Piotr lachte. »Nicht so bescheiden! Wenn die wüssten, was du jetzt machst …«
Stein nickte zustimmend, ging zu der Actionfigur hinüber und legte eine Hand auf deren Stirn. Augenblicklich veränderte sich eine Wand zu einem Screen, der ein Datenverbindungsnetz mit dem Namen LIBERTAS zeigte.
»Dank dir, mein lieber Piotr, habe ich nun meinen Host nicht mehr in Deutschland, sondern in der Ukraine. Dank dir benötige ich hier nur einen einzigen Server. Und trotzdem heiße ich nicht nur Zeus … ich bin es auch«, schob er lächelnd nach. Piotr war kein Computer-Freak, aber von seinen ukrainischen Freunden wusste er, dass Zeus inzwischen als der europäische Geheimtipp für grenzenlose Kinderpornografie und sexuelle Kinderware galt. Man sagte, dass Zeus in Sekundenschnelle IP-Adressen wechseln könne und selbst die seien verschlüsselt. Das gebe einzigartige Sicherheit und schaffe Vertrauen. Auf dem Screen erschienen Abbildungen von polizeilichen Einrichtungen, in der Mitte das BKA in Wiesbaden.
»Wenn du in dieser schnellen Welt bestehen willst, musst du denen immer einen Schritt voraus sein, Piotr. Ich habe eine Datei über polizeiliche Kinderpornografie-Jäger aufgebaut und arbeite dabei mit Wiedererkennungsmerkmalen in der polizeilichen Arbeit. Die jagen uns, ich jage die. Ich habe den Spieß umgedreht. Bisher liefen alle Aktionen von denen gegen meine Firewall.«
Piotr spürte den Stolz seines Chefs. Er bewunderte ihn, weil der dabei nicht abhob, sondern sachlich und emotionslos blieb. Etwas, das er überhaupt nicht konnte.
»Ich zeige dir, wie das funktioniert, Piotr. In der dunkelsten Ecke des Deep Web, im Darknet, werden bekanntlich Auftragsmorde vergeben. Das ist zwar nicht mein Arbeitsfeld, aber die Methode, Morden für Geld, gefällt mir sehr. Das Konzept habe ich übernommen. Wenn mir ein Informant einen polizeilichen Angriff auf LIBERTAS meldet, bekommt er eine Belohnung von zwei Bitcoins, ein schnellverdientes Geld ohne Risiko, nicht wahr, Piotr?«
»Ich fahre lieber Bus, Chef, nichts für mich.«
Stein wusste das. Für diese Art von Ermittlungen war Piotr, der Mann fürs Grobe, ungeeignet. Aber er war der einzige, mit dem er über sein Imperium reden konnte. Piotr wusste wiederum, dass Zeus ihm wahrscheinlich nur einen Bruchteil verraten würde. Sein Chef vertraute nur sich selbst.
Ein neues Bild erschien.
»Hier siehst du meine internationalen Hacker. Sie suchen rund um die Uhr, ob irgendwelche Strafverfolger mit einem Fakebild oder einem Video LIBERTAS angreifen. Und wenn ich jetzt abschalte, ist diese Karte für immer verschwunden und nicht mehr auffindbar. Bei mir gibt es keine Vergangenheit, nur Gegenwart.«
»Hast du trotzdem keine Sorge, dass Spezialkräfte auch bei dir vor der Tür stehen könnten, wie bei Johann in Traben-Trarbach? Kein System ist fehlerfrei.«
Stein sah Piotr ernst an.
»Digital fasst mich keiner. Nur wenige kennen überhaupt einen Zeus . Aber das Wichtigste, mein lieber Piotr, ist, ich weiß erstens, wann man aufhören und zweitens, wie man abtauchen muss. Ich bin ein Chamäleon, das in einem immer wieder neuen Gewand die Beute sucht und findet. Ich bin überall und nirgends zu Hause.«
Piotr wusste, dass das nicht ganz stimmte. Gelegentlich flog Zeus mit seinem privaten Flugzeug aus Hannover in die Ukraine, wo er direkt hinter der polnischen Grenze bei Lwiw ein vornehmes Anwesen besaß, das unter dem Schutz eines Oligarchen stand und in dem seine Lebensgefährtin Anastasia und der gemeinsame kleine Sohn lebten. Und wo wahrscheinlich sein angehäuftes Vermögen als Goldreserve gebunkert war.
Stein berührte wieder die Actionfigur, der Screen verschwand.
Stein setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.
»Und trotzdem, Piotr«, fistelte er. »Trotzdem droht Gefahr, große Gefahr.«
Auf dem TV-Screen erschien das Bild des Internates Maria Hilf .
