«Ein Saukerl», dachte er trotzig, «das hat auch seine guten Seiten.»
4. Die vier Zufallsbekannten
Die Pianistin hat wie auf Dornen warten müssen, bis sich das laute Mädchen endlich entschied, welche ihrer allesamt fürchterlichen Blusen es zum Abendbrot überziehen würde, sich die Haare noch einmal hochtoupiert und das Gesicht übergeschminkt hat, als ginge sie zu einem Ball. Erst dann durfte auch sie so tun, als müßte sie ihr Äußeres in Ordnung bringen. Und bat die Zimmergenossin, eine hochtoupierte Kaufhausverkäuferin, die sie zum erstenmal heute morgen gesehen hatte, ihr da unten einen Tischplatz zu sichern. Erst dann konnte sie blitzartig die nächtliche Flucht vorbereiten.
Wie sie sich das augedacht und auch ihm ins Gedächtnis eingeprägt hatte, hoffentlich sitzt er bereits am Tisch, damit die gleichzeitige Verspätung keine Aufmerksamkeit erregt! hängte sie auf den Kleiderbügel ein paar abgewetzte Sachen, die sie opfern wollte. Über das Waschbekken legte sie die Reservezahnbürste und ein halbes Dutzend minderwertiger Cremes, wodurch die Szene perfekt war. Alles wirklich Wertvolle befand sich in ihrer Handtasche und dem Koffer, den sie unauffällig an der Tür abstellte. Es genügte, den Mantel vom Haken zu nehmen und weg... wenn das Mädchen, so hoffte sie, schon schläft. Daß er nicht verschlafen wird, dessen war sie sich sicher, sie bangte nur, daß es vor lauter Aufregung nicht ihr passiert.
Das kleine oberösterreichische Hotel war bei aller Schlichtheit sagenhaft sauber, mit vielen weitaus teureren, aber schlechteren in Böhmen nicht zu vergleichen. Das tat ihr wohl, als sie hinunterging. Solange sie hier konzertieren durfte, kam sie in große Städte, in denen Komfort nichts Überraschendes hatte. Das Niveau dieses kleinstädtischen Betriebs, den sich die tschechische Reisegesellschaft für ihre ziemlich billige Busfahrt leisten konnte, wirkte aufmunternd, er erschien ihr wie ein letztes Zeichen dafür, daß sie für sie beide richtig entschieden hatte.
Die Reisegruppe mußte sie nicht erst suchen, aus dem ersten Stock hörte sie einen Lärm, typisch für jeden Tschechenhaufen, sobald er die Alltagsbindungen wegwirft und sich in eine Zufallsgemeinschaft verwandelt. Sie jedoch ging nicht dem Geräusch nach, sondern in die Gegenrichtung. Der Eingangsraum, als Rezeption verwendet, war leer, auf der Theke lag eine Tastenbox mit der Inschrift Klingeln. Sie drückte und hoffte, daß keiner der Landsleute sich hierher verirrt. Sie hatte Glück, als unmittelbar darauf ein nettes Mädchen erschien, dem es nichts ausmachte, daß es offensichtlich beim Essen gestört würde. Nach all den verlorenen Jahren durfte die Pianistin nun ihr Deutsch testen, auf das sie einst so stolz war: Sie hatte den besten aller Lehrer dafür – die Liebe...
«Entschuldigen Sie, bitte, ist hier Telephon...?»
Es amüsierte sie, daß auch die andere sich um korrektes Deutsch bemühen mußte, aufgewachsen in oberösterreichischer Mundart.
«Natürlich, Sie können hier, ich schalte nur den Zähler ein.»
Sie tat das und wollte gleich wieder weg. Die Pianistin fragte schnell:
«Bleibt das Haus nachts offen? Wenn wir hinaus möchten...»
«Ihr Reisebegleiter hat die Schlüssel für alle schon geholt.»
Die Tür konnte sie also vergessen. Es gab hier aber auch ein Fenster, und das ging direkt auf den Stadtplatz. Für ihn waren die zwei Meter ein Witz! Sie wählte die Rufnummer, die sie auswendig gelernt hatte, und freute sich auf Margrits stürmischen Jubel, nachdem sie ihr die sensationelle Neuigkeit mitgeteilt haben würde, man könne sie um zwei Uhr nachts vor der hiesigen Kirche für immer abholen, sogar mit einem viel jüngeren Liebling, wie ihn gerade Margrit ihr einst empfohlen hatte. Die Freundin meldete sich jedoch bloß von einem rauschenden Gerät.
«Konzertagentur Prohaska. Sie haben Pech, weil ich gerade eben unterwegs bin, doch vielleicht auch Glück, falls ich in Ihrem Interesse reise. Rufen Sie nächsten Montag wieder an, ich freue mich schon heute darauf!»
