Ein Rascheln kam auf, von fern erst und bald von nah, als eine gewaltige Hirschsilhouette jenseits des Wildwechsels zwischen zwei umfangreichen, in ihren Wurzeln und Kronen zusammengewachsenen, von dickwindigen Misteln verzweigten, eine Pforte formenden Baumstämmen erschien, als die paarhufigen Beine, keine Körperteile, sondern eher fallholzige Verästelungen des Forstes selbst, schrittweise das Tier Brust voran, kapital und majestätisch langsam aus der Dickung zur Mitte der länglichen Lichtung brachten, als hätte es keine Wahl, eben jetzt in die Welt zu treten. Sein Haupt neigte und Kiefer entzweiten sich, Zunge und Zähne, Moos äsend, das zwölfendige Geweih, es schwebte da, gleichgestaltet der moosfelligen Schieferplatte, die das Tier nährte, das Schaufeln formende, abwurfbereite, moosig bastbesaitete Stück am Wildtierkopf, voll von Blutgefäßen die testosterongeschwängerte Trophäe, als ob sie am Opferaltar darniederläge. Kurtis stierende Augen, die oder wir, schweiften weg, der Wald war immer schon der Forst, sahen ab von der Lichtung, geh spazieren , taxierten das Beil, auf der wilden Seite , fixierten wieder mich. Seine Finger juckten nicht. Er wirkte müde und lasch. Dann haschte er doch. Fasste eine Zigarette aus der Packung. Das Klicken des Feuerzeugs hallte wider wie eine Flinte in leerem Wald. Aber bloß in mir, denn das Wildtier war nicht voll, weder Blei noch Moos, schon gar nicht sonst was, stand da, aß. Es sei wohl der Platzhirsch und fehle zu sehr, fehle zusehend, falle auf, wenn er ausfalle, nicht mehr auftauche. Kurti nickte, stockte, zitterte, rauchte.
»Warum kommst du nicht mehr zu mir?«
»Die Schlange ist zu lang.«
9 Menschen, die in malerischen
Gegenden herumstehen und
gegenständliche Malerei bereden
Gerade vor Wochenenden, samstags und feiertags versammelte sich nahezu das ganze Kaff vor Kurtis Fleischerei. Nach einer guten Stunde Autofahrt parkte ich dann meinen Mercedes am Straßenrand hinter der Ortstafel, um mich als Letzter einzureihen in die mehrere hundert Meter lange Menschenmauer, an deren Ende Kurtis kleiner Laden zu sehen war, zumindest bei gutem Wetter, bei Föhn, der die Luft zu Glas machte und scheinbar sogar noch diese Schicht zum Klirren brachte, als wäre einfach nichts, jede Verunklarung weggenommen, zwischen mir und den feingezeichneten, zum Greifen nahen Fichtennadeln, die einzeln abzählbar vor den Kalkalpenhängen schwebten. Provinzler in Lodenmänteln und Jack-Wolfskin-Jacken hingegen drängten sich mir in den Blick, wenn es Schnee stöberte, und die langen weißen Wehen verhängten in ihrem Vorübergehen von rechts nach links, in russlandhohen Nordostwindböen tallängs die Sicht auf das Ziel. Zu Ostern noch jagte oft der Raureif seine Kristalle über die umliegenden Felder und Vorgärten. Die anstehenden Kunden ließen Fäustlinge, Zipfelmützen, Skimasken und Schals zu Hause, um mit aufgesprungenen Lippen und ekzemgebeutelten Händen die gereichten Plastiksäcke über der Theke entgegenzunehmen. Stand ich endlich vor Kurti, sagte er nur:
»Siegi.«
»Kurti.«
»Wie gehts der Familie?«
»Noch alle vollzählig.«
