1 ...7 8 9 11 12 13 ...24 Da stand der dänische Zuchtstier in seinen Ketten, stumpfsinnig, mit blutunterlaufenen Augen. Das junge Mädchen fürchtete sich nicht. Sie ging dicht an dem Bullen vorbei, tätschelte flüchtig die Schädel der im Verschlag zusammengedrängten Saugkälber, öffnete dann kräftig mit ihrer weissen, nicht eben kleinen Hand die Türe und schlich lauernd auf den Fussspitzen, wie ein Indianer auf dem Kriegspfad, um die Ecke, dem säuerlichen Geruch des Hühnerhauses zu. Einmal musste sie doch die Eierdiebe fassen! ... Nein — wieder nichts ... nur geschäftiges, vielstimmiges Gegacker der Orpingtons und Wyandotten um die alte Mamsell. Mit der pflog das Fräulein von Bornim eine lange und ernste Unterredung über die elenden Freitagsfische, die vorgestern als Deputat vom See gekommen waren — winzige Hechte, lächerliche Schleien, Aale wie Regenwürmer ... Wer die grossen Fische fing? Lieber Gott ... man sah ja des Nachts deutlich die Lichter auf dem Wasser ... Die Diebe arbeiteten womöglich mit Dynamit ...
Und wo man hinsah in Sommerwerk, dieselbe Wirtschaft. Im Gemüsegarten die Glasscheiben der Mistkästen vom Hagel zerschlagen, weil niemand rechtzeitig die schützenden Läden darübergedeckt hatte, die Spargelbeete versandet, in den Blumenrabatten vor dem Hause kratzten die Italienerhühner den Samen aus der Erde, während ihr Hahn abseits einen heldenmütigen und aussichtslosen Zweikampf mit dem grossen Puter ausfocht, dass die Federn stoben und das Blut rann. An den Apfelbäumen fehlten die Kalkringe ... gute Zeiten für die Blutlaus! Dicke Raupen schmarotzten im jungen Lindengrün. Nirgends Ordnung. Nirgends das Auge des Herrn. Eva-Marie von Bornim seufzte, sah auf die Turmuhr, die nun schon die achte Morgenstunde wies, und ging den Weg vom Gutshof zur Chaussee und auf dieser weiter mit blossem blonden Scheitel, so wie sie war, zuweilen nach vorn spähend, die Hand vor den Augen. Nun hemmte sie den Schritt. Ein Jagdwagen bog in raschem Trab um die Ecke. Drei junge Leute sassen darauf. Ihre Brüder, die aus Berlin und Potsdam für den Sonntag herauskamen. „He, Christian! Halt!“ Geschrei und Gelächter. Die Schwester wurde ohne viel Umstände von sechs Armen gepackt und auf das hohe Gefährt gehisst. Lüdecke, der Gardekavallerist in grauem Urlaubszivil, deklamierte dabei:
„Ziehet, ziehet — hebt
Sie bewegt sich ... schwebt!“
Er hatte ein rötliches, süffisantes Gesicht, das durch die Bartkoteletten zu beiden Seiten älter erschien als seine achtundzwanzig Jahre. Wenn für irgend jemanden, so passte für ihn das Monokel ohne Rand und Band im rechten Auge, dessen Lid er noch gemeinhin humoristisch zwinkernd zusammenkniff. Sein älterer Bruder, Hans Christoph, der Assessor im Auswärtigen Amt, war sein gerades Gegenteil — länglich in Antlitz und Gestalt, peinlich korrekt in der Haltung, ängstlich genau nach Londoner Schnitt gekleidet, fast immer stumm. ‚Weil ihm nischt einfällt!‘ meinte Lüdecke, vor dessen Kasino-Ulk nichts in- und ausserhalb der Armee, mit Ausnahme Seiner Majestät, sicher war. Eva-Marie aber wandte sich, als sie Platz genommen, händeringend an den dritten: „Junge ... Junge ... wie siehst denn du aus?“
Quer über das flaumbärtige, verwegene Gesicht des Fähnrichs von Bornim zogen sich zwei dicke, halbverblasste blaue Streifen. Er machte eine verächtlich abwehrende Handbewegung. Vor Frauenzimmern renommierte man mit derlei nicht! Nachher bei Papa ... das war etwas anderes. Neben ihm erkundigte sich Lüdecke: „Evchen ... dass mir die Damenwelt nachläuft, bin ich ja gewohnt! Aber dass einem sogar die schwesterliche Liebe entgegenkommt ...“
„... Wegen der grässlichen Geschichte in Wendisch-Wiesche! Sonst liefe ich mir wegen euch weiss Gott nicht die Beine ab ... Herr von der Zültz hat sich doch vor vierzehn Tagen eine Kugel in den Kopf geschossen ...“
„Lebt!“ sagte Lüdecke. „Liegt in Berlin und lebt. Bleibt der Mitwelt erhalten!“
„Das weiss ich. Seine Tochter, die Ilse, ist immer noch bei uns in Sommerwerk. Papa und die andern im Kreis haben gesammelt, um sie für vier Jahre in ein Pensionat in der Schweiz zu schicken, bis sie gross ist. Denn das Gut kommt natürlich unter den Hammer!“
„Und für den Ollen interessiert sich der Staatsanwalt!“ ergänzte Lüdecke.
