„Können wir jetzt beginnen oder nicht?“ Kaishens harter Tonfall reißt mich aus meiner Benommenheit.
Kohen erklärt mir, dass die Operation im Wachzustand erfolgen muss, damit mein Neurofeedback analysiert und das Gerät darauf eingestellt werden kann. Oder so was Ähnliches, denn so genau verstehe ich seine Erklärung nicht. Keine Narkose ist alles, was bei mir ankommt. Na toll. Das wird ja immer besser!
„Bitte leg dich wieder hin, und spreize die Arme leicht ab“, sagt Kohen. „Handrücken nach oben – ja, so ist es gut. Wir fixieren dich jetzt auf einer Kraftfeldliege, damit wir die Position für das Implantat exakt treffen.“
Als die Apparatur anläuft, fühle ich mich augenblicklich tonnenschwer. Ich möchte den Arm anwinkeln, doch er klebt fest auf seiner Unterlage. Ich will die Finger heben, aber sie sind wie festgefroren. Adrenalin schießt mir durch den Körper. Ich spanne meine Muskeln an und stemme mich mit ganzer Kraft gegen den Widerstand, mein Rumpf lässt sich allerdings keinen Millimeter drehen. Ich bin vom Nacken abwärts gelähmt. Panische Angst breitet sich in jedem Winkel meines Körpers aus.
Kaishen tritt an meine Liege und schaut auf mich herunter. Ich fühle mich wie eine Maus in der Falle, über deren Schicksal der Fänger gleich entscheiden wird. „Noch können Sie die Prozedur stoppen“, erklärt der Doktor. „Nur voll überzeugte Kandidaten dürfen ein Nomen tragen. Nach der Operation beginnt für Sie ein neues Leben. Dann ist nichts mehr wie zuvor.“
„Hast du das verstanden?“, fragt Kohen ernst. Als ich nicke, fügt er hinzu: „Dann bist du bereit? Du willst eine Nomen-Trägerin werden?“
„Ja“, antworte ich mit belegter, allerdings fester Stimme.
Kohens Miene erhellt sich. Vorsichtig schiebt er die Infusionsnadel in meinen Handrücken und hantiert an der Tropfflasche. Die Spinnenmaschine senkt sich auf mich herunter, ihre glänzenden Zangenbeine gleiten mit rhythmisch zischenden Bewegungen über meinem linken Arm in Position. Dr. Kaishen drückt einen transparenten Schuber mit den glänzenden Einzelteilen meines Implantats in die Maschine.
„Atme tief durch, und versuche, dich zu entspannen. Das tut kaum weh“, meint Kohen.
Ein heißes Stechen schießt durch meine Ohren. Er schwindelt.
Die Maschine justiert ihre Greifarme in immer feineren Schritten. Kohens besorgter Blick hilft mir, das „Stopp“ zurückzuhalten, das mir auf der Zunge liegt. Plötzlich sticht die Medizinspinne zu. Ich schreie. Die Maschine packt wieder zu. Und dann noch einmal.
Mein Herz hämmert. Ich atme gepresst, Tränen laufen aus meinen Augen und landen auf der Plastikliege. Die kleinen Bedienteile haben sie mir jetzt ins Handgelenk getackert, aber die Zentralmodule im Nacken fehlen noch. Wenn ich ohnmächtig werde, war alles umsonst.
Kohen scheint meine Panik zu bemerken. Er beginnt auf Dr. Kaishen einzureden, so leise, dass ich nichts verstehe. Habe ich es jetzt vermasselt?
Aber Kohen drückt meinen Arm. Er ersetzt die Flasche an meinem Tropf und beugt sich zu mir herunter. „Atme fünfmal durch, dann wird es leichter.“ Ich konzentriere mich ganz auf sein Gesicht. Seine wachen Augen geben mir Kraft. So begleitet mich Kohen durch die höllische Prozedur, bis die Operation abgeschlossen ist.
Erneut wechselt Kohen meinen Tropf, eine hellblaue Flüssigkeit kriecht in meine Venen, und sein Bild verschwimmt vor meinen Augen.
Als ich wieder zu mir komme, bin ich noch immer auf der Liege fixiert. Der Operationsraum liegt im Dunklen; Kaishen und Kohen sind verschwunden. Die Spinnenmaschine schwebt regungslos über mir, allerdings nehme ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Das Stromkabel! Es rührt sich. Schlängelt sich auf mich zu!
Ich will aufspringen, doch das Kraftfeld hält mich in seinem stählernen Griff. Ich bin gelähmt, kann nicht einmal schreien. Der Stecker erhebt sich wie ein Schlangenkopf vor mir, seine Kontakte sehen aus wie blitzende Giftzähne. Die elektrische Viper bäumt sich vor mir auf und beißt mich blitzschnell ins Genick.
