Im Morgengrauen fischte Ernstl ein, zwei, manchmal auch drei Stunden, taufrisch und unverwunden kämpfte er sich fassadenklettersicher die jenseits des Dorfes gelegenen, verforsteten Böschungen hinab ans Wasser, hie und da an Lianen, Zweige und Büsche fassend, legte er sogleich Finger an seiner Stange Korkgriff und barfüßig Dutzende Meter stromaufwärts zurück, durchs grundgeschotterte Flussbett, mit hochgenadelten, sicherheitsgekrempelten Hosenbeinen, ins hodenkrebskalte Erregungsgewässer hinein, Bisse in den Schenkeln und den Ellen, vorbei an Strömungsschatten stiller Sandbänke, rauschende Kaskadenterrassen entlang und den Katarakt hinauf, rein in die Klamm, zwischen sich verjüngende Geröllwände, kaum ein Quant Lichteinfall, mehrere Mann hoch aufschießend der Stein beiderseits, eingekeilt warf er die Fliegen, fing Fische und bewältigte diese Strecke unverstiegen auf Kies, dirigierte sodann die Köder durch die daliegende Äschenpassage von einsamen Brücken aus, auf deren Geländer er das Licht schon altern sah wie den Himmel, vom althergebrachten Ultramarin zum neugeborenen Babyblau, von Blutopferrot zu heiter bis wolkigem Ausschussentsorgungsorange, so nahm er die letzte Forellenetappe durch den langsam erwachenden, Zierblumenblüten aufschlüsselnden und von Bienensummen umbrummten Kurpark, der sogar den sprudelschreienden Fluss hörbar entspannte, schließlich sichtlich krümmte, sodass Ernstls Gewässer dann doch vorbeiführte, wieder wegnickend und wegknickend, an der Wirtenkreuzung, wo Ernstl gerne innehielt, in den Hocksitz ging, wenn denn da jemand lag.
Der sich herablassende Schatten traf statt des Straßengrabens manches Mal Ernstls Feinde, beispielsweise den Bäckermeister, dem Ernstl sogleich mit der einen Hand die Fransen aus der Stirn schob, um andrer Hand die Haarspitzen schnapp, schnipp etwas nachzubessern, oder Ferdl die drei viertel gerauchte Zigarette aus der klammerreflektierenden Hand zu nehmen und ihm die vergangene Glut ins Gesicht zu reiben, ein schwarzes Kreuz auf die Nasenwurzel zu setzen. Waren weder Haare noch Asche parat, was ab und an vorkam, entfernte Ernstl Ferdl eben den Hemdknopf in der Brusttasche und ließ eine Fliege hineinfallen, freilich mit reichlich angesägter Öse, die Ferdl, sobald er nicht mehr döse, sogleich ans Vorfach binde und beim vorsichtigsten Forellenknabbern verliere. Ernstl selbst führte der Fluss dann am Gasthof vorbei, an der Schonstrecke, am Bahnhof und an des Dorfes letzten zersiedelten Ausläuferhäusern, deren rückseitige Gärten Ernstl kurzerhand betrat, nur durch eine schmale Rehgipswand von den schlafenden Eigentümern getrennt, auch wenn er die Wählscheiben einiger Frühaufsteher schon zum Rasseln brachte und sich Klagen von Hausfriedensverfechtern einfing, während er noch eifrig ein paar letzte Nymphen eintreiben ließ an Stellen, die von andernorts gar nicht anzufischen waren, indes die Anzeigen von Anrufbeantwortern entgegengenommen wurden in der Wachstube, die eher einer Ernüchterungszelle glich, mit Forellen behängt die Aluminiumwände, Geweihe, Prositneutagsfotografien und Verdienstorden, dazwischen der Schreibtisch, dahinter sitzend, Kaffee atmend, Kapuziner draus machend, allmorgendlich angeschottert der Dorfsheriff, dem anspringende Anrufbeantwortung kaum mehr abrang als ein Stirnrunzeln, wann das denn aufhörte, ein