Die Frau, die an seiner Seite nur noch zum Schein lebte, war wieder ins Haus gegangen. Sein Vorstandsmandat neigte sich dem Ende zu. Und dann? Was würde bleiben? Die Suche im Netz nach immer neuen kleinen Gefährten , wie er sie nannte, wurde zunehmend riskanter.
Es war ein Leben wie auf einem Schleudersitz mit gesicherter Landung hinter Gittern. Er kannte den Artikel 189 auswendig: Wer eine Person zur Duldung einer beischlafsähnlichen oder einer anderen sexuellen Handlung nötigt, namentlich indem er sie bedroht, Gewalt anwendet, sie unter psychischen Druck setzt oder zum Widerstand unfähig macht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren oder Geldstrafe bestraft .
Schlimmstenfalls bekäme er eine anschließende lebenslange Verwahrung.
In der Knasthierachie, hatte er gehört, seien pädophile Sexualstraftäter ganz unten. Sie würden von den anderen Insassen gemieden, verachtet, schikaniert, verprügelt und schlimmstenfalls selbst Opfer von Vergewaltigungen. Viele wollen mit Sexualstraftätern nichts zu tun haben, hieß es, besonders nicht mit Kinderschändern. Im leichtesten Fall lehnten sie Arbeitsverhältnisse mit Pädophilen ab und würden sie mobben. Für die Betroffenen blieben dann Tätigkeiten übrig, die keiner machen wollte, wie Putzen oder Aufräumen.
Er schüttelte sich allein bei dem Gedanken. Nach ROSE verhielt er sich vorsichtig, hinterließ keine Spuren, weder im Darknet noch bei den Treffs. Jetzt dieser Brief mit dem USB-Stick. Wie hatten sie seine Adresse gefunden? Möglicherweise waren ihm die ROSE -Ermittler von damals bereits auf den Fersen und suchten nach neuen strafbaren Handlungen. Davon gab es natürlich inzwischen Hunderte.
Herbert spürte, dass er müde wurde. Sollte er sich auf diese schmutzige Erpressung überhaupt einlassen? Wie würde die Forderung lauten? Welche Gegenleistung war von ihm zu erbringen? So gern würde er das Ermittlungsteam des Konzerns aktivieren. Doch für diese Art der persönlichen Erpressung existierte im Krisenhandbuch der Versicherung keine Checkliste.
Dann gab es noch dieses andere Gefühl, das ihn drängte, den Jakobsweg zu pilgern. Es hieß, dass der Weg eine Art Selbstreinigung sei. Sie fand vielleicht bei dem Erleben der Natur statt, an einem Wegekreuz, in Gesprächen mit anderen Pilgern oder mit sich selbst, vor allem aber in den Augenblicken der totalen physischen Erschöpfung. Vielleicht war der Jakobsweg seit Hape Kerkelings Buch Ich bin dann mal weg , längst auf eine Attraktion des Massentourismus reduziert, die man persönlich unbedingt erlebt haben sollte. Kerkeling hatte offensichtlich gefunden, was er suchte. Die Menschen nach ihm, hieß es, suchten jetzt ebenfalls und nahmen den Mainstream von über zweihunderttausend Pilgern pro Jahr allein auf dem Camino Francés in Kauf. Wie sollte man dort zu sich selbst kommen, fragte er sich.
Er war katholisch getauft, aber seinem Gott war er nie begegnet. Vielleicht würde sich Gott tatsächlich am Rande des übervölkerten Jakobswegs zeigen und ihm den Weg weisen, ihn von seinem Übel und seiner Schuld erlösen. Das kleine Kind in ihm wünschte sich nichts sehnlicher als eine Befreiung von seinem anderen Ich.
Er blies den letzten Zug seines Zigarillos aus, ließ den Artikel über sein Porträt ungelesen zurück und rief seinen Fahrer an, der ihn mit der gepanzerten Mercedes-Limousine zu einem renommierten Züricher Outdoor- und Travel-Geschäft chauffierte. Er musste sich von Grund auf neu ausstatten und ließ sich dafür ausführlich beraten. Geringes Gewicht bei maximaler Effizienz war die Devise. Im Mai war mit niedrigen und hohen Temperaturen, mit Schnee und Sonne und vor allem mit Regen zu rechnen. Er kaufte nur das Beste. Regendichter Rucksack, Poncho, Wandersocken, Zip-Wanderhosen, Fleece-Jacke, Sonnenhut, lange Unterwäsche, Hygiene- und Erste-Hilfe-Ausrüstung.
