Ingrid ist zufrieden. Bessere Einsatzleiter kann sie sich nicht wünschen, und deren neugierige Fragen zu ihrem eigenen Fachgebiet bestätigen, daß die beiden nicht auf den Kopf gefallen sind.
Tom und Oddvar haben sie auch bei den beiden ROV-Operatoren eingeführt, die Unterwasserroboter per Joystick von einem separaten Kontrollraum aus lenken. Nach den Unterwasserszenen im Titanic-Film ist ihr Ansehen gestiegen, was man an ihrer protzigen Art merkt. Obwohl sie versucht haben, Ingrid zu beeindrucken, ist es ihnen jedoch nicht gelungen. Sie steht unbeirrbar auf seiten der Taucher, und das Spiel der ROV-Operatoren mit ihren Reglern imponiert ihr nicht. Denn es ist, als würde ein Modellflugzeugfan seine Spielzeugflieger manövrieren. Geht etwas schief, ist es trotz allem nur ein totes Ding – wenn auch ein teures –, das verlorengeht.
Momentan sind beide ROV-Fahrzeuge außer Betrieb. Die Elektronik ist empfindlich, und Reparaturen sind eher die Regel als die Ausnahme. Ihr eigener Tauchgang wird davon jedoch nicht berührt.
Trotzdem beunruhigt es sie ein wenig, daß die beiden Operatoren schon über eine Woche auf Reservekomponenten warten. An Bord befindet sich außerdem nur eine funktionierende Taucherglocke, die andere ist wegen der noch ausstehenden Klassifikation nicht einsatzbereit!
Deep Seahorse scheint nicht gerade die optimalste Taucherfirma zu sein, erwischt offenbar nur Jobs, die am Rande abfallen. Die Firma hatte sich nach England wenden müssen, um die Genehmigung zu erhalten, mit nur einer Taucherglocke zu arbeiten. Das ist wohl auch der Grund gewesen, weshalb ich selbst eine Chance bekommen habe, denkt Ingrid. Zweite Wahl, das eine wie das andere.
Alles kann nicht perfekt sein, überlegt sie dann, früher tauchten die Leute in umgedrehten Blechtonnen! Heutzutage werden Taucher zwar immer noch wie Arbeiter zweiter Klasse behandelt – verglichen mit Hubschrauberpiloten zum Beispiel –, die Sicherheit aber läßt nichts zu wünschen übrig, und außerdem müssen wir froh sein, daß man uns nach wie vor braucht, daß sich die ROV-Technik, verglichen mit den Fähigkeiten des Menschen, noch immer in einem Frühstadium befindet.
Die Rohre erstrecken sich in stilisierter Form über den Bildschirm. Bald wird sie deren Verlauf direkt vor sich sehen. Kein Roboter der Welt kann sie dort ersetzen.
Noch jemand beugt sich über den Monitor. Es ist Glenn. Tom läßt einen Ausruf der Überraschung hören und stürzt sich auf ihn. »Ach, hier machst du die Gegend unsicher«, knurrt er und versucht Glenn niederzuringen. Sie boxen sich lachend.
Als sie sich beruhigt haben, gibt Glenn auch Oddvar die Hand. »Ich bin mit Tom im Südchinesischen Meer getaucht«, erklärt er.
»Unsere zahmen Seebarsche warten wohl noch immer an der Pipeline«, sagt Tom.
»Das waren Zeiten«, erwidert Glenn. »Was für Gewässer!«
Das fröhliche Wiedersehen der beiden Männer bringt auch Ingrid und Oddvar zum Lächeln. Bald haben sie sich jedoch wieder in die farbige isometrische Zeichnung auf dem Bildschirm vertieft.
In Gedanken versunken, geht Ingrid ein Weilchen später durch das Schiff. Die auf sie wartenden Arbeitsaufgaben nehmen sie immer mehr gefangen, und sie will möglichst schnell in hundertachtzig Meter Tiefe kommen, um die Rohre selbst zu inspizieren.
