Ernstl hatte weder nach draußen gesehen noch seine Armschwünge beendet, ganz so, als hielte er sein Falsett noch höchst konzentriert in Händen und hätte etwas auszufechten. Die Bewegung versandete so wenig wie das Heben und Senken längst imaginär gewordener Bierkrüge, die, selbst schon verschwunden, Hände zogen, abwechselnd zum Mund und zur Tischplatte schwebten, nicht mehr geführt wurden, sondern Männer wie Frauen verführten, unermüdlich geübte Muster geboten, Praxen des Trinkens, stumme Schluckrefleximitationen, Aufziehpuppen, routiniert, stundenlang, metronomisiert, Marionettenkönig Methanol, Wochentag für Jubiläumsjahr, beharrlich, aber beherrschungsverloren, dem Ruf ergeben, sabbernd und doch trockengelegt, sodass Speicheltropfen Krüge füllten, auf und ab gehend als Spucknäpfe jetzt vor Insassenbrüsten, die sich in Wirklichkeit die Hosen vollgeiferten, dass die Pfleger eine Arbeit hatten, enerviert hin und her huschten, eher wieder Wärter wurden, »hast dich wieder vollgeferkelt, du Sau«, einmal bloß den Vater dort besucht, während er den Kelch empfing am Mund, ihn wieder runterstellte und hob, die leere Faust des Vaters ging nieder, die Klientel derweil gruppiert um gigantische Tafeln, alle dasselbe machend, in kolossalvollen Sälen titanischer Kerkerhaftanstalten, überall und allenthalben hingepflanzt die letzten Trinkluftschlösser dieses Winzlingslands, abgestellt in pomplosen à la das-kriegen-die-eh-nicht-mehr-mit, aber abartig großen Alkoholkrankenparkhäusern ohne Ausfahrt.
Ich parkte in gebührendem Abstand vom Bahnhofsgebäude. Wie eine Kathedrale oder eine Universität erschien mir die Flügeltür des ramponierten Zementhaufens. Wie Novizen und Studenten würden meine Söhne darin eingehen, wie auch ich mein Curriculum wiederaufnehmen würde. Ich stellte den Viertaktmotor und die Zündung aus, und es wurde ruhig. Frühsommersonnenaufgangslicht fiel durch die Windschutzscheibe auf meine Söhne, deren Köpfe ich im Rückspiegel sah. Niemals nahmen sie die äußeren Plätze auf der Rückbank ein. Stets saß einer der beiden in der Mitte. Dabei wechselten sie sich ab. Diesmal saß Lukas rechts, und als ich ihn die Seitentüre öffnen hörte, stieg ich in Eintracht aus, stand sogleich links vom Wagen. Ich konnte die beiden nicht sehen, weil ihre Köpfe noch nicht erwachsen genug waren, das Autodach zu überragen. Auf dem Blech spiegelte sich die langsam in meine Augen steigende Sonne und ich blinzelte, während ich dachte, Lukas und Johannes, sie würden wachsen, bald schon, größer. Als ich mein Gesicht abwandte, um die Motorhaube entlangzublicken, die genau auf das Bahnhofsgebäude zeigte, sah ich nur noch die Rücken meiner schnurstracks losmarschierenden beiden Söhne, die eine Schultasche in Camouflage gehalten, die andere in neonfarbigen Karos. Ich wollte schon rufen, als Lukas seinen Arm hob, den Ellenbogen durchstreckte sowie die Finger an der bloßen Hand, die an diesen Frühsommermorgen nicht mehr in Handschuh gepackt werden musste. Er fasste seinen Bruder Johannes an der Schulter, am Träger des Rucksacks, den mein Sohn weit unter seinem Hintern trug. Die beiden Schultaschen schwenkten aus meinem Gesichtsfeld. Der Minutenzeiger der Bahnhofsuhr rückte vor, schon fast auf Abfahrtszeit. Aus der Bahnhofsstube strömte warmer Kaffeegeruch und aus den Tälern kam mit starkem Föhn Waldaroma. Es war göttlich, wie sich meine beiden Söhne auf dem Parkplatz vom Bahnhofsgebäude abwandten, irritiert zu ihrem Vater umdrehten, die Gesichter voll Überraschung und vom einfallenden Sonnenschein zerrissen in Rot und Schatten. »Was machst du noch hier?