«Gestern Nachmittag», wiederholt Wunderlin.
«Ich …» Sie stellt das Glas wieder ab. «Wir haben das Spiel am Radio gehört. Ottmar wollte danach auf die Strasse, um zu schauen, was da los war. Dieser Zug der Deutschen, Sie wissen schon.»
Wunderlin nickt. Emil schreibt mit.
«Und dann ist er nicht mehr nach Hause gekommen?»
Sie schüttelt den Kopf.
«Haben Sie sich keine Sorgen gemacht? Jemanden kontaktiert?»
Wieder schüttelt sie stumm den Kopf.
«Weshalb nicht? Angenommen meine Frau würde über Nacht nicht nach Hause kommen – ich würde mich bei all ihren Bekannten erkundigen, bei der Polizei und beim Spital vorstellig werden.»
Emil stutzt. Er hat Wunderlin noch nie von seiner Frau reden hören.
«Es war nicht das erste Mal.» Sichtlich beschämt senkt Anna Ritter den Kopf.
«Er ist öfters weggeblieben?»
«Nicht öfters, nein. Aber es kam manchmal vor, wenn er getrunken hatte. Er trinkt nicht oft, aber wenn, dann … Er wusste, dass ich ihn nicht besoffen in der Wohnung will, vor der Kleinen. Er ist jeweils wiedergekommen, wenn er nüchtern war.»
Emil schreibt eifrig mit.
«Wo und mit wem hat er getrunken? Mit Arbeitskollegen vielleicht?»
«Kann sein.» Sie zuckt wieder mit den schmalen Schultern.
«Verkehrte er vor allem mit Deutschen?»
«Mit Deutschen. Mit Schweizern. Ottmar hatte gern Gesellschaft.»
Das klingt fast ein bisschen bitter. Emil schaut Anna Ritter forschend an, aber ihre Miene verrät nichts.
Wunderlin unterdrückt einen Seufzer, streicht über sein lichtes Haar, unter dem die Kopfhaut durchschimmert. Die Frau hat nicht viel zu sagen. Wahrscheinlich der Schock. Er kramt seine Zigaretten hervor. «Darf ich?»
Sie schaut ihn teilnahmslos an, nickt.
«Sie auch?»
Sie verneint. Wunderlin zündet sich eine Zigarette an. Anna Ritter steht auf und holt einen Aschenbecher aus der Kommode, reicht ihn dem Polizisten.
«Paulaner München», liest dieser halblaut den Schriftzug. «War da Ihr Mann her?»
Die Frau schaut verwirrt. Wunderlin deutet auf den Aschenbecher. «München.»
«Nein. Den muss er mal geschenkt bekommen haben.»
«Woher kam denn Ihr Mann?»
«Aus Buch, einem kleinen Dorf, etwa vierzig Kilometer von München entfernt. Aber da war er lange nicht mehr.»
Wunderlin nickt, Emil schreibt.
«Hat Ihr Mann mit den Nationalsozialisten sympathisiert? Wir haben ein entsprechendes Fähnchen bei ihm gefunden und wo München doch die Hauptstadt der Bewegung ist …»
Anna Ritter schaut müde aus, erschöpft, dunkle Ringe zeichnen sich unter ihren Augen ab. «Der Ottmar war kein politischer Mensch. Und ein Fähnchen habe ich nie bei ihm gesehen. Ich verstehe nicht, was das mit dem Tod von Ottmar zu tun haben soll.»
«Vielleicht hat sich ihr Mann durch seine Gesinnung Feinde gemacht. Gerade hier im roten Töss sind Nazis nicht besonders hoch im Kurs.»
«Wie ich bereits sagte: Ottmar hatte mit Politik nichts am Hut.»
«Sonst jemand, der ihm nicht wohlgesinnt war?»
«Ich weiss nicht», murmelt sie. Sie erhebt sich halb vom Sofa. «Ich muss jetzt das Mittagessen kochen für mein Margritli. Die Schule ist bald aus.»
«Nur noch ein, zwei Fragen, Frau Ritter.»
«Ich kann nicht mehr. Bitte.»
Wunderlin merkt, dass es nichts bringt. «Sagen Sie uns noch, wo Ihr Mann gearbeitet hat, Frau Ritter. Dann lassen wir’s gut sein für heute.» Er erhebt sich ebenfalls, Emil tut es ihm gleich.
«Bei Sulzer. Schweisser war er.» Sie trägt den Aschenbecher und das Wasserglas in die Küche. «Was soll ich bloss dem Margritli sagen?», murmelt sie vor sich hin.
Wunderlin geht ihr nach, steht in der Küchentür. «Sie müssen im Spital vorbeigehen.»
«Im Spital?»
«Zur Identifizierung.»
«Oh.» Sie stellt das Glas und den Aschenbecher neben das Spülbecken. «Muss ich?»
Wunderlin nickt.
«Wenn ich muss, dann muss ich wohl», sagt sie und eilt ins Wohnzimmer, öffnet das Fenster, wedelt den Rauch weg.
