„Ich danke Ihnen, Kapitän.“ Gwen streckte Jep impulsiv ihre schmale Hand hin. „Ich glaube, wir verstehen uns.“
„Scheint so.“ Jep gab sich Mühe, die zarte Frauenhand nicht mehr als unbedingt nötig zu drücken. „Wenn ich mir auch mal ’ne Frage erlauben dürfte, Mrs. Torrel?“
„Bitte!“ Gwen hob erwartungsvoll den Kopf und wappnete sich im stillen mit einer abweisenden Antwort. Aber die erwartete Frage nach dem Grund dieses Gesprächs blieb aus. Jep sagte nur in seinem gewöhnlichen gemütlichen Ton:
„Sie sprechen so ausgezeichnet deutsch, Mrs. Torrel, dass man Sie gar nicht für eine Ausländerin halten sollte.“
„Meine Mutter war eine Deutsche.“
„Darum“. Jep nickte verständnisvoll. „Aber Ihre Heimat . . .“
„Ist Kuba!“
„Aehä! Kuba!“
Gwen schaute argwöhnisch auf. „Warum betonen Sie das so?“
„Ich habe gar nichts gegen Kuba“, verwahrte sich Jep rasch. „Bloss gegen die Kubaner, Mrs. Torrel. Die gaunern mit Fingerhüten.“
Gwen musste lächeln. „Nicht alle, Kapitän“, sagte sie sanft. „Es gibt auch andere dort. Männer, die ein heisses, todbereites Herz haben für ihre schöne Heimat. Männer, die Sie bewundern würden.“
„Das soll wohl sein.“ Jep wartete noch eine kleine Weile, aber es kam nichts mehr. Mrs. Torrel hatte sich wieder dem nächtlichen Meer zugewandt und träumte sich selber unbewusst in die Ferne.
Drinnen im Salon verklangen die perlenden Tonreihen. Der einsetzende Applaus weckte Gwen aus ihrem Sinnen. Sie schien sich erst jetzt wieder der Gegenwart Jeps bewusst zu werden. „Gute Nacht, Kapitän!“ sagte sie freundlich.
„Gute Nacht, Mrs. Torrel!“ Jep salutierte leicht und ging in Richtung seiner Kabine weiter. Als er längst an seinem Tisch sass, kamen seine Gedanken auf die Unterhaltung mit der jungen Schiffsherrin zurück. Komische Fragen, die sie da gestellt hatte, aber schliesslich — was ging das ihn an!
Aus dem Schlafen wurde nichts. Um 3 Uhr begann Jeps Wache wieder. Es hatte gar keinen Zweck, sich noch hinzulegen. Jep blieb am Tisch sitzen, machte seine privaten Bordbucheintragungen, las in einigen englischen Wälzern über die Küstenverhältnisse, Untiefen und Strömungen an der amerikanischen Ostküste und trank zwischendurch langsam, bedächtig und geniesserisch seinen Whisky, wie nur ein Mann zu trinken versteht, für den der Alkohol nicht ein Betäubungsmittel ist, sondern Erlösung und Abenteuer bedeutet.
Um ½3 Uhr erhob sich Jep, griff nach seiner Mütze und ging an Deck.
Im Salon war immer noch Licht. Es wurde gelacht und getanzt. Jep unterschied im Vorübergehen deutlich die einzelnen Silhouetten: die würdevolle Mrs. Williams, die quecksilbrige, lustige Ungarin, Fred Williams, den langen Bengel, Mr. Brooks, Herrn Fahrendorf, den hageren Grafen und den bescheidenen Sekretär. Eine Ausdauer hatten die Leute! Ausdauer im Vergnügen und Geldverdienen! Daher konnten sie sich auch das Reisen auf einer Luxusjacht leisten.
Jep brummte anerkennend und setzte seinen Weg fort. Die Kabinen lagen dunkel und verlassen da. Nur in einer brannte Licht. Er verhielt verwundert den Schritt. Ein guter Kapitän muss auf seinem Schiff Bescheid wissen. Jep hatte gleich am ersten Tage pflichtgemäss den Schiffsplan studiert. Er kannte sich aus. Da war ja die Kabine von Mrs. Williams. Die Tür war offen, irgend jemand wirtschaftete da drinnen herum. Wer konnte das sein? Die Stewardess schlief längst, Mrs. Williams selbst, ihr Sekretär und die anderen waren doch hinten im Salon.
Ein Kapitän, dachte Jep, muss wissen, was auf seinem Schiff vorgeht, und trat ohne langes Besinnen über die Türschwelle der Kabine.
Eine Frauengestalt, die da drinnen über einen kleinen Lederkoffer gebeugt gestanden hatte, fuhr bei dem Geräusch jäh hoch und wandte sich um.
