Aber wenn Jep einem renitenten oder gar frechen Matrosen gegenüberstand, dann ging jedesmal eine sonderbare Veränderung mit ihm vor. Die Augen wurden ganz gross und ruhig. Es lag plötzlich etwas drohend Stählernes in ihnen, vor dem selbst die frechsten Hafenschnauzen unwillkürlich die Segel einzogen und sich an ihre Arbeit machten. Jep hatte nicht einmal nötig gehabt, seine Fäuste in Anwendung zu bringen, um Ordnung in die Crew zu setzen.
Im Grunde war von dem Jep Boysen, der an jenem Vormittag in der Hamburger Hafenkneipe gesessen hatte, wenig übriggeblieben. Er schlingerte nicht mehr, als es die Bewegungen des Schiffes nötig machten. Er ging sauber rasiert und mit einer gewissen Eleganz gekleidet, wie es sich für den Kapitän einer Millionärsjacht gehört, und — es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken — auch seine Haltung hatte etwas Würdevolles bekommen, seitdem er als Kapitän auf der Brücke der „Eleanor“ stand.
Nur eines war ihm haften geblieben: der Spitzname „das selige Biest“. Sei es nun, dass es unter der Mannschaft den einen oder den anderen gab, der diesen unsterblichen Namen des Steuermanns Jep Boysen von früher her kannte, oder dass Jeps Aussehen geradezu den Namen provozierte — er kam mit an Bord wie der Klabautermann, der sich nicht verdrängen lässt und machte sich rasch im Mannschaftslogis, in der Kombüse und auf der Freiwache breit, ja, er drang sogar bald bis in die Passagierkabinen und wurde von den Gästen der „Eleanor“ viel belächelt.
Die Gäste! — Das war der einzige wunde Punkt im augenblicklichen Dasein Jeps. Es waren durchaus freundliche, gebildete Leute, und sie behandelten den Kapitän des Schiffes mit wohlwollender Vertraulichkeit. Aber Jep vertrug sich nicht mit ihnen. Es war das einzige, was eigentlich an ihm auszusetzen war: Jep hatte nicht den geringsten Respekt vor diesen Menschen, die über Millionen-Banknoten oder über einen vornehmen Namen verfügten. Er war brummig und grob, sogar saugrob, wenn sie ihn mit dummen Fragen bei der Arbeit störten, und nahm nicht die geringste Rücksicht auf die Gäste, während er Mrs. Torrel gegenüber als der Schiffsherrin immer eine dienstliche Höflichkeit bewahrte.
Männer wie der Konsul Fahrendorf, der als alter Hamburger diesen Typus des deutschen Seemannes kannte, gingen stillschweigend über die derben Grobheiten Jeps hinweg, und Ilona Jabornik, die temperamentvolle Ungarin, nannte ihn sogar „ein sehr lustiger Mensch“. Aber die Amerikaner fanden seine Art höchst deplaciert, und Mrs. Williams bezeichnete sie sogar als „direkt ungebührlich“.
An diesem Nachmittag hatte es wieder einen kleinen peinlichen Zusammenstoss mit dem seligen Biest gegeben. Diesmal war es Mr. Charles Jeremias Brooks, der Neuyorker Fabrikant, gewesen. Er war wieder mal unbefugt über die Kommandobrücke geklettert und hatte mit neugierigen Fingern am Maschinentelegraphen herumgestöbert, bis ihn der aus dem Kartenhaus auftauchende Jep mit einem knurrigen „Mind your own Businesses, Sir“, hinwegbugsierte. Der Neuyorker, ein stämmiger, untersetzter Mann, war puterrot geworden vor Zorn.
„Was erlauben Sie sich, Kapitän? Wissen Sie, wen Sie vor sich haben? Ich bin Charles Jeremias Brooks aus Neuyork!“
Das selige Biest hatte gemütlich in das zornrote Gesicht des Amerikaners hineingegrinst.
„Wie Sie sonst sich nennen, hab ich bis jetzt nicht gewusst, Sir. Aber dass Sie Jeremias heissen, hab ich Ihnen gleich angesehen.“
Das brachte den kleinen Mann vollends in Harnisch. „Ich verbitte mir diesen Ton, Mister Boysen. Ich bin Gast hier an Bord!“
Das selige Biest hatte beruhigend abgewinkt und war in sein geliebtes „Hamborgisch“ verfallen:
„Do kannst du mit mi gor nich verkehren. Ick bün hier an Bord de Kaptain!“
Das war um die Teezeit gewesen, und Charles Jeremias Brooks war hinuntergerannt und hatte brühwarm bei Mrs. Torrel Beschwerde geführt über die Unverschämtheit des Kapitäns. Auch Gwen war peinlich berührt von diesen Zusammenstössen, besass aber immerhin genug Humor, um es als eine Erleichterung dankbar zu begrüssen, dass Konsul Fahrendorf und Ilona Jabornik vermittelten und um Nachsicht baten, da der Kapitän doch anscheinend in seinem Fach ein sehr tüchtiger Mann sei. Selbst Graf Zech tat die ganze Sache mit einer überlegenen Handbewegung ab: „Lebensart? Na ja, wo soll die herkommen?“ Damit hatte Charles Jeremias Brooks sich zufrieden geben müssen.
