Abrupt schaut Felix hoch.
„Aber das ist nur ein Gerücht“, schiebt Mila schnell nach. Wie beruhigend.
Nun beginnt das Warten. Nach fünf Minuten holt Kohen den ersten Kandidaten zur Operation ab, Linkskahl Ambos. Der kommt nicht zurück. Stattdessen ist nach weiteren zehn Minuten Rechtskahl dran.
Nach einiger Zeit verstummen die Gespräche. Felix zerbeißt seine Unterlippe, während Mila die Arme so fest um sich schlingt, als würde sie frieren. Ich beobachte die Leuchtziffern der Uhr an der Wand des Wartezimmers, auf der die Minuten unfassbar langsam wechseln. Einmal glaube ich einen gedämpften Laut zu hören, erst kurz, dann langgezogen. Hat da jemand geschrien, drüben im Operationssaal? Das bilde ich mir bestimmt nur ein. Doch Anna hat es auch gehört. Erschrocken verzieht sie das Gesicht. Sie ist die Nächste. Statt des so unbekümmerten Mädchens von gestern schleicht jetzt ein zitterndes Nervenbündel hinter Kohen her.
Mit stumpfem Blick starren wir auf die Muster in den Bodenfliesen, zählen die großen und kleinen Dreiecke zum hundertsten Mal. Als Ben drankommt, ist seine dunkle Gesichtsfarbe einem kränklichen Olivton gewichen. Die Nächste bin ich. Jetzt ticken die Minuten plötzlich schneller herunter. Ich bin noch nicht bereit! Aber schon öffnet sich die Tür. Kohen wirft mir einen ermutigenden Blick zu. Ich hole tief Luft und folge ihm in den Operationssaal.
In dem weißen Raum riecht es antiseptisch. In der Mitte des Zimmers wartet eine weiß glänzende Liege auf mich, daneben ein Stativ mit Infusionsschläuchen, dahinter eine schmale Röhre. Über der Liege schwebt eine komplexe Apparatur aus Edelstahl, die mich zusammenzucken lässt. Nicht wegen der tausend Lämpchen, Schaltflächen und Displays an ihren Seiten, sondern wegen der zangenförmigen Greifarme. Das medizinische Monstrum hängt von der Decke wie eine gigantische Spinne.
Hinter einem transparenten Holoschirm befindet sich Dr. Kaishen. Er hält meine Blutflasche in der Hand und starrt mich an.
Kohen bleibt neben mir stehen. Er wartet auf Anweisungen, allerdings rührt sich der Doktor nicht. Meine Kratzwunden! fährt es mir durch den Kopf. Die erschrecken jetzt schon die Ärzte. Schnell ziehe ich meinen Hemdkragen noch höher und nestle an den Ärmeln herum, um die Wunden zu verstecken.
„Das ist Emony Keller“, sagt Kohen, als die Stille schon peinlich wird.
„Die Akte habe ich vor mir“, erwidert Kaishen scharf. „Ziehen Sie das Hemd aus“, befiehlt er in meine Richtung. Ich gehorche und nehme Platz auf der Liege. In dem verschlissenen, beige-braunen Unterhemd von zu Hause, das ich mir noch mal übergestreift habe, weil ich die kühle Luft nicht gewohnt bin, sitze ich da. Die Hitze steigt mir ins Gesicht, während der Doktor mit kalten Latexhandschuh-Fingern über meinen fleckigen Hals streicht. Seine Oberlippe kräuselt sich, bevor er die Diagnose diktiert. „Ignigitis. Akutes Kratzsyndrom im Schulterbereich, links stärker als rechts. Außerdem an den Armen.“
Kohen nickt und tippt die Angaben in den schwebenden Holoschirm, sicher und konzentriert. Seine Hände sind leicht gebräunt – ganz anders als bei den Männern im Rauring, die unter ihren Schutzanzügen käsebleich bleiben. Mit seinen dunklen Augen wirkt er richtig sympathisch. Jetzt zeigt er auf das weiße Operationshemd, in das ich schlüpfen soll.
Meine Stirn wird noch heißer. Muss ich mein Unterhemd wirklich ausziehen? Vor ihm? Damit er meine hässlichen Kratzwunden sieht? Doch Kohen scheint Gedanken lesen zu können. Sowie ich mein Unterhemd zögernd anhebe, schaut er rücksichtsvoll weg. Erst als meine Finger den Klettverschluss am Rückenschlitz nicht finden, dreht er sich wieder um. Aufmunternd lächelt er mich an. Sein Verständnis verunsichert mich seltsamerweise noch mehr.