Aufstehen dann doch, ein Drehen am Regler, sodass die aufgebrachten Stimmen zwar noch vernehmbar, aber nicht mehr verstehbar waren, leise genug, erträglich für Fredl klangen, zumal Ernstl, das wusste man, schon alle Forellen abgehakt hatte im Wasser, noch nicht mal ins Wasser, dafür war er bekannt, dass er seine willigen Gespielen und besten Freunde an knietiefen, ufernahen Stellen befreite, ohne zu landen, und schon selbst zusah, dass er Land gewann, sich aus dem geenterten Garten schlich, sich vertschüsste die restlichen paar Hundertschritte den Fluss hinauf, sich zu putzen über die Schwelle, um sich zu verziehen ins Zimmer wie hinter Gardinen und unter die Decke jener außerhalb des Dorfes gelegenen Herberge Zum lachenden Haberer , der ich auch schon zustrebte, schleunigst nach dem morgendlichen Lokruf, während Lukas und Johannes von der Elektromotive genau in die andere Richtung gen Horizont gezogen wurden, am Schienenstrang gen Unterland, den Strom entlang ins Oberland, dass ich Ernstl im Flussbett auf Asphaltpiste überholte, nicht ohne das Fenster herunterzulassen und dem Murmeln zu lauschen, das hörbar wurde, schaltete ich bloß hoch, drosselte ich doch die Drehzahl, strengte ich mich nur genug an, das Wasser als Vibrato trullernde und Salti schlagende Operettenaltmutterstimme über der pochenden, kontrapunktierenden Basspassage des Viertaktmotors.
Aus dem Wagen gestiegen schritt ich den Weg durch den Garten ab. Bärlapp und Bärlauch wuchsen bereits wie wild, satt und gesund machend in Wiesengrün, und ein orange gescheckter Kater huschte schnellstmöglich unter der ersten Latte des Zauns hindurch und war weg, verschwunden zwischen den Buchenstämmen außerhalb des Gartens, die jüngeren Brüder der Fassade, auf die ich zumarschierte. Jedes Astloch sah ich an diesem Morgen in dem hellen Holz und hörte fast die säuselnde Säge, die dem Wachstum ein Ende setzte, die fallenden Späne, die heiß werdenden Raspeln, die beinahe schmelzenden Feilen, den Feinschliff und das gemütliche Pfeifen des Meisters, das tumbe Kautabakausspucken des Holzknechts, und ich roch fast den Rauchausstoß, spürte die Lungenflügel der herumlümmelnden Hilfshackler, dann wieder Waldgeruch. Unsäglich klar trug ihn der Föhn heran. Ich blieb vor dem Windfang und den Holzstufen stehen, wandte mich von der Herberge ab und wartete wie so oft auf Ernstl, das Gesicht dem Weg durch den Garten, den auch er gehen würde, zugetan. Die Sonne setzte die jenseitigen Fichtennadeln ins Licht und warf ihren Schatten diesseits des Lattenzauns auf meine Brust. Dazwischen flimmerten gesiebte Sonnenstrahlen, jetzt in der gewöhnlichen und von keinerlei Rot mehr getrübten Farbe, auf meinem flanellenen Hemd. Die abstehenden Fussel leuchteten, zu welchen Fliegen man sie wohl veredeln könnte? Ich nahm den Stoff zwischen die Finger, er griff sich rau und gleichzeitig glatt. »Leg niemals Hand an dein schützend Gewand!«, Ernstls Stimme ließ mich hochschrecken, »Fliegen sind Wegwerfartikel, Hemden nicht.« – »Ich hab dich gar nicht kommen hören.« – »Was glaubst du«, und ging an mir vorbei, die Fliegenfischstange noch hoch erhoben, um den Korkgriff die zitternde Hand. Sie machte die Spitze wankend, als wollte er gerade auswerfen, »warum wir immer barfuß gehen.« – »Ja, warum eigentlich?