«Na, so was!» sagte sie zu dem Mädchen, das hinter ihr im Nachthemd stand, «der Opa persönlich hat den Weg zu uns gefunden, na, da staunen wir, nicht wahr, Zuzi?»
So wichtig war ihm diese Begegnung, daß er sich beherrschte und zu lächeln versuchte.
«Ich glaubte, ihn niemals verloren zu haben... Grüß dich, Zdena, grüß dich, Zuzilein...»
Es gelang ihm, sie beide zu küssen. Daß die Tochter nicht zurückzuckte, wie so oft, um ihm klarzumachen, wie die raren Zeichen seiner Zuneigung sie vielmehr erschreckten, hielt er bereits für ein gutes Omen, doch sie hat ihm sofort einen ihrer Kratzer versetzt.
«So begrüß doch den Opa schön, Zuzi, und frag ihn, was er dir mitgebracht hat!»
«Opilein», kürzte das Kind den Auftrag ab, «hast du was mitgebracht?»
Am liebsten wäre er in die Erde versunken, daß es ihm ausgerechnet heute nicht einfiel, doch er hat sich zu diesem letzten Versuch erst vor einer Stunde durchgerungen, als die Geschäfte schon zu hatten. Zdena sah doch seine leeren Hände, und es war von ihr darum noch ungerechter, als er den beiden immer etwas anschleppte, zugegeben, aus dem Ausland vorwiegend Kleinigkeiten, aber mehr war bei den bescheidenen Spesen eben nicht drin: Er führte zwar oft Delegationen an, doch solange ihn die Partner nicht zu einem ordentlichen Essen einluden, lebte er sogar in guten Hotels von Brötchen, Wurst und Dosenbier, die er an den sich verbeugenden Türhütern vorbei im Aktenkoffer ins Zimmer schmuggelte.
«Entschuldige, Zuzilein», sagte er demütig, «heute habe ich es tatsächlich nicht geschafft, morgen fliege ich fort, und bis jetzt war ich in der Arbeit...»
«Tja, der Opa flog immer so herum, weißt du», erklärte die Tochter der Enkelin, «drum hat er schon für mich keine Zeit gehabt.»
Sie strafte ihn auch noch mit dieser Anrede, die ihm, wie sie wußte, tief zuwider war. Er zwang sie sogar einst, jetzt schämte er sich für solche Eitelkeit, ihn «Karel» zu nennen. Mit «Papa» trotzte sie seiner Entscheidung, die Mutter und sie zu verlassen wegen einer der vielen austauschbaren, meist gefärbten Blondinen, die es endlich geschafft hatte, ihn so weit zu bringen. Als er sie dann sogar heiratete, verlor die Tochter an ihn drei Jahre kein einziges Wort. Dann nahm sie ihn wieder in Gnaden auf, weil er sich wenigstens um sie beide anständig kümmerte, und vor allem, weil das tolle Frauchen inzwischen mit einem Jüngeren verschwand, der noch dazu Devisenausländer war. Ausschlaggebend wurde, daß er damals für seine Bitte um Versöhnung ausnahmsweise überzeugende Worte fand.
Er durfte sogar seine Tochter zum Standesamt führen, und bei der Hochzeitstafel, die er als anständiger Brautvater natürlich ausgerichtet hatte, saßen alle mal wieder zusammen. Dann jedoch hat auch die Tochter der Ehemann verlassen, und sie kehrte ihre ganze Bitterkeit gegen den Vater, als wäre er der wirkliche Urheber dieses Verrats. Sie hörte auf, ihn direkt anzureden, sprach zu ihm nur über die Kleine, grundsätzlich in der dritten Person.
«Zdena!» flehte er sie an, «ich muß dich dringend sprechen. Darf ich wenigstens rein?»
«Aber gewiß doch...» sagte sie, durch diesen Ton überrascht.
Auch er konnte sich nicht darauf besinnen, diesen Wunsch je geäußert zu haben, dem er selbst so oft kein Gehör gab, als seine erste Frau oder die Tochter mit ihm das ziemlich abgedroschene Thema noch einmal erörtern wollten, er solle sie doch nicht verlassen. Er hat jedoch mit dem Staunen der Tochter gerechnet und es in seine Überlegungen einkalkuliert. Er hoffte, wenn auch schwach, daß Zdena ihren Schützengraben verläßt, den sie vor allem gegen ihn ausgehoben hatte, und bietet ihm an, was eigentlich? wenn nicht gerade Liebe, so doch einiges Verständnis. Und würde sie das tun, hatte er sich auf dem Weg hierher geschworen, werde ich auf alles andere husten, springe aus diesem Zug, ehe er mich dorthin führt, von wo es keine Rückkehr mehr gibt. Bald bin ich doch fünfzig! und ich kann mir an den Fingern abzählen, was mir früher oder später auch mit Gerda bevorsteht, obwohl sie mir heute jedesmal in den Armen zu sterben pflegt und schwört, nie einen Besseren gehabt zu haben. Übrigens, kann ich mit Sicherheit ausschließen, daß dabei nicht Geld auch eine Rolle spielte? Für diesen big deal kriegt sie doch bestimmt eine Provision!
