Schwarz ignoriert die Spitze. «Ich mache, was notwendig ist, damit unser Land eine blühende Zukunft hat. Und wenn die Polizei nicht für Ordnung sorgt, wird der grosse Nachbar im Norden den roten Lümmeln irgendwann mit Granaten den nötigen Anstand beibringen.»
Schäppi nickt ergeben, erhebt sich. «Wir müssen los.»
«Wir sehen uns. Adolf. Herr Kern.» Conrad tippt grüssend an seine Stirn.
Schäppi strebt dem Ausgang zu. Emil greift sich seine Ordonnanz-Mütze, folgt ihm, eilt dann an ihm vorbei und hält die Tür auf.
«Ich weiss nicht, wie Sie es mit der Politik halten, Kern», knurrt Schäppi, während er seinen Uniformrock zuknöpft. «Ich bin wahrlich kein Linker, Gott bewahre. Aber mit den Frontisten habe ich es auch nicht. Blühende Zukunft für unser Land, bah. Das glaubt denen mittlerweile auch niemand mehr.» Er schnaubt abfällig. «Frontisten, Faschisten, Nationalsozialisten – die sind doch alle aus dem gleich faulen Holz geschnitzt. Aber Schwarz’ Familie besitzt eine grosse Textilfabrik, schafft Arbeitsplätze, hat Verbindungen. Man will es sich mit ihr nicht verderben.»
Emil tritt hinter seinem Vorgesetzten auf die Strasse, bleibt abrupt stehen.
«Herr Kern! Wie gut, dass ich Sie noch erwische.» Eine junge Frau eilt herbei. Ihre Wangen sind gerötet, braune Locken umgeben das Gesicht mit den grossen, ausdrucksvollen Augen. Sie bleibt dicht vor Emil stehen.
«Fräulein Altherr!» Emil kann seine Freude nicht verbergen. «Ich dachte schon, Sie kämen nicht mehr.»
Schäppi, der ein paar Schritte voraus ist, räuspert sich vernehmlich. «Ich geh schon mal vor, Kern. Fünf Minuten!» Ohne eine Antwort abzuwarten, marschiert er davon. Emil folgt der untersetzten Gestalt einen Moment mit den Augen und schaut dann wieder Elli an.
«Meine Schicht beginnt auch gleich», meint diese. «Begleiten Sie mich zur Post?»
Emil ist es nicht gewohnt, in weiblicher Gesellschaft unterwegs zu sein. Soll er Elli seinen Arm anbieten? Oder ist das zu forsch? Sie nimmt ihm die Entscheidung ab und hakt sich bei ihm unter.
«Bei uns in Töss war gestern der Teufel los, das haben Sie wohl mitbekommen.» Das hat Emil nicht, aber dank diesem Doktor Schwarz weiss er, dass es einen Aufruhr gegeben hat. Er nickt wissend. Sie schlendern am Restaurant Gotthard vorbei, dem Flaggschiff der Brauerei Hürlimann. Ein Tram kommt quietschend um die Kurve, hält an, Menschen auf dem Weg zur Arbeit strömen auf den Bahnhofplatz.
«So etwas habe ich noch nie erlebt. Hunderte, nein Tausende von Autos, so viele Menschen! Die Tössemer haben gegen die deutschen Faschisten demonstriert, die aus ihren Autos heraus heilhitlerten. Heute Morgen ging es gleich weiter. Rund um das Bürgerheim Brühlgut ist die Polizei unterwegs. Und dann gab es auch noch eine technische Störung am Tram, deswegen bin ich so spät gekommen. Man könnte meinen, es sei Vollmond.» Elli neigt den Kopf ein wenig zur Seite, lächelt ihn spitzbübisch an. Emil lächelt zurück, mustert sie. Sie ist nicht schön im eigentlichen Sinn, dafür ist ihre Stirn zu hoch und das Kinn zu eckig. Trotzdem hat sie es ihm angetan. Sie ist selbstbewusst und warmherzig und hat eine Leichtigkeit an sich, die ihm abgeht. Irgendwie erinnert sie ihn an seine Mutter, auch wenn diese Erinnerungen schon sehr verblasst sind.
«Schön, dass wir uns heute trotz allem noch sehen.»
«Leider sind wir schon da.» Elli deutet auf das mächtige Gebäude der Post, wo sie als Telefonistin auf Abruf arbeitet. Daneben versucht sie sich als Journalistin, schreibt sozialpolitische Artikel, die sie an Zeitungen und Zeitschriften sendet, meist erfolglos. Man hat ihr geraten, sich auf Frauenthemen wie Haushalt und Kindererziehung zu spezialisieren, aber das ist nicht das, was ihr vorschwebt, so viel hat Emil bereits mitbekommen. «Und die fünf Minuten sind auch beinahe um. Sie müssen sich beeilen, um rechtzeitig am Neumarkt zu sein.»
