Langsam aber sickerte Blut aus seinen Füßen zwischen die Splitter, in die Dielenritzen, bildete glitzernd das Muster einer Fahne und verwandelte weißen Wein in Rosé, »Monsieur, silvu ples, Ritz D!« Ich roch seine Fahne, und die beiden Fahnen stimmten darin überein, dass sie jemand vor sich hertrug und es allen Umstehenden unangenehm ist. »Warum Ritz D?«, fragte ich, weil mir nichts Besseres einfiel. »Na ja, die hat Charles Ritz entwickelt, ein begeisterter Fliegenfischer, wir hatten noch die Freude.« – »Ja, aber warum D?« – »Na, weil Ritz A, Ritz B und Ritz C scheiße waren. Auch die Muster haben ihre Geschichte, müssen eingeübt, an Flüssen ausprobiert, im Zweifelsfall verworfen und modifiziert werden. Es hat den guten Mann Jahre gekostet, Jahre, die du nun in wenigen Wochen in dich aufsaugen wirst«, und irgendwie beschwichtigte mich diese Antwort, vielleicht nur, da mich der lange Marsch in meiner Phantasie schon mundtot gemacht hatte. »Eine Frage noch, Ernstl!«, dazu vermochte ich mich noch aufzuraffen. »Wir hören dich gar nicht schrauben.« – »Sind wir eigentlich Umweltschützer?« – »Mit Sicherheit«, er zog sich einen Glassplitter aus der Ferse und schnippte ihn aus dem Fenster in den Garten hinaus, wo Nina einen faustgroßen Stein nach dem streunenden Kater warf. »Ich meine, sind wir überhaupt auf die Fische bedacht?«, fragte ich und meinte eigentlich vielmehr, ob es sich bei diesem ganzen Gehabe nur um die Marotten, die sich selbst übertreffenden Wunderlichkeiten, die zur Schmierenkomödie verwandelte Tragödie eines alten Mannes handelte. Impotenz, dachte ich, ein Fliegenfischer, der nicht Hand anlegte an Fische, wenn das nicht die Definition von Impotenz war. »Worauf sollten wir denn sonst bedacht sein, wenn nicht auf die Fische?« Und ich fragte ihn, wann wir uns dann endlich den Fischen zuwenden würden, und Ernstls Monolog begann. Einbildung sei eben auch eine Bildung und was ich mir denn einbilde, jetzt schon ans Wasser zu wollen. Was sein vorletzter Schüler, der Fredl, der Herr Polizistentrottel, dieser Bierdümpel, wohl geantwortet habe auf die Frage, warum er Fliegenfischen lernen wolle. Blinkern, Spinnfischen, Reusenlegen, Hochseeangeln, Netzeschleppen, Aalrutenfangen, das könnte er alles schon, wie schwer wäre da schon Fliegenfischen. Und Ernstl hätte ihn die Holzstufen der Herberge hinabgeprügelt. Dann erzählte Ernstl, dass diese Katzenbastarde auch nur deshalb ertränkt werden müssten, weil es sie ohne den Menschen, der die Katze zum Haustier gemacht hätte, gar nicht gäbe. Und sonst würden sie bald der Wildnis ungebührenderweise anheimgegeben, darin herumstreunen, und Streuner zeugen immer nur neue Streuner, und der größte aller heimatlosen, zukunftslosen und herkunftslosen Streuner ist sowieso der Mensch, und im Akt des Wiederfreilassens des gefangenen Fisches mimten wir eine Welt ohne Menschen, aber mit Menschen, viel ausgefeilter als das tumbe Menschenaussperren oder Tiereeinsperren des Naturschutzgebietes, im Angesicht der Forelle und bei der begnadigenden Berührung macht sich der Mensch selbst nichtig, hinterlässt keine Spur, wie Luther meint, im Wissen um die morgige Apokalypse würde er heute noch einen Baum pflanzen, und ich dachte, Ernstl hatte einen Traum. Wir gingen mit der Verleugnung und der Verdrängung produktiv um und so ist das Fliegenfischen stets nur auf die Fische bezogen und auf uns, und diese Verbindung, schloss Ernstl, sei die Fliege, und driftete dann weiter ab, wie ein Boot, das eigentlich schon am Steg festgemacht war, dessen Knoten sich aber löste oder dessen Seil von Verwitterung und Zersetzung malträtiert einfach zerfiel. Ernstl redete irgendetwas weiter, und wenn ich mir irgendetwas davon einprägte, so war es weniger, was er sagte, sondern der Ton, den er im Monologisieren anstieß, das sanfte Dahinschippern eines Kiels, das schwache Schwappen der Wellen, das Sich-wieder-Schließen der Flusswassermassen, auf dem dieses Totenboot hinübergleitet in die Unterwelt, das dem Abtritt vorauseilende und das Absterben geleitende und die Totenglocke läutende, die Tür hinter ihm zuziehende letzte Gebrabbel eines sturmalten Mannes, unter dem ein Fluss murmelt: »Gedenke stets der Ratte!