Der Grenzverteidiger quittierte dies mit der üblichen Mischung von Neid und Bewunderung.
«Na ja, ihr Künstler, ihr wißt es schon zu richten! Und der Bub, der schwänzt halt die Schule, was?»
Er beugte sich zum Fahrer runter, als wollte er nur besser auf das stille Kind blicken, auf dem Hintersitz unter dem Gepäck fast vergraben; es war jedoch klar, daß er vor allem verstohlen die schöne Dora anschaute. Dem Schauspieler schlug aus seinem Mund Sauerkrautgeruch des Abendessens entgegen. Er erinnerte ihn an seine eigene endlose, wenn auch ziemlich fesche Wehrpflicht und an den ganzen Berg von militärischen und danach auch zivilen Schindereien, die er soeben hinter sich lassen wollte. Was geht dich das an, du Hanswurst, dachte er wütend.
«Er hat eine ärztliche Bescheinigung», sagte er und zwinkerte ihm zu. Auch diese Biedermannsart war einer der Tricks, zu denen in diesen Regionen Menschen, vor welchen sich in der übrigen Welt der Plebs beugte, greifen mußten, um sich der grenzenlosen Frechheit von Funktionären, Waffenträgern aller Sorten und, wenn man ordentliche Ware haben wollte, sogar von Obst- und Fleischhändlern zu erwehren. Nein, weg von hier, nichts wie weg!
Auch dieser Lakai des Regimes hat angebissen und schaute nicht so aus, als wollte er diesen Reisenden seine Macht zum Beispiel dadurch beweisen, daß er sie bis zum letzten Schräubchen und Slip durchsuchen läßt, um dann mit Siegesgeschrei die paar unchristlich hochbezahlten Devisen ans Licht zu holen. Im Gegenteil: Überraschenderweise zog er aus seiner grünen Bluse eine abgegriffene Brieftasche und aus ihr das Photo eines massigen Wesens weiblichen Geschlechts: Üppige Farben verliehen ihr das Aussehen einer Schlampe.
«Das ist die Resi», vermeldete er stolz, «meine Verlobte!»
«Aha...» sagte der Schauspieler und half sich mit einem Jux aus der Peinlichkeit, «möchten Sie sie mir geben? Für gewöhnlich erlaubt das die Gattin nicht, aber Sie können’s per Befehl schenken, stimmt doch?»
Der Waffenträger brauchte einen Augenblick, um das zu verarbeiten.
«Du lieber Gott, das nicht, ich hab’ nur dieses! Aber Sie könnten für sie darauf unterschreiben, ja?»
«Warum nicht», stimmte der Schauspieler zu, ließ aber noch nicht lokker, «nur erkläre ich hiermit, daß ich für Sie keine Alimente zahle, das haben nämlich mit mir schon drei andere probiert.»
«Na klar... Sie haben ja auch kein richtiges Paradiesleben, wie man glaubt...» plötzlich schien er ganz froh, in der eigenen Haut zu stecken, als er jetzt dem Schauspieler seinen Kugelschreiber gab, «ich werd’ Sie inzwischen abfertigen.»
Er verschwand in der Einheitsbaracke, und sie waren wieder allein. Einen knappen Kilometer vor ihnen schaute über die Maisfelder der ungarische Zoll herüber, ebenso menschenleer.
«O Himmel!» stöhnte der Schauspieler, als stünde er auf der Bühne, «gib, daß dies mein letztes Autogramm ist – in diesem beschissenen Land!»
«Petřík schläft nicht», sagte Dora.
«Um so besser! Kinder sollen hören, was ihnen die Eltern vermachen.»
«Für so was ist er vielleicht doch noch zu klein.»
«Und bleibt bis in den Tod blöd, wenn du mit ihm wie mit einem Mädel umgehst. Mir hat mein Vater vielleicht als erstes Wort gesagt, der Bolschewik wär’ eine Hure, und trotzdem habe ich fünfunddreißig Jahre gebraucht, um das Loch aus dem Käfig hier zu finden!»
Abergläubisch klopfte er sich schnell auf den Kopf und fügte hinzu.
«Mein Sohn muß es besser haben!»
«Dreh wenigstens das Fenster rauf...»
«Sei nicht ewig so ängstlich, er ist es ja auch schon! Hier gibt es doch keinen weit und breit.»
Dann ließ er das Reden und widmete sich dem Photo. Schrieb und grinste.
«Worüber lachst du so?»
Er führte es ihr vor. Für resi, die heissgeliebte, dass sie unsere verrückten stunden nie vergisst, malte er in seiner üblichen Versalschrift, Für immer ihr milan čech.
«Du bist verrückt geworden!»
«Der merkt nichts mehr. Er wird die ganze Bande hierherschleppen, um sich wichtig zu machen!»
Wie war ihr seine Angeberei zuwider, doch bald mußte sie seine Menschenkenntnis erneut bewundern: Wie aufs Stichwort marschierte aus der Baracke eine ganze Riege Uniformen an. Ihr Betreuer natürlich vorneweg.
«Hier, Milan», brüllte er, gab ihm beide Pässe und nahm das Photo an sich, «mach’s gut und bring uns ’ne Flasche bulgarischen Mastika, wenn du zurückkommst, wir übersehen dafür eure neuen Pelze! Abfahren!»
