Kaum waren sie draussen, als sich in den Gängen des Zuges ein ungeheurer Tumult erhob. Man sah durch die erleuchteten Fenster ein Gedränge von Menschen, erhobene Revolver, hörte Schüsse knattern.
Rodenhausen und das Mädchen lagen in nachtschwarzer Dunkelheit draussen neben dem Zug an Boden.
„Kriechen“, flüsterte Rodenhausen, „dort bis an die Böschung kriechen.“
Atemlos, lautlos schoben sie sich, auf dem Bauche liegend, bis zum Abhang vorwärts.
„Herunterrollen, langsam, vorsichtig, bleiben Sie dicht neben mir, so, geben Sie mir Ihre Hand, dort bis zum Gestrüpp.“
An dem Unterholz machten sie halt, Rodenhausen hob ein wenig den Oberkörper vom Boden, um Umschau zu halten, soweit es bei dem begrenzten Blickfeld und der Finsternis möglich war. Verdammt, dass es zum Abend ging.
„Können Sie aufstehen, sind Sie verletzt?“ flüsterte er immer noch dem Mädchen zu.
„Nein“, gab sie flüsternd zurück.
„Also vorwärts ―“, Rodenhausen ergriff ihre Hand und rannte mit ihr bis zu dem nahen Walde. Dort, durch die ersten Bäume verdeckt, blieben sie erschöpft stehen.
„Armes Kind“, er fuhr ihr zart über das Haar, „keine Angst haben, ich schütze Sie. Können Sie noch?“
Sie zitterte vor Kälte und Uebermüdung. Rodenhausen zog seinen Rock aus und hing ihn ihr trotz ihres leisen Wehrens um.
„Soll ich Sie ein Stück tragen? Hinsetzen einen Augenblick? Nein, nein, Kind, das geht nicht. Sie könnten sich den Tod holen. Wir müssen weiter! Wer weiss, welchen Rückweg diese Räuberbande, die den Zug überfallen hat, nimmt. Wir müssen uns sichern.“
Er unterbrach sich, er fühlte, wie der Kopf des Mädchens an seine Schulter gesunken war. Sie war völlig ermattet. Schlief sie? Behautsam nahm er sie auf die Arme, ― für den grossen, kräftigen Mann war das zarte Wesen keine schwere Last, wenn er auch mit seinen 53 Jahren nicht mehr der Jüngste war ― alles, was an väterlichen Gefühlen in ihm lebte, und was durch die Verhältnisse unnatürlich zurückgedrängt worden war, strömte zu diesem jungen Geschöpf hin. Die verschiedensten Empfindungen stritten in ihm. Karen? Wieder übermannte ihn die Erinnerung, und seine Lippen formten lautlos den einst geliebten Namen. Ja, du bist es, Karen ― vor fünfzehn Jahren warst du es, und jetzt bist du es genau so wieder ―
Sie rührte sich und rieb sich etwas erfrischt die Augen. Er stellte sie vorsorglich hin.
„Können Sie nun wieder ein kleines Stück gehen, mein Kind? Sehen Sie, nur bis dorthin, wo die Lichter sind, es wird nicht weiter als zehn Minuten sein. Stützen Sie sich nur fest auf mich.“
„Es geht schon wieder“, sagte sie beinahe munter, „Herr Rodenhausen, was wäre ohne Sie mit mir geschehen?“
Kind, jetzt mal gar nicht rückwärts denken, das hat eben alles so sein sollen. Wir wollen nur froh sein, dass wir überhaupt noch leben und sogar mit heilen Knochen ― diese kleinen, lieben, aufgerissenen Hände machen wir auch ganz rasch wieder heil“, dabei nahm er sie ganz zart und vorsichtig in die seinen, „und nun überlassen Sie mir auch erst mal die weitere Sorge für alles. Das dort scheint ein Bauerngehöft zu sein. Sie wissen ja, der russische Bauer ist gutmütig, man wird uns sicher gern beherbergen.“
Aber sie waren kaum eine Viertelstunde gewandert, als Rodenhausen fern auf dem Bahngleise einen Gegenzug in rasender Eile herankommen sah. Er bestand nur aus einer Maschine und zwei Wagen.
Rodenhausen nahm den Feldstecher vor die Augen:
„Tatsächlich, ein Militärzug, ich sehe Maschinengewehre, die Banditen scheinen die Telegraphenlinie nicht zerstört zu haben, und einer der Zugbeamten hat Hilfe signalisieren können. Wir werden noch ein wenig abwarten, dann können wir uns langsam wieder an die Eisenbahnlinie heranpirschen. Mut, bald kommen Sie zur Ruhe, Fräulein ―“ er stockte.
„Astrid“, ergänzte das junge Mädchen, „Ich heisse Astrid Sjörberg.“
Rodenhausen blickte sie voll und so erstaunt an, als ob er sie zum ersten Male sähe, dann aber nickte er langsam mit dem Kopf, als hätte er diese Worte erwartet. „Karen?“ er flüsterte es fast lautlos, ohne dass er es musste.
