»Sie hat was ?« Michelle fiel fast vom Stuhl. »Ich wusste nicht, dass sie singen kann.«
»Da kannst du mal sehen . . . Das ist doch ein Beweis dafür, dass du dich zu wenig um deine Frau kümmerst. Weshalb ich da jetzt ausgesprochen gern einspringe, wenn du keine Zeit dafür hast.« Candice’ Lächeln war nicht wirklich mehr ein Lächeln. Es war das, was sie sich in der Öffentlichkeit als Äußerstes in Richtung Grinsen erlaubte, um ihr Image nicht zu gefährden. »Denn ich kann dir sagen . . . dieses Kleid, das sie da trägt . . . mit diesem Schlitz bis zum Bauchnabel . . .«, fuhr sie genüsslich fort. »Und hauteng. Darin ist sie wirklich . . .«, sie führte ihre Fingerspitzen an die Lippen und machte ein Kussgeräusch, »absolute Sahne. Ich kann überhaupt nicht begreifen, wie du sie so vernachlässigen kannst.« Ihre Mundwinkel zuckten nun endgültig amüsiert. »Gut, dass sie jetzt hier ist. Und ich auch. Während du . . . lieber arbeitest.« Sie machte eine kleine, auf Wirkung angelegte Pause. Wie vor der Kamera, wenn sie die Zuschauer auf das, was jetzt kommen würde, neugierig machen wollte. »So ein Weihnachtsgeschenk kriegt man selten.«
»Weihnachtsgeschenk?« Michelle war baff. »Sie ist doch nicht –«
Candice ließ sie gar nicht erst ausreden, sondern hob nur die Hand, um die Verabschiedung einzuläuten. »Also dann . . . mach’s gut. Viel Spaß in Anaheim. Wir . . .«, sie blickte zur Seite, als wäre da etwas, das sie sehen konnte und worauf sie sich sehr freute, ihr Gesicht leuchtete geradezu auf, »werden hier bestimmt viel Spaß haben. Das kann ich dir versprechen. Kannst es dir ja dann von . . . deiner Frau erzählen lassen, wenn sie zurückkommt.« Sie machte eine kurze Pause. »Ich meine . . . wenn sie zurückkommt.« Der Bildschirm wurde dunkel.
Perplex sank Michelle wie ein nasser Sack in ihren Bürosessel zurück, denn sie hatte sich zuvor während des Gesprächs von Sekunde zu Sekunde angespannter aufgerichtet. Was war denn hier auf einmal los?
»Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«, fragte Mrs. Lebowski von der Tür her.
Es war eine Art stille Verabredung zwischen ihnen, dass sie Michelle jederzeit ansprechen konnte, wenn die Tür offenstand. Wollte Michelle das nicht, schloss sie die Tür.
Tief durchatmend schüttelte Michelle den Kopf. Wahrscheinlich sah das immer noch so fassungslos aus, wie sie sich fühlte. »Nein, danke, Mrs. Lebowski.« Sie richtete sich wieder auf und saß kerzengerade in ihrem Stuhl, wie ein braves Schulmädchen.
Dennoch trat Mrs. Lebowski einen Schritt ins Büro hinein. Ihre Miene wirkte besorgt. »Ist irgendetwas mit . . . Cindy?«
Könnte man vielleicht so sagen , dachte Michelle. Obwohl ich ja selbst noch nicht einmal genau weiß, was es ist. »Wussten Sie, dass sie singen kann?« Fragend wandte sie ihr Gesicht ihrer Vorzimmerdame zu.
»Ja.« Mrs. Lebowski nickte. »Sie hat eine sehr schöne Stimme. Sheryl und sie haben einmal Happy Birthday für mich gesungen.« Sie schmunzelte. »Ich weiß gar nicht, wie sie meine Tochter dazu gebracht hat. Sie macht so etwas normalerweise nicht.«
»Cindy kann«, Michelle räusperte sich, »sehr überzeugend sein.«
»Sie ist ja auch eine außergewöhnlich nette junge Frau«, antwortete Mrs. Lebowski lächelnd. »Aber das muss ich Ihnen ja nicht sagen. Sie kennen sie besser als ich.«
Da bin ich gar nicht mehr so sicher , dachte Michelle.
»Wie geht es ihr?«, kehrte Mrs. Lebowski wieder zu dem etwas besorgten Gesichtsausdruck zurück, mit dem sie hereingekommen war. »Ist in Florida etwas passiert?«
Wenn ich das nur wüsste. Michelle konnte sich immer noch keinen richtigen Reim auf das Gespräch mit Candice machen. Sie kannten sich schon sehr lange, und eigentlich war Candice nie jemand für Intrigen gewesen. Auch wenn sie in ihrem Job mehr als genug damit konfrontiert wurde. Sie ignorierte das einfach und beteiligte sich nicht daran. Intrigen machen Falten , sagte sie immer. Und die wollte sie natürlich nicht haben.