Solche Gedanken schossen ihm durch den Kopf, als er geistesabwesend die Enkelin befragte, wie sie sich im Kindergarten fühlt, und ihr Geplapper, gleichermaßen gierig und wirr, beim anderen Ohr rausgehen ließ, während Zdena in der Küche ihm einen Türkischen kochte, das erste Zeichen einer Gunst? oder bloß eine Atempause, um sich inzwischen gegen mich zu wappnen?
Doch sie machte sogar den Fernseher im Zimmer an und erlaubte der Tochter, die Abendnachrichten anzuschauen; ihn lud sie in die Küche ein, damit ihn das Kind nicht störte, die Nervosität des Vaters kannte sie nur zu gut.
«Wieder mal ’nen Korb gekriegt?» verkniff sie sich nicht.
Er überging das und versuchte, die Barriere zu durchbrechen.
«Ich möcht’ mich mit dir beraten...»
«Du mit mir?»
Ganz und gar auf seine Worte konzentriert, rührte er sinnlos lang im Kaffee herum.
«Zdena, du kannst über mich denken, was du willst, doch du weißt gut, mir lag schon immer etwas an dir!»
«Wissen tu’ ich’s nicht, sonst wärst du bei der Mutter geblieben.»
«Ach, bitte, sprich mit mir nicht wie ein Backfisch, du hast doch deine eigene Erfahrung hinter dir!»
«Jawohl, daß das Beispiel Schule macht.»
«Willst du damit sagen, er hätte dich meinetwegen sitzenlassen?»
«Nein, das nicht...» sagte sie leise und wirkte plötzlich so alt und erbärmlich, daß es ihm eng ums Herz wurde, «worüber also wolltest du mit mir...»
«Ich habe ein Angebot bekommen...» begann er ganz allgemein undeutlich, weil ihm erstaunlicherweise bis jetzt nicht einfiel, was und wie er ihr mitteilen will und vor allem darf, «ein tolles. Jemand will mich endlich beschäftigen und bezahlen, wie ich es verdiene.»
Sie schaffte es sogar zu lächeln.
«Wie Mutter immer sagte, für Bescheidenheit könntest du nicht bestraft werden.»
«Nur», wehrte er sich, «wenn jemand in diesem rückständigen Land es noch versteht, kompliziertes Laborglas in Spitzenqualität herzustellen, dann bin ich es.»
«Das kann wahr sein», gab sie nach und fügte freundlicher hinzu, «lange habe ich doch gedacht, du wärst ein Alchimist! Und es stimmt ebenfalls», hat sie das sofort mit einem Giftpfeil ausgeglichen, «man hat dich sehr schlecht bezahlt, gemessen an den Alimenten, die du uns geschickt hast.»
«Ich hab’ immer geschickt, war ihr gebraucht habt!«
«Entschuldige, ich möchte dich nicht weiter unterbrechen...»
Er rührte weiter in seinem Kaffee.
«Und deswegen bin ich auch hier. Es war vor allem die Arbeit, die mich euch wegnahm, glaub mir! Die Weiber... waren meine Schwäche, doch habe ich noch immer zurückgefunden, das Glas aber – das ist meine wahre Liebe! Von dem weiß ich zehnmal mehr, als man mich hier zeigen ließ. Nehme ich den Job, werde ich auch darum glücklich sein, weil ich dir und dem kleinen Zuzilein reichlich entgelten kann, was ich euch schuldig blieb, wie du meinst.»
«Aha? Das klingt ganz interessant.»
«Die Sache hat aber einen Haken.»
«Alles hat einen. Mußt du deswegen wieder mal heiraten?»
«Warum sollte ich müssen», fragte er verblüfft.
«Na, wenn dich draußen mal nicht eine reiche Witwe haben möchte, damit du ihre Glashütte übernimmst!»
Nicht zu fassen, daß sie die Witwe erraten hat. Mit dem anderen lag sie leider daneben.
«Es geht jetzt nicht um meine, wie du es gern nennst, Techtelmechtel, sondern um den Job, der in der Tat im Ausland sein soll.»
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