« – »Wegen der langen Auswanderung nach dem Krieg. Als Südtiroler durften wir uns entscheiden. Entweder blieben wir ansässig. Innerhalb der neuen Grenzen würden wir Italiener. Oder wir gingen nach Österreich. Kontingentsflüchtlinge würden wir dann. Nirgends gehörten wir wirklich hin. Italien hatte gerade rechtzeitig kapituliert. Abgrundtief hassten sie die deutsche Sprache neuerdings. Die nette Nachbarschaft legte uns das Exil nahe. In Graz hatten wir wenigstens entfernte Verwandtschaft. Selbstverständlich spendierte uns der Staat kein Zugticket in die Steiermark. Fünfundvierzig wäre eh niemand freiwillig in einen Waggon gestiegen. Wir waren zu arm für ein Auto. Für Benzin erst recht, versteht sich. Also auch kein Moped. Wir gingen zu Fuß. Die Schuhe überlebten nicht. Es ging auch so. Die ganze Jugend sind wir barfuß gewesen. Und dann haben wir einfach nie angefangen, mit der Mode zu gehen. Außerdem, wer hungert schon und kauft sich Socken? Auf unserer Wanderung passierten wir Höfe. Keinen trockenen Kanten Brot hatten die Bauern für uns übrig. In Graz beäugten uns die Leute missgünstig. Wir lernten schnell, dass in dieser Zeit jeder zusätzliche Mensch ein Fressfeind war, sogar jedes unnütze Tier. Was meinst du, wie oft, barfuß in den rußigen Straßen. Auf den Mülldeponien der alliierten Kasernen. Streunende Katzen und wir. Immer wieder. Im Kampf um die Reste. Ein eh schon abgenagtes Fischskelett. Abschätzige Blicke, für das Tier, für uns, die machten keinen Unterschied, Passanten, genug Geld für Schuhe. Das Stigma wurde zu unserem Markenzeichen. Moralischer Reichtum, du verstehst?« – »Aber zu arm zum Fliegenfischen wart ihr nicht?« – »Seit jeher machen wir das nicht.« – »Sowas lernt man vom Vater oder gar nicht«, sagte ich. Auch mir hatte der Vater das Angeln beigebracht. Ernstl musterte mich, seine Augen blitzten im Frühlingslicht: »Hast du eh recht. Vom Himmelvater. Aber wirklich. Das Hungertuch wurde langsam, aber sicher zum Leichentuch. Hunderte Familien litten drunter. Davon hörte der Bischof. Und dann hörten wir ihn. Über das Radio erteilte er Absolution jedem Mann, der im Wald das Wild schoss. Oder wenn man die Kohlen von den Güterzügen nahm, die unnütz auf Rangierbahnhöfen standen. Schnalzt die Fische aus den Flüssen. Verziehen sei, in oberster, himmlischer Instanz. Doch was wuselte auf Irden herum, oberstes Fußvolk, neue Besatzer, keine Generalabsolution. Frage nicht, wie sie mit den Würmern unter ihren Soldatenstiefeln umsprangen. Vor ihren Augen, in Wilderer, Diebe und Schwarzfischer verwandelten wir uns. Der Fluss lag tief im Wald, weit abseits der Kasernen und Patrouillen, ungefährlicher. Unser Vater schickte uns also nach dem Fisch und ging selbst wegen der Kohlen. Ein Eschenast, biegsam, ein fadenscheiniger Zwirn, so fing das an, der Köder, aus Flicken zusammengetüftelt, ein Käfer voller Knoten und Knubbel. Die Fressfeinde, uneinsichtige Nazibauern von umliegenden Höfen, fett und fett, mit massenhaft Speck schmierten sie die Beamten, Mitläuferscheine für Höfe und Gesindel, Lizenz zum Töten, Fremdlinge wie wir, wen scherts, an schlechten Tagen, die guten, wenn wir hungerten, wenn Franzosen und Amis und Briten in den Auen keine Augen zudrückten. Aber die sicherten ja lieber Kohlen, im Sommer«, seine Hände zitterten noch stärker als sonst.
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