„Lass doch diese Fatzkenart! Die Sache ist wahrhaftig traurig genug. Also hört mal: die Kleine weiss von nichts! Soll auch vorläufig von nichts wissen. Sie bildet sich ein, ihr Vater sei verreist. Ihre Französin denkt es auch. Die war ja dumm wie Bohnenstroh. Wir haben sie vorgestern nach Paris heimgeschickt. Also seid so gut und nehmt euch, wenn die Ilse gerade da ist, in acht!“
Achim von Bornim neben ihr nickte. Da lag Schloss Sommerwerk. So wie immer. Seit Anbeginn der Dinge. Als man zur Wenden- und Sorbenzeit hier noch auf allen vieren lief und Albrecht der Bär das Kreuz hob über Luch und Bruch der Mark. Die Bornim waren immer dagewesen. Ihr Herrenhaus freilich stammte aus der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Das alte hatten die Russen im Siebenjährigen Krieg verbrannt, das noch frühere die Schweden im Dreissigjährigen Krieg, eine sagenhafte Wasserburg vorher hatte die ‚Faule Grete‘ des Burggrafen von Nürnberg niedergestreckt. In den Freiheitskriegen hatten noch die Franzosen böse gehaust. Einerlei: hier und rings im Lande wuchs ein zähes Volk. Das liess sich nicht kleinkriegen. Trotzig prangte unter dem steinernen Torbogen der Einfahrt der Wappenspruch:
„Glück herein! Unglück hinaus!
Das ist der Bornim ritterlich’ Haus
Seit sechshundert Jahren.
Gott wolle bewahren
Geschlecht und Haus!“
Um das niedere, langgestreckte, von zwei Türmen flankierte Barockgebäude mit der grossen Freitreppe grünte der uralte Park, dehnten sich hinten, gegen die bemoosten Schilfdächer des Dorfes hin, die weiten Scheunen und Ställe des Gutshofs. Exzellenz von Bornim, der Schlossherr, stand vor seinem Haus. Er hatte die Stimmen seiner Söhne gehört und lachte jetzt über sein verwittertes altes Gesicht beim Anblick des Jüngsten und schwenkte den Stock.
„Haste ihn vertobackt, Junge!“ schrie er vergnügt. „Haste ihn vermöbelt? Haste ihm heimgeleuchtet ... dem Lauckardt oder wie der Kerl heisst? Recht so! Sich nur nichts gefallen lassen! Immer ’raus mit der Plempe!“
Seine blauen Augen flammten über dem weissen Schnurrbart. Er straffte die hagere, kleine Gestalt. Auch in ihm, der wegen seines schwächlichen Körpers nie gedient hatte, kochte das Blut des wilden alten Junkergeschlechts vor den Toren Berlins. Sein Sprössling meldete aufgeregt: „Also ... es war in der Turnhalle, Papa ... Erst wurden wir bandagiert ... Und dann wurde gefragt: ‚Sind die Herren fertig?‘ ... Und nu los ... Sauhiebe hatte der Lauckardt gleich an sich ... Aber das Rappier ist doch viel leichter als ein Pallasch. Da ging alles bei ihm flach ... verfluchte Backpfeifen ... ich dacht’, ich müsst’ Zähne spucken! ... Nu wurd’ ich wild ... und passt’ auf wie ein Schiesshund und fuhr ihm in die Blösse ... und da sah ich auch schon gleich drüben Rot ...“
„Famos! Famos!“ sagte der alte Herr.
„Da rief der Unparteiische Halt, und der Lauckardt schweisste mächtig an der Stirn. Aber er war so wütend. Er wollte weiter. Gut. Nu war er aber schon unsicher, und ich langte ihm mit ’ner Prim übern Deetz, dass es nur so krachte ... denk nur ... da flog ihm gut ein Talerstück Kopfhaut mit dem Haar glatt weg. Sein Sekundant hat’s aufgehoben und zwischen zwei Fingern hochgehalten. Es war aber schon ganz dreckig vom Staub ... man konnt’ es nicht mehr brauchen ...“
„Pfui!“ versetzte Eva-Marie schaudernd. Die männlichen Bornims lachten alle herzlich. Achim schloss: „Noch nicht genug! Geschnauft hat er vor Zorn! Er hat sich anständig gehalten. Das muss ihm der Neid lassen. Aber nu kriegt er eins in die Backe ... klatsch ... die Backe klappte auf wie ’ne Butterstulle ... die Zähne dahinter! Da hat ihn der Stabsarzt endgültig eingeheimst! ... Zehn Märker hat jeder von uns dem Stabsarzt geben müssen, Papa ...“
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