«Na und, dort bist du doch unentwegt.»
«Nun, würde ich annehmen, müßte ich auf Dauer übersiedeln.»
Sie wurde aufmerksamer.
«Du meinst also auswandern?»
«Ja.»
«Und wohin?»
«Je nachdem, wo mich die Firma brauchen würde», sagte er zunächst vage, je weniger sie weiß, um so besser für sie, auch für den schlimmsten Fall; dann jedoch wurde er präziser, «wahrscheinlich in Asien.»
«Und das würden dir die Unseren erlauben?» fragte sie mißtrauisch, «du bist doch so was wie ein Geheimnisträger, oder nicht?»
«Mag sein», wich er aus, «wie du aber siehst, man läßt mich dennoch in den Westen. Bei uns, du weißt doch, kann man sich alles richten.»
«Und wie willst du die schmieren?» forschte sie nach, «pauschal oder in Prozenten? Hoffentlich bleibt da für uns noch was übrig.»
Er wußte, sie spielt nur ihr Spiel, geldgierig war sie nicht, die Spielregel hat ihr die Mutter beigebracht mit ihrer Kampfparole: Was er uns nicht gibt, schnappen sich seine Hurenweiber! Zdena wollte nichts von ihm, niemals. Und wenn er dann fragte, was er ihr mitbringen soll, bestellte sie immer etwas für die Mama, damit sie sich endlich einen Mann anlacht! Dazu hatte er natürlich keine Lust, und so kaufte er für die Tochter, was ihm seine Reisekollegen empfahlen, die sich besser auskannten. Nie hat er was davon an ihr gesehen, bis sie ihm endlich sagte, er solle lieber, wenn es schon sein müsse, etwas für die Kleine mitbringen, für sie habe er nun einmal kein Auge.
«Zdena», bat er sie jetzt, «laß das Sticheln, du meinst das sowieso nicht ernst.»
«Und ob ich das meine!» sagte sie plötzlich unerwartet hart, so daß es ihn um so mehr verletzte, «denn viel mehr als etwas Geld hast du mir nie gegeben. Und wenn du mich tatsächlich ernsthaft fragen willst, ob ich dich entbehren werde, so sage ich dir, wie ich das fühle: Falls du irgendwo landest, wo der Pfeffer wächst, und ich weiß, daß du auf dieser Halbkugel einfach nicht mehr stattfindest, käme es mir natürlicher vor als jeder deiner Besuche, bei denen du ja nur an die Zeit denkst. Nein! bitte, unterbrich mich nicht, solange ich den Mut habe, dir das zu sagen. Ich bin schließlich erwachsen, ich glaube, seit dem Augenblick, in dem du mir verboten hast, dich ‹Papa› zu nennen. Gut, ich gebe zu, das mit der Mutter habe ich übertrieben, es war vielmehr nur ein pubertärer Trotz, ab und zu verstand ich sogar, daß du es mit ihr nicht aushalten konntest, so wie ich jetzt selbst manchmal helle Momente habe und beinahe begreife, warum es mit mir genauso ausging. Frauen sind Weibchen oder Raubkatzen, der Unterschied besteht darin, daß die Raubtiere sogar ihren Wurf auffressen, wenn er sie stört. Mutter und ich, wir sind beide nun mal Weibchen, die gewillt sind, eigene Ambitionen für ein Familienleben aufzugeben. Schon daß der Mann auf die Jagd geht, ertragen wir kaum, das muß ihn zum Aufstand provozieren. Doch wie du zu verfahren? so niveaulos, so brutal, daß jeder unser Elend sieht und sich daran weidet? Weiber zu haben, die uns menschlich nicht einmal bis zur Gürtellinie reichen, na, bitte: Vielleicht sind die gut im Bett! Aber uns öffentlich zu brüskieren, das macht man einfach nicht! Der größten Schlampe, entschuldige, aber das weißt du inzwischen selber, hast du durch die Scheidung von der Mama und eure Hochzeit direkt ein Diplom ausgestellt, das sie nur deswegen haben mußte, um uns zu degradieren, dich hat sie dann wie einen kleinen Studiker sitzenlassen. Ich lehnte es ab, mit dir zu reden, jawohl, bei dir hat es aber drei Jahre gedauert, was die meisten Väter über Nacht begreifen, mir einen Kuß zu verpassen und zu sagen, was du so spät gesagt hast: Ich bin vielleicht ein Saukerl, aber dich, meine Tochter, dich mag ich! Darum habe ich dich auf der Stelle gebeten, mir Geleitschutz zu geben bei meinem Schicksalsschritt zu jenem Herrn, der dir so ähnlich war, daß ich ihn an deiner Statt zu lieben anfing. Keine Angst, ich werde dir nicht vorwerfen, du hättest mir das damals nicht ausgeredet, denn du hattest keine Chance. Was mir aber dabei nicht entging, als er mich sausenließ, war deine, ich sage nicht etwa Zufriedenheit, das nicht, wohl aber eine Art Genugtuung, daß ich nun endlich dich begreifen werde.»