Zuerst erschrak sie, als hätte sie entdeckt, daß sie auf einer leeren Insel gestrandet war. Erst, als das andauernde Rattern des Zählers zu ihrem Gehirn durchgedrungen war, legte sie auf und konnte wieder logisch denken. Na und? Was soll’s? Auch Margrit könnte nichts anderes tun, als sie beide gleich morgen ins Flüchtlingslager zu bringen, wo jeder, wie bekannt, ausnahmslos das Fegefeuer der amtlichen Formalitäten passieren mußte. War das nicht sogar besser, gleich allein zu zweit anzufangen, ohne fremde Hilfe? Gewinnt damit nicht das Ganze einen tieferen und deshalb dauerhafteren Wert? Wird sich vor allem er nicht besser fühlen?
Der Zähler zeigte sechs zwanzig. Verschwenderisch legte sie ein Zehnschillingstück auf die Theke und folgte zum letztenmal den heimatlichen Stimmen, um Václav durch das verabredete Zeichen mitzuteilen, nun gelte seine Ersatzlösung.
Durch die geätzte Mattglastür trat sie in das Vereinszimmer. In Zigarettenqualm gehüllt, saßen dort Männer, Bierröte im Gesicht, die ihre gute Laune erklärte. Ihn hat sie gleich erblickt, obwohl er fast verdeckt wurde von dem ausladend herumfuchtelnden Mann, der sie den ganzen Tag lang an jemanden erinnerte. Jetzt wußte sie es: an den seligen Komiker Fernandel, den dieser Schuft von Ilja so liebte, der Teufel soll ihn holen! Eben hat er sein Pferdegebiß gefletscht und gewiehert wie ein Roß. Dabei lehnte er sich nach hinten, bis er fast vom Stuhl kippte, so daß ihre Augen sich nun unbeschattet mit denen von Václav treffen konnten.
Wenn auch seine Erregung, das wußte sie, größer war als ihre, denn ihn erwartete noch zusätzlich eine ganz unbekannte Welt, strahlte sein asketisches Gesicht jene innere Ruhe aus, die sie bereits damals, bei seinem ersten Besuch, bezaubert hatte. Indem sie so tat, als suchte sie das Mädchen, das ihr einen Stuhl freihalten sollte, kämmte sie sich die Haare mit der Linken. Linkshänder war er, so erfuhr er, daß es nach ihm gehen soll.
Die Verkäuferin sah sie gleich. Sie sprang auf und setzte sich in dem Lärm mit ihrer Stimme und wilder Gestik mühelos durch.
«Hier! Heda, hallo, hierher!!»
Sie atmete auf. Sie fürchtete schon, dieses Weib hat sich vielleicht davongemacht. Die drei Blödmänner, zu denen sie sich nun absichtlich hinsetzte, um sie allesamt für ihre Sache zu gewinnen, waren, wie sie soeben mit Schrecken erkannte, in einem solchen Fall imstande, die ganze Gruppe mit Gewalt in den Bus zu stopfen und noch nachts in Budweis abzuliefern. Der Reiseleiter hat sich gleich beim ersten Treff am frühen Morgen als «verdientes Parteimitglied» vorgestellt und tat auch weiter so, als käme er direkt aus der Klapsmühle. Selbst die Pinkelpause hat er mit dem Ruf begleitet, sie müßten alle wachsam bleiben, und als der Bus im ersten österreichischen Dorf an vollgestopften Schaufenstern vorbeifuhr, griff er nach dem Mikrophon und grölte, sie sollten auf die Errungenschaften stolz sein, die in der Heimat wieder auf sie warteten.
Der zweite Knacker war um so schlimmer, als er das Mikrophon überhaupt nicht aus der Hand ließ, und wenn sie ausstiegen, blökte er weiter in eine Blechtüte. Es war ein Lehrer in Rente, aber er verlangte immer, daß man ihn mit «Genosse Lektor» ansprach. Auf der Platte saß ihm ein schlecht haftendes Toupet mit Lockenwelle, die Taschen quollen über von Broschüren, aus denen er unentwegt ganze Seiten über die Arbeiterbewegung in Österreich herunterleierte. Es war zum Verzweifeln.
Der Dritte im Bunde war der Busfahrer, vermutlich zugleich der Spitzel, der auf sie aufpaßte. Seine gut hundertzwanzig Kilo hatten ihre Bleibe vor allem in seinem Bierwanst. Das hinderte ihn kaum, sich für einen unwiderstehlichen Verführer zu halten. Unentwegt pfiff er vor sich hin und blinzelte wie verstohlen all den Frauen zu, die solo mitfuhren. Ihr persönlich hat er seine Gunst bedeutet, als er ihren Leinenkoffer im Gepäckraum nach oben schmiß, damit deine Robe nicht zerknautscht wird, wenn wir aufbrechen, im Prater das Tanzbein zu schwingen, Genossin! Oh, du meine Omi, das war der Gipfel!
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