Dazu konnte Cindy noch nicht einmal etwas sagen, denn plötzlich hatte sie einen Kloß im Hals. »Ich liebe sie so, Mum«, brachte sie dann tränenerstickt hervor. »Und ich bin glücklich mit ihr. Sie ist alles, was ich will. Aber manchmal habe ich das Gefühl –« Sie brach ab, sonst hätte sie ein Schluchzen nicht mehr zurückhalten können.
Ihre Mutter verstand sie sofort. »Manchmal hast du das Gefühl, dass du nicht alles bist, was sie will«, setzte sie den Satz mit einem mitfühlenden Nicken fort. »Sie würde für dich niemals ihren Job aufgeben. Das ist es doch, nicht wahr? Während du damit wahrscheinlich keine Probleme hättest. Obwohl du das gern tust, was du tust.«
»Das würde ich doch niemals von ihr verlangen.« Cindy schüttelte den Kopf. »Ich weiß, wie wichtig das für sie ist. Wie hart sie dafür gearbeitet hat. Immer noch arbeitet. Sie hat diesen Job mehr als verdient.«
Ein verdächtiges Zucken bildete sich um Lindsay Anns Mundwinkel. »Aber nicht an Weihnachten. An Weihnachten willst du sie für dich haben.«
Eine Weile sagte Cindy nichts, denn sie musste zugeben, dass ihre Mutter recht hatte. Michelles Wünsche hin oder her, an Weihnachten wollte Cindy das haben, was sie sich wünschte. Aber das konnte sie nicht. Sie seufzte zum dritten Mal in dieser Unterhaltung, und diesmal klang es resigniert. »Ja, das ist wirklich zu viel verlangt, Mum«, sagte sie leise. »Ich sehe es ein. Ich bin unvernünftig. Ich habe mir dieses Leben mit ihr ausgesucht, und nun muss ich auch dazu stehen.«
Das versteckte Lächeln auf Lindsay Anns Gesicht verwandelte sich in ein fast jugendliches Grinsen. »Das habe ich nicht gesagt«, erwiderte sie lebenserfahren. »Du musst nur einen Weg finden, das, was du machen willst, zu etwas zu machen, das ihr beide wollt. Es hat keinen Sinn, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Das bringt nie etwas. Aber wenn Michelle denkt, sie würde etwas verpassen, wenn sie Weihnachten nicht mit dir verbringt, könnte sie sich vielleicht selbst dafür entscheiden, ein paar Stunden für dich abzuzweigen.«
»Und was könnte das wohl sein, was sie nicht verpassen will?«, fragte Cindy, richtete sich wieder leicht auf und saß nun mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa. Sie verzog die Lippen. »Und das nicht den Namen Disney quer über die Stirn tätowiert trägt?«
Ihre Mutter machte eine kurze Pause, in der sie sie nur ansah. »Wie wäre es, wenn wir das hier in Florida besprechen würden? Nicht mit einem Bildschirm zwischen uns?«
Cindy stutzte. »Du meinst, ich soll . . .«, stammelte sie etwas überrumpelt, »jetzt schon zu dir kommen? Nicht erst zu Weihnachten?«
»Das ist schon in einer Woche.« Lindsay Ann zuckte die Schultern. »Die paar Tage mehr oder weniger . . .«
Nun machte Cindy eine kurze Pause. »Ah, ich verstehe«, nickte sie dann schmunzelnd. »Ich soll sie am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Vielleicht vermisst sie mich und kommt nach. Rechtzeitig zur gemeinsamen Weihnachtsfeier.«
Lindsay Ann schüttelte den Kopf. »Darauf allein würde ich nicht wetten. Schließlich habt ihr euch schon oft tagelang nicht gesehen. Sie ist das gewöhnt. Und ihre Arbeit läuft einfach weiter. Ohne dass du sie störst.« Etwas bedauernd hob sie die Augenbrauen. »Das könnte sie sogar noch mehr vergessen lassen, dass es neben dem geschäftlichen Weihnachten auch noch ein privates Weihnachten gibt. Aber ich würde mich freuen«, sie beugte sich vor, »wenn du nicht nur zwei Tage da wärst.«
Cindy lachte. »Das ist also ganz egoistisch? Ich war doch erst an Thanksgiving da, wie üblich.«
»Thanksgiving ist schon ewig her«, winkte Lindsay Ann ab. »Und außerdem warst du da allein hier. Weil sie . . .«, diese Pause jetzt war eine bedeutungsvolle, »natürlich wieder mal keine Zeit hatte.«
»Du darfst ihr das nicht –«, setzte Cindy schon an, Michelle zu entschuldigen wie immer. Aber dann brach sie den Satz selbst ab. »Nein, diesmal nicht«, fügte sie stattdessen entschlossen hinzu. »Du darfst ihr das übelnehmen. Die Zeiten haben sich geändert. Sie ist jetzt eine verheiratete Frau und hat eine Familie. Das muss sie jetzt einfach mal akzeptieren.«
Vergnügt warf Lindsay Ann den Kopf zurück und lachte laut auf. »So gefällst du mir. Wesentlich besser als vorher. So kenne ich meine Tochter.« Sie beugte sich wieder vor. »Dann kommst du?«
Cindy nickte heftig. »Ja. Ich setze mich ins nächste Flugzeug.«
Ihr privates Handy klingelte. Obwohl Michelle nicht gestört werden wollte, hatte sie wohl vergessen, es stummzuschalten. Eigentlich kannte ja auch kaum jemand die Nummer.
