“, beendete sie den Satz gedankenverloren.
„Ich könnte Ihnen auch ein wunderschönes Haus besorgen, meine Liebste. Kein Problem für W. C. Schwarz. Hahaha!“
„Hahaha!“, krächzte Purple und wippte von einem Bein aufs andere.
Schwarz sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an und wollte gerade etwas zu ihm sagen, da unterbrach Peggy seine Aktion. „Nein, ich glaube, das ist nichts für uns. Hier wurden wir geboren und hier werden wir sterben.“
„Vielleicht, ja ... äh vielleicht überlegen Sie es sich ja noch einmal, meine Liebste“, redete er eindringlich auf Peggy ein.
„Möchten Sie noch einen Kaffee?“, entgegnete sie statt einer Antwort höflich.
„Nein, vielen Dank.“
„Nein, vielen Dank“, krächzte Purple.
Schwarz sah ihn mit blitzenden Augen an. „Es ist schon spät, ich muss jetzt leider gehen. Denken Sie noch einmal über mein Angebot nach, ja? Ich meine es wirklich nur gut mit Ihnen, meine Liebste.“
„Schleimer“, krächzte der Papagei und knabberte an seinen Krallen.
„Wie bitte?“ Schwarz stand jetzt vor dem Käfig und sah den Vogel durchdringend an.
„Ich glaube, er sagte bye bye oder so ...“ Peggy hatte den Vogel genau verstanden, lenkte so aber ihren Besucher ab und drängte ihn ein wenig Richtung Wohnzimmertür. Schwarz ließ dabei den Papagei nicht aus den Augen. Dieser drehte sich auf seiner Stange um und entleerte in Ruhe seinen Darm.
Schwarz verzog das Gesicht und wandte sich nun wieder Peggy zu. „Auf Wiedersehen, Verehrteste.“ Er verabschiedete sich mit einem Handkuss bei Peggy und ging mit ihr zur Vordertür hinaus.
„Auf Wiedersehen, Herr Schwarz. Schauen Sie doch mal wieder vorbei.“
„Das werde ich!“, rief er aus dem offenen Fenster seines Autos und brauste davon.
„Das werde ich sicher“, sagte er noch einmal leise vor sich hin. Er fuhr erst ziellos durch die Straßen und grübelte. Dass es nicht einfach werden würde, wusste er bereits. So oft hatte er diese Frau bereits besucht und versucht, ihr das Haus mit gutem Willen abzuschwatzen. Doch jetzt war Schluss. Er musste einen Plan schmieden, der ihr keine andere Wahl mehr lassen würde, als ihm das Haus zu verkaufen. Er hatte da auch schon eine Idee. Doch vorher musste er noch einmal bei seinem Boss vorsprechen. Dieser hatte ihn zu sich zitiert, um die letzten Neuigkeiten von ihm zu erfahren. Das würde nicht schön werden, aber da musste er jetzt durch. Langsam steuerte er auf das Büro seines Chefs Eduardo Tollini zu – und genauso langsam wurden seine Knie weicher.
*
„Moin, Peggy“, grüßte Mark seine Mutter, als er durch die Wohnzimmertür kam. Sie war gerade dabei, das Geschirr abzuräumen.
„Moin, Herr Wetterfest“, entgegnete sie ihm lächelnd.
„Was gibt’s Neues bei meinem Lieblingsschleimer?“, fragte er herablassend.
„Du sollst ihn nicht immer Schleimer nennen. Das sagt dein Papagei mittlerweile auch schon. Er benimmt sich nun mal sehr korrekt.“
„Korrekt? Für das, was er ist, gibt es viele Ausdrücke.“
„Ich höre da einen leichten Unterton. Kann es sein, dass du ihn nicht sehr magst?“
„Bingo“, bestätigte Mark diese Vermutung.
„Aber warum denn nicht? Er ist immer sehr höflich und zuvorkommend.“
„Mir ist er ein wenig zu höflich. Hat er dich wieder über eine neue Wohnung vollgequatscht?“, fragte Mark zögernd.
„Ja. Wieso fragst du?“
„War nur so ’n Gedanke. Aber kommt es dir nicht auch merkwürdig vor? Jedes Mal, wenn er hier ist, kommt er irgendwie auf unser Haus zu sprechen. Will er es kaufen und dann abreißen? Vielleicht will er hier ein supermodernes Einkaufszentrum hinsetzen. Wer weiß das schon so genau?“
„Nu hör mal auf zu fantasieren, Mark. Ich bin sicher, dass er nichts Böses vorhat. Er meint es bestimmt nur gut mit uns. So, ich muss noch abwaschen, was hast du denn noch so vor?“
„Null Ahnung. Ich werde mich wohl kurz auf mein Sofa legen und entspannen!“
„Na dann entspann dich mal, großer Meister.“
Mark wanderte ziellos durch das zweistöckige Haus und bekam das Erlebte des Tages nicht aus dem Kopf als plötzlich ...
„Waahaa! Ooouuaaauuhh! Ich glaub das ja nicht! Huuhuaaa!“, schrie er aus voller Kehle.
Seine Mutter kam völlig außer Atem die Treppe in den ersten Stock hoch gerannt und fragte mit sorgenvoller Miene nach seinem Befinden.
„Mir geht’s gut! Mir geht’s sogar sehr gut! Könnte nicht besser sein. Wirklich! Prima! Alles bestens!“, beruhigte er sie mit einem Grinsen im Gesicht. „Leg dich wieder hin, Peggy. Alles im Griff.“
„Mark Wetterfest! Dein Verhalten ist ein wenig merkwürdig, aber ich sehe da noch einmal drüber hinweg. Das nächste Mal rufe ich einen Arzt“, drohte sie ihm eindringlich und ging dann kopfschüttelnd wieder nach unten.
Den letzten Satz seiner Mutter hatte Mark schon gar nicht mehr vernommen. Er stand wie erstarrt vor einer Glasvitrine im Flur des ersten Stocks und bekam die Augen nicht weit genug auf und den Mund nicht wieder zu.
„Und ich dachte immer, das wäre eine Sammlung alter Blumenvasen und Klobürsten“, sagte er vor sich hin. Hinter dem Glas wurden schon seit ewigen Zeiten die Antiquitäten der Familie Wetterfest aufbewahrt. Und eines dieser Stücke wurde immer nur im Hintergrund aufbewahrt, weil einfach keiner wusste, was es darstellen sollte. Jetzt sah Mark es mit seinen eigenen Augen. Es war ...
„Der Schlüssel!“ Immer noch ungläubig über dieses Ereignis, stand Mark vor der Vitrine und seine Beine fingen an zu zittern. Er wiederholte es immer wieder flüsternd. „Der Schlüssel! Ich Idiot! Der Schlüssel!“
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