Klaus Dörner - Bürger und Irre

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Wie geht die bürgerliche Gesellschaft mit denen um, die, gemessen an ihrem Begriff der Vernunft, unvernünftig sind? Klaus Dörner zeigt die Tatsache und die Gründe, warum die bürgerlichen Gesellschaften in England, Frankreich und Deutschland erst im Zusammenhang mit der industriell-kapitalistischen Revolution ihre psychisch Kranken als «die Irren» wahrnahmen: eine reich dokumentierte Geschichte der Psychiatire-Geschichtsschreibung, mit kritischem Überblick der klassischen Werke und ihrer Tendenz. «Bürger und Irre» war seit seinem ersten Erscheinen 1969 bahnbrechend bei der Entstehung der Psychiatriebewegung in der Bundesrepublik und in Italien. Die zahlreichen Einzeluntersuchungen, die in der Folge entstanden, die Übersetzungen in alle europäischen Sprachen zeigen, dass die Wirkung dieses Werkes ungebrochen ist. «Solange psychisch Kranke bestenfalls nur den halben Pflegesatz im Vergleich zu körperlich Kranken zugesprochen bekommen, dauert die ungleiche Auseinandersetzung zwischen 'Bürgern' und 'armen Irren' an.» Klaus Dörner

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Warum nun griff die Soziologie zwar die Psychoanalyse, nicht aber die früheren psychiatrischen Ansätze auf? Da ist einmal der Anspruch der Psychoanalyse, eine lückenlose Erklärung menschlichen Leidens (von der Ätiologie bis zur Therapie) möglich zu machen. Sodann sind die Freudschen Begriffe und Sprachbilder deshalb so faszinierend, weil ihr psychologischer Gehalt kaum von anatomischen, physiologischen und neurologischen Vorstellungen 1 einerseits, sowie von soziologischen Vorstellungen andererseits zu trennen ist. Dem entspricht methodologisch, daß Freud die Grenze zwischen Natur- und Geisteswissenschaft, zwischen der Konstruktion zu prüfender Hypothesen und dem hermeneutischen Vorgriff unscharf hält. 2 Da alle psychiatrischen Probleme entsprechend der Natur des Menschen nur in dieser doppelten, natur- und geisteswissenschaftlichen Sichtweise zu denken sind, ist dies ein angemessenes Vorgehen, jedoch nur, solange die Spannung zwischen beiden Sichtweisen aufrecht erhalten und nicht um einer scheinbaren Vereinfachung willen zur einen oder anderen Seite hin aufgelöst wird. Diese Gefahr bestand schon bei Freud selbst, da er sich durchaus als naturwissenschaftlich verfahrender Mediziner verstand, und mehr noch bei seinem Zeitgenossen Kraepelin, dem Schöpfer der klassischen psychiatrischen Krankheitssystematik. Es gehört zu den schrecklichsten Versuchungen der Psychiatrie, Meinungen, Wahrnehmungen und Erfahrungen im Umgang mit leidenden Menschen nicht nur zu typisieren, sondern ihnen eine pseudonaturwissenschaftliche Weihe zu geben, die es scheinbar erlaubt, diese Meinungen für die »objektive Realität« zu nehmen. Merkwürdigerweise scheint diese Verführung für Mediziner und insbesondere Psychiater weit größer zu sein als für exakte Naturwissenschaftler. Der Gefahr sind auch nicht so sehr Freud bzw. Kraepelin selbst erlegen als vielmehr ihre Nachfolger. Zwei Beispiele für die Gefahren der Auflösung dieser Spannung: Es sind Annahmen der klassischen Kraepelinschen Psychiatrie (z. B. von der Heilbarkeit bzw. Unheilbarkeit psychischer Krankheiten) gewesen, die vor und während der Zeit des Dritten Reiches für sozialdarwinistische Zielsetzungen die naturwissenschaftliche Legitimation lieferten, so daß die Psychiater, die die Sterilisierungs- und Euthanasie-Aktionen organisierten und durchführten, sich im Recht und im Schutze wissenschaftlicher Wahrheit glaubten. 3 Das andere Beispiel: In den USA wurde der naturhaft-biologische Aspekt der Freudschen Psychoanalyse mehr oder weniger hinwegkastriert. So konnte sie nur noch in dieser entschärften Form der »kulturalistischen Schule« (Sullivan, Horney, Thompson, Fromm) auf die Soziologie und namentlich auf deren strukturell-funktionale Theorie wirken. Und in der »Mental Health«-Bewegung verkehrt sich der kritische Impuls Freuds nachgerade in Begeisterung für selbstverantwortliche Anpassung. 4