Nun war es Abend geworden. Die „Eleanor“ machte gute Fahrt. Das Wetter war schön und ruhig. Jep übergab, dem Ersten Steuermann, einem langen Schweden, das Kommando und trat seine Freiwache an.
Hinter den erleuchteten Fenstern der Salons bewegten sich die Schatten smokingbekleideter Herren. Zwischen den gedämpften Akkorden des Flügels perlte eine geschulte Frauenstimme auf. Ilona Jabornik gab ein paar ungarische Lieder zum besten.
Jeps Absicht, möglichst rasch in seine Kabine zu kommen und in beschaulicher Ruhe einen kleinen Whisky zu genehmigen, stiess diesmal auf ein Hindernis.
Dieses Hindernis hiess Gwendolyn Torrel. Sie stand im grossen Abendkleid, einen schweren Kaschmirschal über die entblössten Schultern geworfen, sinnend an der Reling und schaute über das Meer hinaus.
Abendfrieden! Meeresleuchten! dachte Jep verächtlich. Schlecht kolorierte Ansichtskarte. Er versuchte mit einem stummen dienstlichen Gruss vorüberzukommen, aber Mrs. Torrel rief ihn an.
„Wie steht’s mit den Wetteraussichten für morgen, Kapitän?“
Da war nichts zu machen. Jep musste stehenbleiben und Auskunft geben. „Ausgezeichnet, Mrs. Torrel. Barometer steigt. Wetterberichte günstig. Wenn’s noch ein paar Tage so anhält, mach ich meine glatteste Fahrt über den Atlantik.“
Gwen Torrel schwieg. Es war, als ob die Worte gar nicht in ihr Bewusstsein drängen und ihre Augen weit weg wären. Jep wartete noch einen Augenblick und wollte sich dann mit einer salutierenden Handbewegung drücken. Aber eine hastige, fast bittende Bewegung der Schiffsherrin nötigte ihn zum Bleiben.
„Ich möchte Sie etwas fragen, Kapitän“, sagte Gwen zögernd, „etwas rein Persönliches. Lieben Sie Ihr Vaterland?“
„Das soll wohl sein.“ Jeps Gesicht sah unsagbar töricht aus bei dieser überraschenden Frage.
„Und wenn dieses Vaterland, Ihre Heimat nun in Not wäre, in der Knechtschaft eines unwürdigen, verbrecherischen Machthabers, nahe daran, zugrunde zu gehen — würden Sie Ihr Land verteidigen, nicht wahr?“
„Allemal.“ Jep hatte seine Überraschung verwunden. Sein Gesicht war sogar ganz aufmerksam wach geworden. „Ich glaube, wir haben so etwas Ähnliches schon mal durchgemacht bei uns zu Hause, Mrs. Torrel.“
Sie nickte schweigend. „Wenn nun da ein Mann wäre . . .“ Sie stockte einen Augenblick und fuhr dann fliessend fort, so rasch, als wollte sie die Frage los werden, ehe sie sie bereuen könnte — ,,ein Mann, der sein Vaterland liebt wie Sie und der alles: Gut, Geld und Leben daransetzt, um seine Heimat aus der Knechtschaft zu befreien — wie würden Sie über diesen Mann denken?“
„Tüchtiger Mann.“ Jep nickte anerkennend.
„Auch wenn er, um sein Vaterland zu retten, etwas — Ungesetzliches tun würde, Kapitän?“
Über Jeps Gesicht zog ein breites, wohlwollendes Grinsen.
„Im Krieg und in der Liebe gelten alle Mittel, Mrs. Torrel.“
Die junge Frau neben ihm schien erleichtert aufzuatmen.
„Auch betrügen und stehlen, Kapitän?“
„Hm! Stehlen wäre nun nicht gerade mein Fall.“ Jep vergass einen Augenblick ganz seine dienstliche Haltung und lehnte sich gegen die Reling. „Aber dreinschlagen würde ich, rechts und links in die Kolonne rein, dass die Fetzen fliegen. Und wenn’s nicht ohne Kriegslist geht — es müsste ein Vergnügen sein, die Brüder übers Ohr zu hauen und einzuseifen.“
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