Ein stechender Schmerz reißt mich aus dem Alptraum. Ich fahre im Bett hoch, greife mir in den Nacken und ertaste das Pflaster über meinem Nomen. Was hat Dr. Kaishen gesagt? Dann ist nichts mehr wie zuvor.
7. Kapitel
Am nächsten Morgen weckt mich eine kalte, nasse Hand. Ich blinzle und erkenne Felix, der triefnass und aufgekratzt vor meinem Bett herumhüpft.
„Hörst du es nicht?“ Er wedelt mit den Armen vor meinem Gesicht wie wild herum. „Es regnet! Es! Reeegnet! Los, komm raus! So was Frisches hast du noch nie gesehen!“
Ich reibe mir die Augen und lausche. Schwere Tropfen trommeln an die Fensterfront und prasseln auf das Vordach unseres Schlafsaals. Felix zerrt mich hoch, ich stolpere ihm im Nachthemd hinterher. Draußen fallen schnurgerade Wasserströme vom Himmel, mit wechselnder Stärke, aber unablässig. Ungläubig schaue ich zu, wie die rauschenden Wassermassen ungenutzt im Boden versickern. In Polaris reden sie angeblich von „schlechtem Wetter“, wenn es wie aus Kübeln schüttet. Bei uns wäre das die Sensation des Jahrhunderts.
„Da guckst du, was?“, sagt Felix. „Hier fallen die Liqui vom Himmel. Los, lass uns in Geld baden!“ Mit diesen Worten zieht er mich auf den Balkon.
Der Regen platscht auf meinen Kopf, läuft mir in den Nacken und kühlt meine abgeklebte Operationswunde. Lachend breite ich die Arme aus, lege den Kopf in den Nacken und blinzle mit nassen Wimpern in den Himmel. Als Felix seine Zunge herausstreckt und den Regen auffängt, probiere ich das auch. Zu Hause schmeckt das Wasser abgestanden und meistens gechlort – hier ist jeder Tropfen frisch und sauber.
Inzwischen klebt mir das Nachthemd am Körper, und meine Haare sind patschnass. Wirre Strähnen hängen mir ins Gesicht, die ich lachend zur Seite puste. Ich spüre, wie Felix mich beobachtet. Leicht unsicher schaue ich an mir herunter. Meine Schlaftunika klebt mir inzwischen komplett durchnässt am Leib, und von den Haaren laufen mir kleine Rinnsale in den Rückenausschnitt. „Ich sehe aus wie eine zerzauste Wüstenrennmaus“, stelle ich fest, was Felix grinsen lässt.
„Ach was, du siehst doch immer toll aus“, erwidert er.
Einen Moment lang bleibt mir vor Überraschung der Mund offen stehen. Wo kommt denn das Kompliment plötzlich her? „Tust du wirklich“, bekräftigt Felix. Er zwinkert mich verschmitzt an, bevor er mich packt, an sich zieht und in einem selbst erfundenen Regentanz im Kreis herumdreht.
Durch den Lärm, den Felix und ich veranstalten, sind auch die anderen aufgewacht und gesellen sich zu uns auf den kleinen Balkon. Morry stellt sich direkt unter den Regenablauf am Dach, sodass der Wasserstrahl von seinem Kopf in alle Richtungen platscht. Sein nasses Gesicht glänzt ungewohnt rosig. Da fehlt doch was, überlege ich. Dann fällt es mir auf: Seine Pickel sind kaum noch zu sehen! Die Nomen-Gesundheitsoptimierung scheint zu halten, was sie verspricht.
Felix lenkt den Wasserstrahl aus der Dachrinne auf die Neuankömmlinge und grinst über die spitzen Schreie der Mädchen. Die tun so, als wären sie empört, doch ihrem anschließenden Kichern zufolge lassen sie sich die Regendusche nur zu gern gefallen. Die sonst so schüchterne Mila quietscht besonders begeistert. Lachend bespritzen wir uns gegenseitig, bis alle klatschnass sind. Doch allmählich spüre ich die Kälte und fröstele.
Olya streicht durch ihre wirren Haare und rümpft die Nase. „Kein Wunder, dass sie hier jeden Tag warm duschen“, sagt sie. „Ab ins Badezimmer.“
Badezimmer? Allein schon das Wort lässt mich an Lottogewinner und reiche Firmenbosse denken. So etwas gibt es im Rauring nicht, schließlich kommen wir nur einmal im Jahr zu einem richtigen Badevergnügen, wenn das große Waschfest gefeiert wird. Fünf Familien sparen gemeinsam auf eine Wanne Frischwasser, der sie schon Wochen zuvor entgegenfiebern. Sobald das kostbare Nass endlich da ist, planschen wir darin, bis es trüb ist wie Sojamilch – schließlich muss für die nächsten dreihundertvierundsechzig Tage wieder ein feuchter Lappen genügen.
Читать дальше