Herbert rechnete mit zehn bis zwölf Etappen nach Burgos. Da er Gemeinschaftsunterkünfte aus hygienischen Gründen, wegen der vielfach geschilderten unangenehmen Geräuschkulisse und auch wegen seines mindestens zweimaligen nächtlichen Toilettenganges verwarf, würde er sich jeweils in einer Pension einbuchen. Selbst dafür hatte er sich einen Schlafsack, einen Kopfkissenbezug und Handtücher aus besonders leichtem High-Tech-Material gekauft. Zusätzlich hatte er sich mit Desinfektionsmittel und Seife eingedeckt, obwohl das durch Covid-19 schwer getroffene Spanien den Herbergen und Restaurants am wiedereröffneten Jakobsweg rigorose Hygienevorgaben auferlegt hatte. Der erste Wandertest mit der neuen Ausrüstung war eine einzige schmerzhafte Erfahrung, besonders bergab.
Voller Sorge saß er tags darauf mit einer MRT-Auswertung beim Orthopäden.
»Sie haben eine fortgeschrittene Arthrose in beiden Knien, mein lieber Herr von Bellheim, dazu links einen lädierten Innenmeniskus und rechts eine akute Patella-Sehnenentzündung«, sagte der. »Kein Wunder, dass Sie Schmerzen haben. Mit Physiotherapie ist da nichts mehr zu machen. Nach der Pilgerwanderung rate ich dringend zu einem operativen Eingriff.«
Er verordnete ihm Knieschoner, Schmerzgel und Salben.
»Gut, dass Sie diesen leichten, knöchelhohen Gore-Tex Wanderschuh gewählt haben. Laufen Sie die neuen Schuhe unbedingt täglich ein. Jeden Tag etwas mehr, abends Fußpflege mit Latschenkieferfett.«
Er sei selbst einmal den Camino Francés durch die Pyrenäen gewandert und wisse seitdem, warum die wahren Pilger von einst einen Pilgerstock und ein Minimum an Gepäck mit sich führten.
»Schleppen Sie nicht mehr als zehn Prozent Ihres Körpergewichtes, also zehn Kilogramm, in Ihrer Verfassung besser maximal sieben Kilogramm.«
»Das sollte möglich sein«, meinte von Bellheim. »Ich plane, nur mein Tagesgepäck zu tragen, das sonstige Gepäck wird extern transportiert.«
Dabei hatte er keine Ahnung, wie die Pilgerwanderung ablaufen würde. Die vermuteten körperlichen Strapazen und noch mehr die vollkommene Ungewissheit über das Ergebnis der Pilgerwanderung machten ihm schon jetzt zu schaffen. Er hasste Projekte, die nicht bis zum Letzten durchdacht waren. Doch in diesem Projekt war er nicht mehr als ein Objekt ohne irgendeine Entscheidungskompetenz. Er würde laufen, sich schinden und martern, aber wohin und wofür?
Der Arzt sah seinen wortkargen Patienten kritisch an, wie der sich mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht die Schuhe zuknöpfte. »Wollen Sie nicht doch noch mit der Pilgerwanderung warten, mein Lieber? Wenn die Seele aus dem Takt ist, helfen auch keine Knie-Bandagen.«
»Keine Sorge, Doktor, mein Jakobsweg schließt die Überwindung von Knieschmerzen ein.«
Der Arzt überreichte ihm zum Abschied Magnesiumtabletten und sah ihm nachdenklich hinterher, als ahnte er, dass die Knieschmerzen seines Patienten dessen geringstes Problem werden würden.
Doch Herbert von Bellheim hatte sich für den Jakobsweg entschieden. Auf dem Weg nach Saint Jean würde er seinem Fahrer sagen, dass man einen Abstecher über Salem mache. Sein Plan war es, mit seinem Sohn Holger noch vor der Jakobsreise zu sprechen. Er fühlte, dass eine Klärung mit seinem Sohn die wichtigste Voraussetzung für eine Selbstreinigung war. Er überlegte Trautmann, den Leiter des Internates, höflichkeitshalber vorab zu informieren, hielt das dann aber für keine gute Idee.
7.
SAINT-JEAN-PIED-DE-PORT
– Camino –
Die internationale Pilgerschar strömte aus dem Bahnhof der französischen Stadt Bayonne. Das nächste Ziel, Saint-Jean-Pied-de-Port, lag eine Stunde Zugfahrt entfernt. BKA-Kriminalhauptkommissar Joe Jaeger, genannt Hunter, blickte missmutig nach oben. Es schüttete wie aus Kübeln. Dabei hatte er sich auf den Anblick der nahen Pyrenäen gefreut. Der Himmel gab einen Vorgeschmack auf das, was ihn erwarten könnte.
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