Warum hatte sie ganz selbstverständlich angenommen, dass es nie Eifersucht zwischen ihnen geben würde? Doch nur, weil ihre vorherigen Beziehungen nie so tief gegangen waren, dass dieses Thema überhaupt hätte aufkommen können. Candice und sie hatten sich beispielsweise nie Treue versprochen. Das wäre überhaupt nicht gegangen. Bei Candice nicht und bei ihr selbst auch nicht.
»Oh Michelle . . . Liebling . . .«, hauchte Cindy mit tränenerstickter Stimme. »Dann kannst du ja morgen schon da sein. Meine Mutter wird sich so freuen . . .«
»Nur deine Mutter?«, fragte Michelle schmunzelnd.
Anscheinend hatte Cindy sich wieder gefasst und lachte jetzt auf. »Wenn ich meiner eigenen Frau sagen muss, dass ich mich freue, sie zu sehen, und sie das nicht von selbst weiß, dann ist aber irgendetwas nicht in Ordnung.«
»Da hast du wohl recht.« Michelle murmelte es nur, weil es eigentlich an sie selbst gerichtet war und nicht so an Cindy.
»Wenn du mir sagst, wann du ankommst«, fuhr Cindy ziemlich aufgeregt fort, »hole ich dich am Flugplatz ab.«
Michelle schüttelte den Kopf. »Ich weiß noch nicht, wann ich fliege, das kommt darauf an.«
Kurz sagte Cindy nichts, dann akzeptierte sie offenbar das, was Michelle angedeutet hatte, nämlich dass sie sich nicht festlegen wollte. »Ist gut«, seufzte sie etwas enttäuscht. »Dann sehe ich dich eben, wenn du da bist.«
Warum fragte sie jetzt nicht nach Candice? Aber das tat Michelle nicht. Sie wollte es gar nicht wissen.
Eifersucht war eben keine Einbahnstraße. Sie wunderte sich, warum Cindy bei der Erwähnung von Chris auf einmal misstrauisch wurde, obwohl es dazu keinen Anlass gab und Cindy das auch wissen musste, aber umgekehrt? Ja, Candice hatte gesagt, dass es ihr nichts ausmachte, ob eine Frau verheiratet war oder nicht. Das wusste Michelle nur zu gut, denn Candice hatte mehr als einmal etwas mit jemandem gehabt, der diesen speziellen Ring am Finger trug. Aber auch wenn Cindy eine verheiratete Frau war, das musste doch nicht heißen . . . Dazu gehörten doch immer zwei. Und Cindy würde so etwas nie tun.
Und doch war Vertrauen etwas sehr, sehr Neues für Michelle. Sie hatte ihr ganzes Leben lang gelernt, dass man keinem Menschen vertrauen konnte. Bei ihrer Mutter angefangen. Vor Cindy hatte es nie jemanden gegeben, der diese ihre Einschätzung widerlegt hätte. Wenn man jemandem vertraute, ging man immer das Risiko ein, belogen und betrogen zu werden. Da konnte sie sich jetzt nicht so schnell umstellen. Vertrauen war immer noch mehr ein Wort für sie als ein Gefühl, als etwas, das tief in ihr verankert war. Es hing nur lose an einem seidenen Faden.
»Ja, dann siehst du mich, wenn ich da bin. Ich melde mich, wenn ich gelandet bin«, wiederholte sie noch einmal das, von dem sie wusste, dass es so gar nicht mehr geschehen konnte. Denn sie war ja schon hier.
»Nicht erst, wenn du gelandet bist. Melde dich, wenn du abfliegst«, bat Cindy. »Bitte . . .« Sie schluckte hörbar. »Dann bist du zwar noch nicht da, aber ich weiß, dass du wenigstens in der Luft bist. Auf dem Weg zu mir.«
»Traust du mir nicht?« Michelle reagierte, als hätte Cindy ihr etwas ganz Unglaubliches unterstellt. Und dabei stand sie hier, in einem Park in Miami, und schwindelte Cindy vor, sie wäre noch in Anaheim.
Na ja, sie schwindelte nicht wirklich. Selbst die Aussage, dass sie nicht wusste, wann sie fliegen würde, war nicht falsch, denn sie würde ja gar nicht fliegen, also konnte sie auch nicht wissen, wann. Gleichzeitig wusste sie aber auch, dass das Haarspalterei war. Etwas, das sie sich in langen Jahren im Geschäftsleben hatte angewöhnen müssen und eigentlich nie gemocht hatte.