»Nein, es ist nichts passiert«, beruhigte sie Mrs. Lebowski mit einem weiteren Kopfschütteln. »Sie scheint sich dort unten sehr gut zu unterhalten.«
Mrs. Lebowskis Gesicht hellte sich auf. »Dann ist es ja gut. Heutzutage weiß man ja nie . . .«
»Nein, nein.« Michelle wusste nicht genau, was sie tun sollte. Das war ein Zustand, den sie zwar durchaus kannte, aber noch nicht sehr oft erlebt hatte. Und mögen tat sie ihn noch viel weniger. »Sie ist ja bei ihrer Mutter.« Warum hatte sie das gesagt? Sollte sie das jetzt beruhigen?
»Sie sollten auch runterfliegen. Zu Weihnachten bei der Familie sein. Das ist doch immer das Schönste.« Begütigend hob Mrs. Lebowski die Hände. »Ich weiß, ich weiß. Sie können hier nicht weg. Aber wenn ich alle meine fünf Kinder zu Weihnachten um mich habe inklusive Anhang und Enkelkinder, bin ich einfach glücklich. Eine andere Art Weihnachten kann ich mir nicht vorstellen.«
»Ich habe keine fünf Kinder«, erwiderte Michelle ziemlich brüsk. Was sie gar nicht hatte sein wollen, aber diese Situation überforderte sie etwas. Geschäftliche Situationen taten das nie, private jedoch oft. »Und schon gar keine Enkel.«
»Was nicht ist, kann ja noch werden.« Mrs. Lebowski zwinkerte unbeeindruckt von Michelles Reaktion eindeutig herausfordernd. »Cindy ist ja noch jung.«
Das vertrieb die aus alter Gewohnheit so brüske Reaktion in Michelle und sie musste lachen. »Da trauen Sie ihr aber einiges zu. Dennoch ist es sehr nett von Ihnen, dass Sie wenigstens nicht davon ausgehen, dass ich die Kinder kriegen muss.«
»Erstens«, entgegnete Mrs. Lebowski trocken, »sind Sie«, sie hüstelte, »nicht mehr ganz so jung, und zweitens«, mit einem anerkennenden Blick musterte sie Michelle, »haben Sie hier eine Aufgabe, die sich schwer mit einer Schwangerschaft vereinbaren lässt. Und die kaum jemand anderer so gut erledigen könnte wie Sie.« Sie lächelte. »Ich bin froh, dass Sie da sind.« Damit drehte sie sich um und kehrte in ihr Vorzimmer zurück.
Woraufhin Michelle wieder mit ihren Gedanken allein war. Ihre Mundwinkel zuckten, dann lächelte sie leicht kopfschüttelnd. Mrs. Lebowski ließ manchmal so ganz nebenbei Sachen fallen . . . Oder die ganze Familie Lebowski. Ihre Tochter war ja genauso. Und vermutlich ihre restlichen Kinder auch. Die hatte Michelle noch nicht kennengelernt.
Normalerweise hätte sie sich jetzt einfach erneut ihrer Arbeit gewidmet, aber irgendwie erschien es ihr so, als wäre nichts an der aktuellen Situation normal. Also lehnte sie sich in ihrem Sessel zurück und dachte darüber nach. Sollte sie Cindy anrufen, um sich zu vergewissern, was da los war? Es konnte doch nicht sein, dass das stimmte, was Candice da angedeutet hatte. Aber warum hatte sie es dann angedeutet? Das war nicht gerade typisch für Candice.
Sicher, sie war keine Kostverächterin. Eine schöne junge Frau wie Cindy wäre ihr jederzeit ins Auge gefallen und hätte ihr Interesse erweckt. Mit Ehefrauen hatte sie auch kein Problem, wie sie selbst richtig gesagt hatte. Wenn die eine Affäre wollten oder sich auf eine einließen, war das eindeutig ihr Problem, nicht das von Candice. Aber mit Cindy?
Michelle fühlte, wie sich wieder Spannung in ihr aufbaute. Sie konnte Cindy vertrauen, das wusste sie. Wusste sie das? Auf einmal erinnerte sie sich daran, wie enttäuscht Cindy gewesen war, als sie nicht mit ihr über ein gemeinsames Weihnachtsfest sprechen wollte. Sie hatte gar nicht weiter darüber nachgedacht. Es war so selbstverständlich für sie, dass Weihnachten Arbeit bedeutete, nicht Vergnügen. Jedenfalls nicht für sie selbst. Und schon gar nicht privat.
Und schließlich hatte sie Colorado angeboten nach Weihnachten. Oder nicht? Sie runzelte die Stirn. Wahrscheinlich hatte sie die Tatsache unterschätzt, dass manche Leute dachten, Weihnachten müsste genau an dem Tag stattfinden, der dafür im Kalender vorgesehen war.
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