Diese Entwicklung entsprach der einer Soziologie, die ihrerseits zwischen Durkheim, Max Weber und Mannheim einen Prozeß der Repsychologisierung durchlief, sich zur Theorie der zwischenmenschlichen Beziehungen formalisierte und insbesondere in den USA den »subjektiv gemeinten Sinn« mit dem agierenden gesellschaftlichen »System« zu harmonisieren verstand.

So scheint es, daß die Annäherung von Soziologie und nach-Freudscher Psychiatrie um den Preis einer Sichtverengung, der teilweisen Ausblendung von Wirklichkeitsbereichen erfolgte, besonders solcher Bereiche, die der rationalen und sinngebenden Naturbemächtigung den größten Widerstand entgegensetzen. In der Psychiatrie gilt das vor allem für die Psychose-Patienten, die Kerngruppe der früheren »Irren«, für hirnorganisch kranke Leute, für »unheilbar« hirnorganisch abgebaute Alkoholiker, für »Persönlichkeitsstörungen« (früher Psychopathen, jetzt Soziopathen), Menschen mit Sexualstörungen und psychisch kranke alte Leute. All diese Gruppen, bei denen auch der körperliche Anteil der menschlichen Natur eine wesentliche Rolle spielt, bilden zusammengenommen die Hauptklientel der psychiatrischen Alltagspraxis. So befinden wir uns in der paradoxen Lage, daß die modernen psychologisierenden oder soziologisierenden psychiatrischen Theorien einzig der Minderheit der weniger psychisch kranken Patienten gelten, während für die kränkere Mehrheit nur die allenthalben als überholt erachtete »klassische« psychiatrische Krankheitslehre mit ihrem Pseudo-Objektivitätsanspruch sowie die als »angewandte Psychiatrie« bezeichnete körpermedizinische Technik und Administration der Anstaltspraxis zur Verfügung stehen. Hinzu kommt die Bestimmung der Therapiefähigkeit der Menschen nach sozialem Status, Einkommen und Intelligenz. 5

