Seine Tochter, sagte der Mann im Trachtenjanker, habe im Morgengrauen jener Novembersamstagnacht zu dem schwulen Friseur und dem Schmähspruch an der Tür Tränen entgegengehalten, habe hinter der eingeschmissenen Glasscheibe der echtlebensgroßen Haarwerbepuppe auf die Wangen Tropfen mit glitzernder Schminke gemalt. Sie habe die Augen wach und die Ohren aufmerksam offen eben Courage und echtmenschliches Mitgefühl gezeigt, Dinge, die mit Kunst in höchstem Maße und innig verquickt seien. Da könnten sich die Heidingers in Wien und Freiheitlichen Parteichefs in ihren Bärentälern und düsteren Forststrichen Österreichs und das ganze Packlgfrast mehr als eine Scheibe abschneiden. Darum ginge es. Das glaube sie nicht, sagte die Volksschuldirektorin, Empathie könne man auch mit Gegenden haben, mit Pflanzen, Gewässern und Tieren, was für ein jovialer Menscheninszentrumrücker er denn bitte sei, da muss man nur einen Vegetarier fragen, als ich endlich an Kurtis Theke mein Fleisch bekam, Beiried und Beinscheiben, die in Fettpapier eingepackten Teile in das mitgebrachte Plastiksackerl tat und den Rückweg die Schlange entlang antrat. Da habe er sich geschnitten, beharrte gerade die Volksschuldirektorin, die Lippen inzwischen so eisblau wie der Blazer, um die Leinwände beschauenden Menschen gehe es, wie der Künstler ihnen etwas vermittle, das sehr wohl mit Gesellschaft und Zeitgeist zu tun habe, was aber noch lange nicht heiße, dass zeitgeistliche und gesellschaftliche Verhältnisse in Zeiten struktureller Probleme tumb abgemalt oder schwul an schwule Wangen geschmiert werden müssten. Inzwischen hatten ihre Haare wieder Korkenzieherlockenform angenommen und seine Tochter solle doch Flugblätter verteilen gehen.
Während ich durch den Schnee vorbei an der Frau im Nerz und ihrem sabbernden Sohn stapfte, durfte ich mir vom Mann im Trachtenjanker noch anhören, dass es darum ginge, etwas zu riskieren, dass seine Tochter gottverdammt nochmal über die reißzahnartig hochstehenden Splitter im Fensterrahmen gestiegen war, sich die Oberschenkel aufschlitzen hätte können in ihrem Rausch. Gerade aus dem Wirten sei sie gekommen, vom Fortgehen, und dann am Heimweg habe sie im Morgengrauen die hinige Scheibe und die Kauft nicht bei Pudeln -Sentenz gesehen. Und selbst frierend, in ihrem Zustand noch, den ganzen nächsten Vormittag habe sie zwar über die Kloschüssel gebeugt zugebracht, aber doch Stunden zuvor ganz genau und gewissenhaft sofort gewusst, was zu tun war. Vom Vollsuff gezeichnet habe er am Nachmittag ihre unverwechselbare stilistische Handschrift an den Wangen der echtlebensgroßen Haarwerbepuppe erblickt. Und erst diese Splitter. Die sorgenvolle Vorstellung, dass seine genialische Tochter über diese rasiermesserscharfen Glasbruchstücke gestakst war, ein Tanz auf der Klinge, hinein ins Schaufenster, bloß um einen Typen zu verteidigen, der schon weiß Gott wo sein konnte. Das sei wahrer künstlerischer Schneid. Ich nickte dem Mann im Trachtenjanker zu und ging an der Volksschuldirektorin vorbei, die einstimmte, denn auch sie habe die zackig scharfen Glassplitter gesehen, die allesamt auf die Steineinschlagsstelle zeigten, wie im Fadenkreuz den nicht vorhandenen Hodensack im Schritt der echtlebensgroßen Haarwerbepuppe anvisierten. Und wenn seine Tochter wirklich so genial sei, hätte sie etwas mit diesen eckigen Scherben machen sollen, ein nahezu kubistisches Spektakel, wie die den Anblick des Friseursalons brachen im Morgenlicht, guernicagleich, das hätte seiner Madame doch auffallen müssen. Der Mann im Trachtenjanker sagte, es habe dann zu Hause natürlich etwas gesetzt, eine gesunde Detschen, nicht auszudenken, wenn sie sich verletzt hätte, was sie da riskiert habe. Am Ende hätte sie noch ins Unterlander Krankenhaus gemusst, was man da höre. Hochschwanger ginge man hinein, und ohne Kind komme man heraus, nur weil man sich vorsorglich quasiabtreibungsgleich durchultraschallen hat lassen mit diesen ärztlichen Babykillerstrahlen und dieser hochtoxischen Schmiere. Nein, vor Sorge könne man ja auch sterben, und er habe, welch Tat seine Tochter eigentlich vollbracht, erst bier und hetzt jegriffen. Wenn mich nicht alles täuschte, ich drehte mich nicht um, hätte wahrscheinlich eh nicht mehr die Hand vor Augen gesehen, kämpfte mich vorwärts durch den jetzt wieder rauer aufbrausenden Wind, stapfte, schnaufte und wankte langsam laufender Nase außer Hörweite des trachtenjankertragenden Mannes, aber ich glaubte, Krämpfe ergriffen seine Wangen, Schluchzen erschütterte seine Zunge, eine innige Umarmung erstickte seine Worte und, so stellte ich es mir zumindest vor, seine Tränen gefroren.
