Eine ärgerliche Falte bildet sich zwischen ihren Augenbrauen, doch Bengt bemerkt sie nicht. »Wieso«, fragt sie, »hast du die Absicht, in meiner Koje zu schlafen?«
»Gern«, antwortet er. »Wenn du auch drin liegst.«
»Wollen wir es gleich hier machen? Auf der Treppe?« fragt sie sachlich.
Bengt verliert die Fassung und bleibt stehen, während sie weitergeht. Immer wieder fährt er sich mit den Fingern durch die Haare.
Er braucht ein Weilchen, um seinen Federputz und die Gesichtszüge zu ordnen, und beschließt, dann gleich ein oder zwei Verehrerinnen anzurufen. Komisch, daß ihm das nicht schon eher eingefallen ist. Es gibt schließlich noch normale Frauen, die sanft und gefügig sind. Es gibt Frauen, die ihn zu schätzen wissen, die eine Menge dafür tun würden, wenn sie mit ihm eine Nacht in der Koje verbringen dürften. Übrigens sind die meisten Frauen so, und nicht wie diese hier!
In der geräumigen Kajüte des Tauchinspektors hängt dichter Zigarettenrauch. Er sitzt hinter seinem Schreibtisch, ein Kraftmensch, der Autorität und Kompetenz ausstrahlt. Sein grauer Bart ist ebenso gepflegt wie das kurzgeschnittene, widerspenstige Haar. Um ihn herum stehen Ego Boy, Bengt und Ian. Glenn sitzt auf einem Stuhl und Ingrid auf einem anderen neben der Tür. Ego Boy, Bengt und Ian sind aufgebracht; der Tauchinspektor starrt sie grimmig an.
Bei ihm liege die Leitung des Tauchgangs, und auch die Verantwortung trage er, die ganze Verantwortung, und wenn sie nur das Ihre tun, wird er sich schon darum kümmern, daß der Rest ebenfalls in Ordnung geht.
Das könne er ja leicht sagen, schließlich sitze er oben in Sicherheit. Sie selbst sind es doch, verdammt noch mal, die hier die Verantwortung hätten! Es sei Wahnsinn, Ingrid mitmachen zu lassen, ob er das denn nicht begreife, wettert Ian.
»Reiner Wahnsinn«, legt Ego Boy noch drauf, »sie soll mich in voller Ausrüstung in die Glocke ziehen. Wenn man nur mal diesen Punkt bedenkt! Schafft sie das denn?! Kannst du garantieren , daß sie es wirklich schafft?!«
»Sie hat eindeutige Papiere«, kontert der Chef.
»Ach ja, und was ist das für eine Größe, die sie ausgestellt hat«, fragt Bengt leise. Er hat die Niederlage auf der Treppe noch nicht verdaut.
Der Chef sagt kein Wort, sieht nur Ian an. Die anderen folgen seinem Blick. Ian versucht wegzuschauen, aber es gelingt ihm nicht.
»Mein Gott«, stößt er hervor, »selbst in meiner wildesten Phantasie habe ich mir nicht vorstellen können, daß sie die wirklich benutzt ! Daß man sie läßt ! Sie hat alle Tests geschafft! Ich habe gedacht, es sei nur ein Gag!«
Der Tauchinspektor lächelt grimmig: »Du hast keinen Fehler gemacht. Er hat die Lizenz, ist Taucherausbilder«, sagt er erklärend zu den anderen. »Ian hat seinen festen Job an der Taucherschule in Aberdeen aufgegeben, um bei diesem Einsatz dabeizusein. Fühlt euch geehrt! Und einer der letzten Adepten, die er geprüft hat, ist – Ingrid Larsen gewesen!«
Die anderen sehen Ian ungläubig an.
»Wie konntest du nur?« entfährt es Ego Boy.
Ingrid verschwindet diskret aus der Kajüte.
»Sie hat genau die Kompetenz, die wir brauchen«, erklärt der Tauchinspektor gelassen. »Es gab sonst niemanden! Und dieser rätselhafte Ölschwund, mal hier, dann wieder da, ist wirklich eine akute Sache. Die Konzernbosse gehen auf die Palme, wenn die Gewinne weiter so sinken und damit das Vertrauen und folglich auch der Aktienkurs. Die Experten glauben, es liegt an der Legierung der Rohre. Das muß an Ort und Stelle geprüft werden. Sie ist Metallurgin, und sie ist Taucherin. Sie kann uns die Antwort beschaffen.«
In der Toilette beugt sich Ingrid über das Waschbekken. Der Hahn ist aufgedreht, und sie schwappt sich immer wieder Wasser ins Gesicht. Weint sie?
Als sie in den Spiegel sieht, sind ihre Augen klar. Sie mustert sich eingehend. Richtet sich auf, ihr Gesicht in dem kunstlosen Spiegelrahmen wird immer entschlossener.