„Tschuldigung, Mrs. Torrel!“
Jep stand an die Tür geklammert und machte ein dummes Gesicht. „Ich wollte nur mal nachsehen, wer . . .“
Gwen Torrel hatte sich gefasst. Sie war instinktiv gleich vor den kleinen geöffneten Koffer getreten, als wolle sie ihn verteidigen. In ihrem Gesicht wich der jähe Schrecken der Überraschung einem ärgerlichen Unwillen.
„Was wollen Sie denn hier, Kapitän?“
„Nachsehen — nur mal nachsehen, wer —“ Jep hielt sekundenlang inne und begann dann plötzlich zu schaukeln wie ein Schiff in Windstärke 6. „Kam eben vorbei und sah Licht — hup, tja, entschuldigen Sie, Mrs. Torrel, hatte keine Ahnung, dass Sie selbst . . .“
„Ja, ich wollte etwas holen. Für Mrs. Williams“, unterbrach Gwen ihn rasch. „Kann es aber leider nicht finden.“
Sie stand unbeweglich an derselben Stelle, obwohl es eigentlich überflüssig war. Gwen Torrel war zu knabenhaft schlank, als dass ihr Körper viel hätte verdecken können. Der offene Koffer lugte trotzdem an der Seite hervor.
Aber Boysen schien weder den offenen Koffer zu sehen, noch die offensichtliche Erregung in den Zügen der Frau.
„Verstehe“, lachte er verlegen. „Etwas holen! Natürlich, die alte Dame ist zu bequem — sehr liebenswürdig . . .“
„Sie sollten sich nicht um die Appartements meiner Gäste kümmern, Kapitän“, sagte Gwen scharf und ärgerlich. „Ihr Platz ist auf der Brücke!“
„Um 3 Uhr!“ Jep holte seine Uhr aus der Westentasche. „2.40 Uhr, Mrs. Torrel! Ich hab noch Zeit. Und dass ich — hup — etwas von Mrs. Williams wollte, das werden Sie doch nicht glauben. Wenn’s, wenn’s noch Ihre Kabine gewesen wäre . . .“
„Sie sind ja angetrunken!“ Gwen trat ärgerlich ein paar Schritte auf die Tür zu. „Drehen Sie das Licht aus und kommen Sie!“
„Zu — hup — zu Befehl!“ Jep fand richtig den Lichtknopf und schritt neben Gwen über das einsame Promenadendeck. Als er in der Nähe des Salons den Schritt verlangsamte, warf sie mit einer stolzen Bewegung den Kopf in den Nacken.
„Nein, ich gehe in mein Appartement. Ich bin müde.“
Gehorsam ging Jep weiter neben ihr zur Backbordseite hinüber, wo Gwens Schlafkabine lag. Jetzt kommt die Standpauke, dachte er etwas bekniffen, eine Moralpredigt mit Eichenlaub und Schwertern. Junge Junge! Aber so empört und verärgert Mrs. Torrel auch war, es schien nicht ihre Absicht zu sein, viel Aufhebens von der Angelegenheit zu machen. Sie blieb einen Augenblick vor ihrer Kabinentür stehen und sah Jep fast wehmütig an.
„Sie sollten nicht so viel trinken, Kapitän“, sagte sie ganz ruhig, „ein betrunkener Kommandant . . .“
„Im Dienst nicht, Mrs. Torrel.“ Jep hob abwehrend beide Hände. „Es sind noch zehn Minuten bis zum Dienst. Ich mache jetzt einen Rundgang in der frischen Luft und will dreimal um ein Gangspill gewunden werden, wenn ich dann nicht mit klarem Kopf auf der Brücke stehe und total vergessen habe, was ich vorher gesagt und getan habe.“
„Ich hoffe es, Kapitän.“ Es lag eine eigene Betonung in dem Wort, und Gwens Blick hielt einen Augenblick die Augen Jeps fest.
Dann klappte die Tür.
Am nächsten Morgen gab es Aufregung an Bord der „Eleanor“. Die Herren steckten flüsternd die Köpfe zusammen. Mrs. Williams lag erschöpft in ihrem Appartement und liess sich von ihrem Neffen Freddy die Stirn mit Eau de Cologne reiben.
Es war etwas passiert in Mrs. Williams Kabine. Verschwunden war gottlob nichts, aber Mrs. Williams behauptete steif und fest, dass ihr kleiner Lederkoffer, in dem sie ihre Juwelen aufbewahrte, während der Nacht aufgebrochen und durchwühlt worden sei. Und — es liess sich leider nicht leugnen — das zerbrochene Schloss des besagten Koffers bewies, dass es sich nicht um einen Alpdruck der alten Dame handelte.
Gwen sass im Salon mit unglücklichem Gesicht zwischen ihren Gästen. Ein Diebstahlsversuch auf der „Eleanor“! Das war ja entsetzlich! Der Reihe nach fragte sie die Herren beschwörend um Rat, was sie tun könnte. Die Antworten, die sie erhielt, waren höchst verschieden.
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