„Karen?“ Astrid sah ihn erschreckt an. „So hiess meine Mutter. Woher wissen Sie es?“
„Ich habe Ihre Mutter ― ― das erzähle ich Ihnen später, wenn wir erst zur Ruhe gekommen sind.“
Rodenhausen riss sich zusammen: hier galt es, eine junge Seele zu schützen und ihr die Ereignisse der Vergangenheit zu schildern, dass man sie nicht erschreckte.
„Nun kommen Sie, mein Kind ―.“ Er führte sie sorgsam wieder der Bahnstation entgegen.
Dort war alles, wie er vermutet. Die Behörden hatten von dem Ueberfall auf den Sibirien-Express erfahren und einen bewaffneten Zug gesandt. Die Banditen hatten daraufhin die Flucht ergriffen, und nach einigem Schiessen, Lärm und Tumult war der Transsibirien-Express zur Aufnahme der Reisenden bereit.
Wenige Stunden später fuhr man bereits wieder, als wäre nichts geschehen, dem europäischen Russland entgegen.
In Astrids Seele brannten die Fragen nach dem Zusammenhang zwischen Rodenhausens Leben und dem ihrer Eltern. Es war, als ob sie während der letzten Stunden an nichts anderes gedacht hätte.
„Sie sprachen von meiner Mutter, Herr Rodenhausen?“
„Ja, ich habe Ihre Eltern gekant, Astrid. Ich habe Ihnen erzählt, dass ich Forscher bin, es hat mich merkwürdig oft nach diesem Land hier gezogen, weiter hinein nach China mit seinen geheimnisvollen Menschen. Vielleicht ist es dem Forscher eigen, alles Geheimnisvolle ergründen zu wollen ― so zogen mich ausser dem Land hier auch dessen Bewohner an in ihrer Undurchdringlichkeit. Vor fünfzehn Jahren war es, ich war damals zwei Jahre lang in der Mandschurei, da hatte ich von den Bergwerken Jhres Vaters gehört und hatte ihn schriftlich gebeten, sie besichtigen zu dürfen. Er antwortete mir freundlich und lud mich ein. Er zeigte wohl immer mit Stolz seinen Besitz?“
Astrid nickte.
„Aber am ersten Tag gleich, als ich mit Ihrem Vater von dem einen Werk zum anderen ritt, stürzte ich mit dem Pferd und erlitt einen Knöchelbruch. Es war mir sehr peinlich ― zum erstenmal bei fremden Menschen. Ihre Mutter hat mich rührend gepflegt, Astrid ― Sie waren damals ein ganz kleines Mädchen, so zwei oder drei Iahre. Sie müssen jetzt siebzehn oder achtzehn Jahre sein ― stimmt es?“
„Im nächsten Monat werde ich achtzehn“, sage Astrid träumend und ebenso weiter: „Haben Sie gleich gewusst, wer ich bin? Alle sagen ich sähe Mutter so ähnlich. Und Sie waren gleich so ― so merkwürdig ― so gut zu mir?“
„Ob ich es gleich gewusst habe? Ich weiss es nicht, die Erinnerung ― ja, ich ahnte es wohl. Ich wäre wohl jeder Dame gegenüber ritterlich gewesen“, lächelte Rodenhausen, „aber ja, Sie haben recht, Sie haben das sicherlich empfunden, zu Jhnen zog es mich besonders. Es muss wohl irgend etwas in usn sein, ― ― ich bin Jhren Eltern zu grossem Dank verpflichtet“, sagte er plötzlich fest und bestimmt, als fürchte er, sich in Sentimentalität zu verlieren. „Es war ein aufregender Tag heute für uns beide“, meinte Rodenhausen jetzt väterlich, „wohl am aufregendsten durch die Erinnerungen, die in uns aufgewühlt wurden. Viel, viel müssen Sie mir noch erzählen, mein Kind. Ich hoffe, Sie werden es jetzt mit vollstem Vertrauen tun, besonders, wenn ich Ihnen über meine Person volle Aufklärung gegeben habe. Aber wenn Sie es zu sehr erregt, viel von der Vergangenheit zu sprechen, ― dann sagen Sie mir nur kurz die letzten Ereignisse und in welcher Lage Sie jetzt sind. Vor allem möchte ich aber wissen, wie Sie sich Ihre Zukunft gedacht haben, ob Sie wieder in Ihre Heimat zurück wollen, Denken Sie nicht, dass dieser fremde Mann hier sich in Ihr Vertrauen drängen will, Astrid“, er fasste ihre Hände, und sie liess es ergriffen geschehen, ―„ich fühle mich Ihnen nicht fremd, und ich spüre, dass Sie einen Menschen brauchen. Aber jetzt gehen Sie schlafen, Kind, Sie brauchen dringend Ruhe, morgen wollen wir alles besprechen.“
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