Cindy natürlich. Seit sie in Florida war, hatte sie schon mehrmals angerufen. Aber sie telefonierten normalerweise abends, denn Cindy wusste, wie sehr Michelle es hasste, unerwartet aus der Arbeit gerissen zu werden, wenn es nicht um etwas Geschäftliches ging.
»Soll ich Ihnen das abnehmen?«, fragte Mrs. Lebowski und trat einen Schritt zur Tür von Michelles Büro herein, als Michelle das Gespräch nicht annahm.
Sie war wirklich wie eine Mutter, die immer wusste, was ihr Kind brauchte, dachte Michelle. Weit mehr als eine Sekretärin. »Nein, ist schon gut. Danke, Mrs. Lebowski.« Den Blick immer noch auf die Geschäftsunterlagen am Bildschirm gerichtet angelte Michelle geistesabwesend mit der linken Hand nach dem Smartphone, das auf dem Tisch lag. »Das ist bestimmt nur –« Ihre Augen öffneten sich erstaunt und sie brach ab, als sie endlich auf das Display sah. Cindy , hatte sie sagen wollen, aber was sie wirklich sagte, war: »Candice?«
»Hallo Michelle.« Die liebliche und für das Verkünden auch schlimmster Nachrichten perfekt ausgebildete Stimme von Candice drang zwischen ihren Lippen beziehungsweise aus dem Lautsprecher des Handys hervor. »Wie geht’s dir?«
»Gut«, antwortete Michelle automatisch. Obwohl sie noch nicht einmal wusste, ob das in der Tat so stimmte. Aber es war eben die mechanische Antwort, die man gab, wenn man so etwas gefragt wurde. »Und dir?«
»Oh, sehr gut.« Candice’ Mundwinkel schienen ein wenig zu zucken. »Cindy, Mel und ich haben schon das eine oder andere unternommen, seit Cindy hier ist.«
»Ach?« Michelles Augen wanderten von dem Display mit Candice’ schönem Gesicht zu ihrem PC-Bildschirm hinüber. Aber da sie nicht unhöflich sein wollte, schwenkte sie sie wieder zurück.
»Gut, dass sie allein hier ist«, bemerkte Candice in diesem Augenblick anzüglich.
Diesen Ton kannte sie doch. Michelle hob die Augenbrauen. »Sie ist verheiratet, Candice. Sie ist meine Frau.«
»Ich weiß. Schließlich war ich auf eurer Hochzeit.« Candice nickte locker und betrachtete dann ihre Fingernägel. »Aber du weißt, dass mich solche Bagatellen noch nie gestört haben.«
Von dieser ihr zwar bekannten, im Moment aber unerwartet ausgesprochenen Ansicht schwer auf dem falschen Fuß erwischt schnappte Michelle nach Luft, und gleichzeitig fiel ihr fast die Kinnlade herunter. »Candice!«
»Siehst du«, stellte Candice mit dem berauschenden Fernsehlächeln fest, das auch über den kleinen Bildschirm des Handys gut rüberkam. »So ist das. Früher hat dich das nie gestört, wenn ich dir von irgendwelchen Affären mit verheirateten Frauen oder Männern erzählt habe. Du fandst das ganz normal. Jetzt bist du verheiratet, und schon . . .«, sie machte eine wegwerfende Geste mit ihren perfekt lackierten langen Fingernägeln, sodass man sich fragte, was sie zuvor dort so prüfend betrachtet hatte, »legst du ganz andere Maßstäbe an. Kommst mir mit irgendeiner Moral. Das hat uns früher nie interessiert, als wir beide noch –« Sie brach genauso süffisant ab, wie sie begonnen hatte. »Also jedenfalls . . . diese Probe, die ich gesehen habe . . . in dem Lokal, wo deine Frau «, sie betonte das sehr, »gesungen hat –«
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