Auch Michel Foucault stellt die Frage nach dem Verhältnis von Weg und Ziel als Vorgehen und Ergebnis der Analyse; er dreht das Konzept um und beschreibt seine Arbeitsweise als ein heuristisches Tasten, das erst ex post, vom Ziel des Weges her, als methodisch rekonstruierbar sei. Die bekannte Beschreibung seiner Schriften als Werkzeugkasten, aus denen sich die geneigte Leserschaft ganz nach akutem Bedarf mit einem Hammer, einer Säge oder einer Zange zu bedienen habe, markiert ein Verständnis vom Methodischen, das die etymologische Grundlage kollabieren lässt.7
Der Frage nach der Methode ist Wissenschaft nach der Postmoderne freilich nicht enthoben; vielmehr sieht sie sich mit der Herausforderung konfrontiert, mit einer Pluralität von Methoden umzugehen und sich in der Frage nach der Methode (und nach dem Methodischen) der eigenen Arbeit immer wieder neu zu positionieren. In erster Linie sehen sich wohl die Geistes- und Kultur-, zuweilen auch die Sozialwissenschaften mit dem Vorwurf eines Fehlens von Methode und Methodik konfrontiert – letztere insbesondere dort, wo sie mit qualitativen Ansätzen oder gar nicht empirisch, sondern in erster Linie reflexiv operieren.8
Wenn einer akademischen Disziplin aus externer Beobachtungsposition die Methode zu fehlen scheint, dann hat das oftmals mit einem normativen und disziplinäre Differenzen nivellierenden Methodenbegriff zu tun. Ein solcher Methodenbegriff ist dann meist entweder (je nach Wissenschaftskultur und Wissenschaftssprache9 möglicherweise wenig adäquat) formallogisch bestimmt oder (nicht weniger problematisch) aus einem unscharfen Alltagsverständnis abgeleitet ist. Wie angedeutet, lässt sich die Theaterwissenschaft, verstanden als ein Kollektivsingular, immer weniger über eine beschränkbare Zahl an Leitparadigmen definieren;10 und die Erweiterung des Spektrums an Theorien und Methoden stellt mit den Analogien, die diese nahelegen, und Optionen des modellhaften Vergleichs den Gegenstandsbereich des Fachs immer neu auf die Probe. Im Folgenden soll entsprechend für die Diskussion eines flexiblen Rahmens optiert werden, innerhalb dessen man von ‚Methode‘ sprechen kann.
Ein generelles Problem der methodischen Diversität der Fächer, die sich als geistes- oder kulturwissenschaftlich verstehen, und ihrer methodologischen Differenz zu den Naturwissenschaften besteht darin, dass in ihnen Sprache nicht so sehr als bloßes Instrument der Distribution von Forschungsergebnissen gedacht wird. Wäre dies so, dann wäre ihr Wissen weitgehend unabhängig von der Darstellungssprache und der konkreten Verbalisierung zu verstehen. Doch in den Geistes- und Kulturwissenschaften erscheint der sprachliche Ausdruck selbst als ein zentrales Forschungsinstrument und als Arbeitsform. Der Innenwahrnehmung einer großen Methodendiversität steht die Außenwahrnehmung einer großen Homogenität geistes- und kulturwissenschaftlichen Arbeitens und seiner Methoden gegenüber: Trotz der Hinwendung zu sozialwissenschaftlich-empirischen und zu nicht-sprachlichen Forschungsmethoden werden weiterhin Texte zu Texten, Aufführungen, Bildern und deren (ästhetischer) Erfahrung produziert, die nicht vorgeben, bloß schriftlich zu fixieren, was sie ja auch tatsächlich erst argumentativ explorieren und erobern.