Dann breitete er das saisonale Angebot vor mir aus, wobei er manche Waren, für vier gar nicht zu schaffende Bratenstücke oder riesige Schwarzfußkeulen außerhalb meiner Preisklasse beiseiteräumte. Er entfernte sich durch eine hinterwandige Tür und holte noch andere Schlachtstücke, in Fettpapier eingeschlagen, das er vor mir hinter der Thekenscheibe entfaltete wie eine uralte Papyrusrolle, die mit Gott weiß welch edlem Gesetzestext beschriftet war: »Rindsrouladen«, beispielsweise sagte er dann, »extra fett, nicht so trocken wie das Gesochs im Supermarkt«, und direkt daneben lag dann »Beiried, kein Gramm zu viel, pures Fleisch, ohne Flachsen, keine Faxen bei mir«, und Kurti zwinkerte mir dann zu, weil er wusste, dass er mir gegenüber aufwarten konnte mit diesem hochdeutschen Vokabular, hatte ich doch in Salzburg studiert. So richtete sich das Sortiment hier, nicht wie überall anders umgekehrt, nach den Kunden und ihren Wünschen, die Kurti feinster Nase erriet, witterte, was wiederum bloß bedeutete, es richtete sich nach ihm, was er für gut befand, was er gerade vorrätig hatte, was er empfahl, er nahm einem sowohl die quälende Auswahl als auch die ausschusshafte Qualität der Supermarktprodukte ab. Keinesfalls hat jemals jemand wirklich geordert und gekauft, was hinter der Ladentheke zu den angeschriebenen Preisen feilgeboten war. Allen wusste Kurti spezielle Angebote zu unterbreiten, die er aus den schier endlosen Weiten seines Lagers im hinteren Ladenteil zusammenstellte. Zum Teil dieser Überraschung wegen schon zogen die Leute Kurtis Fleischhauerei den wie Meilensteinen allenthalben in die Landschaft gepflanzten Supermärkten vor, die, wo sie auch waren, die gleichen Waren führten, jedweder Abwechslung bar.
Anlass zur Unterhaltung boten mir die endlos variierbaren Visionen von Kurtis Lager, das angeblich nie ein Mensch gesehen, geschweige denn betreten hatte und die ich mir demgemäß mal als riesige Bibliothek voller Abertausender Leitern und Regalfächer beschrieb, Kurti parallel als blinden Bibliothekar mit geschwärzter Nickelbrille und Zettelkasten voller gestanzter Karteikarten, die er erst gelehrt und verständig abtastete, bevor er bombensicher argentinisches Rind von den Brettern fasste; mal als schlichter Raum voller zu erklimmender, schlimmer als der K2 ansteigender Filethaufen und vereister Schnitzelgipfel vorgestellt, Kurt in Steigeisenschuhen, mit Fleischpickel in der Hand, Adrenalinschweiß unter der Haube und Sauerstoffflasche auf dem Rücken; mal als labyrinthischer Keller imaginiert, in dessen Mitte der Staub von den letzten Sandalenkampfschritten noch in der Luft schwebte und ein monströses Mischwesen aus Rind, Schwein, Wild und Geflügel mit den Hufen scharrte, halb wahnsinnig, aus dessen Flanken Kurti mit antiquarischem Schwert frische Scheiben hieb; mal als Bastelatorium bezeichnet, wo Kurt mit Nadel und Faden die Einzelteile seiner Schlachtopfer verband, festgeschnallt auf einem Narrenhausbett à la du-entwischst-mir-nicht-mehr-in-den-Wald den wieder synthetisierten Körper dem Odem einhauchenden Blitzschlag überließ, um sie defibrilliert, panisch schwanzwedelnd, blutdurchpulster Gefäße, zu Tellern geweiteter Pupillen im dunklen Turmzimmer, vor Schreien fast schon aufspringender Halsschlagadern, nochmals frischer auseinanderzunehmen; und mal im warmen, flackernden Licht einer eiskalten Pathologie gezeichnet, voller Viehschubsärge und Kurtis Rauchausstoß, seinem eigenbrötlerischen Gebrabbel auf Diktiergerät, das die chirurgischen Eingriffe seines einzigen Kollegen und Lehrlings, Mister Kurt, kommentierte, inspiziert unter Elektronenmikroskopen, durch die er das Gewebe, die Abwesenheit von Karzinomen und Genmutationen kontrollierte; mal als karibischer Strand, auf dem in Liegestühlen und an Beistellklapptischen voller Limonadencocktails die Tiere in der Sonne brieten und Kurti sie nur sabbernd anzugaffen brauchte von einem benachbarten Barhocker aus, wo er noch einen Bahama Mama bestellt und abwartet, bis sie herzkasperlmäßig für immer die Augen zutäten.