Piotr ahnte, was jetzt kommen würde. Der Chef hatte also auch so eine Einladung zum Jakobsweg bekommen.
»Wir kennen uns nun schon über zwanzig Jahre, Piotr. Wie oft warst du dort?«
»Vielleicht ein Dutzend Mal.«
Gottfried Stein projizierte das anonym geschickte Video auf den Monitor. Bei acht Sekunden stoppte er das Bild. Die Szene zeigte einen Mann, der aus dem Taxi stieg.
»Das könntest du sein, nicht wahr, Piotr?«
»Ja, aber mehr zu erahnen, mein Gesicht ist nicht gut zu erkennen. Ich weiß, dass ich damals diese Schirmmütze trug.« Der Film zeigte andere Personen, die ohne professionelle Nachbearbeitung ebenfalls nur schwerlich zu identifizieren waren.
»Das hier, das bin ich, aber genauso verdeckt wie du.«
»Dann brauchen wir uns doch keine Sorgen zu machen«, meinte Piotr.
Stein reagierte unbewegt auf die dümmliche Bemerkung. Piotr war nicht gerade der Hellste, hatte aber eine große Bauernschläue. »Ich denke doch, Piotr. Der Briefschreiber hat deine E-Mail-Adresse herausbekommen und auch eine uralte von mir.«
»Wie ist das möglich, Gottfried?«
Das Bild eines Mannes erschien auf dem Monitor.
»Es gibt nur einen Mann, der die Datenbank von damals besaß. Das war Hartmann, Pater Dr. Johannes Hartmann, der Leiter des Internates und Administrator von ROSE . Der oder irgendjemand hat gut recherchiert und will nun etwas von uns.«
»Das macht doch keinen Sinn, Chef! ROSE ist längst verjährt, hast du mir gesagt. Vorsicht, Chef! Vielleicht ist das eine Falle!«
»Richtig, deswegen müssen wir beide dorthin, um herauszubekommen, wer was von uns will, mein lieber Piotr. Oder möchtest du riskieren, dass das Video veröffentlicht wird?« Piotr rieb das Wodkaglas an seinem Kinn. »Ich brauche noch einen.«
Er goss sich das Glas nun selbst voll und schluckte das Getränk in einem Zug herunter.
»Es reicht doch, Chef, wenn einer von uns beiden an diesen verdammten Pilgerort fährt. Du bleibst hier, ich mache den oder die kalt. So eine Wanderung ist nichts für deine zarten Füße.«
Gottfried Stein, alias Zeus, sah ihn lächelnd an.
»Zwei Menschen mit einem gemeinsamen Ziel können viel erreichen, zwei Menschen mit einem gemeinsamen Feind noch viel mehr . Hast du das schon einmal gehört?«
»Nein, Chef, aber es macht Sinn … okay, dann müssen wir uns wohl gegenseitig schützen.«
Er überlegte, runzelte die Stirn und kraulte an seinem dicken Gesicht.
»Vermutlich werden wir nicht die einzigen Pilger sein, richtig?«
Gottfried Stein nickte, erhob sich leicht, beugte sich über den Schreibtisch zu Piotr herüber und fistelte: »Genau das ist das Problem, mein lieber Piotr. Gefahr droht uns beiden von allen Seiten. Deswegen muss dir klar sein: Wir werden getrennt gehen. Wir kennen uns nicht. Hast du verstanden, Piotr? Wir kennen uns nicht!«
Piotr war etwas zurückgewichen.
»Nun gut, Chef, halte ich zwar nicht für notwendig, aber wenn du darauf bestehst …«
»Du wirst mir drei Dinge versprechen, Piotr«, sagte Zeus nun mit einer Stimme, die keinen Widerspruch zuließ. »Erstens kein Alkohol, zweitens keine unvorsichtigen Äußerungen, drittens, keine eigenmächtigen Handlungen! Hast du das verstanden?«
»Tak, tak, ja, ja«, erwiderte Piotr. »Kannst dich auf mich verlassen!«
»Ich hoffe das. Wir beide werden auch nur mit Vornamen auftreten. Du bist Pilger Piotr und ich bin Pilger Gottfried.« Piotr grinste. »Sehr lustig, Pilger Gottfried !«
Er füllte wieder sein Glas bis zum Rand auf, kippte den Wodka herunter und lachte angesichts seiner Eingebung schallend laut:
»Ich bin der perfekte Pilger! Piotr kommt von Peter und Peter von Petrus. Ich bin ein Jünger, Chef!«
Er ging mit leicht glasigen Augen zu Stein hinüber, legt ihm jovial seine Hand auf die Schulter und fragte: »Und du, heiliger Gottfried?«
Der ließ Piotrs fleischige Hand auf seinem feinen Zwirn gewähren.
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