»Würden Sie mir bitte folgen?« Die junge Frau nahm eine Menükarte und ging Michelle voran ein paar Schritte in den Raum hinein.
Mechanisch folgte Michelle ihr, auch wenn sie einmal fast stolperte, weil ihr Blick immer noch auf die Bühne gerichtet war, die leer auf den Auftritt der ersten Person, die sich an diesem Abend dem offenen Mikrofon stellen wollte, wartete. Würde das Cindy sein?
»Bitte.« Mit einem einladenden Lächeln wies die sehr junge Frau – sie war höchstens Anfang zwanzig, vielleicht eine Studentin, für die das hier ihr Nebenjob war – auf einen kleinen Tisch, der in einer Ecke stand. »Mein Name ist Taylor, und ich bin heute ihre Kellnerin.« Sie machte eine kleine Pause, damit Michelle sich setzen konnte, bevor sie fragte: »Wissen Sie schon, was Sie trinken möchten?«
»Bourbon«, sagte Michelle automatisch. » On the rocks. Und seien Sie vorsichtig mit dem Soda.«
Taylor nickte, legte die Menükarte vor Michelle hin und drehte sich um.
Obwohl Michelle ihr hinterherschaute, als sie sich nun zur Theke begab, sah sie sie nicht wirklich. Sie war nur ein Teil dieses Raumes, der vor ihrem Blick verschwamm. Sie erinnerte sich. Sie wollte es nicht tun, aber sie konnte es nicht verhindern.
Als sie damals hier hereingekommen waren, Cait und sie, hatte sie sich nicht sehr intensiv umgeschaut. Es war Caits Aufgabe gewesen, sich um sie zu kümmern, so wie es ihre, Michelles Aufgabe gewesen war, sich in Orlando um Cait zu kümmern. Hier in Miami hatte sie nicht die Verantwortung.
Im Nachhinein war dieses Lokal ihr wie ein dunkler Vorhof zur Hölle erschienen, aber jetzt stellte sie fest, dass es gar nicht so dunkel war. Es war keine Schmusekneipe, die mit schummrigem Licht dazu einlud, hier das Vorspiel für spätere Sexgelage abzuziehen. Es war in erster Linie ein Restaurant, in dem Frauen allein unter Frauen sein konnten, für einen schönen Abend zu zweit.
»Haben Sie sich schon entschieden?« Taylor kehrte zurück, stellte den Bourbon vor Michelle hin und blickte sie fragend an.
Michelle schüttelte den Kopf »Ich glaube, ich will nichts essen. Ich habe keinen Hunger.« Das war eindeutig die Wahrheit, denn jeglicher Appetit, den sie eventuell hätte haben können, war ihr schon längst vergangen. »Später vielleicht.« Sie lächelte kurz, aber das Lächeln verschwand sofort wieder von ihren Lippen.
Taylor nickte berufsmäßig lächelnd, wie sie es auch getan hätte, wenn Michelle etwas bestellt hätte, und verschwand an die Tür zurück, um weitere Gäste zu begrüßen. Sie würde in kurzen Abständen wiederkommen, um entweder Michelles Glas aufzufüllen oder ihre Bestellung fürs Essen aufzunehmen, sobald Michelle Lust dazu hatte.
Anscheinend sollte die Open Mic Night nun beginnen, denn das Bühnenlicht strahlte auf, und der Raum wurde leicht verdunkelt. Eine etwas ältere Frau – möglicherweise die Besitzerin dieses Lokals – betrat die Bühne, nahm das Mikrofon und begrüßte die Gäste mit einem Scherz, der das Publikum zum Lachen brachte.
Michelle nicht, aber sie hatte auch gar nicht richtig zugehört. Aufregung machte sich in ihr breit. Sie spürte die Anspannung, die ihre Finger sich fester um ihr Bourbonglas legen ließen.
Wie üblich waren die meisten, die sich für dieses Event angemeldet hatten, Stand-up Comedians. Eine ältere Frau begann den Reigen, und offenbar war sie vielen der Anwesenden schon bekannt, denn begeisterter Applaus begrüßte sie, als sie die Bühne betrat. So, wie die Besitzerin, die gleichzeitig die Bühne verließ, kurz ihre Hand liebevoll über die Hüfte der Künstlerin gleiten ließ, konnte man vermuten, dass sie wahrscheinlich ein Paar waren.
Nach diesem ersten Auftritt, der das Publikum richtig angeheizt hatte, erschien eine junge Frau mit einer Gitarre auf der Bühne, die ziemlich schüchtern wirkte. Durch das bereits freundlich gestimmte Publikum nahm ihre Schüchternheit jedoch schnell ab, nachdem sie die ersten Akkorde angeschlagen hatte und die ersten Liedzeilen des Countrysongs, den sie sang, von ihren Lippen geflossen waren.
