Im Innern herrscht ein geschäftiges Treiben: Frauen in Schwesterntracht und mit weissen Hauben sind unterwegs, stützen Patienten oder eilen zur nächsten Verpflichtung, dazwischen der eine oder andere Arzt im weissen Kittel. Emil hält Ausschau nach dem Kollegen Bischof, entdeckt ihn in einer Ecke an die Wand gelehnt.
«Wo ist unser Deutscher?»
«Zimmer 207, zweiter Stock», liest Bischof von einem Zettel ab.
«Kannst du uns etwas sagen?»
«Nicht viel. Auf dem Flur habe ich gehört, wie eine Schwester zu einer Kollegin etwas über einen Deutschen mit Kopfverletzung gesagt hat. Auf meine Frage, worum es gehe, meinte sie, er sei wohl angegriffen worden.» Bischof zuckt mit den Schultern. «Ich habe das von eurem toten Deutschen mitbekommen, da habe ich zwei und zwei zusammengezählt und sogleich den Leutnant alarmiert.»
«Name?»
«Schäfer. Bernd Schäfer.»
Wunderlin nickt geschäftig. «Dann schauen wir uns das Opfer mal von Nahem an.»
«Soll ich euch begleiten?»
«Nicht nötig. Sollten wir uns verlaufen, fragen wir eine der netten Schwestern nach dem Weg.» Wunderlin klopft Bischof gönnerhaft auf die Schulter.
Bischof schaut ihn mit säuerlicher Miene an. «Hat anscheinend seine Vorteile, wenn man mit einer Cou-Cousine des Chefs verheiratet ist.» Er faltet seine Zeitung. «Dann werden einem die grossen Fälle zugeteilt.»
Wunderlin erstarrt für einen Moment, dann dreht er sich zu Emil um. «Komm, Kern», meint er und eilt voraus, ohne Bischof eines weiteren Blickes zu würdigen. Emil folgt verwirrt. Wunderlins Frau ist also eine entfernte Verwandte von Schäppi. So gesellig Wunderlin sich gibt, so zurückhaltend ist er mit persönlichen Informationen. Über sein Privatleben weiss Emil so gut wie nichts.
Vor Zimmer 207 bleibt Wunderlin stehen, klopft an und tritt ein, ohne die Antwort abzuwarten. Es riecht nach Karbol und Putzessig; Emil schüttelt es innerlich. Der Geruch ist ihm ein Graus. Vier Betten stehen im Zimmer, an jeder Längswand zwei. In dreien liegen Männer verschiedenen Alters, alle tragen das gleiche weisse Nachthemd, der eine schaut aus dem Fenster, zwei dösen. Das Eintreten der Polizisten lässt sie hochschrecken, neugierig sehen sie den Besuchern entgegen. Wunderlin mustert einen nach dem andern, tritt dann ans Bett eines Mannes Ende zwanzig mit turbanartigem Kopfverband.
«Bernd Schäfer?»
Der nickt, stöhnt leise. Unter seinem rechten Auge hat sich ein grosser, dunkelrot verfärbter Bluterguss gebildet, das Auge ist zugeschwollen.
«Wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen.»
«Ich bin ziemlich fertig», murmelt Schäfer und lässt sich tiefer in die Kissen sinken.
«Wir wollen herausfinden, wer Sie so zugerichtet hat», meint Wunderlin. Er schaut sich suchend um. «Kern, treib uns eine Sitzgelegenheit auf. Ich will den Mann nicht im Stehen befragen.» Er wirft den beiden anderen Zimmergenossen einen finsteren Blick zu. «Sie beide kümmern sich um ihre eigenen Angelegenheiten. Das hier ist vertraulich.»
Emil tritt auf den Korridor. Dass er immer als Laufbursche herhalten muss, geht ihm gegen den Strich. Wenn er Korporal ist, wird es damit ein Ende haben. Er schaut sich suchend um, doch hier gibt es weit und breit keinen Stuhl. Stattdessen taucht unvermittelt eine Schwester auf. Sie sieht kompetent aus in ihrer gestärkten Uniform, das graue Haar streng zurückgenommen, die Haube blütenweiss, eine Brille mit schmalem Goldrahmen auf der Nase. Kompetent und einschüchternd.
