Eine Runde Schnaps wurde vom Wirten an alle Anwesenden verteilt. Einige wandten mir den Rücken zu, andere standen wohl in uneinsehbaren Bereichen der Stube hinter anderen Fenstern, insgesamt verschwanden an die zwei Dutzend Stamperl vom Tablett. Rudl, der Fischereiaufseher, Wolferl, der Förstereimeister und Tierpräparator, der Exreinankennetzseejäger, jetzige Zuchtteichfallensteller und heutige Semmelverdiener Friedl, sowie der Großbäckereimeister Ferdl verharrten beieinander, unterhielten sich, ein Wacholderbeer ging auch an den besiegten Gendarmen Fredl, obwohl Alkohol die Blutgefäße weitet. Vielleicht saß ihm der venenverschließende Schock noch in den Beinen. Vorsichtshalber wand er sich schon mal das Handtuch um den Kopf. Das Frottee saugte auf, was die wieder zu suppen anfangende Wunde auswarf. Ein im Rhythmus von Fredls Pulsschlag seinen Durchmesser weitender Punkt entstand außen auf dem Handtuch, dunkel, nachtfarben. Sobald sich Eiter dazumischte, würde er ins Dämmerartige hinübergehen. Noch aber sah Fredl aus wie ein Hindu, der nicht wusste, wo der Bindi hingehörte. Lediert war er ja allemal, und die Schulterklopfer, die Kinngriffe, die Hinternkläpse und die an den Mundwinkeln ablesbar freundschaftlich gemeinten Worte folgten nun zögerlich, aber doch. Zum gandhiesken Handschlag zwischen den beiden Kontrahenten kam es zuletzt sogar.
Beruhigte mich in keiner Weise, löschte nicht, was eben noch gesehen. Wenn die lieben Kollegen miteinander schon so umsprangen. Wenn sie mich hier fanden. Durch die Scheiben linsend. In der Dunkelheit um den Wirten schleichend. Das Instrument samt nasser Seite noch in der Hand. Im Kofferraum die nachts gefangene Forelle. Noch zappelnd in traumatischen Reflexen, wie einmal angeschriene Kinder lebenslang beim kleinsten Klimpern zittern. Drinnen schmiss das Licht den Schatten eines jovialen Handschwenkens an die Wand. Ihm folgte eine Woge lospreschender Bauernschädel in die gewiesene Richtung. Durch den Schankraum ging die Masse, immer noch nackt die Oberkörper. In dieser Dichte, mit dieser Geschwindigkeit verschwammen sie beinahe ineinander. Brutal sprang die Tür aus dem Schloss wenige Meter von mir entfernt, lange bevor der Letzte unter ihnen überhaupt aus meinem Sichtfeld verschwunden war. Ungeachtet der lichten Scheiben, gebückt zwar, aber doch eher auf Schnelligkeit bedacht, hastete ich die Mauer entlang. Die drinnen Verbliebenen, hoffte ich, schauten nur ihr Ziel an und sonst nicht rechts oder links beim Fenster hinaus. Im Vorübereilen taxierte ich Volki einen flüchtigen Augenblick, erhaschte seine ruhig gegen die rückwärtige Stubenwand gelehnte, in seiner Burschenschaftsuniform mit der albernen Mütze und der blauen Kornblume am Revers steckende Gestalt. Mit einem einzigen Schwenken seiner sektfickrigen Hand waren für einen Abend alle Vereinsgesetze aufgehoben. Die Rotte rannte blindlings an dem Mauereckgebüsch vorbei, hinter dem ich kauerte. Zwischen ihren Fingern waren Fliegenstangen wie in meiner. Manu in Manu, nachts ruhten die Fische nicht, bissen sogar noch besser als tags.
Die nackerten Überkörper verteilten sich in der Finsternis flussabwärts, wo mein Auto in einigen Kilometern Entfernung stand. Ich sah sie schon auf den Wagen zuschleichen, das Nummernschild erheischen, durch die Heckscheibe eifern, keine Stangen ausmachen, Schlösser knacken. Wenn ich mich beeilte, standen die Chancen nicht schlecht, hier wegzukommen, bevor sie es fanden, eine untermaßige Bachforelle fingen, in den Kofferraum schmissen, sich pseudoempört auf die Suche machten nach mir. Volkis Rapier knallte wenig später Knauf voran wie ein Richterhammer auf den Tisch, Verhandlung geschlossen, Schwarzfischer, na sicher. Ein paar von ihnen stromerten flussaufwärts weiter, wo die vom Verein gepachtete Strecke dann irgendwann endete. Nur zwei blieben an der Kreuzung zurück, vor ihnen der sprudelnde Fluss, hinter ihnen der Wirt und ich, links und rechts ihre Kollegen. Natürlich warfen sie gleich an Ort und Stelle aus, der Länge nach die Straße herauf, ein Lot auf den Fluss, parallel zu meinem Versteck. Ich kauerte im Schatten, sah ihre Schnüre und Vorfächer heraufschwingen, so achtlos geschleudert, dass sie nicht stiegen. Nur knapp über dem Asphalt zischten die Köder dahin, bevor die beiden Dilettanten die Ellenbogen mitsamt der Stange wieder Richtung Wasser rissen, ein Hansschleudererpeppiwurf. Dazu wechselten sie das Auswerfen in einem versetzten Rhythmus ab. Immer nur einer von ihnen fischte und der andere warf.