In der Hochphase der turns in den Geisteswissenschaften, die sich mit der Hinwendung zu den materialen Grundlagen, den pragmatischen Einbettungen und dem Vollzugscharakter ihrer Gegenstände nun emphatisch als Kulturwissenschaften verstanden, hat Harald Fricke auf Fragen nach dem Methodischen außerhalb der empirischen und experimentellen Wissenschaften reagiert.11 Er hat den Vorschlag gemacht, nicht mehr von ‚Methoden‘, sondern von Argumentationsweisen zu sprechen. Damit äußert er sich zwar in erster Linie für seine eigene Disziplin, die Literatur- und Textwissenschaft, argumentiert aber letztlich für die von Dilthey eingeführte Trennung zwischen erklärender Natur- und verstehender, also im weiten Sinne hermeneutisch-interpretierender Geisteswissenschaft:12 Naturwissenschaftliches Arbeiten mache auf dem Wege des Ineinandergreifens von Experiment und Modell, von Erkenntnisinteresse, Erkenntnisweg und Forschungsergebnis, Naturgeschehen nach Möglichkeit als von menschlichem Kulturhandeln unbeeinflusst beschreib- und damit – in pragmatischen Grenzen – auch vorhersagbar. Demgegenüber sei es Ziel und Aufgabe der Geisteswissenschaft, an der Multiperspektivität allgemeinen und speziellen Weltverständnisses zu arbeiten: Komplexität nicht zu reduzieren, sondern zu transformieren. Ein im strengen Sinne methodisches Vorgehen sei entsprechend genuin naturwissenschaftlich.13
Schon mit den wissenschaftstheoretischen Überlegungen Karl Poppers und seiner falsifikationistischen Erkenntnistheorie,14 erst recht aber im Kontext aktueller Inter- respektive Transdisziplinaritätsparadigmen,15 verliert diese Differenzierung an Überzeugungskraft. Längst ist sich auch experimentelle Forschung darüber im Klaren, dass ihre Ergebnisse nicht für sich selbst sprechen, sondern interpretiert und vermittelt werden wollen; dass schon Beobachtung Naturgeschehen kulturell rahmt und modifiziert. Der Blick auf gängige quantitativ wie qualitativ-empirische sozialwissenschaftliche Arbeitsweisen lässt die überkommene Dichotomie vollends kollabieren – dass Interviews, Testungen und Statistiken wesentlich bestimmt sind durch das Erkenntnisinteresse ihrer Entwickler und zudem im Ergebnis der Interpretation bedürfen, liegt auf der Hand.16
Auch für die kulturwissenschaftliche Forschung – und so auch für die Theaterwissenschaft – macht die klassische Dichotomie in der Praxis nur bedingt Sinn. Das wird schon angesichts des Spektrums, das die Beiträge des vorliegenden Bandes eröffnen, offensichtlich: Denn in der Theaterwissenschaft, aber nicht weniger in benachbarten Fächern spielen zunehmend auch experimentelle und empirische Methoden eine nennenswerte Rolle.17 Und dass solche Methoden in einem anderen Sinne methodisch sein können, wollen und sollen, als etwa eine von phänomenologischen Leitparadigmen her strukturierte Aufführungsanalyse, liegt auf der Hand. Die Theaterwissenschaft zeichnet sich zudem dadurch aus, dass sie Methoden auf der Objektebene als Forschungsmethoden ernst zu nehmen und in diesem Sinne in einen Dialog mit ihrem Gegenstand zu treten gelernt hat.18
Wissenschaft übersetzt die Komplexität ihrer Umwelt in eine andere, eine ihr eigene Komplexität (was in der Beobachtung als Komplexitätssteigerung erscheinen kann). Das tut sie, indem sie die Gegenstände des Erkenntnisinteresses ins Verhältnis zu einer Theorie oder einem Modell setzt. Dabei ergibt sich aus der Wahl eines theoretischen Paradigmas selbstredend noch keine Methode. Methodisches Vorgehen setzt vielmehr eine operative Grundhaltung voraus – etwa: Genaues Lesen (z.B. von historischen Quellentexten), systematisierende Bildbetrachtung, das achtsame Verfolgen einer Aufführung, auch Zählen, Messen, Wiegen – aber es erschöpft sich nicht in ihr. Denn auch die gebannte Leserin von Søren Kierkegaards Berichten über die Berliner Antigone -Aufführung von 1842 kann sicherlich viel über die Texte sagen, das macht sie aber noch nicht zum Theaterhistorikerin. Ein Besucher von Hans Neuenfels’ Münchner Antigone -Inszenierung hat vielleicht eine differenzierte Meinung, aber dadurch wird er noch nicht zum Aufführungswissenschaftler; und zwar auch dann nicht, wenn er seine Beobachtungen in strukturierter und intersubjektiv nachvollziehbarer Form kommuniziert.
Erst wenn die operative Grundhaltung durch eine spezifische, begrifflich präzisierte (oder zumindest als präzisierbar gedachte) Beobachtungseinstellung konturiert wird, sind die Voraussetzungen für methodisches Arbeiten im engeren, wissenschaftlichen Sinne gegeben. Dann wird etwas als etwas beobachtbar: etwa Theater als sozialer Prozess, eine Aufführung als ein Netz unabschließbarer Mediatisierungsprozesse, der Prozess des Zuschauens als Prozess des Erprobens und Verwerfens kognitiver Konstrukte eines Geschehens, oder Kierkegaards Berichte als Quellen für hegelianisch grundierte Antigone -Lektüren des mittleren 19. Jahrhunderts. Zentral dafür ist, dass Schlussfolgerungen vor einem als plausibel angenommenen und explizierbar gedachten (im besten Fall auch explizierten) Hintergrund begründet werden. Methodisches Vorgehen entsteht demnach im ständigen Messen von Beobachtungseinstellung, operativer Grundhaltung und Objektbereich aneinander und ist eher konstellativ denn linear zu denken: Linearität, die Annahme eines abzuschreitenden Wegs zum Ziel also, so eine erste Hypothese, ist in diesem Sinne eben nicht die Voraussetzung für Methodik.1
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