»Gottfried ist ein altdeutscher Männername. Er steht für Gottes Schutz «, erläuterte er mit einem leichten Anflug von Eitelkeit.
»Dann kann ja nichts passieren, Pilger Gottfried! Und wenn dein Chef dort oben mal Pause macht, stehst du unter dem Schutz vom heiligen Petrus«, brüllte er lachend und füllte wieder nach.
Gottfried Stein sah ihn sorgenvoll an. Er überlegte einen Moment, ob es wirklich eine gute Idee war, Piotr mit auf den Jakobsweg zu nehmen. Aber es gab keine Alternative. Denn bei der Veröffentlichung des Videos hätten sie beide ein Entdeckungsproblem. Piotr war über die Jahre ein Mitwisser geworden, den er eng zu führen wusste. Aber würde er sich in dieser gefährlichen Phase auf ihn verlassen können? Stein hatte das ungute Gefühl, dass er auf dem Jakobsweg die Kontrolle über den Ukrainer verlieren könnte. Nichts hasste er mehr als Kontrollverlust. Deswegen hatte er einen Plan B vorgesehen. Vorerst aber brauchte er seinen Straßenhund noch.
Nachdem Piotr ihn verlassen hatte, beugte sich Zeus über seine Fliegerkarte und suchte einen Flugplatz in der Nähe von Saint-Jean-Pied-de-Port. Er beschloss, mit seinem Flugzeug anzureisen, um sich im Fall des Falles schnell in die Ukraine absetzen zu können.
– Aufbruch –
Iris sah ihn unten im Bootshaus sitzen. Sie ging zu ihm und warf ihm die Zeitung auf den Tisch. Er blickte seine Frau erstaunt an. Ihre Haltung war die personifizierte Verachtung. An diesem Wochenende war sein Porträt in der Zürcher Zeitung erschienen. Sie hatte es nur überflogen: Herbert von Bellheim, der Mann der Woche zum 65. Geburtstag. Vorstand der Helvetia Re-Versicherung, Vorstand im Kirchenrat und nach diversen Missbrauchsfällen in der Schweiz Verwaltungsrat im Überwachungsgremium der Schweizer Internate. Jemand, der in der Tafel mithalf und – es hieß – einer der wenigen Deutschen, der von den Schweizer Nachbarn akzeptiert wurde. Das Foto zeigte das sympathische Gesicht eines graumelierten Herrn vor dessen Bootshaus am Züricher See an seinem Landsitz in Uerikon. Das Profil eines Mannes, der es in jeder Hinsicht geschafft hatte und zudem im Konzern insbesondere wegen seines menschenorientierten Führungsstiles äußerst beliebt war. Alles in allem ein hochgeschätzter Manager in der Schweiz.
Der Bericht widerte sie geradezu an, denn das andere Bild kannte nur sie. Ihr Mann brauchte schon seit Beginn ihrer inzwischen fünfundzwanzigjährigen Ehe kleine Jungs. Sie wusste nicht, wie und wo er sie sich besorgte, aber seine abendlichen Aktivitäten im Internet, die er geradezu dilettantisch zu rechtfertigen versuchte, seine Abwesenheiten, die er als Geschäftsreise deklarierte, oder die Abende, an denen er spät zu Hause erschien, waren zu offensichtlich.
Irgendwann hatte er ihr gestanden, dass er pädophil sei, solange er denken könne. Sie hatte ihm eine Therapie abgerungen, die jedoch am Ende nichts erbrachte. Der Therapeut hatte ihm gesagt, Herbert besitze seit seiner Jugend eine pädosexuelle Präferenz, die sich nach Abschluss der Pubertät nicht mehr grundlegend verändert habe, und dass er es schwer haben werde, seiner Neigung nicht zu folgen. Pädophilie sei kein krankheitsbezogener Entschuldigungsgrund für Kindesmissbrauch, auch wenn das viele glaubten. Er müsse also unbedingt versuchen, sich zu disziplinieren, dabei könne eine neue Therapie helfen. Iris hatte darauf große Hoffnungen gesetzt. Sie wäre bereit gewesen, alles Widerliche zu vergessen, wenn es nur aufhören würde.
Nach der Therapie hatte ihr Mann ihr eröffnet, dass sich seine sexuelle Neigung therapeutisch nicht „abtrainieren“ lasse, aber der Therapeut habe ihm gesagt, wie man das Verlangen nach Kindern durch strikte Vereinbarungen mit sich selbst kontrollieren könne. Das wäre jetzt sein Ziel. Doch Herbert war weiter in seiner schmutzigen Welt unterwegs. Ihr wurde klar, dass ihr Mann den Kampf gegen die Pädophilie aufgegeben hatte.