Fließbandmedikation, Antibiotikaabfertigung, Hormonterror, Psychobeschallung, Mozarttierhaltung, Massenprogramme und Masttherapie jedoch kamen nie vor in diesen einfallslosen Visionen. Sie waren angeschottert mit durchaus saisonabhängigen und zeitungsmeldungsäquivoken Variationen, wie viele organische Eisberge Kurti nicht bestieg in dem Jahr, da dieser österreichische Achttausendsasser seinen letzten Himalayagipfel erklommen hatte. Ich behielt diese verfilzten und vielzitierten Bilder für mich, sinnierte vor mich hin, in die Schlange eingegliedert und ausgeklammert. Wenn ein Gerücht die Linie machte, sich mein Vorderjemand voller auf Lodenmänteln besonders klettenhaft haftender Schneeflocken geheimnistuerisch zu mir umdrehte, den Schal herunternahm vom schlecht rasierten Gesicht, auf Zehenspitzen gehend die Sohlen der Bauernschnürschuhe knickte, die Fersen in die Höhe hievte, die Lippen fast an mein Gesicht, da spitzte schon mein Hinterjemand das von einer extra hochgeschobenen Steirerhutkrempe bewindschattete Ohr über meine Schulter, um dem Gerüchteerzähler seine Geschichte abzunehmen und weiterzuspinnen den Provinzfaden entlang. Abgefahren sei der schwule Friseur, der eines Tages aus Wien hier eingeritten sei, von hinten an seinen Lover geschmiegt und geklammert auf einer pastellgelben Kawasaki Ninja. Nicht mal lenken könne der selbst und nehme demgemäß diesmal, nachdem es ihm ein für alle Mal gezeigt gewesen sei nach letzter Samstagnacht und er erledigt geworden sei, wie es Kölnischwasserbadern wie ihm gebühre, den Zug zurück. Denn selig sind die, wie ein österreichischer Kabarettist unlängst wissen ließ, die verzichten könnten auf den Nahverkehr, sie wären gefeit vor schreienden Kindern und jüdischen Düften, verbannt im umgekehrten Sinn der schwule Friseur, dorthin, wo er hingehöre und herkomme, sagte mein Vorderjemand mit methanolbetäubten und kältegemarterten Wangen voller Pusteln. Der schwule Friseur hätte ihn gewiss nach dem Rasieren balsamiert mit einer alkoholfreien Lotion. Vergib ihnen, Vater, aber überlass sie Satans Gulaschsuppe, denn Dummheit schützt vor Höllenqualen nicht und für den Eintopf wird stets minderwertiges Fleisch gesucht. Im Anschluss des eben erst geendeten Schneefalls war alles besonders gut vernehmbar, jedes Geräusch, sämtliche Klänge, alle Vokabeln. So kam die Geschichte auch schon hinter meinem Hinterjemand bei einer steinalten Frau an, die ebenfalls gut riechbar war, der greise, nasenbeißende Schweiß gelöscht vom Schneien. Geöffneter Mäulchen samt vierundvierzigfachen Insektenfresserzähnen noch darin, weiß wie Eis, hingen die Nerze von ihrem Mantel, verströmten noch das Zyklon B, mit dem sie erstickt worden waren auf irgendwelchen Pelztierfarmen in der Tschechischen Republik, vermutlich über die Grenze geschmuggelt, verpackt in vollen Mottenkugelkisten, penetrant strahlte die Frau auch deren Geruch aus in die olfaktorisch geleerte Landschaft.
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