«, Bisamrattenfell bekäme ich wohl noch zum Fliegenbinden, ehe ich zum Fliegenfischen käme. »Und jetzt los! Liebe ihren Schwanz!«, draußen riss Nina handschuhlos eine violett blühende Distel aus. Ich schraubte das Radio auf, während Ernstl die schwarze Kunststoffschatulle öffnete. Wie zwei der Länge nach geöffnete Kadaver schauten mich die Innereien der beiden Hohlkörper an. Den Kupferdraht zu entfernen wies er an, und ich tat, was er mich hieß, wie immer. »Macht, dass ihr rauskommt!«, der Sauerei auf dem Boden wegen, wie ich annahm, schrie Nina. »Was regst du dich …«, brauste Ernstl auf. Aber bevor seine Böe Sturmstärke erreichte, kreischte Nina uns wirbelnder Hände zum Windfang hinaus, woraufhin Ernstl um die Herberge ging, wahrscheinlich beim Fenster einstieg und mit seinen drei Schäften wieder erschien, zu meinem Auto hin, ich hinterher, »sonst haben wir eh alles«, und schmiss seine zerlegte Stange in den Kofferraum, taxierte den Himmel, Schleierwolken und Flaute, »sonst brauchen wir eh nichts«, ich ließ den Motor an.
2 Friedl besetzt das Wasser
und Ernstl verhindert das Schlachten
Morgens dachte ich, die Welt wäre eine bessere, wenn alle die Dinger nur bräuchten, um sie auszuschalten, auszustecken, aufzuschrauben, auseinanderzubauen und die Kupferspulen zu entnehmen, während ich den Wagen um die Kurven fuhr. Das Radio schwieg wie auch der Nachwuchs auf den billigen Plätzen und in mir stieg hoch das Gefühl wie ein Salmonid, die monologisierende Stimme Ernstls, der Beifahrersitz leer, es fehlte.
»Eingesetzt wird heute. Ein verlorener Tag. Wir lassen das Wurftraining sausen. Sparen unsere Kräfte für morgen. Neue Forellen schmeißen die Vereinskollegen rein. Vom sehr verehrten Herrn Züchter Friedl. Ist verboten dann das Fischen den Rest vom Tag. Damit sich die Viecher verteilen im Fluss. Damit sie sich erholen vom Stress. Bevor wir sie in die Pfanne hauen, diese Erztrotteln.« Verwundert sah ich ihn an und verriss fast das Lenkrad, versenkte uns beinahe im Fluss, so kalt war sein Blick, so brutal seine Artikulation, als er wieder zu sprechen begann, laut, bestimmt und schrill, dass er aus dem Innenraum des Wagens Arik Brauer komplett verdrängte zwischen den Zügen, die Doppelliterflasche schon am Mund, ein Glucksen, ein Schlucken und Spucken pro Wort: »Abendsprung fällt auch ins Wasser.« – »Aber wir notieren doch nur.« – »Die Dreckszuchtviecher verhageln die Statistik. Die Säue fressen ja alles! Die sind von der Industrie gefüttert.« Ich schaltete die Scheibenwischeranlage ein und das Radio aus, misstraute meinen Glupschern, als das gesprenkelte Muster auf der Scheibe blieb. Aus dem Augenwinkel sah ich dann, dass die Tropfen flogen aus Ernstls Mund, rundherum: »Herangezüchtet in stillem Wasser. Und tief sind die nicht. Direkt unter der Oberfläche stehen sie. Habacht um fünf Uhr Nachmittag. Da fallen die hormongespritzten Brotbrocken rein von Friedls Hand. Darauf fallen sie rein. Verwöhnt vom Teich. Keinerlei Strömung. Zwei Jahre lang kennst du sie von den anderen, wild gewachsenen. Sie gelangen in die Fänge der Bierdümpel. Wenn wir nicht alle vorher haken. Wir lassen sie Erfahrungen machen. Mit allen Mustern, die es überhaupt gibt. Wir geben den Crash-Kurs. Erst in ein paar Wochen wenden wir uns wieder den Tiefstehenden zu. Seicht greifen wir morgen in die Trickkiste. Verzichten auf jeden Schnickschnack. Wir fischen unterste Lade. Die allerältesten, aufgelegtesten, aufgesetztesten, artifiziellsten, affektiertesten, abgefucktesten, letztklassigsten, geschissensten, ausgelutschtesten, abgedroschensten, groschenspottensten, grobschlächtigsten, unfängigsten Muster, die es überhaupt gibt, die alle Biertrinker dieser Welt in jedem Handbuch zu egal welchen Zeiten nachlesen können, eine Ur-Szene quasi machen wir. So kriegen wir sie dran, Treffpunkt Herberge, um fünf Uhr.