Der Moment verstrichen, in dem ich die Straße Richtung meines Wagens hätte passieren können. Ihre vor- und zurückschwingenden Widerhaken, sie würden mich erwischen an Haut oder Gewand. Wären sie doch wenigstens hängen geblieben an einem Schwemmgeäst. Es war eine Schande, da saß ich nun gekauert gegen die Wirtenwand, die zumindest schlecht gedämmt etwas Wärme abgab. Ich sah dem Auf und Ab der Schnüre an meinem Versteck vorbei zu und lauschte dem Wurfsurren sowie der Bisslosigkeit ihrer Fischversuche. Natürlich folgte dem platschenden Köderhineinwerfen kein oberflächenbrechendes Aufschnappen. Die Forellen stiegen so wenig wie ihre Schnüre. Ich kam ab von jeder Fluchtidee, flussabwärts auf meinen Wagen zuzumarschieren durch irgendein Gebüsch. In der Dunkelheit immer noch ausmachbar, Silhouetten der weniger gehenden als dahinfallenden, allenthalben stolpernden Sauproleten, überholbar zwar. Wegzufahren lange noch, bevor man von vor der Nase überhaupt sprechen konnte, dass ich in mich hineingrinste. Was mir diese Option verdarb, dies unholde, keineswegs sachgemäße, reiner verdummender Faulheit und Biertrinkerei und Bauernschädelei-à-la-so-schwer-kann-das-doch-nicht-sein entspringende Geschwinge. Es konnte einfach nur ein tumbes Auszucken im Arm sein, das debile Winken wegfahrender Verwandten, an die sie dachten, während sie ins schwarze Wasser starrten, wie es das Flussbett hinunterging. Viel Wetter machen und immer schön die Fische die eigenen Armbewegungen sehen lassen, das verschreckte sie, da bissen sie. Nein, schnell musste man sein.
Stromaufwärts der Viererkreuzung überquerte ich die Straße, die Fahrbahn parallel zum Fluss, vorbei an den beiden Arschgeigen. Parallell zu ihren Schnüren, die mir immer noch den Weg abschnitten, schlich ich auf Zehenspitzen gen Fluss und duckte mich hinter die zum Wasser führende Querwand des Hauses, auf dessen anderer Seite die beiden standen. Die Längswände führten die Straße Richtung untere Flusspassagen, zu meinem Wagen hin, beziehungsweise das Flussufer hinab. Ich beschaute die Spiegelung meines kläglichen Gesichts auf einem der dunklen Fenster, hinter denen die Frau wohnte, die noch immer auf meine Fische wartete, und schöpfte Hoffnung aus ihrem Anblick. Was ich denn da mache, hatte sie mich gefragt, als ich in ihrem Garten zwischen Haus und Flussufer gestanden hatte, weil es eine der fängigsten, nur von dort anzufischenden Stellen war. Ja, ich sei über ihren Zaun geklettert, aber nur zum Zwecke, ihr eine Forelle zu fangen. Da lächelte sie mich an durch das Fenster hindurch, und obwohl ich ihr geradeaus ins Gesicht schaute, um meiner Lüge Glaubwürdigkeit zu verleihen, bemerkte ich doch im peripheren Gesicht, dass die Fassade in ihrem hässlichen Ultramarin direkt in den Himmel überging, die gesamte Straße verdeckte. Ich brauchte nur zu warten, dass meine beiden Widersacher das Wasser entlang stromaufwärts durch den Garten kamen, dann die straßenseitige Längswand runter, im Sichtschatten des Heims, über die Viererkreuzung, flussabwärts weiter, »das ist Hausfriedensbruch« und »mach doch, was du willst«. Der eine stakste durch Rindenmulch, die Schritte des anderen kamen die Straße entlang, elf. Ich suchte nach einem Gebüsch, zwei, das womöglich den nächsten Garten zierte, und, zwar da, aber davor ein Maschendrahtzaun, zwan, ich schaute mich nach Deckung um, zig, wusste, drei, dass er rechts um die Ecke würde, und, hier an der Querwand entlang, zwan, zum Wasser unterwegs, zig, immer lauteren Schritts, eins, es keinen Nutzen hatte, und, mich an die Wand zu schmiegen, und chancenlos hechtete ich vorwärts, die Wand Richtung Ufer hinab, steckte, noch rennend, die Stange in den Aufschlag meines Hemds, hob ab, überflog die letzten Meter, aus vollem Lauf kopfüber in den Fluss, hörte das Platschen, spürte stilles Wasser in meinem Gehörgang.
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