Was hatte sie erwartet? Daß man sie mit Pauken und Trompeten empfangen würde? Sie ist hier, um eine Arbeit zu tun. Vermutlich hat sie mehr drauf als andere, die hier neu anfangen. Es gibt nichts, wofür sie sich schämen muß, im Gegenteil, sie hat alle Prüfungen bestanden, ist qualifiziert, was will man noch von ihr?
Ganz einfach, daß sie nicht existiert.
Ist das nicht ein bißchen viel verlangt?
Der Tauchinspektor marschiert predigend in der Kajüte auf und ab. Sicher sei die Sache freiwillig, wäre ja auch noch schöner. Er gehe davon aus, daß derjenige, der von Revolte sprach, Probleme mit der Sprache habe, was sehr wohl der Fall sein könne, wenn man so länderübergreifend wie hier arbeitet.
Er bleibt vor Ego Boy stehen. Der erwidert wütend seinen Blick. Auch Ian schaut den Chef trotzig an und denkt: Klar hat sie die Lizenz bei mir gemacht, aber, verdammt noch mal, es ist nicht meine Schuld, daß sie jetzt allen Ernstes mit nach unten soll. Die Verantwortung dafür hat die Einsatzleitung.
Der Tauchinspektor wippt auf den Füßen und spricht mit Nachdruck. Es sei, wie gesagt, freiwillig. Für beide Seiten, oder?
Verstehen sie, was er sagt? Für beide Seiten, also!
Sie verstehen nur zu gut und senken langsam und widerstrebend den Blick.
»Für beide Seiten.« Die Firma feuert sie für den Rest ihres Lebens, wenn sie hier nicht mitmachen.
Als Ingrid zurückkommt, völlig unberührt, doch mit feuchtem Haaransatz, macht der Tauchinspektor eine übertrieben freundliche Geste und sagt: »Willkommen im Team. Wir haben uns ausgesprochen, und jetzt sind alle Mißverständnisse ausgeräumt. Die Jungs hier freuen sich über die Möglichkeit, gerade mit dir tauchen zu können.«
Eine Stunde später beugen sich zwei Männer eifrig über Ingrids Schulter. Sie sind in den Dreißigern. Ingrid sitzt im Kontrollraum vor ihrem Laptop, wo sie gemeinsam den Verlauf der Rohre studieren, die nach und nach auf dem Bildschirm erscheinen. In zwei kleineren Fenstern ist das Rohrgut in verschiedenen Vergrößerungen zu sehen.
Sie sprechen von Krümmungen und Ermüdungspunkten, vom Druck und dem Fluß von Gas und Öl. Ingrid ist in ihrem Element, und die Einsatzleiter sind ihre Eleven. Je mehr die beiden vor dem Einsatz wissen und begreifen, desto leichter wird Ingrid an der Pipeline unten die Hilfe bekommen, die sie von oben braucht.
Oddvar, einer der Einsatzleiter, ist Norweger, er ist untersetzt und kräftig. Seine vier Jahre als Sättigungstaucher garantieren ihr unschätzbare Erfahrungen in diesem Job. Aus ihrer Sicht ist seine Kompetenz mehr wert als alle hochgradigen akademischen Studien. Praktische Erfahrungen sind zuweilen so subtil, daß sie sich kaum in Worte fassen lassen. Das komplexe Zusammenwirken von Strömungen, Druck, Temperatur, Gasgemischen, physischen und elektrolytischen Kräften und Spannungen kann nie in einer Gesamtformel mathematischer oder sprachlicher Termini ausgedrückt werden. Man muß es erlebt haben. Und nicht nur einmal, sondern viele, viele Male.
Oddvar verfügt über dieses Wissen. Außerdem macht er einen nahezu bedächtigen Eindruck trotz seiner dunklen Augen und sinnlichen Lippen. Sein Blick ist ruhig, keine Spur von Hahnenkampfkomplex. Ein breiter Trauring und eine bunte handgestrickte Weste berichten vom übrigen Teil seines Lebens, von dem, was nicht mit Wasser, Gas, Fluß, Öl und Druck zu tun hat.
Tom ist Engländer. Er ist etwas jünger und lebhafter, hat muntere braune Augen und schulterlanges Haar. Der frisch angelegte Bart ist sorgfältig gepflegt, und er trägt Hosenträger zum Schlips, vermutlich als ironischen Schlenker und Kontrast zur anarchistischen Mähne.
Auch Tom hat lange Zeit als Sättigungstaucher verbracht. Mit einem Gasgemisch im Körper, das nicht Luft ist, hat er zwei Jahre in Druckkammern wechselnder Taucherschiffe, in unterschiedlicher Tiefe und in enger körperlicher Nähe zu anderen Berufskollegen gelebt.
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