Wie schön es gewesen sei, replizierte die Dame die Geschichte um ein weiteres Detail bereichert, auf das ich hätte verzichten können, dann Sonntagmorgen nach dem Gottesdienst einen Pfiff trinken und die Marktgasse hinunterpromenieren, oh, sie schüttelte ihre Zotteln, schwenkte die Nerze. Als kleiner Gschrapp sei sie schon so gerne in die vereisten Pfützen gesprungen, dass sie brachen und weit um die jetzige Dame herum gleißende Spleiße warfen. Ein Zniachtl sei sie gewesen, eine Frostblumenballerina, schnell und schalkhaft wie der Eisvogel, der den Fischen im Bach den Schnabel durch die Flanke rammt und wie ein Kolibri in der Luft steht. Klar waren dem flatterhaften Mädchen im blauen Wintergewand wie dem Vöglein im Federtand manche Forellen zu groß, wie die vielschichtig vereisten, tieferen Pfützen. Für die war es nicht schwer genug und doch hinterließ es schon als Gschrapp glücklich unzählige Latschenoberflächen als hochkomplexe Rosenblütenblättergeflechte tausendfach kristallhaft ineinanderfrakturiert leichten Schritts auf seinem Waldspaziergang in den Sonnenuntergang. Aber am liebsten, so lieb war ihm das Knacken, unter dem die Eisoberflächen auseinanderschnalzten. Schlafend Stunden später habe es ihm am Trommelfell gelegen im warmen Bett, dass es die Decke am nächsten Morgen zurückschlug, den einen Gedanken im Schädel, auf seinem Schulweg es all diesen festen Pfützen zu zeigen. Und trat dann wieder kein Knacken an sein Trommelfell bei der nächsten robusten Frustfläche, wünschte es sich einen stahlkappenversehenen Fußtritt an seinen steigeisigen Hörapparat. Ein paar Jährchen hochschwanger später auf einer Mutterschaftsausfahrt nach Wien habe sie dann gesehen und gehört, wovon es all die Jahre geträumt hatte als kleines, phantasiebegabtes, übergangenes, aus der Provinz, aber auch aus diesem Volk kommendes Mädchen, das schon gesunden Instinkt entwickelt hatte dafür, was ihm einmal gehören, wessen Erbe es sein, wie es es erwerben sollte, durch das Einschmeißen von Fensterscheiben, das Plündern von Geschäften, das Vertreiben von raffgierigen Fremden, das Bestehen auf einem Leben, das ihm niemand rauben durfte, worauf es von Rechts wegen Anspruch hatte, und sei es nur Wohnraum, bestünde es bloß in einem unleistbaren Ballographen, einem besonderen Ölmalkasten, einem schönen Stück Fleisch.
Und Jahrzehnte später nun, herrje, letzten Sonntag so schön, als käme erneut eine österreifraue Macht auf, im Novembermorgen noch so ein Wetter, da habe im letzten Föhn dieses Jahres alles kristallklar widergehallt, als während ihres Marktgassenspaziergangs auf dem Trottoir unter ihren Holzschuhen die sonnenreflexverzierten Splitter knisterten, nur die kräuselige Miniatur des Klirrens der Scheibe beim Aufprall des Steins, der jener echtlebensgroß aufstellbaren Haarwerbepuppe zwischen die Beine geschleudert worden war, gleichsam den schwulen Friseur zum Straucheln brachte, der verdattert aus seinem Laden gestolpert war, wie der nächste Hinterjemand wissen wollte in tausendtropfenfachem Ausspucken, denn es fehlten viele Zähne in seinem, wohlweißlich dem Mund des Sohns der alten Dame. Zwar war er kein Schmuck für sie, aber dafür in Schmuggelgeschäfte mit der Tschechischen Republik verstrickt, brachte ihr so in perverser Verkehrung den Nerz, wer dachte bei der Mafia schon an einen Verunstalteten, denn eine Hasenscharte samt Gaumen-Nasen-Mundwinkel-Spalte hatte er auch, kurzum einen Wolfsrachen, der Galle spie. Die Spucke flog hoch durch die Luft und ging zu Boden neben meinen Schuhen als Vorhut der Worte, die nach einem Windpfiff rein an mein Ohr stieben. Ich fühlte mit diesen aus einem warmen Ort gekommenen, frischen Schnee grau sprenkelnden Tropfen. Ihr Rand franste langsam aus, innerhalb erstarrten die Bakterien, nicht aus Furcht, das Ptyalin gefror, die Enzyme zerfielen, duplizierten die Geschmacklosigkeit dieses Schlangengeschnatters. In den neuen, hinterherkommenden und wieder versiegenden Mundwasserspritzern wuselten die Mikroorganismen, huschten dann nur noch, marodierten bald, larvierten rückwärts, zitterten nur, wurden steif, dann, weiß wie der Schnee rundum. Immer weiter verteilten sich die Spucketropfen, marmorierten den Weg zu Kurtis Fleischhauerei in unterschiedlichsten Grauabstufungen und Gefrierstadien. Als Einziger achtete ich auf diese Effekte und Folgen, alle anderen hangen an der wild auf und ab gehenden, sprechenden, lebendigen Zunge. Ich