Es schneite jetzt genau in die Richtung, in die ich ging. Der Wind setzte sich durch und drehte nicht mehr irgendwo über dem Flachland um die Gebirgsriegel herum und herein in den Kessel, durchstreifte die Sohle nicht mehr tallängs. Direkt über die Grate kam der Sturm, heulte als Fallwind die Hänge herunter, die Böen pfiffen lotrecht der Felsenketten, schier aus Kurtis Fleischhauerei, trieben die Schneewehen und mich vor sich her, peitschten mir die Mantelschöße um die Knie, meinem Schritt voraus, bissen mir frostig in die Kreuzbänder, rauften und rissen mein Haar, beutelten in meiner Hand das Plastiksackerl, hoben es in die Horizontale, flatterten kiloweise Fleisch wie nichts, die Halter schnitten mir in die Fingerglieder, die Kälte kroch mir in die Knochen. Die Gestalten neben mir in der Schlange schlotterten, Troddeln an Zipfelmützen und Schalfransen wehten mit mir, ihr Anblick zerschlissen und zerfasert wie auf einem Bildschirm voll schlechtem Empfang, abgerissene, aber pfiffige Provinzler im rauen Auflachen der Böen. Engmaschige Skimasken bedeckten Gesichter, Schalknoten hielten rüstig geschnürt um Hälse, auf und ab schwebende Fäustlinge schüttelten sich immer wieder neu anhäufenden Schnee ab. Der Wind nahm ihn bereitwillig mit, stieb die Flocken in meinen Blick. Riesige Stiefel steckten knöcheltief fest, hoben und senkten, schritten, schrammten Farbverläufe ins allesbedeckende Weiß, vor meine Augen, während das Metrum der Böen das Schauen strichlierte. Der Rhythmus der Windstöße zwang mich zu blinzeln, interpunktierte während des Vorwärtswehens das Ansehen der Leute, das ein paar Takte Sturmpause wiederherstellten. Im Wechseln des Liderschließens und Hinschauens lösten Schwarz und Weiß einander ab, kämpften um die paar Kleckse Braun, Grau, Jeansblau, die Farben der Kleider an jenen Einheimischen, die sich diesen Winden aussetzten. Ich schritt sie ab, passierte die Schlange und blieb selbst nicht stehen, ließ den Wind meine Ohren entlangpfeifen, sah noch einen anthrazitfarbenen Parka und spürte an den Lidern schon die Nachhut aus Schnee vorbeitreiben, erblickte beim nächsten Augenaufschlag im Gehen sehr peripher ebenjene anthrazitfarbene Fläche aus meinem Gesichtsfeld weichen, während sie schon verfranste an den Rändern, einerseits bedingt durch mein Vorangehen, verschärft noch durch ihr entgegengesetztes Bewegen, zusätzlich im unerbittlichen Rhythmus von Auftreffen und Abgleiten der flockenbringenden Böen. Ebenjene Schneewehe holte mich jetzt ein, strich über mein inzwischen klatschnasses Haar, während erst vor mir der letzte über mich hinweggefegte Weißstreif zum Schleier verkam, sich zur Wolke legte, in die ich hineinmarschierte, in deren Lichtung ein orangefarbener Arbeitsanzug erschien. Doch ich musste schon wieder die Augen zu Schlitzen verengen, Schritte setzen, Frost durchpochte mich, wie unter Heulen zum Ohr herein in mein Inneres. Brutal kickte das Orange den nächsten Anblick, äußerst im Augenwinkel. Ich wandte mich um, dass mir der Schnee erst richtig in Pupillen, Iris, Wimpern knallte, Kälte Schienbeine, Hüfte, Taille, Brustkorb, Schultern, Hals, Gesicht, mich weiß strich, der Wind mir fast den Mantel vom Körper streifte. Reflexartig riss ich den Unterarm vor die Augen. Als ich über meine Speiche hinweg dann immer noch Ellenbeuge bis Ärmelaufschlag die Hand des orangefarbenen Typen sich bewegen sah wie ein Schiffchen, begriff ich erst, dass er nicht etwa wie ich vorschützte, was sein Körper eben hergab, sondern dass er winkte, mir zugewandt stand. Er streckte den Zeigefinger, wies durch die groteske Szenerie, aus der innerhalb weniger Stunden die weiten Vorgartenflächen verschwunden, dünenartige Schneeberge im Luvstau der Hauswände aufgeworfen waren. Wieder dauerte es etwas, erneut verstrich der Schnee ein paar Anblicke, bis nicht etwa aus meiner Nase und meinen Haaren, sondern in meinen windverpfiffenen Schädel hineinsickerte, dass der Typ in Orange auf meinen Wagen zeigte, der einige Meter weit hinter mir, neben ihm quasi stand, eigentlich schon in Flocken aufschwamm, Aquaplaning unter null, Reifenprofilunterseite bis Radkappe Oberkante eingeschneit. Ich stemmte mich gegen den Wind, ging zu ihm hin, hätte vornüberfallen können, wäre im Schnee nicht mal weich aufgekommen, so krass stürmte es.
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