Danach übernahmen die Stand-up Comedians wieder das Ruder, nur unterbrochen von einer Frau, die selbstgeschriebene Gedichte vortrug, bis Michelle bei ihrem dritten Bourbon angekommen war.
»Und jetzt kommt etwas ganz Besonderes«, kündigte nach dem Abgang einer Komikerin, die nicht mehr als freundlichen Applaus aus dem Publikum hatte herausholen können, die Besitzerin, die offensichtlich auch die Moderatorin des Abends war, mit einem Augenzwinkern an. »Eine Künstlerin, die neu auf dieser Bühne ist. Mit etwas, das man an Christmas Eve vielleicht nicht so erwartet.«
Das Publikum war mit jedem ihrer Worte leiser geworden, weil sie schon allein mit ihrer Stimme eine Atmosphäre erzeugt hatte, als wollte sie ein Geheimnis verraten. Wenn alle ganz genau zuhörten.
Michelle saß kerzengerade auf ihrem Stuhl. Sie hielt sich kaum noch darauf. Wenn das jetzt Cindy war . . .
Und tatsächlich, sie war es, denn die Conférencière lüftete das Geheimnis schon. »Lockt sie bitte mit einem Applaus heraus.« Sie begann leise in die Hände zu klatschen. »Ich präsentiere euch . . . Cindy Claybourne!«
Atemlose Stille wurde von erwartungsvoll klatschenden Händen abgelöst, verwandelte sich aber sofort wieder in atemlose Stille, als Cindy die Bühne betrat. Gleich darauf ertönte von einem Tisch eine Art Johlen und dann sogar ein Pfeifen. Das von einigen anderen aufgenommen wurde.
Michelle hätte gar nicht mehr die Luft gehabt zu pfeifen – wenn sie das überhaupt hätte tun wollen –, denn Cindys Outfit raubte ihr das letzte bisschen Atem, das sie noch zur Verfügung gehabt hatte. Sie hatte es ja gewusst, Candice hatte es ausführlich genug angekündigt, aber etwas zu wissen und etwas zu sehen waren immer noch zwei verschiedene Dinge.
Das schulterfreie weiße Kleid, das wirklich wie eine zweite Haut saß, ging fast bis zum Boden, aber als Cindy einen Schritt auf den Flügel zumachte, öffnete es sich mit einem langen Schlitz, der Cindys Bein wie eine lockende Versuchung herausblitzen ließ. So einen Schlitz hatte Michelle selbst bei Frauen wie Candice selten gesehen. Es schien, als wäre das Kleid noch einmal extra nach oben geöffnet worden.
Sie hörte, wie einige im Publikum nach Luft schnappten, als Cindy nun weiterging. Hatte sie immer schon so schwingende Hüften beim Gehen gehabt? Mittlerweile hatte sich eine Frau im Smoking an den Flügel gesetzt und blickte Cindy entgegen.
Cindy ging lächelnd auf sie zu, nickte und lehnte sich dann ziemlich lasziv an den Flügel, das Bein vorgestellt, das der Schlitz frei sehen ließ. Das Mikrofon stand direkt vor ihr, und mit ihrer melodischen Stimme kündigte sie an: »Ihr kennt dieses Lied alle. Es ist das einzige Weihnachtslied, das keinen eigenen Titel braucht. Es heißt einfach nur . . .«, sie machte eine Kunstpause, » The Christmas Song .«
Die Frauen im Saal klatschten begeistert, und Cindy und ihre Begleiterin am Klavier warteten ab, bis sie sich wieder beruhigt hatten, dann schlug die Pianistin die ersten Akkorde an, entwickelte die Melodie ins Intro, und auf einmal erklang Cindys Stimme. » Chestnuts roasting on an open fire . . . «
Tat sie das extra? Michelle lief es abwechselnd heiß und kalt den Rücken herunter. Sie hatte immer schon gewusst, dass Cindy eine sehr melodische Sprechstimme hatte, aber ihre Singstimme war . . . mehr als melodisch. Sie war verführerisch, hauchte manche Noten nur, sang andere, als wäre sie in einer Kirche, und dann wieder, als wollte sie sämtliche hier anwesenden Frauen gleich vernaschen. Wenn ihr Outfit schon sexy war, aber wie sie dieses Lied sang, das war fast schon . . . mehr als erotisch.
»Na, gefällt es dir?« Das war eine andere Stimme da fast direkt an ihrem Ohr.
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