war den sterbenden Speicheltropfen in gewissem Maße näher als den geifernden, auf die Geschichte fiebernden, mich umgebenden Menschen, verstand, warum die Spucke lieber leblos am Boden verging, sich in den oberösterreichischen Winter einpflegte, sich versteckte und tarnte, als gehörte sie zur stummen, unveränderlichen Landschaft, anorganisch, taub, da, aber ahnungslos, unbeteiligt am Allzumenschlichen, anderen Ursprungs jedenfalls als die hinterherschallenden Silben, keinen Dunst vom schwulen Friseur, der jahrelang an seinen Lover geklammert auf der pastellgelben Kawasaki Ninja durch die hochsommerlichen Wälder hier gerauscht war, eine Tour nach der anderen absolviert, den Mittelstreifen strichliert vorbeiziehen, den Körper von Fliehkräften und Trägheit und Kurve und Gripp in die Schräge drücken lassen hatte, bevor er seinem Lebenspartner während einer Pause irgendwo am Straßenrand sagte, dass er absteige und aussteige, hier, und vielleicht sah er ganz verklärt in den Wald hinein, wo die Baumkronen das Licht siebten und ein Gebirgsbach die Kaskaden hinab Spektralfarben sprenkelte. In diesem Dorf eröffne er am Puls der Natur seinen neuen Salon, weit weg von den kerosinverpesteten und schwermetallverseuchten und mit Autobahnsmog vollgesogenen Köpfen in Linz. Die Leute hier brauchten mit Sicherheit auch fetzige Haarschnitte und für die nächsten Spritztouren brauchten die Liebenden nur die Ortsausfahrt nehmen, könnten sogar noch Benzin und Zeit sparen, hinein ins Schwarzenbachtal, vorbei am Nymphenfall, die Weißenauen hinauf und wie all diese Motorrad-El-Dorados hier in der Gegend hießen, und mit etwas Glück winkten ihnen die zufriedenen Kunden. Jetzt habe er sich aus ganz anderen Gründen vertschüsst, nicht zum zeitweiligen, montäglichen Vergnügen, sondern gewissermaßen, wie anzunehmen war, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit für immer, nur weil irgendjemand es auch noch für lustig befunden habe, zusätzlich zu dem Hinkelsteinwurf, an der Geschäftstür eine Lippenstiftschmierage zu hinterlassen, man habe es ja eh fast nicht lesen können, Kauft nicht bei Pudeln , so eine Sauklaue.
Er vielleicht nicht, der Verunstaltete, in der Volksschule habe er ja schon zehntausend Dioptrien gehabt, vielleicht sei er es ja selber gewesen, um zum historischen Augenblick hinzuzufügen, dass er endlich schreiben gelernt, wurde der körperlich missglückte Sohn der alten Dame abgewatscht, der nächste Hinterjemand übernahm. Er trug einen Trachtenjanker in Grün und Braun mit derben, Brillantschliffen nachempfundenen, oktaederartigen Eichenholzknöpfen. Wer auch immer Hand an den Hobel gelegt hatte, litt unter schlimmstem Delirium tremens, weswegen die Arbeit eher der Kopfform eines Anencephalons ähnelte. Zumindest stellte ich mir hirnlose Schädel so vor, seit Lena von der Geburt jenes Kindes erzählt hatte, das die Mutter unbedingt am Tubus, an der Infusion, an der Blutkonserve, am Herzschrittmacher im Intensivzimmer hatte sehen wollen statt in der Patho. »Der Kopf ist ihm immer schon so auf die Seite gefallen, und die Atmung hat ausgesetzt, einschlafen lassen hätten wir es können«, und am Abend des Tages, da ich den Mann im Trachtenjanker mit dem Gamsbart am Revers die Mär vom schwulen Friseur auseinandersetzen gehört hatte, »Lena, Anencephali einschläfern, weißt eh, irgendwann brauchen wir eine Bohrmaschine, und dann sind wir froh, wenn nebenan jemand aufmacht«, beispielsweise als ich Maria dann ein Gitterbett zusammenschraubte, »du würdest sie nicht euthanasieren, selbst wenn sie gar nichts hätte«, ich ließ den Bohrer noch ein paar Umdrehungen im Leerlauf sausen, um meiner Aussage Nachdruck zu verleihen. Seine Tochter sei ja ungemein talentiert. Seit Jahren fahre sie deshalb schon allmorgendlich eine ganze Stunde mit dem Autobus ins Unterland. Damit meine der Mann im Trachtenjanker den Fluss hinunter, denn das wisse sogar ihr minderbemittelter Vater. Das Oberland sei entgegen der Fließrichtung, egal ob südlicher oder nördlicher auf der Karte. Sie werde ihm nicht zu klug, das habe er ihr schon zigmal gesagt, seit sie da im Unterland das Gymnasium besuche. Er sprach den Begriff wie etwas unfassbar Widerwärtiges aus. Ob es ihn vor Kälte oder Ekel kurz schüttelte, wusste ich nicht. Nur ihre Zeichenlehrerin erkenne das Genie seiner Tochter nicht, die irgendwann sicherlich eine berühmte Designerin werde.
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