Er nahm wieder die kleine Hand.
„Mausi, wir werden uns vielleicht nicht mehr wiedersehen, und wenn Sie mir nicht sagen mögen, wer Sie sind, muss ich, weil es sich doch so gehört, Ihnen meinen Namen nennen —“
Sie liess ihm die Hand, und während ihre Augen auf dem grossen Wappenring an seiner Rechten ruhten, schnitt sie ihm den Satz ab:
„Ich möchte gar nicht wissen, wer Sie sind, nein, nein. Sie sagten, wir werden uns nicht wiedersehen, wozu bedarf es dann noch der Namen?“
Er presste die kleine Hand fester.
„Wollen Sie mich denn noch wiedersehen, darf ich das hoffen?“
Sie barg ihre blauen Augensterne unter den gesenkten Wimpern und neigte den reizenden Kopf.
Da stürzte auch der letzte Halt ein, an den sich seine Ueberlegung und Vernunft geklammert. Er sagte zärtlich: „Mausi, einzig süsse Mausi!“ Und plötzlich ruhte sein Mund auf dem ihren, und diesmal duldete Maria Reinhard den Kuss, duldete noch mehr Küsse.
Die Bäume rauschten leise, flüsterten uralte Liebesgeschichten, und in den Zweigen sang ein Vöglein ein jauchzendes Liedchen.
Langsam lösten sich die Mädchenlippen von denen des Mannes. Er war wie benommen, begriff nicht, was ihm geschehen. So manches Mädchen hatte er schon geküsst, aber keine mit solcher Innigkeit, keine mit solchem stillen, seligen Glücksempfinden.
Eigen war das, eigen!
„Mausi, liebes, liebes Mausi!“ flüsterte er leise.
Die Kleine lächelte ihn an.
„Nun möchte ich gerne den Namen wissen —“ sie unterbrach sich: „Ich heisse Maria Reinhard, Baumeister ist mein Vater.“
Er dachte, ich will meinen Namen vereinfachen, damit sie nicht vor mir zurückschreckt, und erwiderte:
„Ich heisse Franz-Ferdinand von Wildhausen.“
Sie nickte. „Ein hübscher Name, er klingt so kraftvoll.“
Spielerisch zog sie die Rechte, die den Wappenring trug, nahe. Er zeigte einen Eberkopf und zwei gekreuzte Schwerter.
Eine kleine Gesellschaft nahte, und die beiden erhoben sich, gingen langsam weiter. Er führte das Mädchen an der Hand und konnte noch immer nicht fassen, wie glücklich ihm zumute war.
„Mausi, wann darf ich dich wiedersehen?“ fragte er, und das Ohr des Mädchens nahm das erste „Du“ von den Männerlippen mit einem leisen Glücksschauer entgegen.
Sie erwiderte: „Wir wollen uns wieder auf dem Schloss treffen, dort, wo —“
Er lachte. „Dort, wo mich Mausi angefaucht und mit den Füsschen gestampft hat. Recht, mein Mausi, dort können wir uns treffen. Aber wann? Bitte, morgen schon!“
Sie wiegte, von Zweifeln bewegt, den Kopf.
„Nein, morgen werde ich nicht fortkönnen. Morgen und übermorgen haben wir grosse Wäsche, und da muss ich allerlei im Haushalt helfen.“
Sie sagte es halb wichtig, halb komisch.
Er lächelte belustigt. Er vermochte sich das zarte Geschöpfchen gar nicht bei der Ausübung irgendwelcher hausfraulichen Pflichten vorzustellen.
„Dann sehen wir uns aber bestimmt den Tag nach der Wäsche,“ drängte er.
Sie nickte. „Gegen vier Uhr.“
Er neigte sich ein wenig zu ihr nieder.
„Sage doch einmal ‚Franz-Ferdinand‘ zu mir, nenne mich einmal du. Du musst das jetzt, wir haben uns doch geküsst.“
In ihren tiefen Augen erglomm ein wundersames Leuchten. „Ja, wir haben uns doch geküsst.“ Sie blickte sich scheu um. „Ich will lieber das letzte Stück Weg allein zurücklegen, es kennen mich zu viele in der Gegend, wo wir wohnen.“
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und schlang mit einer fast heftigen Bewegung die schmalen Aermchen um den Hals des Mannes. „Auf Wiedersehen, Franz-Ferdinand, am dritten Tag von heute, auf Wiedersehen, und sei hübsch pünktlich, du.“
Ihre weichen Lippen küssten ihn und dann lösten sich die Arme, gaben ihn frei, ein lichtblaues kurzes Kleidchen flatterte leicht auf bei den Bewegungen des zierlichen Körpers, den es umschloss. Fort war Mausi. — —
Franz-Ferdinand wanderte den ganzen Weg zurück, spann sich dabei tief in seine Gedanken ein, und er fühlte sich so jung, so überjung. — Kein einziger Gedanke flog mehr nach dem Schloss der Eltern zu Ulla, der blendendschönen Prinzessin.
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