Die Willfährigkeit Boysens ermunterte Klaus Mock, ihm zum Abschied einen sanften Stoss in den Rücken zu versetzen. Die arbeitsuchenden Seeleute, die vor dem Paritätischen Heuerbüro warteten, sahen zu ihrem Erstaunen einen bald vierzigjährigen Seemann, den selbst der dümmste Schiffsjunge ohne weiteres auf einen „Styrmann“ taxiert haben würde, unsanft aus der Tür taumeln.
„Hoppla!“ Sogleich sammelte sich um den Hinausgeworfenen ein neugieriger Kreis, der lachend seine Beobachtungen an die weiter rückwärts Stehenden durchgab.
„Hei is duhn!“
„Oll Burmeister hät ihn rutsmeten!“
Den ihn umdrängenden Neugierigen gegenüber schien Jep Boysen sich auf seine Kräfte zu besinnen. Er bahnte sich mit Schultern und Fäusten eine Gasse und setzte den Kurs quer über die Strasse auf die Kneipe „Cap Horn“ zu, von deren seit der letzten Osterreinigung nicht mehr geputztem Fenster ein Bündel gemalter Fahnen aller seefahrenden Nationen einladend schillerte. Ein gutgekleideter Zivilist mit einem pechschwarzen, gestutzten Schnurrbärtchen, der ebenfalls vor dem Heuerbüro gestanden hatte, folgte ihm wie der Hai im Kielwasser des Schiffes.
„’n Toddy, Jan! Averst richtig steif!“ Boysen liess sich ächzend auf die von Hosenböden abgewetzte Holzbank sinken und kämmte sich mit der Rechten die Flachshaarsträhnen aus dem Gesicht. Noch ehe das dampfende Getränk auf dem Tisch stand, kam auch der Fremde herein und steuerte ohne Umstände auf den Tisch los.
„Kein Glück gehabt bei dem Heuerbas, Maat?“
„Wat heisst hier Maat?“ Das selige Biest sah entrüstet auf. „Wenn du wat von mi willst, ick bin Styrmann, verstanden! Grosse und kleine Fahrt! Ick könnt all Kaptän sein, wenn ich nich von der ,Hammoniaʻ getürmt . . . aber dat geiht di nix an, min Jung’.“
Auch der Fremde bestellte sich einen Grog. „Suchen Sie Heuer, Steuermann?“
Jep Boysen gab keine direkte Antwort. Er nahm einen tiefen Schluck und legte eine geballte Faust neben das Glas auf den Tisch. „,Rutsmeten hät hei mi!“ grollte er. „’n Satanspack, diese ollen Heuerfritzen!“
Der Fremde bestellte eine neue Lage. Das selige Biest bekam bei dieser Bestellung ein milderes Gesicht.
„Wat wullt Sei von mi?“ fragte er freundlicher.
„Wenn Sie Heuer suchen, Steuermann — ich — hm — ich könnte Ihnen eine auf der Stelle beschaffen. Weiss da ein Schiff, das morgen in See geht und nach einem tüchtigen Skipper ausschaut, weil sein Führer plötzlich erkrankt ist.“
„So? Wohl so’n Totenschiff? Blitzblankes Deck und verfaulten Boden, was? Pett di man nich auf’n Slips, verdammter Landhai! Jep Boysen hat sich all lang genug den Wind um die Nase wehen lassen. Der kennt den Dreh.“
„Das Schiff heisst ,Eleanorʻ“, sagte der Fremde sachlich. Jep Boysen hob die Nase und peilte misstrauisch den Fremden an. Die ,Eleanorʻ? Süh so! Dat ’s ’n besserer Eimer. Da nehm ick alles zurück.“
„Wenn Sie mal hingehen wollen . . . Das Schiff liegt klar an den Landungsbrücken.“ Er riss ein Stück Zeitungspapier ab und kritzelte mit einem Bleistift rasch etwas darauf. „Zeigen Sie dem Owner nur diese Nummer, dann weiss er, dass ich Sie geschickt habe.“
„1449“. Jep Boysen las die Zahl und steckte den Papierfetzen zu sich. Dann griente er schlau. „Scheunen Dank. Aber morgen ist zu früh. Ick heb noch Pinke.“ Er holte aus feiner Hosentasche einige zerknüllte Scheine und etwas Kleingeld und breitete es vor sich aus. „Zwanzig, vierzig, zwoundvierzig — vierundvierzig Mark. Dat reicht noch ’n paar Tage. Und solange Jep Boysen noch Geld in der Tasche hat, geiht hei nich in See. — Jan! Noch ’n Toddy!“
Der Fremde winkte lebhaft dem Kellner und liess ihn eine neue Lage auf seine Rechnung bringen. Eine Weile schwiegen die beiden Männer. Jep beschäftigte sich ausgiebig mit seiner flüssigen Nahrung und sah still dem Fremden zu. Der hatte aus Langeweile drei Fingerhüte aus der Tasche gezogen und spielte damit. Er liess sie mit fabelhafter Geschicklichkeit in den Händen rotieren und stülpte sie dann dicht nebeneinander auf dem Tisch um, so dass einer von ihnen ein Zehn-Pfennig-Stück bedeckte.
