„Ach, Onkel Rodenhausen, ist das schön. So etwas habe ich noch gar nicht gesehen. Ich glaube, wenn ich da immer wohnen könnte, würde ich nie fortreisen wollen.“
Viky platzte jäh in die Stimmung hinein:
„Für ein paar Wochen geht es schon hier. Aber wissen Sie, Fräulein Astrid, so für die Dauer, da möchte ich doch die Grossstadt nicht mehr entbehren. Hier gibt’s keine Museen, keine Theater und keine Konzerte —“
„Ja, und kein freies Stundentenleben“, fügte die Fürstin kopfschüttelnd hinzu.
„Dafür aber einen Papa, der sehr lange auf Reisen war und jetzt wieder einmal ausfürlich seine Tochter geniessen möchte“, lachte der Fürst, „und der jetzt noch dazu seiner Tochter eine kleine Gefährtin migebracht hat, die ihr hoffentlich Kameradin sein wird.“
„Na, ja, Papa“, meinte Viky vergnügt, „jetzt wird’s wohl auch erst mal ganz nett bei uns werden, und was später wird, findet sich von selbst.“
Der Wagen fuhr durch das Schlosstor über die herrliche Terrasse und hielt vor der grossen Freitreppe.
Die Dienerschaft empfing den Fürsten respektvoll und freudig. Es war doch schön, dass der Herr wieder einmal in Hause war.
„So, Viky“, meinte die Fürstin, „ich denke, du zeigst jetzt Fräulein Astrid ihre Zimmer, und wenn sie und Papa sich etwas erfrischt haben, darf ich zum Tee in die Halle bitten.“
Astrid durchschritt mit Viky die weiten Gänge des alten, schönen Schlosses.
So hatte sie sich ihre neue Heimat nicht vorgestellt. Ob Rodenhausen sie überraschen wollte? Er hatte so schlicht und einfach von zu Hause erzählt. Obgleich Astrid selbst Reichtum und Weite gewöhnt war, hier kam sie sich wie im Märchen vor. Alles war hell und licht. So hatte sie in den Büchern von deutschen Schlössern gelesen.
„Sehen Sie, Astrid,“ Viky öffnete beim Eintreten in Astrids Zimmer gleich das Fenster, „das Schönste hier ist der Blick über die Berge. Und hier, unter Ihren Zimmern, die Schlossterrasse, die ist meine ganze Liebe. Von ihr aus hat man den weitesten Ausblick über die Berge und ins Tal. Und von jeder Ecke der Terrasse zeigt sich die Landschaft wieder anders.“
Dann wies sie mit der Hand weiter hinaus auf den Lauf eines kleinen Flüsschens:
„Sehen Sie, dort hinten im Tale, an beiden Seiten des kleinen Wassers, das sind die letzten Häuser unseres kleinen Stadt. Sie streckt sich sehr weit hinaus, da sie sich durch die Berge in der Breite nicht ausdehnen kann. Und von der Schlossterrasse aus werden Sie erst richtig all die bunten Häuser sehen, die sich an den Schlossberg anlehnen.“
„Ich habe noch nie soviel Farben in einer Landschaft gesehen“, meinte Astrid begeistet. Und all diese roten und blauen und gelben Häuser! Jetzt verstehe ich es, dass Sie immer froh sein können, Prinzessin Viky, und immer vergnügt. Glauben Sie, dass ich es hier auch werde? Onkel Rodenausen hat gesagt,er hofft es. Ach so“ — sie geriet in leichte Verlegenheit —„Ihr Papa hat mir nämlich erlaubt, ihn ,Onkel Rodenhausenʻ zu nennen, weil wir doch soviel Schweres miteinander erlebt haben“, setzte sie kindlich erklärend hinzu.
„Gott, ich finde, so onkelhaft hat sich Papa Ihnen gegenüber eigentlich gar nicht benommen, vielmehr wie ein jugendlicher Ritter“, erwiderte Viky. „Ach, so ein Abenteuer möchte ich auch einmal erleben. Fanden Sie Papa eigentlich icht schrecklich forsch, als er Sie da so rettete, Astrid?“
„Es war wenig Zeit, darüber nachdenken, Prinzessin Viky. Es war nämlich nicht gerade ein Salon-Abenteuer.“
Jetzt war Astrid die Ueberlegene.
„Ich dachte“, meine Viky lachend, „Sie wären da im Ural an Räuber und all so etwas gewöhnt.“
„Nun, zum täglichen Leben gehören solche Ueberfälle gerade auch nicht“, meinte Astrid, „menn das Leben bei uns allerdings auch gefahrvoller ist als hier.“
„Ich denke mir die jungen Mädchen im Ural immer so mit dem Revolver in der Hand auf dem Pferde sitzend“, meinte Viky übermütig, „das heisst, Astrid, Sie reiten doch wirklich? Da tue ich nämlich auch leidenschaftlich gern.“
„Ja, geritten bin ich viel“, antwortete Astrid, „mit Papa“ — die Erinnerung durchzuckte sie schmerzlich — „und mit Herrn Redderson, der bei Papa als Ingenieur angestellt war.“
„Herr Redderson, ist der jung oder alt?“ fragte Viky in ihrer unvermittelten Art.
Und ehe Astrid antworten konnte:
„Das ist nämlich, was mir hier so fehlt: Junge Menschen. Aber um so mehr habe ich die in München. Es ist schrecklich interessant mit all den Kollegen und so international. Amerikaner, Russen, Schweden, Belgier.“ Sie verwirrte sich leicht und sagte unvermittelt:
„Aber ich glaube, Fräulein Astrid, wir haben uns schon verplaudert, Mama wird uns bald zum Tee erwarten. Sie wollen sich sicher noch etwas frisch machen. Darf ich Sie in zehn Minuten abholen?“
Astrid war froh, ein paar Minuten mit sich allein zu sein. Zuviel Neues und Grosses war auf sie eingestürmt. So rasch konnte sie das gar nicht in sich verarbeiten. Würde sie sich die Liebe der Fürstin erwerben können? Würde sie mit Viky in ein freundschaftliches Verhältnis kommen? Viky war so ganz anders als sie selbst. Aber Onkel Rodenhausen war ja da. Der würde ihr in allem helfen.
„Fertig?“
Viky klopfte an die Tür.
„Ja, ich komme schon“, gab Astrid fast fröhlich zurück.
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