Die körperliche Seite der menschlichen Natur ist und bleibt ein anstößigprovozierendes Kernproblem der Psychiatrie. Es wird vermieden und verdrängt entweder durch die mehr oder weniger gewalttätigen Versuche der bloß technischen Naturbeherrschung oder – moderner – durch die Leugnung seiner Existenz. Nachdem etwa 80 Jahre lang die psychiatrische Theoriebildung von den psychiatrischen Universitätskliniken ausging, ist es wahrscheinlich, daß eine umfassende, den Körper nicht ausblendende und in einer philosophischen Anthropologie fundierte psychiatrische Theorie am ehesten von den Anstalten, den heutigen psychiatrischen Krankenhäusern – schon wegen der praktischen Problemkonfrontation dort – zu erwarten ist. Dagegen verrät die beliebte Erklärung, die psycho- und soziologi-sierende Tendenz der gegenwärtigen psychiatrischen Theoriebildung sei nur eine Gegenreaktion auf die biologistische Einseitigkeit der medizinischen und psychiatrischen Sichtweise des 19. Jahrhunderts, die ihre schreckliche Zuspitzung im Dritten Reich erfahren habe, ein falsches Verständnis sowohl der Geschichte als auch der Naturwissenschaft und bleibt als bloße Gegenposition von der bekämpften Position abhängig. Vergessen wird dabei, daß dies nur ein Beispiel des universalen Prozesses der Vergesellschaftung der Wissenschaft überhaupt ist, ablesbar z. B. an der Neigung, »geistige Gesundheit« (»mental health«) zum umfassenden Zweck zu erheben. 6 Die Aufspaltung von Theorie und Praxis sowie die Vergesellschaftung der Wissenschaft zeigen, wie sehr die Psychiatrie in der Dialektik steht, zugleich der Freiheit und Sicherheit, der Emanzipation leidender Menschen und der reibungslosen Integration, also der Bändigung sprengender, auflösender und destruktiver Kräfte zu dienen, d. h. in der »Dialektik der Aufklärung«. Diese Dialektik von Emanzipationsversprechen und Stabilisierungsverlangen beherrscht freilich auch die Entstehungsgeschichte und die seitherige Entwicklung der Soziologie. Soziologie und Psychiatrie nahmen gemeinsam ihren Ausgang von dem Bild, das der vernünftige Bürger sich von der Unvernunft, ob diese nun als Armut, als Irresein oder als beides zugleich sich äußerte, machte. Beide Wissenschaften begannen als Bewältigungsversuche der durch die bürgerlichen und industriellen Revolutionen bedingten sozialen Krise, sind insofern Krisenwissenschaften . Diese Gemeinsamkeit legen wir unserer Untersuchung zugrunde, da es nichts nützen würde, wenn wir uns bei der soziologischen Analyse der Psychiatrie lediglich auf deren gesellschaftliche Bedingtheiten stützten. Vielmehr benötigen wir statt eines solchen reduktionistischen Konzepts einen historisch und philosophisch reflektierten soziologischen Ansatz. Wir glauben ihn in Horkheimers und Adornos Dialektik der Aufklärung gefunden zu haben. Aufklärung wird dort kritisch verstanden als »Unterwerfung alles Natürlichen unter das selbstherrliche Subjekt« 7 , die Materie, der »Illusion waltender oder innewohnender Kräfte, verborgener Eigenschaften« beraubt, als Chaos und daher der bemächtigenden Synthese bedürftig erkannt. 8 Werden Herrschaft und Selbstbeherrschung, zwanghafte Selbsterhaltung, »Beherrschung der Natur drinnen und draußen zum absoluten Lebenszweck«, dann erscheint alles, was dem ordnenden und verfügenden Zugriff sich entzieht, was außerhalb bleibt, als »absolute Gefahr« für die Gesellschaft, als Quelle der Angst und wird deshalb mit dem Stigma der Irrationalität, der Unvernunft versehen und ausgegrenzt 9 : »die unerfaßte, drohende Natur«; »die rein natürliche Existenz«; Instinkte, Phantasie und theoretische Einbildungskraft; »Promiskuität und Askese, Überfluß und Hunger [...] als Mächte der Auflösung«; das Unverbindbare, der Sprung, die Vielheit, das Inkommensurable, weggeschnitten von »der universalen Vermittlung, dem Beziehen jeglichen Seienden auf jegliches«; »das Unbekannte«, das »in der vorwegnehmenden Identifikation zum Altbekannten gestempelt wird«; »noch die letzte unterbrechende Instanz zwischen individueller Handlung und gesellschaftlicher Norm«, die der Positivismus beseitigt; »der Selbstvergessene des Gedankens wie der der Lust«; die allgemeine »Angst, das Selbst zu verlieren«, die besteht, solange Selbsterhaltung, Identitätsfindung das allein herrschende gesellschaftliche Prinzip sind. 10 Allen diesen Ausdrucksformen des bürgerlich Unvernünftigen werden wir als Äußerungen der Unvernunft des Irreseins wiederbegegnen. Jedenfalls markieren sie den Gegenstandsbereich der Psychiatrie, jene als inkommensurable und daher als unvernünftig bezeichneten ›Abfallprodukte‹ und Korrelate des fortschreitenden Aufklärungs-, Rationalisierungs- und Normierungsprozesses. Genau dies kennzeichnet die Dialektik der Psychiatrie. Hat sie das Irrationale der Rationalisierung zuliebe zu verdecken oder es aufzudecken, es einzuordnen oder es aufzuklären? Denn verdankt sie sich selbst auch dem sich totalisierenden Prozeß der Aufklärung sowie dessen Gegenbewegung, der Romantik, so steht sie doch zugleich unter dem unaufhebbaren Anspruch der Aufklärung: »Einlösung der vergangenen Hoffnung« 11 ; Freilegung des Unbekannten selbst, auch gegen die rationale Angst, die dies erzeugt; »die Herrschaft bis ins Denken hinein als unversöhnte Natur zu erkennen« und so die »Verwechslung der Freiheit mit dem Betrieb der Selbsterhaltung« zu lockern 12 , indem die »Frakturen von Sinn« 13 durchgehalten und einbegriffen und nicht als unvernünftig ausgeblendet werden.

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