Dr. Kaishen öffnet eins der vielen Schubfächer an der Wand und holt eine rote Tube heraus. „Normalerweise heilt das Nomen Hautverletzungen automatisch, aber bei dieser hochgradig chronischen Ignigitis ist zusätzlich eine äußere Anwendung notwendig. Tragen Sie die Salbe zweimal täglich dünn auf, bis die Entzündungen abgeklungen sind.“ Er legt die Tube auf den Beistelltisch, tritt an die Röhre hinter der Liege und erweckt ihre Displays zum Leben. Dann kommt der Satz, vor dem ich mich fast noch mehr gefürchtet habe als vor der ganzen Operation. „Nehmen Sie die Kette ab“, sagt Kaishen, ohne mich anzuschauen. „Metallteile stören die Bildgebung im Venenscanner.“
„Äh.“ Schützend greife ich nach dem Rauringsplitter an meinem Hals. „Das geht nicht. Sie hat keinen Verschluss. Ich kann sie nicht über den Kopf ziehen, sie wurde damals zusammengelötet!“
Meinen panischen Blick nimmt der Doktor gar nicht zur Kenntnis. „Kohen, schneiden Sie die Kette durch“, sagt er, während er sich mit dem surrend anlaufenden Scanner beschäftigt.
Ich umklammere den kantigen Ringsplitter. Furcht steigt in mir hoch. „Nein, bitte nicht! Die Kette ist sehr wichtig für mich!“ Meine Stimme bricht. „Sie … sie ist von meinem Vater.“
„Das lässt sich auch anders lösen“, wirft Kohen ein. Er greift nach einem Isolierband und umwickelt die Kette mit schnellen Handgriffen. „Es ist das gleiche Material wie der Rauring“, sagt er in Kaishens Richtung, während er über meinen Ring ebenfalls eine Isoliermanschette schiebt. Der Doktor kümmert sich nicht weiter darum. Anscheinend ist ihm das WERT-Verbot egal, und ich kann die Kette vorerst noch behalten.
Kohen nimmt meinen dankbaren Blick nicht wahr, weil er sich schon mit dem Verstellen der Liege beschäftigt. Ich muss mich auf dem kalten Kunststoff lang ausstrecken, bevor er mich mit dem Kopf voran in den dunklen Tunnel des Venenscanners schiebt.
Eng ist es hier drin. Verdammt eng! Meine Brust zieht sich zusammen, denn ich kann in beengten Räumen nicht richtig atmen. Schon seit ich klein war, neige ich zu Platzangst. Ich fange an zu schwitzen. Wahrscheinlich ist das schon wieder ein Test, schießt es mir durch den Kopf.
Die Röhre beginnt zu vibrieren, dunkle Klopfgeräusche ertönen von den Wänden um mich herum. Sie wecken meine ständige Furcht vor Erdbeben, vor dem Eingesperrtsein. Die Angst, nicht weglaufen zu können, wenn die Betonwände Risse bekommen. Die Panik, über mir könnte die Decke einstürzen und mich im Untergrund zerdrücken. Erst vor einem Jahr gab es einen katastrophalen Erdstoß in einer Nachbarsiedlung. Die Bilder der Verschütteten habe ich noch deutlich vor Augen.
Kaishens Stimme holt mich aus den schrecklichen Gedanken. Meine Liege bewegt sich und fährt mit mir aus der Röhre heraus. Erleichtert atme ich auf.
Der Arzt sitzt vor einem überlebensgroßen 3D-Hologramm meines Oberkörpers. Meine Haut erscheint darin transparent; die Knochen leuchten bläulich. Ich sehe mein Herz in Echtzeit schlagen und das Blut durch die Arterien pulsieren.
Das sind also meine inneren Werte.
Ein Lautsprecher überträgt meine Herztöne. Das dumpfe Pochen klingt seltsam unheimlich. Es erinnert mich an die unruhigen Nächte zu Hause, wenn ich in der stickigen Hitze unserer Wohnung nicht schlafen kann und auf meinen eigenen Herzschlag horche, der manchmal aus dem Takt gerät.
In meinem Hologrammkörper taucht nun das dreieckige Nomen-Nackenteil auf. Ein Blitz zuckt heraus und fährt in meine virtuelle Wirbelsäule. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Was hat der Arzt vor? Ungerührt wiederholt er die Prozedur an meinem holografischen Arm.
Kohen hat meine Anspannung registriert. Kein Wunder, ich habe einen Puls von hundertvierzig. Leise spricht Kohen auf mich ein. Ich mag es, wie er das R rollt, denn es klingt irgendwie vertraut. Seine genauen Worte kommen nicht in meinem Bewusstsein an, aber seine samtene Stimme beruhigt mich. Er hat heute schon zig Operationen begleitet und kümmert sich dennoch so aufmerksam um mich. Sprich weiter, will ich sagen. Bitte, hör nicht auf zu reden.
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