Ingrid ist eine bodenständige Person. Sie hätte sich nicht im geringsten um die Auswirkungen der Geschlechterfrage geschert, wenn sie sich nicht hier in dieses Milieu hätte begeben müssen, um ihre Arbeit zu tun. Sie ist Technikerin. Ihr Leben besteht aus dem wunderbaren Sichtbarmachen von Strukturen mit Hilfe des Elektronenmikroskops. Sie sieht ein Universum, das kein Mensch je betreten kann, in dem massives Eisen nur aus Elektronen besteht, die um Atomkerne schweben. Um die humanistischen Disziplinen können sich andere kümmern. Für Philosophie, Soziologie und Psychologie hat sie nur leise Verachtung übrig. Zuviel Wust lautet ihre eigene – zugegebenermaßen oberflächliche – Diagnose. Glauben kann man ja, aber die Wissenschaft sollte wissen. Chemische oder mechanische Prozesse sollten stets aufs neue mit gleichwertigem Resultat durchgeführt und studiert werden können, unabhängig von jeder Glaubensauffassung. Wo gibt es entsprechende strenge Forderungen in den Geisteswissenschaften? Mit ihren Studienfreunden hatte sie zu diesem Thema viele erfrischende Diskussionen geführt. Sie ist im Besitz schwerwiegender Argumente, und es ist leicht, mit der Forderung nach Beweisen und Exaktheit andere auf die Palme zu bringen. Man hat sie alles mögliche geschimpft, und sie hatte im stillen triumphiert, wenn es ihr geglückt war, die selbsternannten Seelenexperten in dunkle Ecken zu treiben, wo zum Schluß nur Aberglauben, Schmähungen und Fundamentalismus übriggeblieben waren.
Unter dem Arm trägt sie ihren Laptop. Der ist ihr in jeder Beziehung bester Arbeitskollege. Die Luft ist geschwängert von Eisenstaub, vom Geruch nach Öl und Acetylen, auch ein schwacher organischer Geruch ist zu spüren, vielleicht von Essen, Kohlendioxyd und Ausdünstungen, kaum wahrnehmbar. Sie mag diese Umgebung.
Sie wird sich hier durchbeißen.
Ingrid betritt den Raum am Moonpool. Das sanfte Licht vom Skylight ganz oben läßt geheimnisvolle Schatten entstehen. Der Moonpool, Geburtskanal des Schiffes in die Tiefe hinunter. Das Loch in der Mitte des Schiffes, durch das man sie später in der sphärischen Taucherglocke hinablassen wird, weit, weit unter die Tageslichtgrenze, vom Schiff aus nicht mehr zu sehen, doch mit diesem verbunden durch Stahltrossen und den Umbilical, die Nabelschnur, die warmes Wasser und Atemgas transportiert, damit sie in einem Element und in einer Tiefe überleben kann, für die der Mensch nicht geschaffen ist. Der Mensch, der nie das tut, was die Schöpfung will.
Als sie sich über den Schacht beugt, stellt sie fest, daß das schwarze Wasserauge des Schiffes mit einer Abdeckung verschlossen ist. In den Stahltrossen der Laufkatze hoch über ihr hängt auch noch keine Taucherglocke.
Ingrid sieht sie ein Stück entfernt im Dunkeln stehen. Die kleinen Bullaugen sind erleuchtet, und Reservegasflaschen umspannen den runden Bauch wie ein Patronengurt.
Noch ist die Taucherglocke an die Druckkammer angekoppelt – jene Wohnstätte, die in ein paar Stunden die ihre sein wird. Die gesamte Ausrüstung ist im Ruhezustand. Wartet im Geräusch der leise zischenden Ventile und der auf niedriger Drehzahl laufenden Schiffsmotoren.
Völlig überraschend tritt Ego Boy aus dem Schatten!
Hat sie laut mit sich selbst gesprochen? Sie hat doch gedacht, sie ist allein! Der Gockel Nummer eins ist hier. Hat er vor, ihr den Garaus zu machen?
Ego Boys Augen funkeln. Er lächelt. Sein Lächeln steht im Gegensatz zu der starren Haltung und den über der Brust gekreuzten Armen.
»Bevor dieser Einsatz hier vorbei ist, habe ich dich gebumst«, sagt er ruhig, fast flüsternd.
Zwei Sekunden, im Takt mit dem ohrenbetäubenden Schlagen ihres Herzens.
»Bevor dieser Einsatz vorbei ist, hast du dir in die Hosen geschissen«, antwortet sie dann laut und deutlich.
Woher hat sie nur diese Einfälle? Ihr ist, als würde sich ein fiktives Publikum von den Plätzen erheben und applaudieren.
Ein paar Sekunden lang starrt sie in sein schockiertes Gesicht. Dann geht sie mit festem Schritt, wobei ihr der Laptop gegen den Schenkel schlägt, aus dem Raum.
Eine Stunde später sind alle im Kontrollraum vor der Druckkammer versammelt.
Das große Steuerpult ist übersät mit Druckmessern, Monitoren, Reglern verschiedenster Fabrikate und Ausführung, es gibt Kontrollampen, Magnetophone, Lautsprecher, Mikrofone, Schalter und Stimmentzerrer, welche die Worte der Taucher in der Druckphase verständlich machen. In dem leichtflüchtigen Heliumgemisch bewegen sich die Schallwellen nämlich viel rascher als in Luft.
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