«, fragte Lukas und Johannes sagte: »Papa, du bist ja ausgestiegen.« Ich schritt ihnen nach, kniete mich hin vor die beiden Knirpse, dass ich auf Augenhöhe war, sagte, »ganz recht, mein Sohn«, legte meine vier Finger an Johannes’ Wange, sah ihm in die Augen, in denen sich meine spiegelten, in denen sich seine spiegelten, stellte nicht den kleinsten Unterschied fest und zeichnete ihm mit dem Daumen ein kleines Kreuz auf Stirn, Nase und Mund, dann küsste ich ihn auf die Wange. »Ihr seid so groß geworden«, beim Berühren seiner Haut spürte ich seine Mundwinkel nach oben wandern und bemerkte, wie warm die Wange war und dass Johannes keineswegs aus Rebellion gegen das elterliche Zieh-dich-warm-an die Haube zu Hause vergessen hatte. Lukas trug sie wahrscheinlich aus modischen Gründen. Ich würde sie ihm etwas aus dem Gesicht schieben müssen, um auch seine Stirn zu bekreuzigen, Vatersagen hatte mein Vater immer gesagt, auch mir fiel nichts Besseres ein, doch als ich meine Hand nach Lukas ausstreckte, machte er einen Satz zurück und sagte: »Was fürn Scheiß!«, drehte sich weg und ging eilenden Schritts in den Bahnhof ein, der wenige Sekunden später auch Johannes verschluckte. Im Mitgehen versuchte er noch mehrmals, Lukas an der Schulter herumzudrehen, ihn zu zwingen, mich anzusehen, wie ich da stand, einen Kuss auf meine Handfläche hauchte, um dann zu winken, vielleicht zeitgemäßer als der Vatersegen. Ich tat das drei, vier Mal, während die beiden eingesogen wurden vom Bahnhof und davongetragen von den dahinterliegenden Gleisen und mir auffiel, dass Johannes den Camouflage-Rucksack trug und Lukas den neonkarierten, Johannes Lukas herumgedreht hatte und nicht umgekehrt. Wie ein Tropfen Blei in einem sonst reinen Bergquell lag eine Spur stechenden Schmierölgeruchs in der Luft. Dann hupte mich ein Audifahrer an. Seine beinahe zu spät kommenden Blagen säßen längst im Zug, wären sie sofort ausgestiegen und gerannt, statt darauf zu warten, dass ich zur Seite trat, um anschließend bis zu den Treppen des Bahnhofsgebäudes vorgefahren zu werden. Als die beiden Kinder vom Beifahrersitz und der Rückbank die Türen öffneten, hoffte ich, sie würden gegen die Marmorstufen knallen, die natürlich aus Granit bestanden. Der Minutenzeiger der Bahnhofsuhr rückte auf die Abfahrtszeit vor, die Knirpse flitzten los, einen Moment bloß, nachdem die Jungs sich die Minute genommen hatten, ihrem Vater am Fahrersitz einen Kuss zu geben, der eine auf die Stirn, der andere ins Genick. Ich fühlte sie wie Schüsse, schlenderte nachdenklich zu meinem Wagen zurück, merkwürdig, Johannes war inzwischen größer als Lukas, spürte den Föhn die Schöße meines Mantels hinter mich wehen, ging schneller gegen den Wind, zertrat den regenbogenfarbigen Film auf einer Pfütze, sah die offene Fahrertür meines Wagens schimmern, hörte den Motor laufen, das Radio wimmern, roch Abgase, merkwürdig, stieg ein.
