»Wie beim Heidinger«, wusste hinter dem Mann im Trachtenjanker die Frau in ihrem eisblauen Blazer, ihres Zeichens kulturbeflissene Volksschuldirektorin, wie man, wenn ich mich richtig entsinne, hierzulande immer noch sagt im Gegensatz zum deutschen Nachbarland, man habe ja nie Grund gehabt, die Schulstufen umzubenennen über all die Dekaden. Dieser Tage war im Fernsehen eine stundenlange Geburtstagsretrospektive der letzten pointilistischen Malergröße ausgestrahlt worden, die zufällig in dieser Gegend aufgewachsen war. Groß geworden war er allerdings im Salzburger Umland mit ultrakitschigen, quasinaturalistischen Landschaftsstudien. Inzwischen in Wien angekommen saß der Greis für die Sendung in seinem Stammcafé am Gürtel und witzelte über die Reporterfrage, ob dieses Etablissement nach ihm benannt sei. Es müsse selbst zwischen atonalen Hupkonzerten, Gummiabrieb, Bremsscheibenquietschen und zerschrammten Karosserieschreien einen Platz für Heiden geben. Im Übrigen bestehe das Café Heidinger schon seit seiner Geburt an der Stadtautobahn in diesem Gründerzeithaus und die Namensgleichheit sei zwar zufällig, nicht aber, dass er jetzt hier sitze. Im Hintergrund stoben ein paar Queuestöße klackend blaues Pigment in die Luft. Der Rauch stieg aus der Zigarette der Malergröße und ein paar Heidelandschaften flimmerten über das Bild, bevor die Reporterin fragte, warum er dann nach dem Umzug sein Œuvre beibehalten habe, nicht beispielsweise Geschäftsmänner male, bei Nacht, wie ein Sakkorücken im Sitzen über der Theke sacke, der nächste von vorn, wie er mit einer Frau zusammen tresenstehe, in gallenbessernden Schnaps schaue statt auf ihr rotes Kleid, Großstadtausschnitte eben, da müsse der Heidinger nicht mal den Filzhut weglassen, kurz hielt die Reporterin inne, »als ob man durch straßenseitige Scheiben schiele«, und Lena lachte, dass der Fernseher flimmerte. Ich machte »Sch, sch«, »Kokos-Busserl«, sagte Lena und gab mir eines auf die Zunge. Kein Mensch drehe ihm einen Strick aus der Unabänderlichkeit seines Stils, aber diese Motive, fragte die Reporterin. Wenn er jemals auf so grausige Gretchen wie diese Reporterin und ihr Herumkritikastern gehört hätte, wäre er jedenfalls nicht hier. Schon sein Zeichenlehrer in der Volksschule habe geschworen, aus ihm würde nie etwas, und schon gar kein Maler. Dann, nach Verleihung des goldenen Lorbeer, habe er bei dem pensionierten alten Dattel um Audienz ersucht, sich tief verbeugt im Vorzimmer, ihm direkt ins Gesicht geblickt, sich umgeschaut und gesagt, oh, es sei ja doch jemand da. Nicht nur die Frau im eisblauen Blazer und mit dem frostig schimmernden Lipgloss glaubte an ihre Alleinstellung hinsichtlich kultureller Bildung in dieser Schlange. Die Leute himmelten sie unverfroren tropfwarmen Augens an, was sie wohl verlockte, erhöhte und lobpudelig verhätschelte, so sehr, dass sie sogar verstiegen davon ausging, die einzige Erheiterung in diesem heimeligen Dorf seien Schlangenschimpftiraden und sie die Einzige, die abends zum Abspannen den Fernseher andrehte, weswegen sie diese ganze Heidinger-Sache wiederkäute.
Doch offensichtlich hatte auch der Mann im Trachtenjanker die Geburtstagsretrospektive geschaut. Er schnäuzte sich extralaut in ein Stofftaschentuch, um der Frau mit den feuerrot gefärbten, zwischen Glätteisenhälften schnurgerade gebändigten, schulterlangen Haaren den Wortschwall abzuschneiden. Als wirklich Stille einkehrte, erhob er den zittrigen Zeigefinger. Langsam, einer Urgewalt gleich, für die er sich wohl hielt, im selben Tempo wie ihre der feuchten Kälte wegen wieder Schwung aufnehmenden und sich kräuselnden Haarspitzen schwebte der Finger dem Gesicht der nicht gerade widerspruchsverwöhnten Volksschuldirektorin entgegen. Als zöge die Frau im eisblauen Blazer in Zeitlupe die Haare wie einen Schild hoch, um sich vor dem auf sie zukommenden Gegenargument zu wappnen. Auch ihr Hals steckte kältegezwängt eher zwischen ihren Schulterpolstern, als dass er herauswüchse, ihre Lippen bibberten, während der Mann im Trachtenjanker den Satz formte: »Nicht wie der Heider. Was hat der schon gemalt?« Die ganze Schlange brannte auf die Auseinandersetzung, wie es immer war, wenn Widerstand sich regte, wenn Widerspruch aufkam und mit Worten, hier, innerhalb der Dorfgemeinschaft ausgefochten wurde, was in einem Friseursalon ja nicht mehr zu klären war. Besonders die Frau im Nerzmantel reckte ihren Hals in Richtung der Kontrahenten, während ihr Sohn besonnen, als müsse er noch über die Bemerkung von vorhin nachdenken, den Kalkalpengraten entgegenschaute, deren klare Linie immer wieder zerstieben wurde in Flimmern, Schneetreiben, aufgepeitscht von Winden, die es dort in mehreren tausend Metern Höhe viel wilder trieben, jauchzende und dem Novembernebelwolkengrau Weißwehen einzeichnende Geschwindigkeiten erreichten. Damit verglichen wirkten die sachten Windstöße hier unten, an den Bergfüßen, auf der Talsohle, eher wie ein kurzes Zusammenzucken, ein Zittern und Aufmucken, als müsste selbst die Luft sich hin und wieder ein bisschen bewegen, halbentschlossen in diese oder jene Richtung preschen, weil sie sonst fröstelte.