« – »Warum erst so spät?« – »Morgens. Dann können wir binden und im Dämmerlicht gleich los. Wenn die werten Kollegen Richtung Ufer wanken, hatten wir schon alle dran. Die werden schauen, und schwärmend frische Fische sehen, und keinen aus dem Rauschen heben.« In unmissverständlichem Grün zeigten die Digitalziffern meines Radios elf Uhr an. »Aber heute noch, zum Wirten, auf ein Abendmahl?« – »Nichts da. Wochenends sitzen uns normalerweise schon zu viele Bärbeißige rum. Was meinst du, was da los ist. Der einzige Tag im Jahr ist das für sie. Der fängt schon heute und dauert bis morgen an. Da fängt sogar der versoffenste Trottel was. Das muss im Vorhinein begossen werden. Und wenn wir da hinkommen, die wir immer fangen, frage nicht. Da sind sie empfindlich. Die ziehen nicht den Olivenzweig. Die sind nicht zimperlich. Die zucken richtig aus. Rapier schnell zur Hand. Damit zipfeln sie uns dann vorm Gesicht herum. Auf ihr Niveau müssen wir uns erst runtersaufen. Wir werden sie schon kitzeln. Ganz gentlemenlike aber. Denen zeigen wirs. Mit Stil!«, inzwischen schrie er, die Flasche war leer, wild hieb er damit herum vor seinem Gesicht, fuchtelte quer der Konsole, immer weiter die Kreissegmente, über die ganze Breite der Windschutzscheibe. Beim vierten Streich musste ich mich schon wegducken, und beim fünften Hieb begriff ich erst, dass er mich dirigierte und abzubiegen hieß, beim sechsten Schwung kurbelte er dann übergriffig mit der freien linken Hand das Fenster herunter bis zur Hälfte, weiter kam er nicht, denn ich stieg aufs Pedal und wir sausten aus der Kurve heraus schleifender Kupplung und schleudernder Reifen und Haare peitschenden Seitenwinds, dass es eine Freude war mit dem Mercedesheckantrieb, dass die Stresssträhnen ergrauten, dass Ernstls freie Hand sank, und beim siebten Schlag ließ er die Flasche los, dass sie voller Fliehkraft gegen die Scheibenkante krachte, aber nicht sprang, sozusagen abprallte mit grellhellem Klang, über die Plexiglasfläche gelangte in aerodynamische Position, vom eigenen Schwung ins Freie katapultiert und zusätzlich fahrtwindtechnisch untergriffig weggerissen wurde. Weil ich über eine Brücke abbog, behielt ich durch das Seitenfenster die Flasche im Blick, sah den hohen Bogen, das Blitzen des Lichts am Glas. Mit Effet schraubte und purzelbaumte sie sich der Sonne entgegen, beide Achsen entlang rotierend, und so erreichte die Weinflasche den Scheitelpunkt, stand erhoben, und sturzflog ins Flusswasser, mit dem wir ebenfalls fuhren. Durch die Windschutzscheibe sah ich sie wie eine Flaschenpost erst oben schwimmen. Im Beifahrerfenster schon reckte sich gerade so der Hals aus dem Wasser, ums Verrecken noch nicht untergegangen. Dann verschwand die Doppelliterflasche völlig hinter Ernstls Körper, hinter der Fenstersäule und im hinteren Beifahrerfenster unter Wasser, soff sich voll, wurde eine sinnlose, unerhört zurückgebliebene, nie aufgeschnappte Botschaft. Neben Ernstls fuhrwerkenden Armen im Seitenspiegel erblickte ich die leere Doppelliterflasche grün unter Wasser schimmern und einem Kassandraschrei in der Wüste gleich verklingen, zur akustischen Fata Morgana verklärt, da war doch gar nichts, wie viele Kraftwerke haben wir am Strom? Vom Rauschen überlagert zerbarst das Ding, setzte noch nicht mal eine Blase an die Oberfläche frei, gespült und geschmettert gegen einen strömungsbrechenden Stein. Ich meinte noch, Splitter blitzten, aber das vermochten auch aufsprudelnde Wassertropfen, die Licht zwar in Spektren zerlegten, aber wegen des Flusstons satt ins Grüne strichen.
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