«Zdenka, das glaubst du doch selber nicht...»
«Einen Moment mal, ich bin gleich fertig! Natürlich glaube ich es, nur du bist nach wie vor nicht imstande, vor dir selbst etwas zuzugeben, denn ehrlich zu sich selber zu sein, das tut am meisten weh. Ich habe es dir heute an der Tür fast geglaubt, du möchtest dich mit mir tatsächlich beraten. Nur wolltest du mir verkünden, daß du jetzt auf mich total pfeifen willst, und falls ich das absegne, blätterst du wieder mal leicht was hin, um ein reineres Gewissen zu haben.»
Er war entsetzt.
«Das denkst du von mir?»
«Was sonst? Würde ich dir näherstehen als der Job, wie du es nennst, hättest du ihn gleich abgelehnt, mir davon gar nichts erzählt, damit ich nicht bis ans Lebensende mit dem Vorwurf leben muß, ich hätte dir so eine Chance verdorben! Verstehst du denn tatsächlich nicht, daß du mit mir hier Gefühlserpressung treibst? Oder noch schlimmer, ein Schmierentheater aufführst, weil du gar nicht dahin willst, aber ich soll dir bis ins Grab dankbar sein?»
Niedergeschlagen schüttelte er den Kopf und dachte.
«Nein, das hat keinen Sinn...»
In der Tat sagte er das laut. Seltsamerweise beruhigte sie sich.
«Ja, da hast du recht», sagte sie, «jedenfalls heute nicht und mit Sicherheit nicht in diesem Punkt. Bleibe am besten dabei, was du dein ganzes Leben lang gemacht hast: Tu, was du willst.»
«Also gut», griff er nach einem Satz, den wiederum sie nie ausstehen konnte, «überlassen wir das Denken den Pferden, die haben die größeren Köpfe.»
Er stand auf. Sie fühlte nun offenbar das Bedürfnis nach einem versöhnlichen Schluß.
«Trinkst du deinen Kaffee nicht aus?» fragte sie, «genug umgerührt ist er.»
Alles in ihm versteifte sich jedoch, er fühlte sich ganz wie aus seinem unzerbrechlichsten Glas und legte endlich den Löffel auf die Untertasse.
«Er ist schon kalt.»
«Soll ich einen neuen machen? Wird gleich fertig...»
«Nein, danke, eigentlich bekommt er mir abends nicht.»
«Danach bist du immer am sichersten eingeschlafen», erinnerte sie sich unwillkürlich.
«Bin nicht mehr zwanzig», verriet er ihr und gedachte seiner Eltern, die sie als Kleines so liebten; nach der Scheidung hat sie sie nimmer besucht, nicht einmal zu ihrem Begräbnis ging sie. Bitter fiel ihm ein: Soeben hast du, mein Töchterlein, entschieden, daß mein Grab am anderen Ende der Welt liegen wird. Doch immer noch stand er da, denn er wußte nicht, wie man für immer geht. Selbst dabei half sie ihm.
«Wenn es dir nichts ausmacht, lass’ ich die Zuzi im Wohnzimmer, sie regt sich bei dir immer so auf.»
«Gewiß, laß sie nur...» er war bereits an der Tür, «also, verzeih mir...»
«Verzeih du...»
Er war wieder gefaßt, sogar ein Lächeln gelang ihm.
«Bon, so verzeihen wir uns also gegenseitig.»
Dann hat sie ihm den letzten Schlag versetzt.
«Adieu, Papa», sagte sie zu seinem Rücken hin, «du hast nicht einmal gefragt, ob ich nicht vielleicht mit möchte.»
Und schloß die Tür.
Ziemlich lange hatte er Leere im Kopf. Er setzte sich in sein Auto und wartete, als würde sie nachkommen. Er zog aus der Brusttasche den Dienstreisepaß, betrachtete das Photo eines Mannes, der ihm bekannt vorkam, dessen Identität ihm jedoch entschwand, er las wieder und wieder: Ing. Karel Markalous, aber das half ihm nicht weiter. Nach einer Weile startete er und widmete sich ganz dem Fahren.
Das erste, was ihm in den Sinn kam, war einer der wenigen Sätze, die ihm aus der Geschichtsstunde geblieben waren, dem einzigen nichttechnischen Fach, das ihm Spaß machte. «Die Würfel sind gefallen.» Dabei ist ihm gleich klargeworden, daß er mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit durch diese Straßen nie mehr fahren wird. Aus einem plötzlichen Impuls dirigierte er seinen lieben Renault, der bald dem Staat anheimfallen sollte, auf einem Umweg zum Hradschinplatz, um noch einmal von der Burgrampe aus Prag zu sehen. Gerade gingen die Lichter an. Kaum hatte er angehalten, fiel ihm ein, daß er sich schon morgen mit Gerda lieben wird, und eine plötzliche Sehnsucht hat allen Schmerz verscheucht.
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