Ich tappte gleich ein paar Meter vorwärts in Richtung Kurti, weil ich den Schritt-für-Schritt-Watschel-Marsch der Schlange noch nie und selbst in dieser Eiseskälte nicht nachvollziehen hatte können, lieber länger an einem Fleck verweilte, um mein Bein dann weit ausschreiten zu lassen. Hinten hörte ich die Volksschuldirektorin noch darauf bestehen, dass sich der Heidinger ein ganzes Leben lang treu geblieben war. Als ich mich im Gehen umdrehte, sah ich Schnee von meinen Schultern fallen und handkantenhohe Pulverhaufen von den zu mir aufschließenden Hinterjemanden stauben, die selbst im Gehen weiterdiskutierten, sich gegenseitig Atemwolken ins Gesicht hauchten. Immer Landschaften gemalt hatte der Heidinger, außer einmal den Heinrich porträtiert, und unlängst wegen der unabweisbaren Namensgleichheit, Herkunftsverwandtschaft und Genieähnlichkeit auch den Freiheitlichen Parteivorsitzenden in Wien, der im Übrigen schon ihr Schüler und überaus talentiert gewesen sei, immer die Hauptrollen in allen Schultheateraufführungen bekommen habe, aber sonst habe der Heidinger stets unsere Gegenden gemalt besser als jeder Fotograf, auch wenn die Winde aus anderen, primitiveren, perversen Richtungen kamen. Während dieser blau einherreitende Russe da sich von der Landschaft wegabstrahiert habe in für jeden gesunden Menschenverstand unnachvollziehbare Höhen, habe Heidinger sich heldenbeispielhaft verhalten und es deswegen auch auf diese Peppiliste geschafft, verzeichnet wie wenige als unvernichtbar, damit unserem führungsbegnadeten, gottgelobten und für das Idealschöne beneideten Kulturvolk in der Alpenmark nicht die Genies und Geistesgrößen ausgingen, davonflohen oder wegflogen gen Westen oder, Jesus Maria, gar fielen wie die stürmischen Jugendheroen in den Auen, als der blutrote Supergau die Donau heraufnahte. Deswegen habe der Heidinger ja auch nicht ausrücken müssen zur Volkszählung, zur Musterstellung, zum anschließenden Krieg, weil man einer Nation nicht alles nehmen kann, weil es dem Land einfach nicht zumutbar war, dass es auf ihn verzichte, das habe der Peppi sehr genau gewusst mit seiner Liste. »Einrücken hätte er müssen. Die Front war eh schon vor der eigenen Haustür«, unterbrach sie der Mann im Trachtenjanker, das stelle er sich ganz schön witzig vor, wie der Heidinger mit Staffelei, Palette und Leinwand unterm Arm ausgerückt sei, irgendeinen Hügel hier in der Gegend bestiegen und sich auf einen Hocker gepflanzt und gewartet habe, bis sich die Sonne über die Berge schwang, die Schneeschicht morgens von den im Feld gebliebenen Körpern schmolz und einfach die Leichname seiner Kameraden stillschweigend in Büsche und Hecken und Sträucher verwandelt habe. »Die Toten liegen in den Wiesen und der Herr Heidinger malt menschenleere Landschaften. Der kann mir gestohlen bleiben.« Schon ereiferte sich wieder die Volksschuldirektorin, was wäre denn bitte mit den Wahlverwandtschaften Goethes, geschrieben während der napoleonischen Kriege, und dann käme allzu hämisch während Vietnam der bei uns nach Adis Kunstvorstellungen auf ewig Ade unmöglich gewordene und Hasta la vista geschickte Fotorealismus ausgerechnet aus den USA, blanke Wüsten und bis zum Spiegelreflex polierte Autokarosserien, was sei denn damit, dass die Leute gerade in den allerschlimmsten Zeiten die Weiden und das Idyll am bitternötigsten haben. »Was ist das denn wieder für ein Nazischeiß«, hatte Lena gesagt noch während der Heidingergeburtstagsretrospektive, und als dann der Abspann lief, dass ihr die Reporterin wirklich leidtue, so einen altväterischen Pinselstricher interviewen zu müssen, und sehr bestimmt von ihrem Rotweinglas getrunken, als wäre alles Sagbare gesagt mit diesem unanschlussfähigen Abkanzelsatz, lautstarkes Schweigen, indem Lena das Achterl auf die Tischplatte donnerte. Glücklicherweise hatte ich noch das Kokosbusserl im Mund.
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