Iris schützte den damals zwölfjährigen Sohn Holger vor den eindeutigen Versuchen des Vaters, sich ihm sexuell zu nähern, indem sie ihren Sohn auf ein Internat brachte, nicht in die Schweiz, sondern nach Deutschland. Sie hatte lange gezögert, nachdem bekannt geworden war, dass sich in dem Eliteinternat Odenwaldschule mehr als zwei Dutzend Lehrkräfte an über neunhundert Schutzbefohlenen vergriffen hatten. Aber in Deutschland hatte ihr Mann als Verwaltungsrat keinen Zugriff auf Internate. Sie entschied sich für das größte deutsche Eliteinternat, die Schule Schloss Salem. Dem Internatsleiter offenbarte sie, warum Holger eingeschult werde und dass der Vater keine Besuchsrechte in Anspruch nehmen werde. Herbert hatte sich darauf eingelassen. Welche andere Wahl hätte er auch gehabt?
In den ersten Jahren ihrer Ehe hielt sie noch zu ihrem Mann, doch am Ende verachtete sie ihn, weil er sich einfach nicht disziplinieren wollte. Auch empfand sie sein Versagen als persönliche Demütigung und Verrat an ihrem Leben. Sie suchte Wärme, er gab ihr Kälte.
Bei ihrem Liebhaber, einem namhaften Künstler aus der Züricher Musikszene, fand sie seit zwei Jahren Geborgenheit, Ehrlichkeit und Verlässlichkeit. Eigenschaften, die ihr bis dahin fremd geblieben waren. Ihr Mann wusste von der Beziehung und tolerierte sie. Er bat sie nur inständig um absolute Diskretion. Iris hielt sich daran, denn sein Geld und die Reputation als hochangesehene Vorstandsfamilie wollte sie nicht missen. Nachdem die Rahmenbedingungen geklärt waren, führten sie beide in gegenseitiger Missachtung ihr individuelles Leben, wissend, dass der Deal jederzeit zu Ende sein konnte. Sie wusste, dass in Zürich bereits über ihre Affäre geflüstert wurde, und Herberts zweites Leben war für sie alle ohnehin ein Tanz auf dem Vulkan.
»Ich werde in zwei Wochen eine Reise machen, Liebling.«
»Ach ja? Zu welcher Kindergruppe geht es denn dieses Mal?«
Er hatte eine derart bissige Antwort bereits erwartet, trotzdem schnitt ihm ihre Reaktion wie ein Messer durch die Brust, zumal sie sich nicht im Geringsten vorstellen konnte, was vor ihm lag.
»Ich werde auf dem Camino Francés pilgern.«
Sie sah in erstaunt an. »Du, auf dem Jakobsweg?«
»Ja, ich brauche Abstand und Ruhe auf der Suche zu meinem Ich.«
Zu seinem ICH …
Nun war sie doch fassungslos. Sie kannte zwei ICHs bei ihm. Das Gesicht des geachteten Vorstandsvorsitzenden in einer der weltweit größten Rückversicherungen und das eines Pädophilen, der Jungs missbrauchte und sich nicht in den Griff bekam.
Sie blickte auf seinen beträchtlichen Bauch. Die einzige Sportart, die er betrieb, war das Golfen, wobei er zwischen den Abschlägen von einem Golf-Caddy gefahren wurde.
»Du willst pilgern? Du? Warum kannst du nicht ein einziges Mal ehrlich sein?«
Er schwieg. Sie erwartete auch gar keine Antwort.
»Wie lange wird dein Weg zu dir selbst sein?«, legte sie spöttisch nach.
»Ich habe knapp 300 Kilometer vor mir und dafür etwa zwei Wochen eingeplant.«
Kopfschüttelnd ging sie in das Haus zurück.
»Herbert auf dem Weg zu sich selbst? Was glaubt er zu finden, außer wieder einen kleinen Jungen? Oder wollte er tatsächlich sein Leben verändern?«, dachte sie.
Zwei Wochen – die langersehnte Möglichkeit, einmal länger mit ihrer wirklichen Liebe zusammen zu sein.
Herbert von Bellheim zündete sich in seinem Bootshaus einen Zigarillo an und blies langsam den Rauch nach oben.
Hinter dem tiefblauen See erhob sich das schneebedeckte Bergmassiv einem Gemälde gleich. Unweit des windgeschützten Ufers lernten die Kleinen zwischen sieben und zwölf Jahren das Segeln auf Optimisten. Er zählte sie durch, es war problemlos möglich. »Wie eine Entenschar hinter der Gänsemutter«, dachte er. Der nächste Schritt wäre das Regattasegeln, der Grundstein für eine Karriere im Wettfahrtsegeln. Draußen blies offensichtlich ein starker Wind, den die Segelboote nutzten oder gegen den sie ankämpften. Er liebte diese Idylle, von der er allerdings ständig fürchtete, dass sie ihm jederzeit aus den Händen gleiten könne – wie sein gesamtes Leben. Er war höchst angesehen aber auch höchst einsam.
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