Selena klopfte an seine Tür und trat ein. »An den Bart kann ich mich nur schwer gewöhnen. Damit siehst du aus wie ein Pirat.«
»Johnnie Depp, zu euren Diensten. Kratzen tut er auch.« Wenigstens musste er kein Make-up tragen. Weiße waren in Mali nichts Ungewöhnliches. »Echt jetzt, Johnnie?«, fragte er.
»Hat doch funktioniert, oder nicht? Oberst Wie-war-nochmal-sein-Name hat dich danach nicht einmal mehr angesehen.«
»Samake. Er will uns im Auge behalten und möchte nicht, dass wir nach Norden gehen. Es könnte nur ein gutgemeinter Ratschlag für eine berühmte Touristin sein, aber ich glaube, dass mehr dahinter steckt. Obwohl er nicht unrecht hat, was den Norden angeht.«
»Wieso?«
»Ist das Gebiet der AKIM.«
»AKIM?«
»Eine Terrorgruppe. Steht für al-Qaida in den Maghreb-Staaten. Ein Haufen Halsabschneider. Die ganze Gegend ist eine der Hauptdrogenrouten für Ware aus Südamerika, die für Europa bestimmt ist. Die AKIM finanziert ihre Operationen durch den Schutz der Lieferungen. Außerdem entführen sie gern westliche Touristen, die dumm genug sind, sich in den Norden zu verirren. Sie halten sie als Geiseln oder töten sie. Wenn es gerade keine Touristen gibt, überfallen sie Grenzpatrouillen, um in Übung zu bleiben. Allerdings gibt es da oben nicht mehr viele.«
»Warum hat sie noch niemand gestoppt?«
»Weil sie praktisch unauffindbar sind. Sie verstecken sich in der südlichen Bergregion von Algerien. Die ganze Region wird die Achse der Instabilität genannt und erstreckt sich quer durch Nordafrika von der Atlantikküste bis zum Roten Meer.«
»Dann sollten wir da nicht hingehen.«
»Vielleicht müssen wir das auch gar nicht.«
»Bereit für die Bibliothek?«
»So bereit wie man sein kann. Was denkst du, wie lange wird es dauern?«
»Kommt darauf an. Es gibt dort gut 20.000 Manuskripte. Es könnte Tage dauern.«
»So viel Zeit haben wir nicht. Rice wünscht Resultate.«
»Da kann man nichts beschleunigen. Ich sage auch nur, dass es Tage dauern kann. Aber vielleicht habe ich ja Glück. Man sagte mir, dass die Manuskriptsammlung gut organisiert ist. Und sie datiert zurück bis ins 13. Jahrhundert, genau der Zeitraum, nach dem wir suchen.«
Vor dem Hotel bekamen sie ein Taxi und fuhren zum Institut. Ein heißer, trockener Wind trug den zeitlosen Duft der Sahara mit sich. Im Osten erstreckte sich die große Wüste über tausende Meilen.
Das Taxi fuhr entlang niedriger Häuserzeilen und Läden, die alle aus gelblichen Tonziegeln gebaut waren. Die Gebäude verfügten über massive Holztore mit Metallverzierungen und hatten dekorative Gitter über den Fensteröffnungen. Der Fahrer erzählte ihnen, dass die meisten Häuser um verborgene Innenhöfe und Gärten herum erbaut worden waren. Die Straßen waren unbefestigte Sandpisten. Überall war Sand. Sie fuhren an Eseln, Kühen und Ziegen vorbei. Hier und da erspähte man einen dürren Hund oder eine hagere Katze. Sie passierten Tonöfen in Form von Bienenstöcken, deren Bauweise sich seit Jahrhunderten nicht verändert hatte, wo Frauengruppen in bunten Kopftüchern und langen Röcken Brot backten und miteinander tratschten.
Sie hielten vor der Bibliothek direkt am Rand der Wüste. Das Gebäude war neu und wirkte modern, erbaut um ein älteres Bauwerk in einem anderen Teil der Stadt zu ersetzen. Sie betraten es durch eine Reihe hoher Barrieren, die es vor Flugsand schützen sollten und fanden sich in einem großen, gepflasterten Innenhof wieder. Dicke Wände aus Ziegeln und Beton hielten die Hitze fern. Ein Springbrunnen ließ Wasser durch rechteckig angeordnete Kanäle und kleine Becken fließen, um die Luft zu kühlen. Im Inneren stellte Selena sich dem Bibliothekar vor. Carter folgte ihnen eine Rampe hinunter in die unteren Stockwerke. Die gesperrten Lesebereiche waren mit Glaswänden abgetrennt und voll klimatisiert. Er atmete erleichtert auf. Selena erklärte dem Bibliotheksassistenten, was sie benötigte. Carter nahm sich einen Stuhl. Der Assistent kehrte mit einem Stapel Manuskripten in farbigen Ordnern zurück. Selena machte es sich bequem und begann zu lesen. Es schien ein langer Tag zu werden. Carter sah sich um. Mehrere Personen waren über Zeitungen und Manuskripte gebeugt. Ein Mann mit dunklen, pockennarbigen Zügen studierte am anderen Ende des Raumes eine Handschrift. Nicks Ohr juckte. Irgendetwas stimmte nicht mit dem Kerl, aber Nick war sich nicht sicher. Als ob er seine Gedanken gelesen hätte, hob der Mann den Kopf und sah ihn an.