Er drückte bereits die Schalttaste der elektrischen Schranke, um die neue Bekanntschaft mit niemandem teilen zu müssen und dabei ihre Wackeligkeit zu verraten.
Der Schauspieler ließ den Motor an und trat das Gaspedal, als bräche er zu einer Rallye auf. Kaum hunder Meter weiter, nachdem er die Säule mit dem Hoheitszeichen der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik hinter sich gelassen hatte, bremste er heftig und lehnte sich aus dem Fenster.
«Ich hab’ deinen Kuli geklaut, Blödmann!» schrie er nach hinten.
«Waas...?» rief der Kerl, winkte sogar zum Abschied und joggte strebsam Richtung Ungarn.
Der Schauspieler wartete, bis der Offizier auf Hörweite herankam, und dann, ehe er das Gaspedal durchtrat, schrie er seinen letzten Gruß in die Heimat.
«Leckt mich!»
Er schaute zu, wie die blendende orangefarbene Sonnenscheibe schnell hinter den Wall des Mischwalds auf dem Nachbarhügel sinkt, doch anstatt des Gefühls eines stillen Behagens, das diesen Augenblick früher begleitet hatte, stellte sich wieder der dumpfe Magenschmerz ein. Um ihn loszuwerden, atmete er die feuchte Vorabendluft tief ein, die nach frischem Heu roch, und ließ dabei im Fernglas die ihm liebsten Details im Blickwinkel des Wachturms herankommen: Buschgruppen, die niedrige Remise, verwilderte Birnbäume auf Rainen, die ihm als lebendige Denkmäler längst vergangener Zeiten vorkamen. Er, ein leidenschaftlicher Großstädter, der gern sagte, sein Moos sei der Asphalt und Schornsteine seien ihm die liebsten Bäume, begann ziemlich bald, diesen verlassenen Winkel Südmährens zu mögen, bis er ihm plötzlich ans Herz gewachsen war, um so überraschender, als es hier um eine vergewaltigte Landschaft ging, ihrer Natur beraubt, bevölkert höchstens von Halberwachsenen in Uniform, die eine schon seit langem sinnlos gewordene Aufgabe erfüllten: im Herzen Europas, das feierlich Verträge über gemeinsame Sicherheit und Zusammenarbeit unterschrieb, künstlich die Zeit der zerrissenen Wege und abgebrochenen Brücken zu verlängern. Obwohl er schon früher so gefühlt hatte, und er verheimlichte das kaum, galt er allgemein als ein guter Soldat, und er war es auch. Sein Charakter lehnte alle zu simplen Ansichten ab, sei es für oder gegen. Seit der Kindheit wollte er alles in der Welt selbst entdecken, wenn es ging persönlich, und zwang sich bis dahin, immer den möglichst objektiven Standpunkt zu vertreten. Darum war er auch zu einer Staatsmacht loyal, auf die er nach der Ausbildung den Eid geleistet hatte, obwohl die meisten ihrer Vertreter ihn abstießen. Armeen hat man auch auf der anderen Seite, warum sollten deren Politiker und Generäle besser sein. Übrigens, zum Militär hierzulande mußte man pflichtgemäß, und er hat sich diesen Elitedienst beim Grenzschutz nicht mit krummen Tricks erkauft. Er war, versteht sich, im Jugendverband, wollte sich in den legalen politischen Strukturen engagieren, weil ihm all die diversen Chartas wie Heimatvereine aus den Zeiten der nationalen Wiedergeburt erschienen waren, niemals aber nahm er sich ein Blatt vor den Mund, offensichtlich ein Grund dafür, warum er es zwei Jahre nacheinander nicht zur Hochschule für Ökonomie gebracht hat. Er ist keinen der üblichen Schleichwege gegangen, nie hat er die Miesepeter vom Stadtkomitee, die ihn wahrscheinlich auf dem Gewissen hatten, um etwas angebettelt, obwohl sie gewiß darauf gewartet haben. Er wich selbst vor Eltern und Brüdern nicht zurück, die er ehrlich mochte, als sie ihn davon zu überzeugen versuchten, daß Starrköpfigkeit zu gewissen Zeiten nur eine Art von Dummheit ist, und ein vernünftiger Kompromiß hat noch niemanden um seine Ehre gebracht. Für so was, sagte er, bliebe ihm Zeit genug, ebenso wie für Mädchen, die anscheinend nur das eine wollen. Gelassen ließ er sich einberufen, und in der Armee stellte man bald fest, wen man da vor sich hatte. Nicht einmal dort ließ er sich jedoch etwas einfallen, was er nicht unbedingt mußte; das war auch der Grund, warum man ihn, den hochgewachsenen, starken, wendigen und außerdem auch hübschen Jungen, den städtischen Jugendmeister in Karate, nicht mehr zum Offizier drängte, man freute sich, einen so tüchtigen Mann ganze zwei Jahre am Grenzzaun zu haben. Jetzt wurde er schon Unteroffizier, hatte einen Spezialkurs für Nahkampf absolviert; seinen dritten Hochschulantrag hat die Armee vorbehaltlos empfohlen, und so genoß er die letzten Wochen des Lebens in der freien Natur, die er für sich entdeckte und die ihm während der Zeit hier so vertraut wurde. «Ein Paradies fürs Auge...» fing er an, die tschechische Hymne zu verstehen, die ihm lieber war als die eigene slowakische, in der es nur so blitzte und donnerte.
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