Wenn wir auf die Wiese gingen, durfte ich seine Fliegenfischstange tragen. »Das Servieren ist schon das grundlegende Erlebnis«, ich führte meinen Arm zurück, »immer in Verlängerung die Rute denken!«, ich verharrte eine Sekunde, solange sich die Schnur hinter meinem Rücken in der Luft streckte, bis ich ein Zucken an der Stange spürte, »Spitze aufgeladen, jawohl, auf eins!«, und meinen Arm vorbewegte wie einen Uhrzeiger, »aus der Schulter werfen wir!«, und wieder zurück, »auf elf, warten, eins!«, und wieder, »Kellner sind wir!«, und, »elf, zwei-und-zwanzig«, wieder, »eins a!«
»Heute haben wir den Volki getroffen am Fluss«, erzählte mir Ernstl, während ich uns chauffierte, »hat uns vollgejammert, vom Sterben der Bachforellen, halten die steigenden Temperaturen, die Kraftwerke und die Klärung nicht aus, brauchen kaltes Wasser, schnelle Strömung, werden impotent wegen der Hormone, vermischen ihr Erbgut, kreuzen sich mit Regenbogenforellen, die vor Jahrzehnten aus den USA eingewandert sind, bald nur noch Hybriden und Bastarde im Wasser. Jetzt rechts rein! Keine reinrassigen Bachforellen mehr. Hat er eh recht. Der alte Haudegen. Aber wirklich. Der schmeißt seinen Vereinskollegen einmal jährlich kreuz und quer mit dem Säbel Narben ins Gesicht. Was für ein Minderwertigkeitskomplexler. Jetzt links rein! Seine Fliegen sehen aus wie der Struwwelpeter. Er macht den Hansschleudererpeppiwurf. Du bist jetzt schon besser. Aussteigen!« Am Schrottplatz angekommen verlangte Ernstl nach einem Radio. »Ein neues oder ein altes Modell?«, fragte die Händlerin. »Ein älteres eher.« – »Aha. Willst du auch einen Empfänger? Heute hat der Volki den letzten gekauft. Vielleicht verkauft er ihn dir.« – »Glauben wir zwar nicht, aber egal. Kann auch ein neueres sein. Hauptsache Kupfer ist drin«, zum Binden verwendete Ernstl wirklich alles. Ich setzte ihn samt erstandenem Radio bei der Herberge ab, fuhr weiter in die Musikschule.
Abends gingen wir zum Fluss. Auf einer Brücke hieß mich Ernstl zu warten. Ruhig war die Wasseroberfläche. Sie spiegelte die grünen Lindenblätter, auf denen wiederum tiefgelbe Reflexe des Sonnenuntergangs spielten. Es roch klar und rein. Plötzlich ein Platschen. Das Schlagen einer Schwanzflosse, ein Fisch, krumm im Flug sein Leib, tauchte wieder ein, »es geht los«, sagte Ernstl, »der Abendsprung!«, griff aus seiner Jackentasche Notizbuch und Stift, die er mir gab, und verschiedenste Fliegen, die er reihenweise auf das Geländer legte, »schreib auf, welche sie nehmen!« Er schnipste sie so schnell hintereinander, »schreib, schreib, verdammt, das währt nicht lang!«, dass ich fast mit dem Notieren nicht hinterherkam, ins Wasser, das voll aufsteigender Sauerstoffblasen brodelte, »die holen sich die unter Wasser schlüpfenden Insekten«, überall zerlegten Wassertropfen das Sonnenlicht in Regenbogengesprenkel. Die Forellen sprangen und tauchten ein, »keine Sorge! Die Haken haben wir abgezwickt«, so viele, so schnell, dass nur Klatschen zu hören war, ein Spektakel, zwanzig Minuten, »vorbei!«, das Schauspiel, tosender als alle Standing Ovations ob aller Abo-Ouvertüren à la Johann Sohn aller Österoperettensaisonen zusammen. »Lass uns essen gehen.«