Fünf sah von den Papieren vor sich auf. Er lächelte den Mann an, der mit der Frau gekommen war. Der Mann wandte sich ab und beobachtete den Raum. Fünf sah zu, wie die Frau ein Manuskript aus der roten Mappe nahm und zu lesen begann. Er wusste, dass sie diejenige war, nach der er Ausschau halten sollte. Es war so, wie sie vermutet hatten. Jemand suchte nach den Aufzeichnungen. Ihre Zungenspitze tauchte unbewusst zwischen den Lippen auf, als sie sich Notizen machte. Er betrachtete ihre aufreizende Kleidung. Ihre Beine waren unterhalb der Knie sichtbar, ihre Arme waren entblößt. Sie trug einen dünnen Schal über ihrem Haar, um den Anschein von Züchtigkeit zu erwecken. Sie war ein Sakrileg gegen alles, was göttlich war. Eine Hure. Seine Anweisungen waren eindeutig. Nur beobachten. Wenn aber jemand Interesse an gewissen Texten zeigte, sollte er ihn eliminieren. Er hatte eine Woche geduldig gewartet, hatte vorgegeben, einen mathematischen Diskurs aus dem fünfzehnten Jahrhundert zu studieren. Fünf fiel es leicht, geduldig zu sein. Fünf war niemals ungeduldig. Geduld lag in seinen Genen. Seine Wurzeln reichten zu den Tagen zurück, als seine Vorfahren den Meistern in Alamut gedient hatten, so wie er heute einem Meister diente. Die Bruderschaft hütete immer noch die reine Flamme des schiitischen Islam. Sie waren die wahren Gläubigen, die Unbefleckten, entsprungen einer Tradition, die über die Jahrhunderte weitergegeben worden war.
Stunden vergingen. Er sah, wie die Frau den Stift beiseitelegte und ihr Notizbuch schloss. Die Zeit für das Abendgebet rückte näher. Der Bibliothekar würde wollen, dass die Besucher den Saal verließen. Fünf konnte sehen, dass sie noch nicht fertig war. Sie würde zurückkehren. Das gab ihm Zeit, sie zu beobachten, sie zu verfolgen. Ihr Begleiter stellte kein Problem dar. Er gestattete sich ein Lächeln. Eine Hure war eben eine Hure. So war sie wenigstens noch zu etwas nütze, bevor sie starb.
Stephanie grübelte über den Lastwagen aus dem Sudan nach. Vorhin hatte sie ihn von einem DIA-Satelliten überwachen lassen, der selbst aus 35 Kilometern Höhe noch das Kennzeichen lesen konnte. Von Khartoum aus war er durch den Tschad und den Niger gefahren und hatte dann die Grenze nach Mali überquert. Die Satellitenüberwachung kam und ging. Nick und Selena waren seit zwei Tagen in Mali. Sie rief Nick an, um ihn auf den neuesten Stand zu bringen. »Wir haben aktuelle Infos zu den Fotos, die Lamont geschossen hat. Einer der Männer ist Jibral al Bausari. Er ist Ägypter, eine Schlüsselfigur in der Muslimbruderschaft und ganz weit oben in deren Terrorismusnetzwerk. Das bedeutet, dass etwas Großes im Gange ist.«
»Ist das der Kerl, der die israelische Botschaft in Südamerika hochgejagt hat?«
»Nein, aber er steckt hinter einer Reihe von Anschlägen, dem Mord an 42 Entwicklungshelfern in Afghanistan und einer Verschwörung, der es beinahe gelungen wäre, den Eiffelturm zu sprengen.«
»Davon hab ich nie etwas gehört.«
»Wir wollen die Leute doch nicht vom Reisen abhalten und die Tourismusbranche schädigen, nicht wahr?« Sie dachte nach. »Wenn Bausari die ganze Sache leitet, dann können wir davon ausgehen, dass die Ladung des Lastwagens wichtig ist.«
»Wo ist er jetzt?«
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