3 Wie Nina diesen Siegi so findet
und wie Siegi mit etwas Hilfe die
perfekte Goldkopfnymphe bindet
Ich saß am Küchentisch, den Blick auf das Fenster gerichtet, die Läden waren noch geschlossen, ich sah nur den schwachen Abglanz meines eigenen Spiegelbildes, bekämpft schon vom Morgenlicht, das zwischen den Latten der Fensterläden schräg hereinbrach, in sieben Horizonte gesiebt, während ich Ernstl im Nebenzimmer ächzen hörte beim Auseinanderziehen der drei ineinandersteckbaren Schäfte seiner Fliegenfischstange. Die frühmorgendlichen Bachforellen hatten gefräßig in und kämpferisch gegen die Strömung Spannung auf die Karbonfasern gebracht und die Einzelteile der Rute voll Wut zusammengezurrt. Schwer atmen hörte ich den Alten in seinem Refugium, ich vernahm das Quietschen zweier glatter Steckteile beim Scheiden unter Ernstls zittriger Hand und bei dem Gedanken daran, dass ein Zusammenstecken dreier Schäfte gleitend und lautlos vor sich ging, überkam mich Euphorie, so sehr, dass ich die grüne Kunststoffschatulle von der Eckbank riss und auf die Tischplatte vor mir pfefferte. Sie schepperte und rappelte und metallisch kratzte der Inhalt an den Scheidewänden der Box. Ich klappte den Deckel auf, ein Koffer fast der Größe nach. Der Boden war in verschieden große Einbuchtungen unterteilt. Da lagen nackte Haken ihrer Kleinheit nach sortiert bereit, allesamt widerhakenlos. Goldköpfe in ebenso unterschiedlicher Konfektion schauten mich an. Die vertraute grüne Wolle war meterweise verpackt in Plastikbeutel mit Vakuumdruckverschluss. Ebenso verhielt es sich mit den blauen Flachsfasern, den weißen Katzenhaaren und den Hahnenhechelbalgen verschiedenster Couleur. Nur Ninas Haar wurde stets frisch geschnitten. Ich griff den Bindestock ebenfalls aus der Ecke, wichste ihn auf den Tisch und hörte Ernstl ein letztes Mal stöhnen, und die auseinandergehenden letzten beiden Teile der Fliegenfischstange quietschten wie am Spieß zwischen den Kostbarkeiten, die in Ernstls Schatzkammer noch warten mochten, zwischen allen Reliquienschreinen seiner Asservatenkammer, die ich wie eine heilige, tabuumwitterte Gruft nie sehen sollte, zwischen all den Fliegenfischstangen Ernstls ritterlicher Waffenkammer, zwischen den Regalbrettern, Kommoden und Schränken an den Wänden, die ein Zimmer formten oder vielleicht zwei, eine Küche und ein Badezimmer womöglich, wahrscheinlich ein ganzes bewohnbares Appartement, sicher immer reserviert, nicht nur zwischen Ernstls Grazaufenthalten, sondern gewiss das ganze Jahr, harrend seiner Ankunft, wenn die Herberge nicht zu klein war und finanziell zu schwach, zu wenig abwarf, und ich blickte mich um, saß hier, Stube und Küche ineins, während Ernstl schon ohne jede akustische Spur die drei Schäfte meiner Fliegenfischstange zusammensteckte, ein leises Vergnügen, ein heimliches Geschenkzurechtmachen wie zu Weihnachten zwischen den heimeligen Wänden von Ernstls Zimmer voller gerahmter Fliegen und Kalender, überbelichtete Fotografien, wunderschöne nackte blonde Frauen, die sich neben eben gefangenen, dem Wasser entstiegenen kolossalen Forellen im satten Flussufergrün räkelten oder gerade einen von goldenem Flaum bedeckten Arm ausstreckten, um einen ahnungslosen Jüngling namens Hylas ins kalte Nass eines dunklen, von Bäumen umstandenen Weihers zu zerren. Ein Gefährte des Herkules war er gewesen, müde von vielen Abenteuern und vom Arbeiten, was in der beiden Falle dasselbe bedeutete. Hylas und Herkules hatte es auf der Suche nach Rast in diesen Hain verschlagen, aber was war Rast ohne Stärkung, Erquickung und Erfrischung. Der arme Tropf wollte nur eben Trinkwasser holen und ward von niemandem mehr gesehen, abgesehen von diesen Nixen, soweit ich mich entsann. Willi Wasserhaus hieß der Maler, der jene Szenerie auf die Leinwand brachte, und entweder hatte ich die Erklärung vergessen, warum Herkules seinen Diener nicht begleitete und ihm half, oder der Mythos enthielt einfach keine, enthielt sich dessen. Nun ja, sonst hätte es ja auch nichts zu malen gegeben. Hätte sich Herr Wasserhaus eben ein anderes Sujet suchen müssen. War der eigentlich mit Hundertwasser verwandt? Sicher hätte es dem Halbgott einen Platz im Olymp beschert, die Nixen zu besiegen. Eine Bande aufsässiger, auftauchender Wassermädchen zu bändigen entsprach allemal dem Wert, eine dutzendköpfige Schlange zu erschlagen.
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