Sie wusste, dass sie Cindy durchaus hätte die Wahrheit sagen können, ohne etwas zu verschweigen, und dass sie es nicht tat. Vielleicht ging sie deshalb so in die Luft. Weil sie eigentlich Schuldgefühle hatte. Denn sie wusste noch nicht einmal, warum sie Cindy die Tatsache, dass sie bereits hier war, verschwieg. Sie wusste nur, dass etwas tief in ihr drin das verlangte, ohne ihr eine Erklärung abzugeben.
»Nein, natürlich traue ich dir«, widersprach Cindy sofort vehement. »Ich . . . ähm . . .«, auf einmal schien es, als wäre sie abgelenkt, »muss jetzt auflegen.«
Candice? dachte Michelle. Aber selbstverständlich sagte sie es nicht. Sie hätte auch fragen können, wo Cindy jetzt war. Vielleicht war sie schon im Club, zog sich bereits für ihren Auftritt um . . .
Nein, darüber wollte sie lieber nicht nachdenken. Was, wenn Cindy sich jetzt gerade vor Candice splitterfasernackt auszog, um das hautenge Kleid anzuziehen? Ohne Unterwäsche, denn so trug Candice diese hautengen Kleider auch immer. Das ging gar nicht anders, weil sich bei dieser Art Bekleidung sonst selbst das textilärmste Höschen abzeichnete.
»Tschüss, mein Liebling«, rief Cindy offenbar schon im Gehen. »Bis morgen dann!«
Michelle war froh, dass sie dieses morgen nicht auch noch bestätigen musste, denn danach war die Verbindung gekappt und Cindys Bild vom Display verschwunden.
Dennoch starrte sie noch eine Weile darauf, als würde sie erwarten, dass Cindys Gesicht wieder erscheinen würde. Aber sie hatte keinen Grund, noch einmal anzurufen. Warum sollte sie?
Mit einer Bewegung, als würde sie damit ein Kapitel beenden, steckte sie das Handy wieder in ihre Tasche.
Jetzt musste sie eine Entscheidung treffen, ob sie wollte oder nicht.
S ieht immer noch genauso aus wie damals.
Als Michelle das Lokal betrat, war es wie ein Déjà-vu, das keine guten Gefühle in ihr auslöste. Doch es war kein Déjà-vu, denn sie war ja tatsächlich schon einmal hiergewesen. Ein einziges Mal. Und das hatte sie verdrängt, soweit sie konnte.
Den Flügel und die Bühne im Hintergrund hatte sie damals gar nicht so richtig wahrgenommen. Sie war auf etwas anderes konzentriert gewesen. Auf Cait. Automatisch pressten ihre Kiefer sich aufeinander.
»Guten Abend.« Eine junge Frau, die zur Begrüßung der Gäste am Eingang stand, lächelte sie freundlich an. »Eine Person?«
Michelle nickte, während ihr Blick noch immer durch den langgestreckten Raum schweifte. Die Tische im Vordergrund waren schon recht gut besetzt. Ein paar Personen aßen bereits, die meisten unterhielten sich jedoch nur, lachten und erwarteten offensichtlich einen schönen Abend. Oder hatten ihn schon. Mit der Frau, die ihnen gegenübersaß.
»Haben Sie eine Reservierung?«, fragte die junge Frau jetzt.
»Nein.« Michelle schüttelte den Kopf. »Ich habe mich spontan entschieden herzukommen.«
Wie merkwürdig das klang. Normalerweise war sie überhaupt nicht spontan. Sie liebte Überraschungen nicht, egal, ob man sie ihr bereitete oder sie sie anderen bereiten sollte. Planung war ihre Devise. Nur so erreichte man die Ergebnisse, die man erreichen wollte.
»Die Tische an der Bühne sind alle reserviert.« Das Gesicht, das von halblangen dunklen Haaren eingerahmt wurde, schaute sie bedauernd an. »Wir haben heute Open Mic Night . Da sind die immer sehr begehrt.«
Open Mic Night. Das hieß also, Cindy war heute Abend nicht die einzige, die auf dieser Bühne auftreten würde. Michelle hatte sich schon gefragt, wie es zu diesem Auftritt gekommen war. Schließlich war Cindy keine professionelle Entertainerin. Noch nicht einmal eine Hobby-Entertainerin. Sie war gar keine Entertainerin. Warum sie sich plötzlich dazu entschlossen hatte, daran etwas zu ändern, konnte Michelle sich nicht erklären.
Es sei denn, Candice hatte etwas damit zu tun und sie dazu überredet. Candice stand immer im Rampenlicht. Das war für sie nichts Besonderes, sondern ihr normales Leben. Vielleicht hatte sie Cindy davon überzeugt, dass es auch ihr normales Leben werden sollte. Oder zumindest ein Teil davon. Weil Michelle sich nicht genug um sie kümmerte?
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