«Kann ich Ihnen helfen?»
Emil fragt nach Stühlen.
«Besucherstühle gibt es auf dieser Etage nicht», meint die Schwester. «Wir wollen ja nicht, dass unsere Patienten durch Personen, die zu lange auf dem Zimmer bleiben, in ihrer Genesung gestört werden.» Sie schaut ihn vielsagend an.
«Wir bleiben nicht lange», rechtfertigt er sich eilends. «Wir müssen Herrn Schäfer nur ein paar Fragen stellen.»
«Bernd Schäfer in 207?» Die Schwester wischt ein nichtvorhandenes Stäubchen von ihrer Uniform. «Brauchen Sie Details, wie die Schlägerei abgelaufen ist? Ich hätte nicht gedacht, dass dafür gleich zwei Kantonspolizisten abkommandiert werden.»
«Wir müssen den Sachverhalt klären», weicht Emil aus. «Es gibt da einige … einige Unklarheiten.»
Die Schwester blickt ihn mit unbewegter Miene an. «Sie finden Stühle im Besucherraum im Erdgeschoss.»
Emil bedankt sich.
«Bringen Sie die Stühle anschliessend dahin zurück, wo sie hingehören!», ermahnt sie ihn im Weggehen.
Er nickt, murmelt leise: «Zu Befehl, Schwester.»
Sie ist bereits ein paar Meter den Korridor entlang gegangen, da dreht sie sich noch einmal um. «Ich nehme an, Sie wollen auch mit den anderen Beteiligten sprechen.»
Emil ist verwirrt. «Was meinen Sie?»
«Nun, Herr Schäfer ist nicht der einzige, der eingeliefert wurde. Wussten Sie das nicht?» Sie schaut ihn an, das künstliche Licht im Korridor spiegelt sich in ihren Brillengläsern.
Emil zögert.
«Einer ist nebenan in Zimmer 209. Und einer hier drüben in 214. Gebrochene Nase, angebrochene Rippen. Vielleicht interessiert Sie das auch, wenn Sie mit dem Deutschen fertig sind.» Die Schwester dreht sich um, geht festen Schrittes den Flur entlang.
Emil hingegen bleibt wie vor den Kopf gestossen an Ort und Stelle stehen. Dann klopft er an die Tür von Zimmer 214. Die Ausführungen der Schwester haben ihn neugierig gemacht.
Knappe zehn Minuten später ist Emil wieder in 207, stellt einen Stuhl vor Wunderlin hin. Der beäugt sowohl Emil als auch den leichten Holzstuhl mit der geschwungenen Lehne und der Sitzfläche aus Korbgeflecht misstrauisch. «Eine geschlagene Viertelstunde bist du unterwegs und bringst mir dann so etwas? Ich hoffe, dieser Kaffeehausstuhl bricht nicht unter mir zusammen.» Emil geht nicht darauf ein, setzt sich auf den Stuhl, den er für sich mitgebracht hat. «Ich habe mich mit einer Schwester unterhalten, draussen auf dem Flur», sagt er leise und beugt sich zu dem mittlerweile auch sitzenden Wunderlin. «Schäfer ist nicht angegriffen worden. Der hat sich geprügelt und zwar heftig.»
«Geprügelt?»
«Mindestens zwei weitere Verletzte liegen auch hier auf dem Flur. Ich habe einen der beiden befragt.»
Wunderlin blickt Schäfer an. Dieser versucht, sich möglichst klein zu machen in seinem Bett, schielt mit seinem gesunden Auge von einem Polizisten zum anderen. «Und?»
«Anscheinend hat unser Freund hier ein aufbrausendes Temperament.» Emil deutet auf Schäfer. «Aus einer Kabbelei unter Besoffenen ist eine Schlägerei geworden.»
«Mir hat er etwas anderes erzählt. Er hat gesagt, er wisse nicht mehr, was genau passiert sei. Er sei bei der Arbeit gewesen, über Mittag habe er mit seinen Kumpanen ein paar Bierchen gezischt, und plötzlich sei er im Spital wieder aufgewacht.» Wunderlin beugt sich vor, stützt die Arme auf die Oberschenkel. «Reden wir Klartext, Freundchen.»
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