„Welcome, Mr. Williams! — Freue mich, Sie wiederzusehen, Fräulein Jabornik! — Guten Tag, Freddy!“
Der lange, etwas verlebt aussehende junge Mann, dem die letzten Worte galten, legte salutierend die Hand an seine Sportmütze. „Guten Tag, Gwen! Alles in Ordnung! Nichts vergessen! Tante und Miss Jabornik hast du ja schon begrüsst. Hier Mr. Brooks und Graf Zech! Hier Mr. Fahrendorf! Und das hier ist Mr. Philips, erster Sekretär und Vertrauensmann bei Tante Elizabeth.“
Gwendolyn Torrel reichte allen mit liebenswürdigem Lächeln die Hand: dem gedrungenen, massiv gebauten Fabrikanten aus Neuyork, dem hageren Grafen, dem ruhigwürdevollen Hamburger Kaufherrn und zuletzt — mit einer ganz kleinen Spur damenhafter Herablassung — auch dem scharfäugigen, verkniffenen Sekretär Mr. Philips.
„Thank you, Fred. Sie sind wirklich ein ausgezeichneter Reisemarschall.“
„Und was bekomme ich dafür? Einen Kuss?“
„Eins hinter Ihre leider immer noch nicht trockenen Ohren“, lachte Gwen den langen Frechdachs an. „Machen Sie sich weiter nützlich, Freddy, und sorgen Sie, dass das Gepäck vollzählig an Bord kommt.“
„Das besorgen die Leute.“ Fred Williams sah sich um und nickte den beiden Chauffeuren zu, die bereits unter der Aufsicht Mr. Philips dabei waren, die grossen Lederkoffer, Plaids und Hutschachteln aus den Riemen zu schnallen. „Es kommt noch eine ganze Wagenladung von Koffern nach, Gwen.“
Die „Eleanor“ lag bereits am Kai vertaut. Ihr kurzer, weisser Schornstein hob sich vornehm über die schwarzen, plumpen Fährboote und Kähne. Gwen Torrel führte lebhaft plaudernd ihre Gäste über die Brücke hinunter zum Schiff. Ein paar weissgekleidete Stewards mit blanken Knöpfen empfingen die Gesellschaft und übernahmen die weitere Führung zu den einzelnen Appartements. Gwen Torrel warf zwischen liebenswürdigen Phrasen einen raschen Blick zurück auf die Landungsbrücken. Es waren nicht viele Leute dort. Ein paar fremde Reisende, die den langen, hölzernen Kai hinunterspazierten. Drei oder vier Hamburger, die an den Verkaufsbuden standen und neugierige Blicke auf die schlanke, vornehme Jacht warfen. Und am Zeitungskiosk stand noch ein unauffällig gut gekleideter Herr, dessen scharfgeschnittenes braunes Gesicht einen ausgesprochen südländischen Typus zeigte.
Während die Gäste in den Kabinengängen verschwanden, schlenderte Gwen Torrel langsam über den Laufsteg zurück zum Kai.
„Alle an Bord?“ Der südländisch aussehende Herr war vom Zeitungsstand zurückgetreten und lüftete leicht den Hut. Die blonde Schiffsherrin zuckte nervös mit den Schultern.
„Bis auf den Kapitän. Ich habe nochmals im Eppendorfer Krankenhaus angefragt. Man hält es für ausgeschlossen, dass Renders vor drei bis vier Wochen wieder dienstfähig ist. Zu dumm! Wir haben noch keinen Ersatz für ihn als Kommandant der ,Eleanorʻ.“
„So? Hat die Heuerstelle keinen geschickt?“
„Mehr als genug!“ Gwen Torrel nestelte etwas erregt an ihren Jackenknöpfen. „Aber sie bedanken sich alle für eine Heuer, die schon in Neuyork ablaufen soll.“
„Dann müssen wir eben jemand nehmen, der als unser Mann an Bord bleibt. Ist ja nicht unbedingt nötig, dass wir in Neuyork einen neuen Skipper nehmen.“
„Gut, Ramirez. Aber woher einen geeigneten Kapitän für die ,Eleanorʻ bekommen. Es kann doch nicht irgendein x-beliebiger sein.“
Ramirez Benhavides kräuselte verächtlich die Lippen. „Ich werde dir einen besorgen, Gwen. Heute noch.“
Niemand hätte etwas Auffälliges in der Haltung der beiden erkennen können. Sie standen dicht nebeneinander wie in einem gleichgültigen Gespräch, zwei Bekannte, die sich leichthin unterhielten.