«Ich habe etwas für Sie.» Emil kramt in seiner Tasche, dann drückt er ihr das Päckchen Muratti in die Hand. «Die mögen Sie doch so gern.»
«Ach, Herr Kern. Die sind furchtbar teuer.» In ihrer Stimme schwingt sowohl Freude als auch Unbehagen mit. «Sie sollen für mich nicht so viel Geld ausgeben.»
Wenn nicht für Sie, für wen dann?, denkt Emil, wagt aber nicht, es laut auszusprechen.
Sie geben sich zum Abschied die Hand. Dann beugt Elli sich vor. «Danke», flüstert sie ihm ins Ohr. Ihr Haar kitzelt an seiner Wange, und er hat ihren Duft in der Nase; sie riecht nach einem blumigen Parfum und ganz leicht nach Zigarettenrauch.
Als Emil schon einige Meter weiter ist, ruft Elli ihm hinterher: «Ich habe übrigens heute um sechs Uhr Feierabend.»
3«War was los in der Nacht?» Emil setzt sich an den Schreibtisch, nimmt das Rapportbuch zur Hand.
«Das Übliche. Eine Schlägerei mit Körperverletzung, zwei haben wir einkassiert, die hocken oben in der Arrestzelle.» Sein Kollege von der Nachtschicht kratzt sich gähnend am unrasierten Kinn.
«Doppelbelegung?»
«Dreifach. Wir platzen aus allen Nähten.»
Emil nickt zustimmend. Er war ziemlich erschrocken, als er die beengten Verhältnisse im Bezirksgebäude kennengelernt hatte. Das Gefängnis – in Erinnerung an den ersten, wohl ziemlich gemütlichen Gefängnisdirektor auch Kafi Bänz genannt –, Bezirksanwaltschaft, Statthalteramt, Kantonspolizei, alles befindet sich unter einem Dach, was sicherlich Vorteile hat. Aber die Kapo hat nur drei Büroräume für insgesamt neun Mann plus Postenchef zur Verfügung. Der Schlafraum ist eine winzige Kammer, in die kaum zwei Betten passen.
«Auf jeden Fall habe ich mehrere Stunden am Stück durchschlafen können», meint Widmer. «Mehr Schlaf, als ich momentan zu Hause bekomme.»
Widmer ist vor Kurzem Vater geworden. Er beklagt sich zwar gern über die durchwachten Nächte, aber wenn er vom lauten Brüllorgan seines Sohnes berichtet, ist ihm der Vaterstolz nur zu gut anzumerken. Emil neidet ihm das Familienglück ein wenig, wenn er lange Abende allein in seinem Zimmer verbringt.
«Heute früh war auch nichts?», hakt Emil nach. «Anscheinend ist rund um das Bürgerheim Brühlgut die Polizei im Einsatz.»
«Hier ist nichts gemeldet worden.» Widmer zuckt mit den Schultern. «Sicher ein Fall für die Stapo.»
«Sei froh, müssen wir nicht ausrücken.» Korporal Gottlieb Wunderlin betritt das Büro im Parterre des Gebäudes. Sein Uniformrock spannt über dem Bauch; ein Wunder, dass noch kein Knopf abgesprungen ist. Wie der ehemals fesche Polizeiaspirant Wunderlin in den Krisenjahren so massig werden konnte, fragen sich manche.
«Ich habe lieber zu tun, als nur herumzuhocken», meint Emil. Seine Eltern waren beide Krampfer. Der Vater führte eine eigene Schreinerei mit Angestellten, die Mutter erledigte den Haushalt und die ganze Büroarbeit. Es wurde selten ausgeruht, ausser sonntags. Das hat auf Emil abgefärbt.
«Hier, da hast du was zu tun.» Wunderlin wirft Emil den «Landboten» zu. «Lies und schweig.» Emil verdreht die Augen, macht sich dann aber an die Lektüre. Vielleicht erfährt er mehr über den gestrigen Skandal an der Zürcherstrasse. Tatsächlich, das muss ziemlich wild zu- und hergegangen sein in dem sonst so ruhigen Winterthur. Von Pfui- und Schmährufen gegenüber den Deutschen ist die Rede, gereckten Fäusten, Gespucke und Rotfront-Rufen. Und die Polize wird wegen fehlender Präsenz kritisiert. Emil denkt an die Szene im Café Kränzlin.
«Kennst du einen Conrad Schwarz?», fragt er Wunderlin, der am Schreibtisch gegenüber sitzt. Wunderlin ist gebürtiger Winterthurer und seit Jahren auf dem Posten am Neumarkt stationiert, der weiss eine Menge.
«Der Arzt?»
Emil nickt.
«Den kennt jeder. Er ist Anführer der lokalen Frontisten. Sitzt seit ’36 für die Nationale Front im Gemeinderat. Wahrscheinlich träumt er von einer Führungsposition, wenn wir erst einmal ein Gau des Deutschen Reiches sind.»
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