Nachdem sie zusammengezuckt war, drehte Michelle sich zu Candice um, die hinter ihr stand und ihr ins Ohr geflüstert hatte. Sie musste sich von der Küchentür herangeschlichen haben, denn sonst hätte Michelle sie gesehen.
»Hast du schon jemals solche heißen Kastanien aus dem Feuer holen müssen?«, fuhr Candice sie aufziehend fort und wies mit ihrem Kinn auf Cindy auf der Bühne.
»Du bist dafür verantwortlich, oder?«, fragte Michelle endlich, nachdem sie sich halbwegs wieder gefasst hatte, und drehte ihr Gesicht zur Bühne zurück, wo Cindy sich zwischenzeitlich ein wenig auf den Flügel gelegt hatte und sich dort räkelte. Zudem streichelte sie ihn bei jeder Silbe, die sie sang, mit sanften Fingern, als wäre es kein Flügel, sondern etwas anderes. Jemand anderes.
»Nein, du«, sagte Candice und ließ sich neben ihr am Tisch nieder. »Wenn du dich nicht so blöd angestellt hättest mit Weihnachten, wäre das nicht nötig gewesen.«
Das konnte Michelle so nicht akzeptieren, aber sie konnte auch nicht antworten, weil sie ihre Augen nicht von Cindy nehmen konnte und das eine Kurzatmigkeit bei ihr verursachte, die sich fast so anhörte, als hätte sie ihr Leben lang geraucht.
»Nun geh schon nach vorn«, forderte Candice sie ungeduldig auf. »Für mich macht sie das nicht, was sie da oben veranstaltet.«
Normalerweise ließ Michelle sich keine Befehle erteilen, aber jetzt stand sie fast wie in Trance auf und durchquerte das Lokal, ging an den Tischen vorbei, als wäre sie durch ein unsichtbares Band mit der Bühne verbunden und würde mit aller Kraft herangezogen.
So dunkel war es im Raum nicht, dass Cindy sie nicht sehen konnte, als sie bei den vorderen Tischen angekommen war, und es schien fast, als würde sie kurz stutzen, aber sie unterbrach ihren Vortrag nicht. Auch nicht die lasziven Bewegungen auf dem Flügel, bei denen man annehmen musste, dass sich seine Farbe gleich von Schwarz in Rot verwandeln würde.
Cindys Augen ließen Michelle nicht los, als sie nun zum Ende des Liedes kam. Scheinbar war sie davon so abgelenkt, dass sie, als sie gerade »Merry Christmas to . . .« hauchte, als ob das eine Aufforderung zum Sex wäre, auf einmal das Gleichgewicht verlor, von der glatten Oberfläche des Flügels nicht gehalten werden konnte und herunterfiel. Sie fiel nicht nur auf die Bühne, sondern rutschte wie auf einer Eisbahn bis an den Rand – und dann darüber.
Auch wenn Michelle noch nie so etwas getan hatte, öffnete sie sofort ihre Arme, griff nach Cindy und fing sie auf.
». . . youuu!«, hauchte Cindy mit dem letzten Ton des Liedes, lag in Michelles Armen, als ob sie da nie wieder aufstehen wollte, zog ihren Kopf zu sich herunter und versank in einen tiefen Kuss mit ihr.
Das Publikum johlte, schrie, pfiff, stand auf und klatschte. Es war eine Bombenstimmung.
Aber davon bekam Michelle nichts mit. Sie hielt Cindy im Arm und wusste auf einmal, dass sie nichts anderes tun wollte. Alles, was sie sich vorgestellt hatte, hatte nur in ihrer Fantasie existiert.
Das hier war Weihnachten, wie es sein musste.
»Ich bin so froh, dass du da bist«, flüsterte Cindy ihr mit strahlenden Augen zu, als der Kuss endete. »Frohe Weihnachten.«
Und auf Michelles Gesicht breitete sich genau das Lächeln aus, das man normalerweise nur beim Weihnachtsmann sah, wenn er Geschenke verteilte. Oder bei den Kindern, die sie erhielten.
»Frohe Weihnachten«, flüsterte sie auch, während sie in Cindys zärtliche Augen sah und fühlte, dass ihre eigenen genauso viel Zärtlichkeit auf Cindy zurückstrahlen ließen. »Diesmal und ab jetzt in jedem Jahr.«
ENDE
Manuela Schopfer
Diebische Weihnachten
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