Aber in dem Gesicht der schönen Frau war ein unmerkliches Zucken. „Ich habe Angst, Ramirez“, sagte sie halblaut, ohne den Mann anzusehen. „Diese ganze Geschichte . . . ich weiss nicht, ob ich ihr gewachsen sein werde.“
Auch der Mann dämpfte seine Stimme. „Unsinn, Gwen! Du bist doch sonst forsch genug. Gerade deine überlegene, stolze Sicherheit qualifiziert dich ganz besonders. Und du weisst doch . . .“ Seine Stimme wurde noch leiser und bekam einen ernsten, fast ein wenig pathetischen Klang. „. . . meine Heimat, mein armes Vaterland wartet auf uns. Wir haben die heilige Pflicht . . .“
„Ja, ja, Ramirez, ich weiss!“ Die leise Besorgnis wich nicht aus Gwen Torrels Zügen. „Aber warum bleibst du selbst im Hintergrund? Warum willst du absolut die Rolle eines Stewards auf der ,Eleanorʻ spielen?“
„Weil ich sicher gehen muss, Gwen.“ Ein ganz leises, ironisches Lächeln erschien unter dem kurzgestutzten, schwarzen Schnurrbart. „Deine Papiere sind echter als echt, Gwen. Und du bist eingeführt. Mr. und Mrs. Williams, Brooks und die anderen kennen dich schon von Paris her: die schöne, reiche Mrs. Torrel aus Cuba. Mich aber kennt kein Mensch. Und diese Leute lassen sich nicht leicht einen unbekannten Fremden aufoktroyieren. Sie wollen wissen, mit wem sie an einem Tisch sitzen. Es genügt ja auch, dass ich an Bord bin, Gwen.“
„Ja, Ramirez.“ Die blonde Frau senkte den Kopf und atmete tief. Wie zufällig streifte die Hand des Fremden ihren herabhängenden Arm.
„Also: Kopf hoch und Ohren steif, Gwen. Ich gehe jetzt und suche dir einen passenden Skipper.“
Ein leichtes Kopfnicken — Ramirez Benhavides lüftete den Hut und ging in der Richtung auf die Vorsetzen davon.
Gwen Torrel wandte sich und schritt langsam den Laufsteg hinauf. Von der Reling her winkte ihr Freddy Williams mit beiden Händen vergnügt entgegen.
„Tadelloses Schiff, Gwen! Da hast du wirklich einen guten Kauf gemacht. Tante ist entzückt, Mr. Brooks ist entzückt. Alle sind entzückt! Ich bin am meisten davon entzückt, dass diese famose Jacht eine so wundervolle Besitzerin hat.“
Er beugte sich über die schlanke Hand Gwen Torrels und küsste sie.
„Wie können Sie in diesem angetrunkenen Zustand . . .“ Der Heuerbas, der alte, weissbärtige Käppen Burmeister, warf das Seefahrtsbuch empört auf den Tisch, das ihm Jep Boysen in die Hand gedrückt hatte. „’ne Schande ist das!“
„Hä?“ Das „selige Biest“ stand mit beiden Fäusten auf den Tisch gestützt und glotzte den Aufgeregten an.
„Schande, sag ich!“ donnerte Käppen Burmeister. „’ne ausgewachsene Affenschande für die ganze deutsche Handelsmarine, in so einem Zustand hier in das Heuerbüro zu kommen. Und so was will ’ne Heuer auf einem Schiff wie die ,Eleanorʻ!“ Käppen Burmeister nahm seine ganze Würde zusammen und heftete seine wasserhellen Augen vorwurfsvoll und missbilligend auf den vor ihm Stehenden. Er hatte etwas Väterliches in seiner Art, mit den Seeleuten umzugehen, aber zugleich etwas Imponierendes. Vor seinen ernsten Blicken hatte schon mancher grobe Fahrensmann die Augen niedergeschlagen. Das selige Biest nicht. Es streckte die Hand aus und zog seelenruhig eine Rolle Kautabak aus der Brusttasche, biss ein Stück ab und verstaute sie dann wieder in der Tasche.
Das gab Käppen Burmeister den Rest. „Raus!“ brüllte er, das Seefahrtsbuch dem Besucher ins Gesicht pfeffernd. „Kommen Sie wieder, wenn Sie Ihren Rausch ausgeschlafen haben . . .“
Das aufklatschende Büchlein schien Boysen ein wenig zu ernüchtern, aber er wurde nicht böse. Im Gegenteil, er lächelte ganz gemütlich, schob den Priem von Backbord nach Steuerbord und steckte seine Legitimationspapiere umständlich in die Tasche.
„Warum gleich so fünsch? So’n lütten Priem . . .“
„Raus sag ich!“ Käppen Burmeisters Stimme klang wie eine Heulboje. Der Assistent, der riesenhafte Klaus Mock, steckte den Kopf aus dem Nebenzimmer, besah sich einen Augenblick die Situation und packte dann mit festem Griff das selige Biest am Kragen. In Anbetracht der anscheinend nicht geringen Körperkräfte des anderen ballte sich die rechte Hand Klaus Mocks kinnhakenbereit, aber merkwürdigerweise liess sich das selige Biest ohne grossen Widerstand aus der Tür und die kleine Treppe hinunterstossen. Traurig, dachte Klaus Mock, was der Alkohol aus so einem bärenstarken Kerl moken kann.
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