Beim Wirten setzten wir uns an die Plätze, die am weitesten entfernt waren vom Stammtischeck. Die ersten unserer sogenannten Vereinskollegen rotteten sich dort schon zusammen. Ernstl bestellte eine Flasche Weißwein, Ham & Eggs und Toast Hawaii. Die Bedienung stutzte. Ich widmete mich dem Auswerten des Notizheftes. Als die groben Schweineschnitzel, die hässlichen Humpen aufgetragen wurden, obwohl wir zuerst bestellt hatten, grollte Ernstl, diese Scheißproleten seien nur zum Saufen hier, »wir haben die Zeit nicht.« Trotz des Rückstands schaffte Ernstl den ganzen Liter, während die Stammtischler ihr Bier leerten. »Barfüßiger«, riefen sie, »hält dir der die Stange oder den Speer?«, ich schreckte auf und Ernstl schrie: »Dies ist mein Fähndrich, dies ist meine rechte Hand!«, und als ich vom Tisch hochsah, erblickte ich Ernstls Faust. Er hielt sie dem freudlosen Gelächter entgegen, den hoch- und niedergehenden, eigentlich hängenden Bierbrüsten entgegen, den fetten Daumen entgegen, die Bierdeckel vom Krug hebelten, den auf und ab wogenden Kiefern entgegen, den pusteligen Nasen, den sich plusternden Backen, den belegten Zungen, den aufeinanderschlagenden Zahnreihen, zwischen denen schon die Schnitzelklumpen waren, den schallenden Gurgeln. Wie ein Sturzbach, wie ein Fassanstich Bier schütteten sie uns die Schallwellen entgegen, die auf Ernstl und mich preschten durch die Stube. Wie sonst nur das Poltern zweier gegeneinanderprostender Bierkrüge rollte die grollende Woge daher mit der Gewalt eines Dammbruchs. Tief kam das Brummen erst aus dem Zwerchfell heraus, dann die spitzen, kreischenden Hohnstimmen, wie schäumende, spritzende Gischtzungen, die sich nach uns streckten und in die kalten Eckzähne, Fänge, Lefzen, Masken und Schnauzen einer Schar Schäferhunde verwandelten, die aus der Welle heraushechelten, nach uns lechzend.
Ernstl ballte seine Finger gegen den Eichenholzstammtisch und die Buchentheke, auf der das lediglich aus uns einnebelnden, faulig süß riechenden Zwiebelstücken in Kartoffelsalat und einer Schüssel saftelnden Rotkrauts bestehende Salatbuffet vor sich hin vegetierte. Ernstl schmiss seine Faust noch entschiedener der Walnussanrichte entgegen, ihren nikotingelb angelaufenen Glasscheiben und dem flaschenweise dahinter ruhenden Wacholderbeerschnaps, abgerissen und verkommen, kaum mehr zu entziffern die Etikette, und am allerentschlossensten erhob Ernstl sich und seinen Arm und seine Faust, zitternd und zürnend, gegen die Widersacher, die überall an den Wänden hängenden Präparate. Ausgestopfte kapitale Forellen starrten uns an, gestrandet, vertrocknet aufgelesen, aus noch feuchten Flussuferwiesen, durchstochen von Widerhaken die Kiefer, genagelt auf Schwemmholzplatten mit Gravur, die Art, Datum, oder Stelle des Fangs verschwiegen, einstimmig die Inschriften: Volki . Wie die Schlachtstaccati eines pöbelnden Mobs umringten sie uns. Der beißende Spott streunte um die Tische, unsere Zehen keinen Schritt mehr von den messerscharfen, aber schartigen Reißzähnen. Nicht mal der steigende Pegel schien die Fische wiederzubeleben, nicht mal dieses Rudel blutrünstiger Kreaturen, halb Hunde, halb Hyänen, sie zu ängstigen. Ganz im Gegenteil schwebte Volkis Geist über der Flut und befehligte seine Rotte hohler Schädel, Skelette, gellende Marionetten und geschwätzige Handlanger, Schlafwandler und Opportunisten, befasst mit ihrem Aasfraß, in Bierhumpen gefangen und gedrillt, getauft und eingeschworen.
»Sakrament, verschluck dich nicht!«, flüsterte Ernstl, das Gelächter war versandet. Dann kam unser Essen. Er setzte sich wieder hin, schnitt mir das Starren sowie die Fassungslosigkeit ab, indem er mich hieß, die Notizen weiter mit den gestrigen abzugleichen. Ich tat, was er sagte, während mein Essen auskühlte. So ging es Tag für Tag. An allen Abenden war die Goldkopfnymphe am fängigsten.
