Leander Fischer
Die Forelle
Roman
Wallstein Verlag
Prolog: Goldkopf
1. Siegi bindet immer wieder viele, viele Fliegen
2. Friedl besetzt das Wasser und Ernstl verhindert das Schlachten
3. Wie Nina diesen Siegi so findet und wie Siegi mit etwas Hilfe die perfekte Goldkopfnymphe bindet
4. Eine pubertierende Teenagerin befindet sich am Flussufer
5. Was die Ritz-D-Nymphe in ihrem Innersten zusammenhält
6. Schuldige werden gefunden
7. Schwarzwichte und Bösefischer werden gebunden
8. Siegi findet den wilden Fleischhacker im zwielichtigen Wald
9. Menschen, die in malerischen Gegenden herumstehen und gegenständliche Malerei bereden
10. Siegi hört eine Radiosendung über Kleinstarbeit am Rasterteil
11. Siegi versucht sich in der ernstllosen Zeit zurechtzufinden
12. Kurti und die Rinder
13. Die Fremden im Dorf
14. Siegi findet sich in der ernstllosen Zeit zurecht
15. Pauli, Kurti, Jochen, Siegi und die Kunst
16. Siegi dröselt seinen Ernstlfaden auf und zwirbelt ihn wieder zusammen
17. Siegi isst mit Frau Thalinger
18. Siegi Heehrmann und die Oberers
19. »Auch ein Polizeirat ist ein Mensch und ist verheirat.« Gerhard Bronner
20. Knoten
21. Siegi holt sich den ultimativen Satansbraten
22. Vier Fliegenfischer ziehen in diesen ihren Krieg
23. Nina findet sich in der ernstllosen Zeit gut zurecht
24. Ein Bindezimmer für sich allein
25. Ernstl und Siegi packeln miteinander
26. Mercedes bringt Siegi die Spinne bei
27. Graf von Kaun und die niedrige Kunst der Ausstellung
28. Siegi bringt dem Grafen die Schlaubergerguldafliege bei
29. Siegi und Archiebald gehen ohne Tschick Ritz-D-Fischen
30. Jean hält Siegi aus
31. Siegi ist ein gefragter Mann
32. Drei Freunde durchstreifen ihrer drei Feinde Revier
33. Obacht, Siegi, picknickende Oberbösewichte zu beobachten
34. Siegi fischt ganz allein mit Charly Fly und Red Tac
35. Siegi sucht und findet Zuflucht nicht nur bei lachenden Haberern
36. Siegi findet sich langsam mit dem Attentat auf sein Auto ab
37. Vier Freunde finden sich zum Umtrunk ein in Harris Stube
38. Siegi versucht den bisher dicksten Fang an den Mann zu bringen
39. Siegi und Archie haben einen Traum
40. Jean boxt Siegi raus
41. In Harris Umtrunkstube warten vier Freunde auf den fünften im Bunde
42. Der Haberer hat sich ausgelacht
Epilog: Zampano-Opas
Dank
»So, pass auf jetzt!«, noch wusste ich nichts über Ernstl, über sein Leben, über seine Ansichten, »setz dich her!«, warum er immer barfuß war, warum seine Hände ständig zitterten, »trink was!«, ob er längst das Delirium tremens oder einfach schon ein tattergreises Alter erreicht hatte. »Gentlemen!«, während Ernstl einschenkte, klackerte der Flaschenhals in solcher Frequenz auf das Glas, dass es fast ein einziger Ton wurde. Kurz trillerte das Geräusch noch im Zimmer, wurde immer leiser, verebbte, Stille. Ernstl knallte die halbvolle Doppelliterflasche auf die Tischplatte, an der wir nebeneinandersaßen, jeder einen randvollen Pokal vor sich, beide den Blick durch das Fenster in den sonnengefluteten Garten gerichtet. Die Farbe des Mittagslichts und des Weins glichen sich. Es war nicht Ernstls erster. »Endlich«, sagte er, als seine Herbergsgeberin Nina draußen an die Grundwasserpumpe trat. Aus dem Hahn schoss sogleich ein glitzernder Strahl in einen Waschzuber. Beim Aufprall spritzten die Tropfen durch die Luft, verwandelten sich in Weißwein und dann zu einem Wirrwarr aus Spektralfarben, fielen auf die Gartenerde, als wäre nichts gewesen. Ernstl nahm einen Schluck, legte einen Köder zwischen uns, flüsterte: »Die Goldkopfnymphe, eines der fängigsten Muster, die wir kennen«, ob Ernstl von sich im Majestätsplural sprach oder die Fliegenfischgemeinschaft meinte oder beides, wusste ich ebenfalls nicht: »Bitte?«, sagte ich. »Bitte fortfahren, oder was?« – »Nein, bitte was, also, was bitte?