„Sünd Sei Schneider?“ erkundigte sich Jep teilnahmsvoll, als der Kellner auf einen Wink des Fremden die dritte Lage brachte. Der Fremde schüttelte den Kopf. „Ein Spiel“, erklärte er, auf die Fingerhüte deutend. „Ist bei uns zu Hause allgemein üblich. Können Sie mir sagen, unter welchem Fingerhut das Geldstück liegt?“
„Natürlich kann ich das!“ Jep zeigte gelassen auf den mittelsten.
„Stimmt!“ Der Fremde hob den Hut und zeigte das Geldstück, liess dann die drei Fingerhüte spielen und stülpte sie rasch wieder über. „Und jetzt?“
„Kinderleicht!“ Jep hatte aufmerksam beobachtet und zeigte nun auf den linken Fingerhut. Aber als der Fremde ihn hob, weiteten sich verwundert seine Augen. „Donnerslag! Ick heb doch genau sähn . . .“ Jep Boysen rückte interessiert näher. Nach fünf Minuten war das Spiel in vollem Gange und ein paar Markstücke waren von Jep bereits zu dem Fremden hinübergewechselt.
„Sie sind Steuermann und können zur Not ein Schiff führen?“ Gwendolyn Torrel zerriss langsam den numerierten Zettel Ramirez’ und sah den vor ihr stehenden Mann forschend an. Jep Boysen stand, ohne zu schwanken, breit und fest in seinen Stiefeln, Schuhnummer 43, und sprach sogar gutes Hochdeutsch.
„Zur Not, Madame? Ich habe Stipperpatent für grosse Fahrt; wie mein oller Kaptain auf der ,Hammonia‘ unten am Kap Horn über Bord ging, hab ich allein den Kahn in den Hafen von Punta Arenas gebracht. War ’n anständiges Stück Seemannsarbeit, Madame, das können Sie mir glauben.“
Die hellgrauen Augen des Mädchens ruhten sicher und ernst auf seinem Gesicht. Gwen Torrel überlegte. Der Mann gefiel ihr. Und er kam bestimmt von Ramirez. 1449 — eine durch sieben teilbare Zahl —, das war das Erkennungszeichen. Flüchtig blätterte sie die Papiere durch, die Jep ihr hinhielt.
„Wenn Sie, wie ich sehe, tatsächlich Steuermann sind, warum suchen Sie dann Heuer als einfacher Matrose?“
„Das hat seine Gründe, Madame.“ Jep sah betrübt drein. „Ich fahr sonst nicht vor dem Mast, aber heut muss ich ’ne Heuer haben, ganz egal, ob im Mannschaftslogis oder achtern.“
In Gwens Augen kam ein belustigendes Lächeln.
„Blank?“
„Akkurat, Madame. Heut morgen hatť ich noch einige vierzig Emmchen. Aber da hab ich so’n neues Spiel ausprobiert in einer Schenke, ein verflucht kniffliches Spiel, Madame, bei dem man Lehrgeld zahlen muss. Haben Sie schon mal was von einem Spiel mit drei Fingerhüten gehört?“
Gwen lachte hell heraus. „Sie sind also einem Bauernfänger aufgesessen?“
„Das nicht, Madame. Der Mann, der mich das Spiel lehrte, war ein reeller Mann. Es ging alles mit rechten Dingen zu. Ich hab ihm genau auf die Finger gesehen. Aber mein schönes Geld ging dabei futsch.“
„Also schön. Wir gehen morgen in See und brauchen einen tüchtigen Kapitän. Sie erhalten als Heuer das, was nach dem Seetarif üblich ist, und ausserdem eine anständige Gratifikation nach glücklich beendeter Fahrt. Sind Sie damit einverstanden?“
„Allemal!“ Jep Boysens Haltung wurde um eine Nuance respektvoller, bekam einen fast dienstlichen Anstrich. „Wohin geht die Fahrt, Madame?“
„Zunächst nach Neuyork. Dort erhalten Sie weitere Order.“
„All right, Madame.“
Gwen nickte lächelnd. „Und wenn Sie wieder mal in einem Hafen mit drei Fingerhüten spielen, dann seien Sie vorsichtiger, Kapitän. Ich kenne zufällig das Spiel. Es ist ein ganz gewöhnlicher Gaunertrick, mit dem man auf den Antillen den Gimpeln das Geld aus der Tasche zieht.“
„Nicht möglich, Madame! Sie meinen, dass der Mann mit den drei Fingerhüten mich betrogen hat?“
Читать дальше