Manchmal wies mich Ernstl an, die Hahnenfeder nicht gerade zwischen Kopf und Körper, sondern diagonal, den ganzen Körper entlang um den Haken zu wickeln, so entsteht eine Rippung. Der unter Zug gewundene Federkiel drückt das Katzenfell nieder, oder die Wolle, oder den Flachs, schneidet ein, und ausgleichsmäßig treten zwischen den Hechelfiebern die freien Flächen noch bauschiger hervor. In ein Korsett werde sie ihre Tochter jetzt nähen und zum Ballettunterricht schicken, teilte mir die Mutter der Pubertierenden in einem wutentbrannten Anruf alsbald mit. Ich hielt das für eine recht wirkungslose Drohung wie eine zu lange Schwanzfeder oder ein Lagenwechsel, den es nicht braucht, um den Ton zu greifen, nur dem Schauen des Publikums geschuldet, obwohl es doch hören sollte. Die Tochter jedenfalls spiele zwar wieder, aber was falle diesem System ein, was denke ich mir dabei, als einem Vertreter desselben, sie sagte wirklich desselben, vielversprechende Kinder mit zweitklassigen Instrumenten zu traktieren, und das im Mozart-Beethoven-Haydn-Schubert-Land. Ich sagte ihr, mit der Reihenfolge stimme etwas nicht, und legte auf, musste ich doch schon wieder zu Ernstl, um erstens eine goldene Kugel durch das Loch auf den Haken zu fädeln für das Köpfchen, zweitens den Hakenbogen in den torpedoförmigen und schraubstockmäßig funktionierenden Bindestock einzuspannen, drittens das goldene Köpfchen mit dem Faden zu fixieren, viertens mit dem Faden blauen Flachs niederzubinden, denselben ohne den Faden als langsam entstehenden Körper um den Resthaken zu wickeln, wieder abzuschnüren und überstehenden Flachs abzuschneiden, fünftens eine schwarze Hahnenfeder, die Fiebern in eine Hechelspirale zu Land und zu tanzenden Beinchen im Wasser, den Kiel zu einer Rippung im blauen Flachskörper zu verwandeln, sechstens aus Ninas Haar die Flügelscheide am Rücken der Fliege zu machen und siebtens Rehhaar, das ich zu streicheln liebte, bevor ich eine Brise losschnitt vom Lederfleck, zum Schwänzchen der Goldkopfnymphe zu adeln. Achtens zirkelte ich ihr den Schlussknoten zwischen Körper und Kopf, als legte ich ihr eine Schlinge um den Hals, und wenn es wahr ist, dass Würgen erregt, so vollendete ich diese Fliege mit einem Orgasmus. »Sieh nur, was du getan hast«, und mit dem schnippenden Schrei der Schere, die den Faden final unter Zug mit jenem Sirren abschnitt, zerstreute Ernstl meine Freude wie Staub in den Wind, »du hast Ninas Haar auf den Körper, über die Hahnenfiebern gebunden, sie damit wieder niedergedrückt. Die hättest du vorher auslichten müssen. Jetzt stehen sie wie Schlingen weg! Du hast ein Monster geschaffen, einen Struwwelpeter. Der ist für die Fisch!« Als hieße er Hans, guckte Ernstl zum Plafond. Nina schritt ein: »Das merkt doch kein Fisch.« – »Aber wir«, sagte Ernstl zu ihr, schaute sie an, riss seine Augen auf, blickte zu mir, sagte dann, »bind das nochmal!« – »Spiel das nochmal!«, sagte ich nachmittags lustlos zu dem Achtzehnjährigen, »aber diesmal spiel zu jedem einzelnen Melodieton den passenden Akkord, und zwar in der Lage, dass der Melodieton jeweils der höchste im Akkord bleibt!«, er übte auf sein Abschlusskonzert hin. Er würde es sogar vergeigen, obwohl er, bereits seit er fünf Jahre alt war, bei mir Gitarrenunterricht nahm. Im Werden waren mir die Kinder lieber. Doch jenes pubertierende Mädchen kam nicht wieder in mein Unterrichtszimmer. Auch ans Telefon ging niemand. »Ganz toll, wirklich ganz tolle Idee, Lena, eine weniger.« – »Super, dann kannst du ja noch öfter, und auch beim nächsten Mal einfach zu deinem Ernstl gehen.« – »Das werde ich auch, das war meine beste.« – »Super, er ist ja auch deiner«, sagte sie, schon im Halbschlaf, erst durch mein Eintreten ins Zimmer und mein Schlüpfen unter die Decke des Ehebetts geweckt. Sie war sicher nur traumhappig grantig. »Dann seid ihr alle vereint«, sagte Lena, »eine glückliche Familie, Opa, Papa, Tochter.« – »Lena, es passt eh.«
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