« – »Ja, was, was bitte? Gold-Kopf-Nymphe! Murmel aus Gold, auf den Haken gefädelt, ist schwer, geht unter, Nymphe, im Gegensatz zur leichten Trockenfliege, die oben schwimmt«, Ernstl hielt währenddessen die Fliege direkt vor meine Augen, wozu er den Hakenbogen zwischen Daumen und Zeigefinger nahm. Seine Hand zitterte so stark, dass ich glaubte, gleich erwache der Köder zum Leben und schwirre durchs Zimmer. Doch dann warf Ernstl ihn wieder auf die Tischplatte, wo er reglos liegen blieb. Ohne dass ich einen Luftzug gespürt, Schritte oder die Türe aufgehen gehört hätte, ging Nina an uns vorbei in das Zimmer nebenan. Ich sagte: »Aber was meinst du mit Muster?« – »Nina, Nina!«, schrie Ernstl durch die Tür. Sogleich erschien sie im Rahmen. »Sie haben uns einen Trottel geschickt, einen völligen Idioten, den geben wir an den Volki ab.« Während Ernstl sein Glas austrank, hob aus einem überdimensionierten Käfig, den Nina unterm Arm trug, ein hohes, vielstimmiges Fiepen an. Es begleitete ihre Antwort, die darunter wie ein Hauchen verklang, dazu ihr Blick, ausdruckslos, nicht gerichtet, in sich gekehrt: »Nimms nicht so schwer!«, womit sie wieder verschwand. Ich wertete das als Zuspruch an mich: »Ist der Köder kaputt? Der hat keinen Widerhaken?« Ernstl trank einen großen Schluck aus der Doppelliterflasche: »Das gehört sich so.« – »Warum?« – »Damit der Fisch leichter entkommt.« – »Ist das nicht widersinnig?« – »Du willst fliegenfischen. Warum?« – »Die Wurftechnik fand ich immer schon toll, so leicht, unbeschwert.« Und genauso sei es, sagte er. Ein Widerhaken sei widersinnig. Der Fisch habe eine faire Chance. Und fingen wir ihn doch, setzten wir ihn zurück. Nur das Erlebnis zähle, nicht das Ergebnis. Eine uralte, quasi humanistische, in England zur Hochkultur perfektionierte Gentlemenbetätigung. Wenn etwas totgeschlagen werde, bloß die Zeit, völlig widerhakenlos, sinnlos, undsoweiter, well, Ernstl deutete mit einem zittrigen, versöhnlichen Schwenken auf die Tischplatte. Mein Blick ging darüber hinaus, durch das Fenster, in den Garten, wo Nina kniete und aus dem Waschzuber den ersten reglosen Katzensäuglingskörper hievte. »Schau nicht so, erschlagen tränkt das Fell mit Blut. Dann sind die Haare für die Katz.« Wieder klackerte das Glas.
»Früher hast du mir wenigstens welche mitgebracht«, als ich noch in dem nahe gelegenen See auf Barsche fischte oder während des Urlaubs in Tiefseen mit lebendigen Ködern auf dreifachen Haken Seeteufel erbeutete, »ab und zu zumindest«, wenn ich welche fing. »Nie bist du da!« – »Er wartet sicher schon.« – »Soll er, bis er alt wird.« – »Ist er. Deswegen ja. Ich muss.« –»Geh bitte!« Wenn ich den Fluss allein hinauffuhr, dachte ich viel an Lena, und erst während meiner Unterweisungen. Sie war eine Goldkopfnymphe, mein Schatz, und ihre Maria, die Jüngste, damals noch nicht geboren, wurde wieder eine. Die Söhne schlugen mir nach, hatten meine Haare und Augen. Sie bekamen meine Abwesenheit nur an den Wochenenden und am Esstisch mit. Das Kartoffelnkochen ließ ich an meinen freien Vormittagen bleiben. Statt gebratener Fleischscheiben lagen Minutenterrinen bereit, sobald Lukas und Johannes nach Hause kamen vom Gymnasium. Meine Arbeit begann, sobald ihre endete. Als Musikschullehrer unterrichtete ich Kinder nach ihrem Unterricht auf den Saiten von Violine, Viola und Gitarre, zeitweise Mandoline, schwer aus der Mode, so gut wie vorbei. Wie der Duft von Hechten und Flundern in unserer Wohnung am Wochenende. Wie es roch, ich wusste es nicht, Lena kochte inzwischen. Ich kam immer später. Oft schlief sie schon. Das Geschirr war bereits kalt, die Küche stets durchgelüftet. Ich zitterte dann am Fenster, stellte auf Kipp, schaute hinaus zum Fluss.
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