6«Schon halb zwölf», lässt Wunderlin nach einem Blick auf die Uhr verlauten. «Kein Wunder, knurrt mein Magen.» Emil geht es ähnlich; er hat einen Bärenhunger.
«Ich nehme an, du warst auch noch nie da drin?» Wunderlin deutet auf die «Braustube».
Emil schüttelt den Kopf.
«Dann lass uns testen, wie das Essen hier schmeckt.»
Im Inneren des Lokals ist es düster, es riecht nach abgestandenem Rauch und Bratfett, aber es ist gut besucht. Die meisten Gäste sind Blaumacher und ältere Männer im Ruhestand. Sie sitzen zu dritt oder viert an den eckigen Tischen, vor ihnen Biergläser, volle Aschenbecher, manche jassen, manche essen zu Mittag.
Wunderlin lässt sich an einem Vierertisch am Fenster nieder. «Fräulein», ruft er lautstark. «Zwei Stangen und zwei Mal Mittagsmenu.»
«D Schmier», murmelt einer.
«Was wollen die Schugger hier?», ein anderer.
Die Bedienung, eine füllige Blondine, mustert die Neuankömmlinge über den Zapfhahn hinweg, stellt dann zwei Gläser mit einer schönen Schaumkrone vor sie.
«Ah, das tut gut!» Wunderlin nimmt einen grossen Schluck. «Das lässt einen den unerträglichen Anblick eines Ermordeten schneller vergessen, ist es nicht so, Kern?», sagt er und spricht viel lauter als zuvor. Der eine oder andere Kopf dreht sich verstohlen in seine Richtung.
Dä Lappi, was soll das?, schimpft Emil innerlich, greift nach seinem Bierglas. Sollen gleich alle wissen, dass ein Toter quasi vor der Haustür gelegen hat?
Wunderlin scheint seine Gedanken zu erraten, zwinkert ihm zu. «Die arme Frau», fährt er in der gleichen Lautstärke fort. «Noch keine dreissig und schon muss sie den Mann zu Grabe tragen.» Nun hat er die Aufmerksamkeit der ganzen Gaststube.
Emil verschluckt sich, hustet.
«Geht’s?» Die Serviertochter stellt zwei dampfende Teller vor ihnen ab, klopft Emil auf den Rücken. Der nickt, seine Wangen haben sich gerötet.
«Der Schock, Fräulein, der Schock. Mein junger Kollege hat so einen Anblick noch nie ertragen müssen.» Wunderlin nimmt die Gabel zur Hand und spiesst munter gebratene Kartoffelscheiben auf. «Grausig sag ich nur, grausig», meint er mit vollem Mund.
Das Fräulein ringt mit sich. Die Neugier obsiegt schliesslich über das Misstrauen gegenüber der Polizei. «Wer ist’s denn?»
«Das dürfen wir nicht sagen, solange die offizielle Identifizierung aussteht», meint Emil. Er macht sich ebenfalls an die Kartoffeln. Eigentlich hat er auf etwas anderes gehofft. Hörnli zum Beispiel. Oder Reis. Kartoffeln, die gibt’s bei seiner Vermieterin zuhauf. Gebratene Kartoffeln, gekochte Kartoffeln, ab und zu Kartoffelstock. Aber so ist es nun mal. Im Herbst werden hundert Kilogramm Kartoffeln bestellt und die reichen dann für ein Jahr, so hat es schon seine Mutter gehandhabt. Bis vor Kurzem musste man froh sein, hatte man überhaupt Kartoffeln zu essen.
«Mein Kollege hat natürlich recht, eigentlich dürften wir nichts sagen. Aber die Neuigkeit wird sowieso bald die Runde machen. Deswegen unter uns», Wunderlin senkt die Stimme, das Fräulein beugt den Kopf zu ihm hinunter, «es ist Ottmar Ritter von nebenan.»
«Ottmar!», ruft das Fräulein entsetzt und schlägt sich die Hand vor den Mund.
«Sie kannten ihn?»
Sie nickt. Ihre vormals rosige Gesichtsfarbe ist einer fahlen Blässe gewichen. «Wir alle hier kennen ihn. Er ist ein Stammgast.» Sie lässt sich auf einen freien Stuhl fallen. «Das ist ja schrecklich. Der Ottmar.» Sie wischt sich mit der Hand über die Augen.
Wunderlin säbelt an seinem Kotelett. «Schrecklich, Sie sagen es.» Er schiebt sich ein Stück Fleisch in den Mund. «Wie war er denn so, der Ottmar?»
Wirklich clever, selbst ich bin darauf reingefallen. Er gewinnt ihr Vertrauen und befragt sie, ohne dass es ihr auffällt, denkt Emil, während er sein Fleisch kaut. Es schmeckt gut, besser als er beim Anblick der verrauchten Gaststube vermutet hat. Er legt die Gabel nieder, kramt nach seinem Notizbuch. Das trägt ihm unter dem Tisch einen Tritt ans Schienbein ein. Na gut, dann nicht.
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